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12.01.2020 - ARCHAEOLOGIE

Auf der Suche nach Herkunft und Heimat

800.000 Jahre Geschichte in Europa

„Die Kelten am Ursprung Europas“ war 1991 eine große Ausstellung in Venedig zur Kunst und Kultur der letzten Jahrhunderte vor und der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt überschrieben. Die Schau rückte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass es eben nicht nur Griechen und Römer waren, sondern auch Völker weiter im Norden des Kontinents, die damals jene Grundlagen schufen, aus denen dann „Europa“ hervorging. Aber hat es, über das rein Geographische hinaus, eigentlich einen Sinn, für diese frühe Zeit von „Europa“ zu sprechen? 1994 startete der Europarat eine Kulturkampagne zur Bronzezeit, in der nun sogar das 2. Jahrtausend v. Chr. als das „erste goldene Zeitalter Europas“ beschworen wurde. Oder sind etwa die mehr als 35.000 Jahre alten Skulpturen aus Mammutelfenbein, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden, die frühesten Zeugnisse „Europas“? Darf man womöglich den Neandertaler vor 100.000 oder 50.000 und den „Homo heidelbergensis“ vor 600.000 Jahren als „frühe Europäer“ bezeichnen? > mehr

08.01.2020 - KULTURGESCHICHTE

Liebe den Schlaf nicht, dass du nicht arm werdest

Der Schlaf in Kulturgeschichte und Kulturvergleich

„Der Schlaf dringt herein“, beschrieb Charles Lindbergh später in seiner Autobiographie, was er empfand, als er 1927 seinen Nonstopflug von New York nach Paris durchführte, mehr als 33 Stunden lang. „Mein Körper protestiert dumpf, dass nichts, nichts, was das Leben bereithält, auch nur annähernd so begehrenswert sei wie der Schlaf.“ „Ich werde meinen Körper zwingen, wachsam zu bleiben.“ Begehrenswert – und gerade deshalb eine Versuchung, die es abzuwehren gilt. Es ist, so wird es Lindbergh gesehen haben, nicht zuletzt das Schlafbedürfnis, das die allermeisten Menschen daran hindert, „Helden“ zu werden. Schlimmer noch: das es ihnen erschwert, ihren alltäglichen Pflichten nachzukommen. Eine Einstellung, die sich bis in die Bibel zurückverfolgen lässt. „Wie lange liegst du, Fauler!“, zitiert die Kulturhistorikerin Karoline Walter in ihrem neuen Buch aus den „Sprüchen Salomos“, „wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ „Ja, schlafe noch ein wenig […], so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber.“ > mehr

31.12.2019 - KULTURGESCHICHTE

Mondphasen und Jahreszeiten, zwei schwer verrechenbare Groessen

Aus der Geschichte des Kalenders

Wer weiß, wenn die alten Römer nicht so viele Kriege geführt hätten, würden wir Neujahr vielleicht am 1. März feiern. An diesem Tag wurde in Rom die Vollversammlung zur Wahl der neuen Konsuln einberufen, die am 15. März ihr Amt antreten sollten. Im Jahr 153 v. Chr. jedoch beschloss der Senat, den Termin um zwei Monate vorzuziehen. Es war abzusehen, dass sich Anfang März ein erheblicher Teil der männlichen Bevölkerung mitsamt den Spitzenpolitikern gerade auf einem Feldzug in Spanien befinden würde, da ließ sich eine Volksversammlung in Rom schwer durchführen. Beim 1. Januar ist es bis heute geblieben, zur Verwirrung von Lateinschülern, wenn sie erfahren, dass der „September“ vom Sinn des Wortes her eigentlich der siebente Monat des Jahres sein müsste und der „Dezember“ der zehnte. Vom Rhythmus der Jahreszeiten her betrachtet, ist dieses Neujahrsdatum ganz willkürlich. Für den Wechsel der Jahreszahl ist in unserem Kalender nur eines von Bedeutung: dass seit dem letzten Neujahr 365 oder 366 Tage vergangen sind. > mehr

