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24.03.2020 - THEOLOGIEGESCHICHTE

Die Wundertaten des Jesuskindes und die Rueckkehr der Seele in ihre Heimat

Die apokryphen Evangelien im fruehen Christentum

Jesus habe Maria Magdalena mehr geliebt als seine übrigen Jünger, heißt es in einer frühchristlichen Schrift, die 1945 von Bauern bei dem ägyptischen Dorf Nag Hammadi gefunden wurde, „er küsste sie oftmals“. Leider ist der Papyrus am Ende dieses Satzes beschädigt. Die ersten Herausgeber dieses sogenannten „Philippusevangeliums“ haben wie selbstverständlich ergänzt „auf ihren Mund“ und damit eine Welle von Spekulationen losgetreten: Gab es eine Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena? Das Philippusevangelium ist nur eines der vielen „apokryphen Evangelien“, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung entstanden. Der Neutestamentlers Jens Schröter von der Berliner Humboldt-Universität bietet eine Einführung in dieses Kapitel frühchristlicher Literaturgeschichte. > mehr

18.03.2020 - DEUTSCHE LITERATUR

Was zu tun indes und zu sagen, weiss ich nicht

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hoelderlin geboren

„Im Falle, dass die Franzosen glücklich wären, dürfe es vielleicht in unserem Vaterlande Veränderungen geben“, schrieb Friedrich Hölderlin im März 1799 aus dem Bad Homburg in Hessen an seine Mutter im württembergischen Nürtingen. Der Dichter, der heute als einer der größten Lyriker deutscher Sprache gilt, stand gerade vor seinem 29. Geburtstag. Welche Hoffnungen er auf den Vormarsch der französischen Truppen in Richtung Rhein setzte, zeigt das Trauerspiel „Der Tod des Empedokles“, an dem Hölderlin damals schrieb. „Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr“, ließ er seinen Helden zu den Agrigentinern sagen. „Schämet euch, dass ihr noch einen König wollt.“ Wie konkret diese Hoffnungen auf einen revolutionären Umbruch waren, inwieweit Hölderlin in die Pläne für eine „Schwäbische Republik“ eingeweiht war, die damals in Intellektuellenkreisen kursierten – das gehört bis heute zu den großen Rätseln der deutschen Literaturgeschichte. > mehr

12.03.2020 - IDEENGESCHICHTE

Der Mythos von den geborenen Kaufleuten

Geschichte des Antisemitismus - vor und nach dem Holocaust

Es war während des „Frankfurter Häuserkampfs“ in den frühen 1970er Jahren. Im Stadtteil Westend blühte die Grundstücksspekulation. Unter den Kaufleuten, die daran verdienten, waren auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Bei einer der Demonstrationen, erzählt der spätere Professor für Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität und Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Micha Brumlik, ging er neben einem Kommilitonen, der nach der Wiedervereinigung bei der Linkspartei Karriere machte. Der legte Brumlik gönnerisch den Arm um den Hals und sagte: „Ach, weißt du, Micha, du bist doch ganz anders als die anderen Juden.“ Brumlik hat sein neues Buch über die Geschichte des Antisemitismus vor und nach dem Holocaust mit einigen persönlichen Erinnerungen eingeleitet. Fälle von Alltags-Antisemitismus, die sich natürlich nicht mit dem nationalsozialistischen Massenmord in eine Reihe stellen lassen. Und dennoch … > mehr

06.03.2020 - PHILOSOPHIE

Materialismus und Soziologismus - und die Sehnsucht nach dem Bruch

Eine Philosophiegeschichte unserer Gegenwart

Die Philosophie sei „ihre Zeit, in Gedanken erfasst“, sagte einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der „Zeitgeist“ als Stufe in der Entwicklung des Weltgeistes zu seiner Selbstverwirklichung: Hegels Zeitgenosse Goethe scheint da ein Stück weniger zuversichtlich gewesen zu sein. „Was ihr den Geist der Zeiten heißt“, ließ er seinen Faust sagen, „das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Dass das europäische Denken der Neuzeit vom Bemühen um „wissenschaftliche“ Erkenntnis geprägt ist, lässt sich wohl kaum bezweifeln. Und „das wissenschaftliche Weltbild“ unserer Gegenwart „ist materialistisch“, konstatiert der Frankfurter Soziologe Gerhard Preyer im abschließenden 14. Band der „Geschichte der Philosophie“, die in den letzten Jahren im Verlag C. H. Beck herausgekommen ist. > mehr

