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20.02.2017 - ZEITGESCHICHTE

Kein Mitleid mit der Mikrobe

Ein französische Zeithistoriker rekonstruiert "Logik" und "Ethik" des Nationalsozialismus

Als der SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf 1946 im Nürnberg Kriegsverbrecherprozess seine Zeugenaussage machte, verbreitete sich unter den Angeklagten und ihren Verteidigern allgemeines Entsetzen. Ohlendorf versuchte gar nicht erst, irgendetwas an den Verbrechen des Nationalsozialismus zu bestreiten, im Gegenteil, er bot dem Gericht eine Menge Details des staatlich organisierten Massenmordes – wohl wissend, dass er damit auch die Grundlage für sein eigenes Verfahren lieferte. Im sogenannten „Einsatzgruppen-Prozess“ 1947/48, wo Ohlendorf selbst Angeklagter war, ließ er seinen Verteidiger darauf plädieren, die Erschießung Unschuldiger in Russland und der Ukraine sei eine Art Putativnotwehr gewesen, eine staatliche Selbstverteidigung gegen den Bolschewismus und „die Juden“. Die innere „Logik“ des Nationalsozialismus, die Einstellung, die dem Handeln seiner Repräsentanten zugrundelag, gehört bis heute zu den eher vernachlässigten Fragestellungen der Zeitgeschichte. > mehr

14.02.2017 - MUSIK

"Ein entschiedener Schlager"

Vor 150 Jahren wurde der Strauss-Walzer "An der schönen blauen Donau" uraufgeführt

„Wiener, seid froh“, sangen die Bassisten des Wiener Männer-Gesangvereins am Abend des 15. Februar 1867 im Saal des Dianabades in der Leopoldstadt. Die Reaktion der Tenöre gab sicherlich treffend wieder, was viele Musikfreunde in der kaiserlichen Residenzstadt an der Donau angesichts dieser Aufforderung empfanden: „Oho, wieso?“ Ja, wieso eigentlich? Im Jahr zuvor hatte das Kaisertum Österreich einen beispiellosen politischen Absturz erlebt. Nach der militärischen Niederlage im „Deutschen Krieg“ gegen Preußen musste die Habsburgermonarchie die Schmach akzeptieren, dass sie in der deutschen Politik fortan keine Rolle mehr spielte. Ein halbes Jahrhundert nach dem Wiener Kongress war Metternichs politisches Konzept, Österreich die Kontrolle sowohl über Deutschland als auch über Italien zu sichern, endgültig gescheitert. Doch am 15. Februar 1867, vor 150 Jahren, erklang zum ersten Mal der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss (Sohn). > mehr

03.02.2017 - KRIEGSSPIELE

Wenn das Kinderzimmer zum Schlachtfeld wird

Aus der Kulturgeschichte der Kriegsspiele

Was sollten sich brave Kinder „zur Belohnung für Fleiß und gute Sitten“ wünschen? Für den Lehrer Zehetbauer in Karl Kraus‘ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ war das keine Frage. Er empfahl das Spiel „Russentod oder Wir spielen Weltkrieg“. Eine böse Erfindung? Keineswegs 1914 war in Wien tatsächlich der Band „Wir spielen Weltkrieg! Ein zeitgemäßes Bilderbuch für unsere Kleinen“ von Ernst Kutzer und Armin Brunner herausgekommen. „Mir ein Gewehr!“, sagt eines der drei Kinder, die als „Helden“ dargestellt sind. „Und dir ein Schwert zur Hand! Klein Schwesterchen – du lass die Fahne fliegen! Caro ist Kriegshund. Auf ins Feindesland! Wir spielen Weltkrieg! Und – wir werden siegen!“ > mehr

30.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

Der "gefühlte" Winter

Erinnerungen und Erwartungen rund um eine Jahreszeit

„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“, sang einst Rudi Carrell. Blickt man auf die Klimaentwicklung der letzten Jahrzehnte, kommt man zu dem Schluss, dass die Frage, wann es mal wieder „richtig“ Winter wird, doch viel näher liegen müsste. Doch selbst, wenn man von der Diskussion um den Klimawandel absieht - jedes Jahr Mitte Dezember geht die Frage groß durch die Presse: Gibt es eine „weiße Weihnacht“, wenigstens dieses Jahr? Auch in Zeiten, als von Erderwärmung noch niemand sprach, war eine weiße Weihnacht eher die Ausnahme als die Regel, vermerkt der Sachbuchautor Bernd Brunner in seinem neuen Buch „Als die Winter noch Winter waren“. Wirklich kalt ist es im Dezember in Mitteleuropa meistens noch gar nicht, das steht in aller Regel erst im Januar an. > mehr

25.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Sitz still, mein Sohn - du musst deine Lektion lernen!"

Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit dem 19. Jahrhundert

2013 war von den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland etwa ein Fünftel über 65 Jahre alt; 2060, schätzte vor zwei Jahren das Statistische Bundesamt, wird es ein Drittel sein. Nun weiß niemand, ob und inwieweit sich diese Zahl durch Zuwanderung vielleicht noch verändert. Aber die kulturellen Folgen dieser Entwicklung sind längst unübersehbar. Noch nie zuvor, stellt die Germanistin Marie Gunreben von der Universität Bamberg in ihrem Buch „Das Alter und die Weisheit“ fest, „haben Altern und Alter für das Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft – das gilt für die deutsche ebenso wie für die anderen westlich-kapitalistischen Nationen – eine so große Rolle gespielt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts.“ Gunreben hat den Wandel der Bilder von Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht. > mehr

19.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

Wenn Regierung auf göttliche Eingebungen wartet

Vor 150 Jahren wurde der Schrifsteller Ludwig Thoma geboren

„Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand.“ Nein, es war nicht, wie oft zu lesen ist, der Journalist Kurt Tucholsky, der diesen etwas unfreundlichen Spruch prägte, es war der Schriftsteller Ludwig Thoma, selbst ausgebildeter Jurist und einige Jahre als Rechtsanwalt tätig. 1916 brachte er eine kleine Erzählung vom königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger heraus. Mit unverhohlener Schadenfreude wird darin geschildert, wie dieser „gute Jurist“ sich durch seinen allzu gründlichen Formalismus selbst hereinlegt. Glücklich scheint Thoma mit seinem Rechtsanwaltsberuf in der Tat nicht geworden zu sein. Die Juristerei lief wohl auch einem Grundzug seines Charakters, seiner Aufmüpfigkeit, zuwider. Es wäre sicherlich verfehlt, wollte man das populärste seiner Werke, die „Lausbubengeschichten“ von 1905, als getreuen autobiographischen Bericht lesen. Aber ein wenig von einem Lausbuben war doch in ihm. > mehr

15.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

"Flower Power" - die Sprache der Blumen

Zwischen Vampirismus und Revolutions- oder Friedenssymbol

„Grimmig in fürchterlicher Stille auf der öden Heide thront der grausame Upas, der Hydrabaum des Todes“, dichtete 1791 Erasmus Darwin, der Großvater des Begründers der Evolutionslehre, in einem umfangreichen Poem über das Leben der Pflanzen. „Sehet! Aus einer einzigen Wurzel wachsen im von ihm vergifteten Boden tausend pflanzliche Schlangen […] Tausend Zungen, durchdrungen von schrecklichem Gift, schießen rasch vibrierend hervor, ergreifen den stolzen Adler, der sich über die Heide erhebt, oder stürzen sich auf den Löwen, der unter der Krone pirscht, oder verstreuen menschliche Skelette über die geweißte Steppe.“ Man möchte glauben, da wäre die Phantasie mit dem Dichter durchgegangen. Aber Erasmus Darwin, der eigentlich Arzt und Botaniker war, durfte annehmen, dass es einen solchen pflanzlichen Vampir wirklich gab. > mehr

10.01.2017 - SOZIALGESCHICHTE

Unterwäsche, Ungeziefer, Kriege und Krankheiten

Aspekte einer Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In einer Stadt im Piemont, erzählt Giacomo Casanova in seinen Memoiren, habe er einmal das Theater besucht. Vor der Vorstellung sei er mit einem der Schauspieler ins Gespräch gekommen und habe geschwärmt, vielleicht werde er gleich Gelegenheit haben, von dessen berühmter Kollegin die Unterhose zu sehen. „Das wäre schwierig“, antwortete der Schauspieler, „sie trägt keine.“ Die Unterhose, stellt der bayerische Autor Manfred Vasold, der vor allem über medizinhistorische Fragen arbeitet, in seinem neuen Buch zur „Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit“ fest, „war vor Beginn des 19. Jahrhunderts ein ziemlich ungewöhnliches Kleidungsstück“. > mehr