26.12.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

Das Alte lieben, fuer das Neue leben

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren

Als er seinen ersten Roman herausbrachte, zählte er fast 50 Jahre, als er „Effi Briest“ und den „Stechlin“ schrieb, die ihm einen Platz in der Weltliteratur eintrugen, war er in seinen 70ern. Theodor Fontane, dessen Geburtstag sich am 30. Dezember zum 200. Male jährt, war der Spätling unter den großen Romanciers der deutschen Literatur. Thomas Mann nannte ihn einen „klassischen Greis“, das Gegenbild zu den „geborenen Jünglingen, die sich früh erfüllen und niemals reifen“. 1849 hatte Fontane sich entschlossen, seinen Apothekerberuf aufzugeben und als freier Schriftsteller zu leben. Es war im Jahr nach der gescheiterten Märzrevolution. Fontane veröffentlichte politische Texte in einer radikal-demokratischen Zeitung und brachte ein Büchlein mit politischer Lyrik heraus, betitelt „Männer und Helden. Acht Preußenlieder“. Es wird diese Bezugnahme auf die preußische Tradition gewesen sein, die es dem Demokraten zwei Jahre später erlaubte, in die Redaktion der konservativen „Kreuz-Zeitung“ einzutreten. > mehr

22.12.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Zwischen Alltagsrealismus und heiliger Entruecktheit

Bilder von der Weihnachtsgeschichte

Der vordere der drei Könige, ein Greis mit wallendem Bart, blickt barhäuptig kniend auf das Kind, das in Windeln gehüllt im Schoß seiner Mutter ruht. In der einen Hand hält er sein Huldigungsgeschenk, in der anderen seine Krone. Mit der erhobenen Rechten erteilt das Jesuskind den Segen. Der zweite König trägt einen Schnurrbart, der dritte ist bartlos. Hinter der sitzenden Maria steht der Ziehvater Joseph. So und nicht anders, beschrieb es im frühen 18. Jahrhundert der griechische Mönch und Maler Dionysios von Phourna im sogenannten „Malerbuch vom Berg Athos“, haben Bilder von der Anbetung des Jesuskindes durch die Könige aus dem Morgenland auszusehen. Erfunden hat Dionysios da nichts, er gab bloß wieder, was sich seit dem frühen Mittelalter als „Kanon“ herausgebildet hatte und in der Ikonenmalerei oft bis heute befolgt wird. > mehr

16.12.2019 - URBANISTIK

Laternen und Toiletten, Kioske und Haltestellen

Mini-Architekturen im Stadtraum

Wenn die Touristen in Paris das Centre Pompidou besuchen, nehmen sie vielleicht beiläufig zur Kenntnis, dass die nördlich angrenzende Straße nach einem gewissen Claude Philibert Barthelot de Rambuteau benannt, der in den 1830er und 1840er Jahren Präfekt des Départements Seine war. Lange vor seinem berühmteren Nachfolger Georges-Eugène Haussmann begann er damit, breite Straßen durch die eng bebaute Pariser Altstadt zu schlagen. Dutzende von Brunnen, Hunderte von Sitzbänken, Tausende von Gaslaternen wurden aufgestellt. Wenig glücklich war er allerdings damit, dass im Pariser Sprachgebrauch sein Name bald eine andere Art von Kleinarchitekturen bezeichnete, mit denen er die Stadt verschönert hatte. „Colonnes Rambuteau“ – das sind öffentliche Pissoirs, „colonnes“ deshalb genannt, weil über den Häuschen Säulen errichtet wurden, auf denen Plakate angebracht werden konnten, Vorläufer also der späteren „Litfaß-Säulen“ in Berlin. > mehr

11.12.2019 - LINGUISTIK

Siehst du des Schutzmanns Hosennaht ...

