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21.04.2019 RELIGIONSGESCHICHTE

Auf Tuchfuehlung mit dem Erloeser

Reliquien vom Leiden und Sterben Jesu

„Jesus, Sohn des Joseph“ steht in aramäischer Schrift auf einem der Knochengefäße in einem Grab, das 1980 bei Bauarbeiten im Süden Jerusalems zu Tage kam. Auf weiteren Gefäßen finden sich die Namen „Joseph“, „Maria“ und „Matthäus“ sowie „Judas, Sohn des Jesus“, schließlich in griechischer Schrift „Mariamenou Mara“. 2007 verkündete der Filmemacher James Cameron in einem Dokumentarfilm der Welt, hier im heutigen Jerusalemer Vorort Talpiot sei nun das „echte“ Grab von Jesu Familie entdeckt worden – echt im Unterschied zur Grabeskirche, in der seit dem 4. Jahrhundert der Ort von Jesu Kreuzigung und Grablegung vermutet wird. Ganz gleich, ob die Filmemacher selbst sich nun der christlichen Tradition verpflichtet fühlten oder ob sie deren Versatzstücke mit leichter Provokation bloß geschäftstüchtig nutzen wollten, im Gewand seriöser archäologischer Wissenschaft, wie sich versteht – der Film stellte sich in eine Jahrhunderte alte Tradition: das Mysterium „handgreiflich“ fassbar zu machen. > mehr

15.04.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Schmutzige Heilige und liederliche Studenten

Die Alte Pinakothek in Muenchen zeigt die "Utrechter Caravaggisten"

„Um Unannehmlichkeiten oder eklige Tierchen zu vermeiden, untersucht genau die Betten und Laken“, mahnte 1604 der holländische Maler Karel von Mander seine Kollegen, wenn sie nach Rom reisen wollten. „Aber vor allem enthaltet euch der leichtfertigen Frauenzimmer, denn weit über alle eure Sünden hinaus werdet ihr dadurch euer Leben lang ruiniert werden.“ Abraten wollte Mander von der Reise jedoch auf gar keinen Fall. Rom sei „das Haupt der Malerschulen“, vor allem die Werke des jungen Caravaggio müsse man unbedingt gesehen haben: „Was seine Künstlerhand angeht, so ist diese sehr gefällig und eine wunderschöne Manier, der die Malerjugend nachfolgen sollte.“ Manders Aufforderung fiel bei seinen Kollegen auf fruchtbaren Boden. In großer Zahl machten sich junge Maler aus Flandern und den Niederlanden in den folgenden Jahren nach Rom auf. Ihr Ziel war nicht so sehr die Antike oder die Hochrenaissance mit den Meisterwerken eines Raffael und eines Michelangelo, die uns heute als „klassisch“ gelten, sondern die allerneueste zeitgenössische Kunst, eben jener Michelangelo Merisi, nach seinem Herkunftsort in der Lombardei auch „Caravaggio“ genannt. > mehr

10.04.2019 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Ein Staat ohne Eigenschaften?

Zweieinhalb Jahrhunderte Reflexionen ueber Preussen

„Letztlich sind wir alle Preußen“, soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Falls dieser Ausspruch wirklich authentisch ist – Begeisterung schwang darin sicherlich nicht mit. Zu Preußen pflegte Adenauer zeitlebens ein distanziertes Verhältnis.Seine Vorbehalte hatte der Rheinländer wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in einer Rede offen kundgetan: Das alte Preußen mit seinem „kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“ sei „der böse Geist Europas“ gewesen. Vielleicht schade, dass die beiden Osteuropa-Historiker Hans-Jürgen Bömelburg und Andreas Lawaty Adenauers provozierende Rede von 1919 nicht in ihre mehr als 500 Seiten starke Anthologie mit „deutschen Debatten“ zum Thema „Preußen“ aufgenommen haben. Aber ansonsten bietet der Band eine bunte Mischung verschiedenster Texte: von der Lyrik eines Johann Wilhelm Ludwig Gleim im Siebenjährigen Krieg („Ein Held fall‘ ich; noch sterbend droht mein Säbel in der Hand!“) bis zu den Versuchen von DDR-Historikern um 1980, die „progressiven Seiten in der Geschichte Preußens“ als Erbe des „sozialistischen deutschen Staates“ zu retten. > mehr