26.02.2020 - KIRCHENGESCHICHTE

Keine Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung, wenn es um die Wahrheit geht

Vor 150 Jahren tagte das I. Vatikanische Konzil

Der kroatische Bischof Joseph Georg Stroßmayer griff zu einem drastischen Vergleich: „Die römischen Kaiser wurden durch einen servilen Senat zum Gott erhoben. Heute macht sich jemand selbst zum Gott, und wir sollen es unterschreiben.“ Stroßmayers Rede auf dem Ersten Vatikanischen Konzil löste einen Sturm der Entrüstung aus. Von anderen Bischöfen, die für das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, der „Infallibilität“, eintraten, wurde er als „Protestant“ beschimpft. Und natürlich wurde sein Gedanke von der anti-katholischen Publizistik der Zeit gern aufgegriffen. Radikale unter den Befürwortern des Dogmas wiederum versuchten, das Argument ins Positive zu wenden. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes – es ist das, was sich der Mitwelt und Nachwelt vom Ersten Vatikanischen Konzil 1870/71 eingeprägt hat. > mehr

20.02.2020 - BRAUCHTUM

Wo die Vergnuegungen am raffiniertesten sind

Karneval in Venedig

Goethe war in Verlegenheit. Am 28. September 1786 war er in Venedig eingetroffen und wollte sich nun gern einen „tabarro“ anschaffen, einen schwarzen Maskenmantel. „Denn man läuft schon in der Maske“, notierte er in sein Tagebuch. „Schon“ – in Venedig begann der Karneval Anfang Oktober und dauerte zunächst einmal bis zum Advent. Am Dreikönigstag ging das närrische Treiben erneut los, nun feierte man ununterbrochen bis zum Aschermittwoch, wenn um Mitternacht die Totenglocken von San Francesco della Vigna die Fastenzeit einläuteten. Zusätzlich gab es vor Pfingsten, in der Himmelfahrtswoche, noch einen „kleinen“ Karneval. Politisch besaß die Republik des hl. Markus, die einst wesentlichen Anteil daran gehabt hatte, dass Europa nicht von den Türken erobert wurde, im 18. Jahrhundert keine große Bedeutung mehr. Doch die Stadt wusste sich einen Ruf als die große Metropole des Vergnügens zu sichern – oder, wenn man es abwertend sehen wollte, der Ausschweifung. > mehr

14.02.2020 - FILM

Nostalgie nach einem unversehrten Deutschland

Die Themen Judentum und Antisemitismus in Thomas-Mann-Verfilmungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Dass ein Bundespräsident bei einer Film-Uraufführung spricht, kommt nicht alle Tage vor. Als am 16. Dezember 2008 in der Essener „Lichtburg“ Heinrich Breloers „Buddenbrooks“-Film erstmals gezeigt wurde, ließ sich Horst Köhler wohl recht gern bitten. „Für uns Deutsche“, sagte er in seiner Festrede, „ist dieses Buch immer noch wie ein Spiegel unseres Wesens und unserer Kultur - wenn auch aus einer vergangenen Zeit.“ „Wenn wir nur genau hinsehen, können uns auch alte Geschichten etwas über uns selber erzählen.“ Mit Spiegelbildern von uns selbst und von unserer Vergangenheit ist das aber so eine Sache. Einmal davon abgesehen, dass bei dem Versuch, einen Roman zu verfilmen, im besten Fall ein ganz neues Kunstwerk herauskommt, im schlimmsten bloß eine Verhunzung des alten – ganz allgemein wird bei solchen „Spiegeln“ das Bedürfnis übermächtig, im Sinne eigener Selbstliebe zu retuschieren. Der Germanist Yahya Elsaghe von der Universität Bern hat jetzt in einer umfangreichen, ungemein detaillierten Studie die „Aneignung“ von Thomas Manns Erzählwerk durch Kino und Fernsehen im Deutschland der Nachkriegszeit analysiert. > mehr