Sprachen ohne Worte, Schriften ohne Sprache

„Hoiho, hoiho!“, „o sei gegrüßt mir, Licht der Nacht!“ Die „Orestie“ des griechischen Tragödiendichters Aischylos beginnt mit einem Feuerzeichen. Zehn Jahre lang hat der Wächter auf dem Dach der Königsburg in Argos Nacht für Nacht darauf gewartet, dass ihm die Eroberung Trojas durch die Griechen gemeldet wird. Nun erhält er endlich die erlösende Nachricht. Wie genau man sich diese „Post“ vorzustellen hat, ob bloß als Feuerschein, der „Ja!“ bedeuten sollte, oder vielleicht als differenzierte Zeichenfolge, wird in der Dichtung nicht erläutert. Dem Theaterpublikum im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. war der Gedanke, dass militärische Nachrichten mittels Feuer weitergegeben werden können, offenbar sehr vertraut. Ein Vorläufer des Telegraphen und der Email, wenn man so will, und zwar in einer „Sprache“, die ohne Wörter auskommen musste. > mehr

30.11.2019 - WIRTSCHAFT

Preis des Ueberflusses

Eine Geschichte der Wegwerfgesellschaft

Erinnern Sie sich noch? „Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!“, sang 1982 die Gruppe „Geier Sturzflug“, „wir steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu,“ „die Gabentische werden immer bunter, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder.“ Der Song reflektierte das aufkommende Bewusstsein, dass die Konsum- und Überflussgesellschaft, wie sie sich in West-Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte, zugleich eine „Wegwerfgesellschaft“ war. Diesen Begriff prägte 1970 der Publizist Alvin Toffler in seinem Buch „Der Zukunftsschock“. Toffler, erklärt der Technikhistoriker Wolfgang König von der TU Berlin, analysierte die „sich steigernde Vergänglichkeit“ als „das Grundprinzip der Moderne“. König hat eine „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“ seit dem 19. Jahrhundert vorgelegt, vom Kugelschreiber bis zum Einwegrasierer, von der Plastiktragetasche bis zum Kleidungsstück, das einmal modisch war, es aber leider nicht mehr ist und nun „weg“ kann. > mehr

24.11.2019 - GESCHICHTE

Aus dem Lehnstuhl in die weite Welt

Eine Geschichte der Entdeckungsreisen

Wenn um 1410 oder 1420 ein Beobachter vom Mars gefragt worden wäre, von welcher Kultur in den folgenden Jahrhunderten die „Entdeckung“ der Meere und Kontinente auf der Erde ausgehen würde – sicherlich hätte er auf China getippt. 1405 war von Nanjing eine kaiserliche Flotte unter Admiral Zheng He ausgelaufen. Bereits auf ihrer ersten Expedition erreichte sie Indien, später auch den Persischen Golf und die Küste Ostafrikas. Doch die Begeisterung in China für solche Entdeckungsreisen hielt sich in Grenzen. „Die konfuzianischen Hofbeamten hielten das Flottenprojekt für Verschwendung“, berichtet der britische Sachbuchautor und Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching, der vor einigen Jahren mit einem Buch über „Irrtümer und Lügen auf Landkarten“ einen internationalen Erfolg landete, jetzt in seinem neuen Buch zum Thema „Entdeckungsreisen“. „Die riesigen Schiffe waren einfach zu teuer und brachten wenig Ertrag.“ > mehr

18.11.2018 - IDEENGESCHICHTE

Region des Unheils, Wiege der Voelker, touristisches Sehnsuchtsziel

Eine Kulturgeschichte des Mythos vom Norden

Das Nordlicht, die „Aura borealis“, sollen die alten Germanen geglaubt haben, sei der Glanz auf den Rüstungen der Walküren, die nach einer Schlacht die gefallenen großen Helden nach Walhall führen würden. „Blutige Wolken wandeln über den Himmel“, heißt es noch in der isländischen „Njalssaga“ aus dem 13. Jahrhundert. „Die Luft ist rot, von Blut getränkt, so schön konnten die Walküren singen.“ Das Nordlicht – eines der Elemente, die den Mythos vom Norden begründeten. Irgendwann in den 1630er Jahren entstand das Schlagwort „Ex septentrione lux“, „aus dem Norden kommt das Licht“. Es war eine Variation des uralten „Ex oriente lux“, das den Sonnenaufgang meinte, und zunächst wohl als Paradox gemeint: Ausgerechnet aus dem Norden kam mit König Gustav Adolf von Schweden die Heilsgestalt, die mit ihrem Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg den deutschen Protestantismus rettete. > mehr

12.11.2019 - KULTURGESCHICHTE

Was ist noch schlank - was schon mager?