06.01.2017 - KUNSTGESCHICHTE

Die Wies und 99 weitere

100 schönste Kirchen in Oberbayern

Der Teufel, „wie jeder andere Preuße“, mache in Bayern gern Urlaub, hat der Münchner Autor Thomas Kernert einmal geschrieben. Und was macht der Teufel dort im Urlaub? Er besichtigt Kirchen, darf man vermuten, zumindest manchmal – dem Zauber der bayerischen Spätbarock- und Rokokokunst wird auch er nicht widerstehen können. Falls sein Urlaub gerade dem südlichsten der sieben bayerischen Regierungsbezirke gilt - vielleicht ist ihm bei der Auswahl seiner Ziele ja der Band behiflich, den den Münchner Kunsthistoriker Wilfried Rogasch jetzt herausgebracht hat: „Die 100 schönsten Kirchen in Oberbayern“. Wie sich versteht, ist die „Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland auf der Wies“ unter den Drei-Sterne-Sehenswürdigkeiten, das einzige Bauwerk in Oberbayern, das zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. > mehr

02.01.2017 - PHILOSOPHIE

"Klarheit über das, was voll und schwer ist"

Von Einparkproblemen bis zum Monopoly-Spiel - wenn der Alltag philosophisch wird

Was ist das eigentlich – eine „Krise“? Das altgriechische Verb „krinein“, belehren uns die Wörterbücher, wurde vor allem in juristischem Zusammenhang gebraucht, im Sinne von „urteilen“, einen Prozess entscheiden. Dahinter stand ursprünglich vielleicht eine sehr handfeste Vorstellung: „scheiden“ als „schneiden“, mit einer scharfen Klinge. Wir sagen ja heute noch, etwas stehe „auf des Messers Schneide“. „Krisengebiete“ hat der Verlag J. B. Metzler den ersten Band seines auf insgesamt vier Bände angelegten „Lexikons des philosophischen Alltags“ überschrieben. Fast 30 kurze Essays, von „Aggression“ bis „Zinsverbot“, von „Gerechter Krieg“ bis zu „Wachstum“. Als Herausgeber fungiert ein gewisser „Dr. B. Reiter“, freier Autor und „Spezialist für philosophische Aufklärung“, wie das Impressum erläutert. „In unserer Zeit mangelt es weniger an wissenschaftlichen Wahrheiten als vielmehr an einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem an schwierigen Problemen und Fallstricken so reichen Alltag“, schreibt Reiter im Vorwort. > mehr

30.12.2016 - KALENDER

Wenn das Neue Jahr um die Erde herum wandert

Verwirrungen um die Datumsgrenze - von Magellan bis Dagobert Duck

Ob es 1873 eigentlich noch keine Kalender gab? Anders wäre kaum zu erklären, dass der Held von Jules Vernes‘ Roman „In 80 Tagen um die Welt“ während der gesamten Eisenbahnfahrt von San Francisco nach New York und dann auch auf der Reise mit dem Schiff nach Liverpool das „richtige“ Datum nicht mitbekommt. Erst in London, als er seine Wette bereits verloren gegeben hat, erfährt Phileas Fogg, dass er seine Reise um die Welt eben doch in den vorgesehenen 80 Tagen absolvieren konnte.Ein literarischer Taschenspielertrick. Indem der Held seine Uhr Tag für Tag kaum merklich dem Sonnenstand anpasst, lässt der Autor auch sein Publikum bis zum Schluss darüber im Unklaren, dass bei der Weltumrundung in Richtung Osten sozusagen ein Tag „eingespart“ wird. Verne konnte darauf setzen, dass bei den allermeisten seiner Leser der Groschen keinen Augenblick zu früh fallen würde. > mehr

27.12.2016 - PHILOSOPHIE

Unempfänglich für die Faszination der Utopien

Vor 2.400 Jahren wurde der Philosoph Aristoteles geboren

Cicero lobte den „goldenen Fluss der Rede“ in seinen Dialogen. Das ist aber auch schon alles, was wir von dem Schriftsteller Aristoteles wissen. Keine Zeile von dem, was er selbst veröffentlichte, ist erhalten geblieben. Bei dem, was wir heute lesen können, dürfte es sich in der Hauptsache um Manuskripte handeln, die er seinen Vorlesungen zugrunde legte. Als Schriftsteller steht der Philosoph Aristoteles, der vor 2.400 Jahren, 384 v. Chr. in Stageira auf der Halbinsel Chalkidiki geboren wurde, im Schatten seines Lehrers Platon. 384 v. Chr. - dann müsste der runde Geburtstag 2016 angefallen sein, möchte man meinen. Doch in unserer Zeitrechnung fehlt ein Jahr „Null“. Das Jubiläum steht also erst 2017 an – was manche nicht davon abgehalten hat, ein bisschen vorzeitig zu feiern. > mehr