07.02.2020 - POLITIK

Symbolische Emigration aus einer angeblichen GmbH

Die "Reichsbuerger"- und "Selbstverwalter"-Szene

Was an diesem 22. September 1980 genau geschehen ist, konnte niemals aufgeklärt werden. In West-Berlin wurde seit einigen Tagen die S-Bahn bestreikt, die seit dem Zweiten Weltkrieg auch in den Westsektoren zunächst von der sowjetischen Besatzungsbehörde, dann von der DDR betrieben wurde. Der Betriebsname „Reichsbahn“ hatte die Jahrzehnte unbeschadet überstanden, daran wollte bei dem komplizierten Vier-Mächte-Status der Stadt niemand rühren. Mit dem Streik wehrten sich die Eisenbahner gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen, mit der die DDR das steigende Defizit bekämpfen wollte. Der S-Bahn-Bedienstete Wolfgang Ebel behauptete später, er sei an diesem Tag als Organisator des Streiks von der sowjetischen Militärpolizei entführt und im sowjetischen Sektor durch „SED-Angehörige in Bahnpolizeiuniform“ geschlagen worden. Irgendwie sei es ihm gelungen, in den britischen Sektor zu fliehe. Dort habe ihn die britische Militärbehörde verhört und „dienstverpflichtet“. Fünf Jahre später leitete er aus diesem Gespräch die Legitimation ab, an seinem Häuschen in Berlin-Zehlendorf ein Schild mit der Aufschrift „Kommissarische Reichsregierung“ anzubringen. > mehr

01.02.2020 - IDEENGESCHICHTE

Sanfter Wandel, lautstarke Debatten

Sozial- und Ideengeschichte der Familie im Deutschland des 20. Jahrhunderts

„Es zeigt die Auflösung des Familienbewusstseins an“, klagte 1855 der Historiker Wilhelm Heinrich Riehl in seiner „Naturgeschichte des deutschen Volkes“, „dass es mehr und mehr Sitte wird, die einzelnen Genossen des ‚Hauses‘ in Gruppen abzusondern: Mann und Frau, die Kinder, das Gesinde, die Geschäftsgehilfen etc. bilden in dem vornehmeren Hause je eine Familie für sich. Der alte Gedanke des ‚ganzen Hauses‘ ist damit faktisch aufgehoben.“ Wenn Riehl die weiteren Veränderungen miterlebt hätte, die der Familie und dem Familienbild im Laufe des 20. Jahrhunderts bevorstanden … Der Historiker Christopher Neumaier von der Universität Potsdam hat die Debatten, die in Deutschland vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die 1980er Jahre hierzu geführt wurden, in einer umfangreichen Studie analysiert. > mehr

25.01.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Feuerspeier und Jungfrauenfresser - oder auch ganz nett und friedlich

Der Drache seit den altorientalischen Schoepfungsmythen

Auch große Helden enden manchmal recht unrühmlich. König Ortnit von Lamparten, erzählte um 1250 ein Dichter, der vermutlich in Bayern schrieb, wollte gegen einen Drachen kämpfen. Durch die tage- und nächtelange Suche nach dem Ungeheuer ermüdet, schlief er ein. Als sich der Drache bedrohlich näherte, wollte sein treuer Hund den Helden warnen. Doch der wachte der nicht auf. Der Drache packte den Helden und trug ihn zu seinen Jungen in die Höhle. Da sich die Rüstung unmöglich öffnen ließ, saugten sie ihn aus. Ein „Held“, der zum „Dosenfutter für Jungdrachen“ wurde, fasst die Germanistin Andrea Schindler von der Universität Saarbrücken den Plot zusammen. Da ist der Gedanke schwer abzuweisen, dass der unbekannte Dichter sich über die vielen Drachenkämpfe in der Literatur seiner Zeit ein wenig lustig machen wollte. Nicht ohne allerdings im zweiten Teil der Erzählung die Weltordnung wieder gerade zu rücken. Ein noch größerer Held, Wolfdietrich, rächt Ortnits Tod an dem Untier und darf dann selbstverständlich dessen Nachfolge auf dem Thron antreten. > mehr