Aus der Kulturgeschichte der Personenwaage

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern: Noch in den 1970er Jahren standen in allen größeren Bahnhöfen Personenwaagen. Stellte man sich darauf und gab ein paar Groschen ein, warfen sie Kärtchen aus, auf denen das aktuelle Gewicht vermerkt war. Aufschriften wie „Prüfe Dein Gewicht!“ mahnten die Reisenden, über ihren Geschäften oder den anstehenden Urlaubsvergnügungen die Gesundheit und die schlanke Linie nicht zu vergessen – der zunehmende Wohlstand hatte eben auch eine Fresswelle mit sich gebracht. Seit etwa 1980 sind sie nach und nach aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Inzwischen hatten die meisten Wohnungen ein Badezimmer, zu dem selbstverständlich auch eine kleine Personenwaage gehörte, nun mit Tabelle statt mit Kartenauswurf. Es gab die Personenwaage, berichtet die Soziologin Debora Frommeld, sogar zusammenklappbar – auch unterwegs sollte niemand auf den Komfort, sein Gewicht prüfen zu können, verzichten. > mehr

06.11.2019 - THEOLOGIE

Von der Kultreligion zur Buchreligion - oder zu zwei Buchreligionen

Eine Entstehungsgeschichte der Bibel

Im achtzehnten Jahr seiner Regierung, der biblischen Chronologie zufolge also 623 oder 622 v. Chr., berichtet das 2. Buch der Könige, ließ König Joschija am Tempel in Jerusalem Ausbesserungsarbeiten vornehmen. Der Hohepriester Hilkija teilte ihm dann mit, im „Haus des Herrn“ sei „das Gesetzbuch“ gefunden worden. Als es dem König vorgelesen wurde, zerriss der seine Kleider und klagte laut: „Der Zorn des Herrn muss heftig gegen uns entbrannt sein, weil unsere Väter auf die Worte dieses Buches nicht gehört haben.“ Mit dem „Gesetzbuch“ meinte der Erzähler offenbar einen Kern dessen, was im Judentum heute „Thora“ heißt und im Christentum als die „Fünf Bücher Moses“ bezeichnet wird. Der Alttestamentler Konrad Schmid von der Universität Zürich und der Neutestamentler Jens Schröter von der Berliner Humboldt-Universität haben die verschlungene Geschichte nachgezeichnet, in denen die Texte des Alten und des Neuen Testament entstanden. > mehr

30.10.2019 - KULTURGESCHICHTE

In einem Wald von Smartphones

Selfies und Bildproteste in der modernen Populaerkultur

Der Leser meint einen Hauch von Wehmut zu verspüren. „Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft“, sagte Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor beinahe zwei Jahrhunderten in seinen „Vorlesungen zur Ästhetik“. Unsere Vorstellung sei „von dem sinnlichen Elemente abgerufen und auf die Innerlichkeit des Gemüts und Denkens zurückgeführt“. Hegel liebte die Plastik der alten Griechen, die Malerei der Italiener und der Niederländer. Doch die Logik seines Denkens nötigte ihn, die sinnlich wahrnehmbare Kunst als eine untergeordnete, in der modernen Welt im Grunde bereits vergangene Stufe der Entwicklung des Geistes zu begreifen. Wenn er geahnt hätte, dass gerade in jenen 1820er Jahren, während er an der Berliner Universität seine Vorlesungen abhielt, der Franzose Joseph Nicéphore Niépce die Grundlagen der Fotografie entwickelte … > mehr