03.04.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Bartstoppeln, Palaestinensertuch, AKW-Nein-Sonne"

Bekenntnisse in Religion, Rechtswesen und Politik

Es war zwei Wochen nach den Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011. Das Jugendmagazin „Bravo“ legte seiner aktuellen Ausgabe eine „Lachende Sonne“ als Poster bei: „Atomkraft? Nein danke“. „Unsere Leser sind die Generation, die mit den Folgen unserer heutigen politischen Entscheidung pro oder contra Atomkraft leben müssen“, erklärte der Chefredakteur. „Mit dem Poster sprechen wir unseren Lesern aus dem Herzen.“ Die Art, wie „Bravo“ die Herzen seiner Leser in Anspruch nahm, lässt vermuten, dass der Posterbeilage schwierige Diskussionen vorangingen. Zum ersten Mal wurde die politische Zurückhaltung aufgegeben, die das Magazin in 55 Jahren wohlweislich geübt hatte, um seine Leserschaft in keiner Weise zu verschrecken. Offenbar war die Redaktion zu dem Schluss gekommen, schreibt der Soziologe Simon Teune von der Technischen Universität Berlin, nach Fukushima sei das Bekenntnis gegen Kernkraftwerke endgültig im „Mainstream“ angekommen. > mehr

28.03.2019 LITERATURGESCHICHTE

Traeume von einer schoenen neuen Welt

Aus der Geschichte des utopischen Denkens

1966 lernte John Lennon in London die japanische Künstlerin Yoko Ono kennen. Beide hätten gern in New York zusammen gelebt, doch da gab es Schwierigkeiten. Yoko Ono besaß aufgrund ihrer früheren Ehe eine „Green card“ für die USA, Lennon jedoch wurde eine Aufenthaltsgenehmigung auf Dauer verweigert. So proklamierten die beiden am 1. April 1973 auf einer Pressekonferenz einen gedachten Staat, in dem es weder Pässe noch Grenzkontrollen geben würde, „Nutopia“. An der Tür zur Wohnung des Paares im New Yorker Dakota Building wurde eine goldene Plakette angebracht, die den Ort zur „Nutopischen Botschaft“ erklärte. In sein Album „Mind Games“, das er im selben Jahr herausbrachte, nahm Lennon eine Hymne des Staates Nutopia auf: vier Sekunden Stille. „Lasst uns alle in Gedanken die weiße Fahne oder ein Taschentuch schwenken“, schrieb Yoko Ono 2017 zum 27. Jubiläum der Staatsgründung, zum Zeichen, „dass wir alle zusammen und in Frieden leben“. > mehr

22.03.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Die Zwiebel weiss er zu gebrauchen wie wenige"

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue ermordet, der Erfolgsdramatiker der Goethezeit

In den 26 Jahren von 1791 bis 1817, die Goethe als Intendant am Hoftheater in Weimar tätig war, wurden an fast 2.800 Abenden Schauspiele gegeben, also Tragödien oder Komödien oder Possen, an mehr als 1.300 Abenden Opern oder Ballette. Im Musiktheater führten Mozarts Opern die Liste an. Auch im Sprechtheater war es ein einziger Dramatiker, der mit über 600 Vorstellungen, also mehr als einem Fünftel der Abende, das Repertoire dominierte. Nein, es war nicht Goethe selbst. Auch nicht Schiller. Der große Erfolgsdramatiker der Goethezeit hieß August von Kotzebue. Eigentlich mochte Goethe ihn nicht. Mit leicht gequältem Bemühen um Sachlichkeit bescheinigte er ihm einerseits „eine gewisse Nullität“, andererseits „ein vorzügliches, aber schluderhaftes Talent“. Talent wozu? „Die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen.“ Programmdirektoren der Fernsehsender heute würden sagen: die Quote zu heben. > mehr