19.01.2020 - RELIGIONSGESCHICHTE

Der Gerechte handelt bei dem geringsten Anlass aus dem Glauben

Vor 350 Jahren erschienen Blaise Pascals Pensees

„Pascal“ – Physiker denken bei diesem Namen an eine Einheit zur Druckmessung, Mathematiker an die Geometrie der Kegelschnitte, Astronomen vielleicht an einen Mondkrater, Informatiker an eine Programmiersprache. Anhand von Glücksspielen entwickelte der französische Schriftsteller Blaise Pascal eine Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er erfand eine mechanische Rechenmaschine und gründete zusammen mit einem Freund ein Droschkenunternehmen, das in Paris den Beginn des öffentlichen Nahverkehrs markierte. Heute wäre er jedoch nur noch den Spezialisten jener Disziplinen ein Begriff, wenn es in seinem Leben nicht den 23. November 1654 gegeben hätte. Was ihm widerfuhr, legte er auf einem schmalen Pergamentstreifen nieder, der nach seinem Tod aufgefunden wurde: „Feuer – Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Frieden. Der Gott Jesu Christi […] Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt. […] Ewige Freude für einen Tag der Mühe auf Erden [...].“ > mehr

12.01.2020 - ARCHAEOLOGIE

Auf der Suche nach Herkunft und Heimat

800.000 Jahre Geschichte in Europa

„Die Kelten am Ursprung Europas“ war 1991 eine große Ausstellung in Venedig zur Kunst und Kultur der letzten Jahrhunderte vor und der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt überschrieben. Die Schau rückte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass es eben nicht nur Griechen und Römer waren, sondern auch Völker weiter im Norden des Kontinents, die damals jene Grundlagen schufen, aus denen dann „Europa“ hervorging. Aber hat es, über das rein Geographische hinaus, eigentlich einen Sinn, für diese frühe Zeit von „Europa“ zu sprechen? 1994 startete der Europarat eine Kulturkampagne zur Bronzezeit, in der nun sogar das 2. Jahrtausend v. Chr. als das „erste goldene Zeitalter Europas“ beschworen wurde. Oder sind etwa die mehr als 35.000 Jahre alten Skulpturen aus Mammutelfenbein, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden, die frühesten Zeugnisse „Europas“? Darf man womöglich den Neandertaler vor 100.000 oder 50.000 und den „Homo heidelbergensis“ vor 600.000 Jahren als „frühe Europäer“ bezeichnen? > mehr

08.01.2020 - KULTURGESCHICHTE

Liebe den Schlaf nicht, dass du nicht arm werdest

Der Schlaf in Kulturgeschichte und Kulturvergleich

„Der Schlaf dringt herein“, beschrieb Charles Lindbergh später in seiner Autobiographie, was er empfand, als er 1927 seinen Nonstopflug von New York nach Paris durchführte, mehr als 33 Stunden lang. „Mein Körper protestiert dumpf, dass nichts, nichts, was das Leben bereithält, auch nur annähernd so begehrenswert sei wie der Schlaf.“ „Ich werde meinen Körper zwingen, wachsam zu bleiben.“ Begehrenswert – und gerade deshalb eine Versuchung, die es abzuwehren gilt. Es ist, so wird es Lindbergh gesehen haben, nicht zuletzt das Schlafbedürfnis, das die allermeisten Menschen daran hindert, „Helden“ zu werden. Schlimmer noch: das es ihnen erschwert, ihren alltäglichen Pflichten nachzukommen. Eine Einstellung, die sich bis in die Bibel zurückverfolgen lässt. „Wie lange liegst du, Fauler!“, zitiert die Kulturhistorikerin Karoline Walter in ihrem neuen Buch aus den „Sprüchen Salomos“, „wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ „Ja, schlafe noch ein wenig […], so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber.“ > mehr