24.10.2019 - THEOLOGIE

Um desto mehr dem Aufbluehen der Wissenschaften nuetzlich zu sein

Vor 550 Jahren wurde Erasmus von Rotterdam geboren

Ende des Jahres 1516 erhielt der Theologe und Philologe Erasmus von Rotterdam einen Brief von Georg Spalatin, dem Hofkaplan des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Wenige Monate zuvor war von Erasmus eine kritische Edition des griechischen Urtextes zum Neuen Testament herausgekommen, begleitet von einer eigenen Übersetzung ins Lateinische. Spalatin sprach den berühmten Humanisten mit der gebührenden Ehrerbietung an: „Wir alle verehren Dich aufs Tiefste, der Kurfürst hat alle Deine Werke in seiner Bibliothek, und er beabsichtigt, alles zu kaufen, was Du noch herausgibst.“ Auf diese Huldigung folgte eine ganz vorsichtige Kritik. Ein Augustinermönch, ebenfalls ein großer Bewunderer des Erasmus, Spalatin nannte keinen Namen, habe ihn gebeten, diesem eine Frage vorzulegen. Der Begriff der Rechtfertigung vor Gott sei in Erasmus‘ Erklärung der Paulusbriefe nicht ganz klar geworden – vielleicht deshalb, weil die Lehre von der Erbsünde darin nicht genügend herausgestellt wurde? > mehr

17.10.2019 - POLITISCHE THEORIE

Gleich einem reissenden Fluss, der sich keiner Ordnung unterwerfen kann

Radikale Demokratietheorien seit Macchiavelli

„Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind“, schrieb der Basler Historiker Jacob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“. In zwei Schweizer Kantonen, Appenzell-Innerrhoden und Glarus, wird heute noch die Gesetzgebung unmittelbar vom Stimmvolk in der sogenannten „Landsgemeinde“ ausgeübt; die Parlamente haben bloß beratende und vorbereitende Aufgaben. In den übrigen Kantonen und auf Bundesebene werden kontroverse Fragen immer wieder in einer Volksabstimmung entschieden. Ist nur die „direkte“ Demokratie im eigentlichen Sinn eine „Demokratie“, eine „Herrschaft des Demos“, des „Volkes“? Der „emanzipatorische und egalitäre Kern der Demokratie“ werde „in den institutionalisierten Formen der Demokratie regelmäßig verfehlt“, schreiben die Herausgeber des neu erschienen Handbuchs zum Thema „Radikale Demokratietheorie“ gleich in der Einleitung. > mehr

10.10.2019 - RECHT

Wertentscheidung oder Leeerformel?

Die Menschenwuerde im Streit um die Bioethik

Mit ihrem „Framing-Manual“, in welchem sie der ARD empfahl, sich der Öffentlichkeit in Zukunft unter Sprachformeln wie „unser gemeinsamer freier Rundfunk“ zu präsentieren, rief die Linguistin Elisabeth Wehling zwar viel Kopfschütteln hervor, erwarb sich aber auch ein Verdienst: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde darauf gelenkt, dass es nicht erst ganze Sätze sind, die unser Denken prägen. Bereits einzelne Wörter und Begriffe sind geeignet, uns in bestimmte Richtungen zu lenken: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein ‚Frame‘ aktiviert.“ An sich keine neue Erkenntnis, nur dass wir uns eben selten die Zeit nehmen, unser Denken sozusagen von außen zu beobachten. Die Mainzer Kulturwissenschaftlerin Theresia Theuke zeigt in ihrer Dissertation zum Begriff der „Menschenwürde“, die an der Universität Mainz erstellt wurde, dass die Debatte über das Thema Abtreibung, wie sie seit den 1960er Jahren in Deutschland geführt wurde, von solchen „Frames“ geprägt war. > mehr