16.03.2019 - PHILOSOPHIE

Ohne dieses Vergnuegen koennen wir nicht leben

Aus der Kulturgeschichte der Trunkenheit

Im Jahr 1914, der Erste Weltkrieg hatte bereits begonnen, erklärte Zar Nikolaus II. den Verkauf von Wodka in Russland für ungesetzlich. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die Kampfkraft der Armee durch den Alkoholkonsum beeinträchtigt wurde. Andererseits – mit dem Verbot reduzierte der Staat seine Einnahmen um nicht weniger als ein Viertel, und das mitten im Krieg. Womöglich, meint der englische Schriftsteller Mark Forsyth in seiner „Kurzen Geschichte der Trunkenheit“, die jetzt auf deutsch erschienen ist, kam das russische Volk erst in dieser Situation der verordneten Abstinenz zu einem realistischen Einblick in die Mechanismen seines politischen Systems. Jedenfalls war es drei Jahre später mit der Zarenherrschaft vorbei. Forsyth hat einen Abriss zur Entwicklungsgeschichte des „Homo alcoholicus“ vorgelegt, von der Steinzeit bis heute. > mehr

09.03.2019 - PHILOSOPHIE

Kein "Zimmer" mehr fuer sich allein

Das Internet verschiebt die Grenze zwischen Oeffentlichkeit und Privatsphaere

„Das Private ist politisch“, propagierten vor einem halben Jahrhundert Aktivisten der Studenten- und der Frauenbewegung. Sicherlich kalkulierten sie dabei ein, dass sie das konservativ-liberale Bürgertum mit nichts anderem so erfolgreich provozieren konnten wie mit dieser Negation der gewohnten Unterscheidung zwischen einer Sphäre des Politischen und einer Sphäre des Privaten. Liebgewordene Gewohnheiten werden eben gern als eine „zweite Natur“ empfunden. Aber „privates Leben ist keine Naturtatsache“, stellt die Soziologin Marianne Brieskorn-Zinke von der Evangelischen Hochschule Darmstadt in einem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Privatheit“ lapidar fest. „Ständig verändern sich die Zuschreibungen menschlichen Handelns zur Privatsphäre einerseits und zur öffentlichen Sphäre andererseits.“ > mehr

03.03.2019 - GESCHICHTE

"Keine Lichtgestalt und kein Daemon"

Eine neue Napoleon-Biografie

Im Pariser Pantheon findet sich neben vielen anderen „Helden der französischen Nation“ auch der italienische Bischof Giovanni Battista Caprara. Als päpstlicher Legat arbeitete er in der Zeit des Ersten Konsuls Napoleon an der Versöhnung der katholischen Kirche mit der französischen Republik. Und auch in den Vorbereitungen zu Napoleons Kaiserkrönung 1804 nahm er eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Rolle ein. Als christlicher Kaiser hätte Napoleon das Manko gehabt, dass es im Kirchenkalender keinen Heiligen dieses Namens gab. Caprara machte sich auf die Suche und fand wenigstens eine Namensähnlichkeit: Unter Kaiser Diokletian war in Alexandria ein gewisser „Neopolis“ zum Märtyrer geworden. Als Festtag des wiederentdeckten Heiligen wurde der 15. August bestimmt. Es war „zufällig“ der Geburtstag von Napoleon Bonaparte. > mehr

24.02.2019 - BRAUCHTUM

Die Lizenz, einmal ganz anders zu sein

Verkleidung und Verwandlung im Karneval

„Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, sagt eine Figur in der Komödie „Zur schönen Aussicht“ von Ödön von Horváth. „Eigentlich“ wollen wir uns ja immer streng nach unseren moralischen Prinzipien richten, aber die Umstände und unsere Begehrlichkeiten lassen uns nicht, das war das Thema von Horváths Stück 1926. „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay den Gedanken fortgeführt, „es tut mir leid, da kann ich nix dafür, denn mein eigentliches Ich ist im Urlaub“, „das wahre Ich bleibt lieber im Schrank“. „Eigentlich“ wäre mancher von uns statt Angestellter im Büro lieber Cowboy oder Pirat, der Karneval gibt uns die Gelegenheit, solche Träume zur Schau zu tragen, wenigstens für ein paar Stunden. Und unter dem Kostüm sinnieren wir in stillen Augenblicken dann vielleicht, welches eigentlich unser „wahres“ Ich sei, das des Alltags oder das unserer Träume. > mehr