31.12.2019 - KULTURGESCHICHTE

Mondphasen und Jahreszeiten, zwei schwer verrechenbare Groessen

Aus der Geschichte des Kalenders

Wer weiß, wenn die alten Römer nicht so viele Kriege geführt hätten, würden wir Neujahr vielleicht am 1. März feiern. An diesem Tag wurde in Rom die Vollversammlung zur Wahl der neuen Konsuln einberufen, die am 15. März ihr Amt antreten sollten. Im Jahr 153 v. Chr. jedoch beschloss der Senat, den Termin um zwei Monate vorzuziehen. Es war abzusehen, dass sich Anfang März ein erheblicher Teil der männlichen Bevölkerung mitsamt den Spitzenpolitikern gerade auf einem Feldzug in Spanien befinden würde, da ließ sich eine Volksversammlung in Rom schwer durchführen. Beim 1. Januar ist es bis heute geblieben, zur Verwirrung von Lateinschülern, wenn sie erfahren, dass der „September“ vom Sinn des Wortes her eigentlich der siebente Monat des Jahres sein müsste und der „Dezember“ der zehnte. Vom Rhythmus der Jahreszeiten her betrachtet, ist dieses Neujahrsdatum ganz willkürlich. Für den Wechsel der Jahreszahl ist in unserem Kalender nur eines von Bedeutung: dass seit dem letzten Neujahr 365 oder 366 Tage vergangen sind. > mehr

26.12.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

Das Alte lieben, fuer das Neue leben

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren

Als er seinen ersten Roman herausbrachte, zählte er fast 50 Jahre, als er „Effi Briest“ und den „Stechlin“ schrieb, die ihm einen Platz in der Weltliteratur eintrugen, war er in seinen 70ern. Theodor Fontane, dessen Geburtstag sich am 30. Dezember zum 200. Male jährt, war der Spätling unter den großen Romanciers der deutschen Literatur. Thomas Mann nannte ihn einen „klassischen Greis“, das Gegenbild zu den „geborenen Jünglingen, die sich früh erfüllen und niemals reifen“. 1849 hatte Fontane sich entschlossen, seinen Apothekerberuf aufzugeben und als freier Schriftsteller zu leben. Es war im Jahr nach der gescheiterten Märzrevolution. Fontane veröffentlichte politische Texte in einer radikal-demokratischen Zeitung und brachte ein Büchlein mit politischer Lyrik heraus, betitelt „Männer und Helden. Acht Preußenlieder“. Es wird diese Bezugnahme auf die preußische Tradition gewesen sein, die es dem Demokraten zwei Jahre später erlaubte, in die Redaktion der konservativen „Kreuz-Zeitung“ einzutreten. > mehr

22.12.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Zwischen Alltagsrealismus und heiliger Entruecktheit

Bilder von der Weihnachtsgeschichte

Der vordere der drei Könige, ein Greis mit wallendem Bart, blickt barhäuptig kniend auf das Kind, das in Windeln gehüllt im Schoß seiner Mutter ruht. In der einen Hand hält er sein Huldigungsgeschenk, in der anderen seine Krone. Mit der erhobenen Rechten erteilt das Jesuskind den Segen. Der zweite König trägt einen Schnurrbart, der dritte ist bartlos. Hinter der sitzenden Maria steht der Ziehvater Joseph. So und nicht anders, beschrieb es im frühen 18. Jahrhundert der griechische Mönch und Maler Dionysios von Phourna im sogenannten „Malerbuch vom Berg Athos“, haben Bilder von der Anbetung des Jesuskindes durch die Könige aus dem Morgenland auszusehen. Erfunden hat Dionysios da nichts, er gab bloß wieder, was sich seit dem frühen Mittelalter als „Kanon“ herausgebildet hatte und in der Ikonenmalerei oft bis heute befolgt wird. > mehr