23.12.2016 - RELIGIONSGESCHICHTE

Kaiser und König, Volkszählung und Stern am Himmel

Allerlei Versuche, das Geburtsjahr Jesu zu berechnen

Es ist einer der bekanntesten Sätze, die jemals geschrieben wurden, etwa durch Johann Sebastian Bachs „Weihnachtspassion“ klingt er auch jenen im Ohr, die christlichen Traditionen ansonsten entfremdet sind: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet werde ...“ Mit der Nennung des Kaisers wollte der Verfasser des Lukasevangeliums die folgende Geschichte des Jesus von Nazaret fest in der Zeithistorie zu verankern. Sicherlich lag darin auch ein polemischer Unterton gegen die vielen Heroen der griechischen Mythologie, bei denen eine solche Zuordnung nicht möglich war. Der folgende Satz bekräftigt noch einmal, dass Jesu Geburt ein historisches, eben kein mythisches Ereignis war: Es „geschah zu der Zeit, als Quirinius Statthalter in Syrien war.“ > mehr

21.12.2016 - POLITISCHE KULTUR

Mobilisierung durch das Postfaktische

Das schwer fassbare Gespenst des Populismus

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Populismus, möchte man den berühmten Satz aus dem „Kommunistischen Manifest“ abwandeln. Marx und Engels stellten damals fest, die Regierenden ihrer Zeit hätten es sich zur Gewohnheit gemacht, alle Oppositionsparteien als „kommunistisch“ zu verschreien. Heute steht es mit den Schimpfwörtern „Populismus“ und „populistisch“ ähnlich. „Populistisch“ sind immer die anderen, die politischen Gegner, vor allem dann, wenn sie gerade „populär“ sind, eben die Gunst des „Publikums“ genießen. Angeprangert wird vor allem eine Politik ohne Prinzipien, die Vernachlässigung ethischer und programmatischer Grundsätze zugunsten des Erfolgs beim Wähler, der sich – vielleicht – in Machtgewinn umsetzen lässt. > mehr

17.12.2016 - FILM

Kein Walk-of-Fame-Stern für Dagobert

Vor 50 Jahren starb Walt Disney

Der englische Freibeuter Francis Drake soll 1579 an der Pazifikküste Nordamerikas ein Fort gegründet haben. Als die Engländer zwei Jahrhunderte später das Interesse an dem Stützpunkt verloren, überließen sie die kleine Siedlung einem Handlungsreisenden, der sich durch die Verarbeitung von Mais zu Popcorn einen Namen gemacht hatte. 1898 verkaufte sein Enkel den Ort einem Abenteurer, der einer alten, jedoch verarmten schottischen Adelsfamilie entstammte. Der wurde in den folgenden Jahren als Goldsucher in Alaska unendlich reich und nahm in dem Städtchen seinen Wohnsitz. An der Stelle des früheren Forts ließ er sich einen riesigen Gold- und Geldspeicher bauen. Walt-Disney-Fans werden es längst bemerkt haben: Wir sind in „Duckburg“, in den deutschen Übersetzungen heißt die Stadt „Entenhausen“. > mehr

12.12.2016 - ANTHROPOLOGIE

Die Geburt der Moral aus der Großwildjagd

Ein Anthropologe rekonstruiert die Naturgeschichte der menschlichen Kultur

Anscheinend haben Menschen einen angeborenen Sinn für Fairness, für soziale Gleichheit, für gerechte Verteilung. Das zeigt zum Beispiel das bei Verhaltensforschern so beliebte „Ultimatumsspiel“: Der Versuchsperson wird angeboten, dass sie zusammen mit einer anderen Person eine Belohnung erhalten kann. Allerdings soll der andere den Löwenanteil erhalten, vielleicht vier Fünftel. Lehnt die Versuchsperson ab, gibt es für keinen von beiden etwas. In ihrer großen Mehrzahl gehen die Versuchspersonen lieber leer aus, als dass sie eine derart ungleiche Verteilung zulassen würden. Die Forscher haben den Versuch auch bei Schimpansen und Bonobos durchgeführt. Dort ergibt sich ein völlig anderes Bild. So gut wie nie lehnen die Menschenaffen die angebotene Nahrung ab, bloß deshalb, weil der andere mehr erhalten soll. > mehr

06.12.2016 - DEUTSCHE LITERATUR

"Du musst dein Leben ändern"