18.02.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Ein Maler, der sich den Maechtigen verweigerte

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt bietet eine neue Sicht auf Leonardo da Vinci

„Seine Verrücktheiten gingen so weit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ Leonardo da Vinci war schon seit drei Jahrzehnten tot, als Giorgio Vasari ihn 1550 mit dieser „Würdigung“ bedachte. Ihm selbst konnte eine solche Beschuldigung also nicht mehr gefährlich werden. Aber die Sätze warfen einen Schatten auch auf Menschen aus seinem Umfeld, die noch lebten: Teilten sie womöglich die „ketzerischen Vorstellungen“ des Meisters? Gut möglich, dass irgendjemand bei Vasaris Brotherrn, dem Herzog der Toskana, mit der Bitte intervenierte, er möge seinen Hofkünstler doch dazu bringen, diese Inkriminierung zurückzunehmen. > mehr

12.02.2019 - ZEITGESCHICHTE

Der muehsame Weg zum Pluralismus

Zeithistorische Forschung und politische Kultur im Deutschland der Nachkriegszeit

„In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit“, schrieb der Historiker Gerhard Ritter 1946 in einem Büchlein unter dem Titel „Geschichte als Bildungsmacht“. Darin lag ein Stück weit auch Selbstkritik. Ritter hatte die Weimarer Republik aus deutsch-nationaler Perspektive heftig kritisiert und stand nun vor der Frage, inwieweit er die Entwicklung hin zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg mit dem Ende des deutschen Nationalstaates womöglich mit zu verantworten hatte. Man könnte erwarten, das konservativ-nationalistische Denken vieler Historiker hätte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bruchlos fortgesetzt. Genau das geschah nicht, zeigt eine Historikern der HU Berlin in ihrer neuen Studie. Viele Historiker machten sich nun durchaus ernsthaft an die Aufgabe, die ihnen der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, aufgab: „Unser herkömmliches Geschichtsbild bedarf jetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden.“ > mehr

04.02.2019 - PHILOSOPHIE

"Wir zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht"

Ueber das "Subjekt der Politik"

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“, soll auf dem „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ stehen, das für den Platz vor dem Berliner Schloss geplant ist. Der erste dieser beiden Sätze griff 1989 eine alte Parole revolutionärer Bewegungen auf - „Wir“ als die große Mehrheit des Volkes gegen despotisch herrschende kleine Gruppen. Der zweite proklamierte in den Monaten danach eine Einheit von zwei Bevölkerungen, die damals staatlich getrennt waren, in einer einzigen Nation – „Deutschland einig Vaterland“, wie es in der Nationalhymne der DDR hieß, die aus ebendiesem Grund seit Jahrzehnten nur noch ohne Text gespielt werden durfte. Was ist das eigentlich, dieses „Wir“?, fragt der Philosoph Tristan Garcia von der Universität Lyon in seinem neuen Essay „Nous“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Immer geht es darum, dass sich ein Individuum mit manchen Anderen enger zusammengehörig fühlt, als mit Dritten. „Wir“ zu sagen, bedeutet, dass man eine Grenze zieht. > mehr

28.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

Ewiger Winter in dicksten Pelzen - und der liberale Traum

Europas Antworten auf die "Kleine Eiszeit"

Große Kulturen, schrieb Mitte des vorigen Jahrhunderts der britische Historiker Arnold Toynbee in seiner monumentalen Studie über den „Gang der Weltgeschichte“, entstehen, indem Gesellschaften durch ihre Umwelt vor große Herausforderungen gestellt werden und schöpferische Lösungen entwickeln. Die Weltgeschichte als ein Spiel von „challenges“ und „responses“, manchmal erfolgreich, oft auch weniger erfolgreich. In dem Buch des österreichischen Historikers Philipp Blom über die Entstehung unserer modernen Welt kommt der Name Toynbee nicht vor. Aber unverkennbar greift Blom auf das Denkschema von challenge und response zurück: War der Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert, der die gesamte Welt so nachhaltig verwandelt hat, vielleicht eine Antwort auf jene Herausforderung, die Klimahistoriker heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnen? > mehr