03.10.2019 - MALEREI

Als die Kunst sich von gesellschaftlichen Zwecken frei machte

Vor 350 Jahren starb Rembrandt van Rijn

Glücklich die Gemäldegalerie, die ihren Besuchern einen „Rembrandt“ präsentieren kann! Möchte man jedenfalls meinen. Seit 1968 bereiteten die Bilder des holländischen Malers den Museumsdirektoren oft genug Schweißausbrüche. Immer wieder kam das „Rembrandt Research Project“ in Amsterdam zu dem Schluss, dieses oder jenes dem Meister zugeschriebene Werk sei in Wirklichkeit von einem Schüler oder Angestellten in seiner Werkstatt gemalt. Oder von einem Nachahmer, der Rembrandts Stil imitierte. Zum Beispiel von jenem bislang unbekannten Maler, der um 1650 oder 1655 den „Mann mit dem Goldhelm“ schuf, den weltberühmten „Ex-Rembrandt“ in der Berliner Gemäldegalerie. Er muss vom Stil seines Vorbilds derart fasziniert gewesen sein, dass er dessen Kunstgriffe nicht nur imitierte, sondern noch steigerte, vor allem den dicken, beinahe reliefartigen Auftrag der Farben. Er ist es vor allem, der dem Bild seinen geheimnisvollen Glanz verleiht, den Eindruck, dass in der sinnlichen Oberfläche etwas Hintergründiges durchscheint. > mehr

27.09.2019 - WIRTSCHAFT

Ein ganz besonderes Metall

Zur Weltgeschichte des Goldes

1324 brach der König von Mali, Musa Keita I., von Timbuktu aus zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Angeblich hatte er 60.000 Menschen in seinem Gefolge, jeder von ihnen soll Goldbarren von 1,8 Kilogramm Gewicht getragen haben. 80 Kamele, die jeweils mit 150 Kilogramm Gold beladen waren, wurden mitgeführt. Unterwegs verteilte Musa freigebig Almosen, so reichlich, dass in Ägypten der Goldpreis abstürzte. Die Folgen bekam der König auf der Rückreise selbst zu spüren: Mit dem Gold, das er noch übrig hatte, konnte er kaum die Reisekosten decken und musste bei Kaufleuten in Kairo Kredit aufnehmen. Die Zahlen werden übertrieben sein. Dass sich die ägyptische Währung noch zehn Jahre später von dem Überfluss an Edelmetall nicht erholt hatte, ist jedoch belegt. König Musa, meint der Tübinger Historiker Bernd-Stefan Grewe in seiner „Weltgeschichte des Goldes“, war vermutlich „der einzige Mensch, der jemals für sich allein den Goldpreis in weiten Teilen der bekannten Welt bestimmte“. > mehr

21.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Die Grenzen einer Friedensmacht zu vergroessern

Acht Jahrzehnte nach der Aufteilung Osteuropas zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion

„Die herrschenden Kreise haben Bankrott gemacht“, erklärte der sowjetische Außenminister Molotow am 17. September 1939 im Rundfunk. „Die Ereignisse, die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufen wurden, haben die innere Haltlosigkeit des polnischen Staates bewiesen.“ Der „polnisch-deutsche Krieg“ - damit war der deutsche Überfall auf Polen gemeint, für den die Sowjetunion mit dem Nichtangriffspakt vom 24. August dem Deutschen Reich Rückendeckung gegeben hatte. Die Sowjetregierung habe „dem Oberkommando der Roten Armee die Verfügung erteilt“, „die Grenze zu überschreiten und das Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westweißrusslands unter ihren Schutz zu nehmen.“ Mehr als zwei Wochen lang hatte die Sowjetunion nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September damit gewartet, die ihr im „Pakt“ zugesprochenen ostpolnischen Gebiete zu besetzen. > mehr

14.09.2019 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein Aristoteles der Moderne

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren

Einen „Brunnen mit vielen Röhren“ nannte ihn Goethe, „wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt“. Alexander von Humboldt, der am 14. September 1769, vor 250 Jahren, in Berlin geboren wurde, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie. Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als „Aristoteles unseres Zeitalters“ würdigen. > mehr



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