Die Literatur der Lebensreform um 1900

Äußerlich betrachtet, hatte sich Hermann Hesse im bürgerlichen Leben etabliert. Der Erfolg seines ersten Romans „Peter Camenzind“ erlaubte es ihm, ein Landhaus am Bodensee zu beziehen, sogar einen eigenen Weinkeller konnte er sich anlegen. Doch er fühlte sich unzufrieden, suchte nach einer neuen Orientierung für sein Leben, träumte vom Ausstieg aus einer Zivilisation, die ihm als „dekadent“ erschien, obwohl er ihre Segnungen im Grunde doch sehr zu schätzen wusste. Im Sommer 1907 beschloss er auszubrechen und zog – nein, er floh auf den Monte Verità im Tessin. Dort hatte sich in den Jahren zuvor die europäische „Alternativszene“ angesiedelt. Einige Wochen lebte Hesse zusammen mit dem Künstler Gusto Gräser nackt in einer Hütte, ernährte sich von Wasser und Beeren und meditierte über den Heiligen Schriften des Ostens. > mehr

02.12.2016 - KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT

Sprachverfall durch das Internet?

Kommunmikationswissenschaftler vermuten eher einen allgemeinen Trend zur "Informalisierung"

Letztes Jahr kam eine neue Übersetzung von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ auf den Markt. Der Amerikaner Fred Beneson hatte etwa 800 Mitarbeiter rekrutiert, um eine Fassung zu erstellen, die ausschließlich aus Emojis besteht. Leider zeigten sich die Grenzen dieser neuen, bildlichen Ausdrucksform bereits beim allerersten Satz des Romans: „Call me Ishmael“ - Eigennamen sind im System der Emojis nicht vorgesehen. Ein großangelegter Scherz. „Von einer allgemein verständlichen Weltsprache sind die Bildzeichen weit entfernt“, stellen die Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Christa Dürscheid und Karina Frick von der Universität Zürich in ihrem neuerschienen Buch über die Veränderungen unserer Alltagskommunikation durch das Internet fest. > mehr

29.11.2016 - LITERATURGESCHICHTE

Wenn ein Possenreißer vom idealen Staat erzählt

Vor 500 Jahren erschien die "Utopia" des Thomas More

Wenn da nicht im entscheidenden Moment jemand gehustet hätte … Ja, vielleicht wüssten wir dann, wo sie eigentlich liegt, jene Insel „Utopia“, von der die Menschheit träumt, seit der englische Gelehrte Thomas Morus Ende 1516, vor 500 Jahren, sein berühmtes Buch herausbrachte. In einem der Briefe, die in den Text eingestreut sind, fragt Morus einen Freund, ob er von dem Berichterstatter, dem vielgereisten „Raphael Hythlodeus“, nichts über die Lage der Insel in Erfahrung gebracht habe; er selbst habe leider vergessen, Hythlodeus danach zu fragen. Der Freund – es ist Petrus Aegidius, der Stadtschreiber von Antwerpen, dem Morus das Büchlein zugeeignet hat - muss passen: Als Hythlodeus dazu genauere Angaben machte, habe jemand gehustet, seine Ausführungen seien untergegangen. Das nennt man einen Wink mit dem Zaunpfahl. Die allermeisten von Morus‘ frühen Lesern werden bereits aus dem Namen der Insel erschlossen haben, dass es sich um ein literarisches Spiel handelte: „Utopia“ heißt übersetzt so viel wie „Unort“ oder „Nirgendwo“. > mehr

23.11.2016 - RELIGIONSSOZIOLOGIE

Ganz normale Muslime - und das Misstrauen der Alteingesessenen

Europäischer Islam, zwischen Politik und Alltag

Das Buch sei aus einer Studie über die „ganz normalen Muslime“ hervorgegangen, schreibt die Autorin, die türkische Soziologin Nilüfer Göle, die an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris lehrt, im letzten Absatz. „Feldforschung“ zur „Alltagswirklichkeit“ also: „Mit seinen Berichten taucht das Buch in die Welt der einfachen Leute ein.“ Und dieser Alltag von einigen Millionen Muslimen in Europa ist sicherlich genauso unspektakulär wie der von einigen hundert Millionen Nicht-Muslimen auch. Aber unvermeidlich handelt Göles Buch dann eben doch von den Irritationen, die es da immer wieder gibt. 2004 beschloss das französische Parlament ein Verbot aller religiösen Symbole im Schulunterricht. Selbstverständlich war das Gesetz gegenüber allen Religionen neutral formuliert; doch im Ergebnis, schreibt Göle, diente es dazu, „die Präsenz des Islams in der Öffentlichkeit einzuschränken“. > mehr



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