22.01.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Traeume aus Porzellan, Seide und Lack

Die Chinosierie-Mode in Europa seit dem 17. Jahrhundert

Der Vater, erinnerte sich Goethe viele Jahrzehnte später in „Dichtung und Wahrheit“, „hatte ein schönes, rotlackiertes, goldgeblümtes Musikpult, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Abstufungen, das man zu Quartetten sehr bequem fand“. Offenbar ein Möbel im „chinesischen“ Stil, wie er zu Goethes Jugendzeit in Europa groß in Mode war. Dazu trug vor allem der schottische Architekt William Chambers bei, der im Auftrag der schwedischen Ostindien-Kompanie China bereist hatte und nach seiner Rückkehr mehrere Bücher über Architektur und Kunstgewerbe der Chinesen herausbrachte – und über seine eigenen Bauten, in denen das China seiner Eindrücke zu einer Traumwelt aus Pagoden und Porzellan, Seide und Lack verarbeitet war. „Europas chinesische Träume“, ist das Buch über die „Erfindung Chinas“ überschrieben, das jetzt aus dem Nachlass des 2017 verstorbenen Kunsthistorikers Aachener Kunsthistorikers Hans Holländer erschienen ist. > mehr

16.01.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Das alte Rom aus dem neuen herausklauben"

Herrliche Vergangenheit, klaegliche Gegenwart - das deutsche Bild von Italien und den Italienern

„Noch stäuben die Wege, noch ist der Fremde geprellt, stell‘ er sich auch, wie er will. Deutsche Rechtlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens.“ Es waren recht unfreundliche Worte, die Goethe bei seiner zweiten Italienreise 1790 über Land und Leute fand. Wenige Jahre zuvor, bei seiner ersten Reise, war er noch begeistert gewesen. Kunst und Geschichte faszinierten ihn, auch der italienischen Lebensart konnte er manches abgewinnen. Doch beim Versuch einer Wiederholung gelang es ihm nicht mehr, die unerwünschten Seiten der Alltagsrealität auszublenden. „Übrigens muss ich im Vertrauen gestehen, dass meiner Liebe zu Italien durch diese Reise ein tödlicher Stoß versetzt wird“, schrieb er an Herzog Carl August. Mancherlei schmähende Ausfälle gegen Italien und die Italiener finden sich eben auch bei jenen, die ansonsten als Lobredner des Landes, „wo die Zitronen blühn“, in die Kulturgeschichte eingegangen sind. > mehr

09.01.2019 - OEKONOMIE

Wirtschaft und Ethik - das eine oder das andere

Schwierigkeiten einer Oekonomie mit menschlichem Antlitz

„Sie wollen Wirtschaftsethik studieren?“, lautet ein Satz, der dem österreichischen Satiriker Karl Kraus zugeschrieben wird: „Entscheiden sie sich für das eine oder das andere!“ Die Ökonomie, wollte Kraus sagen, steht ein für allemal unter der Maxime der Gewinnmaximierung, des Egoismus. Wer versucht, sich in seinem wirtschaftlichen Verhalten nach ethischen, potentiell also auch altruistischen, Normen zu richten, muss untergehen. Anscheinend erleben wirtschaftsethische Fragestellung gerade in den letzten Jahrzehnten, zeitlich parallel zum sogenannten „Neoliberalismus“, sogar einen regelrechten Boom. Heute können Studenten das Fach „Wirtschaftsethik“ im deutschen Sprachraum an mehr als einem Dutzend Hochschulen belegen. Der Basler Philosoph Andreas Brenner zitiert in seinem neu erschienenen „Lehr- und Lesebuch“ zur Wirtschaftsethik seinen amerikanischen Kollegen Richard Edward Freeman, der Kraus‘ zynisches Bonmot umkehrte: „Es macht keinen Sinn, über Business zu reden, ohne über Ethik zu reden.“ > mehr