16.12.2019 - URBANISTIK

Laternen und Toiletten, Kioske und Haltestellen

Mini-Architekturen im Stadtraum

Wenn die Touristen in Paris das Centre Pompidou besuchen, nehmen sie vielleicht beiläufig zur Kenntnis, dass die nördlich angrenzende Straße nach einem gewissen Claude Philibert Barthelot de Rambuteau benannt, der in den 1830er und 1840er Jahren Präfekt des Départements Seine war. Lange vor seinem berühmteren Nachfolger Georges-Eugène Haussmann begann er damit, breite Straßen durch die eng bebaute Pariser Altstadt zu schlagen. Dutzende von Brunnen, Hunderte von Sitzbänken, Tausende von Gaslaternen wurden aufgestellt. Wenig glücklich war er allerdings damit, dass im Pariser Sprachgebrauch sein Name bald eine andere Art von Kleinarchitekturen bezeichnete, mit denen er die Stadt verschönert hatte. „Colonnes Rambuteau“ – das sind öffentliche Pissoirs, „colonnes“ deshalb genannt, weil über den Häuschen Säulen errichtet wurden, auf denen Plakate angebracht werden konnten, Vorläufer also der späteren „Litfaß-Säulen“ in Berlin. > mehr

11.12.2019 - LINGUISTIK

Siehst du des Schutzmanns Hosennaht ...

Sprachen ohne Worte, Schriften ohne Sprache

„Hoiho, hoiho!“, „o sei gegrüßt mir, Licht der Nacht!“ Die „Orestie“ des griechischen Tragödiendichters Aischylos beginnt mit einem Feuerzeichen. Zehn Jahre lang hat der Wächter auf dem Dach der Königsburg in Argos Nacht für Nacht darauf gewartet, dass ihm die Eroberung Trojas durch die Griechen gemeldet wird. Nun erhält er endlich die erlösende Nachricht. Wie genau man sich diese „Post“ vorzustellen hat, ob bloß als Feuerschein, der „Ja!“ bedeuten sollte, oder vielleicht als differenzierte Zeichenfolge, wird in der Dichtung nicht erläutert. Dem Theaterpublikum im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. war der Gedanke, dass militärische Nachrichten mittels Feuer weitergegeben werden können, offenbar sehr vertraut. Ein Vorläufer des Telegraphen und der Email, wenn man so will, und zwar in einer „Sprache“, die ohne Wörter auskommen musste. > mehr

30.11.2019 - WIRTSCHAFT

Preis des Ueberflusses

Eine Geschichte der Wegwerfgesellschaft

Erinnern Sie sich noch? „Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!“, sang 1982 die Gruppe „Geier Sturzflug“, „wir steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu,“ „die Gabentische werden immer bunter, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder.“ Der Song reflektierte das aufkommende Bewusstsein, dass die Konsum- und Überflussgesellschaft, wie sie sich in West-Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte, zugleich eine „Wegwerfgesellschaft“ war. Diesen Begriff prägte 1970 der Publizist Alvin Toffler in seinem Buch „Der Zukunftsschock“. Toffler, erklärt der Technikhistoriker Wolfgang König von der TU Berlin, analysierte die „sich steigernde Vergänglichkeit“ als „das Grundprinzip der Moderne“. König hat eine „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“ seit dem 19. Jahrhundert vorgelegt, vom Kugelschreiber bis zum Einwegrasierer, von der Plastiktragetasche bis zum Kleidungsstück, das einmal modisch war, es aber leider nicht mehr ist und nun „weg“ kann. > mehr

24.11.2019 - GESCHICHTE

Aus dem Lehnstuhl in die weite Welt

Eine Geschichte der Entdeckungsreisen

Wenn um 1410 oder 1420 ein Beobachter vom Mars gefragt worden wäre, von welcher Kultur in den folgenden Jahrhunderten die „Entdeckung“ der Meere und Kontinente auf der Erde ausgehen würde – sicherlich hätte er auf China getippt. 1405 war von Nanjing eine kaiserliche Flotte unter Admiral Zheng He ausgelaufen. Bereits auf ihrer ersten Expedition erreichte sie Indien, später auch den Persischen Golf und die Küste Ostafrikas. Doch die Begeisterung in China für solche Entdeckungsreisen hielt sich in Grenzen. „Die konfuzianischen Hofbeamten hielten das Flottenprojekt für Verschwendung“, berichtet der britische Sachbuchautor und Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching, der vor einigen Jahren mit einem Buch über „Irrtümer und Lügen auf Landkarten“ einen internationalen Erfolg landete, jetzt in seinem neuen Buch zum Thema „Entdeckungsreisen“. „Die riesigen Schiffe waren einfach zu teuer und brachten wenig Ertrag.“ > mehr



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