04.01.2019 - VERFASSUNGSGESCHICHTE

Republik ohne republikanischen Grundkonsens

Die Weimarer Reichverfassung und die Diskussion um ihre "Geburtsfehler"

„Bonn ist nicht Weimar“, lautete ein geflügeltes Wort über die junge Bundesrepublik Deutschland. Der Schweizer Journalist Fritz René Allemann prägte es 1956 in einem Buch, in dem er die Unterschiede zwischen den deutschen Demokratien der 1920er und der 1950er Jahre analysierte. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so Allemanns beruhigende Feststellung, hatten die weltanschaulichen Gegensätze, die den Parteienkampf in der Weimarer Republik prägten, bereits viel von ihrer unversöhnlichen Schroffheit verloren. Allemanns Aussage war die Kehrseite der großen Angst, die über der Bundesrepublik schwebte: Konnte diese zweite deutsche Demokratie nicht ebenso scheitern, wie die erste gescheitert war? Als 1948 der Parlamentarische Rat zusammentrat, um ein Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten, war es ein Grundmotiv der Beratungen, dass die „Fehler“ der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 auf keinen Fall wiederholt werden dürften. > mehr

31.12.2018 - BRAUCHTUM

"Dass die Tracht der langen Baerte dieses Jahr nicht Mode werde"

Aus der Kulturgeschichte der Neujahrswuensche

„Und allen edlen Menschen Friede und Freud auf ihrer Bahn! Ich segne sie in meinem Liede, soviel ich segnen kann.“ Einen besonders ungewöhnlichen Wunsch hat sich Matthias Claudius da zu Neujahr 1777 nicht einfallen lassen. Die Verse variieren bloß aus Martin Luthers Bibelübersetzung den Weihnachtsgesang der Engel an die Hirten. In der folgenden Strophe gibt der Sprecher, der „alte lahme Invalide Görgel“, seinem Neujahrswunsch jedoch eine recht makabre Note: „Und fühl in diesem Augenblicke den lahmen Schenkel nicht und steh und schwinge meine Krücke und glühe im Gesicht.“ „Man fängt das Neue Jahr mit Wunsch und Gaben an“, dichtete 1637 Andreas Gryphius. Eine Federzeichnung von Johann Michael Voltz zeigt, wie der Neujahrsmorgen in besseren Kreisen um 1800 ablief. Um einen gesetzten, würdigen Herren, der offenbar gerade bei der Rasur ist, versammeln sich die Gratulanten, vom Prediger bis zu den Musikanten der Stadtgarde, und selbstverständlich muss ihnen ein Trinkgeld aus der bereitgehaltenen Börse gegeben werden. Im Hintergrund sieht man, wie sich weitere Gratulanten durch die geöffnete Tür drängen wollen. > mehr

27.12.2018 - AMERIKANISCHE LITERATUR

"Ich weiss schon, dass das verrueckt ist"

Vor 100 Jahren wurde J. D. Salinger geboren, der Verfasser des Romans "Der Faenger im Roggen"

Als am Abend des 8. Dezember 1980 der 25-jährige Mark David Chapman den Ex-Beatle-Sänger John Lennon erschoss, trug er ein Büchlein bei sich, eine Ausgabe des Romans „Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger. Im Prozess sagte Chapman später, er habe in diesem Buch die „Aufforderung“ gesehen, eine berühmte Persönlichkeit zu töten, um selbst berühmt zu werden. Als sein Schlusswort verlas er eine Passage aus dem Roman: „Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollten – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen.“ Das Unterfangen, Chapmans Leseerfahrung rational rekonstruieren zu wollen, dürfte aussichtslos sein; vielleicht hatten die Ärzte ja Recht, die ihm eine paranoide Psychose bescheinigten. Wie unter solchen Bedingungen Literatur rezipiert, der Intention nach wohl auch in Praxis umgesetzt wird, lässt sich kaum erahnen. Und wenn es dann noch eine Literatur ist, die auch von den „Normalen“ der Generation als das Kultbuch schlechthin verehrt wird … > mehr



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