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18.12.2018 - MITTELALTER

Lordkanzler und Erzbischof, Verraeter und Heiliger

Vor 900 Jahren wurde Thomas Becket geboren

„Schafft mir denn niemand diese Pest von einem Priester vom Leibe?“, soll König Heinrich II. von England ausgerufen haben, als ihn die Nachricht erreichte, Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, habe drei seiner Bischöfe exkommuniziert. Da der Erzbischof sich weigerte, Heinrichs Sohn als Nachfolger zu krönen, hatte der König kurzerhand die Bischöfe angewiesen, die Zeremonie an seiner Stelle durchzuführen. Und die folgten dem König, nicht ihrem Vorgesetzten. Der Chronist Edward Grim, ein Mönch aus Cambridge, überlieferte später eine etwas andere Fassung dieses Satzes: „Was für elende Drohnen und Verräter habe ich in meinem Haushalt durchgefüttert, die ihren Herren von einem dahergelaufenen Priester mit solch beschämender Verachtung behandeln lassen?“ Was auch immer der König wirklich gesagt hat – vier seiner Barone verstanden es als Aufforderung, die Sache mit Gewalt zu regeln. Am 29. Dezember 1170 ritten sie nach Canterbury und drangen mit gezückten Schwertern in die Kathedrale ein: „Wo ist Thomas Becket, Verräter des Königs und des Königreiches?“ > mehr

13.12.2018 - GESCHICHTE

Krieg und Gewalt, die grossen Gleichmacher

Thesen zu einer Weltgeschichte der materiellen Ungleichheit

„Eine Geschichte der Ungleichheit“ verspricht das neue Buch des österreichischen Altertumswissenschaftlers Walter Scheidel im Untertitel. Das Wort „Ungleichheit“ könnte in die Irre führen. Es geht in Scheidels umfangreicher Studie nicht um rechtliche Ungleichheit. Es geht auch nicht um die ungleiche Verteilung von politischer Macht. Es geht primär auch nicht um die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel. Gegenstand der Studie ist die Ungleichheit in Einkommen und Vermögen, wie gleich die ersten Sätze klarstellen: „Im Jahr 2015 besaßen die reichsten 62 Personen auf unserem Planeten so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit, das heißt, sie besaßen so viel wie 3,5 Milliarden Menschen.“ Werden die Reichen immer reicher? Scheidel, der an der Stanford University lehrt, hat eine ungeheure Menge an historischen Quellen statistisch ausgewertet, von Akten zur Vermögenssteuer in den italienischen Städten der Renaissance bis zu Werkzeugfunden in anatolischen Siedlungen der Steinzeit. > mehr

08.12.2018 - ARCHITEKTUR

Begehbare Elefanten und wandernde Staedte

Wenn Architekten an Grenzen gehen - und darueber hinaus

Wäre es nach dem französischen Architekten Charles Ribart gegangen, stünde heute in Paris am oberen Ende der Champs-Élysées statt des Arc de Triomphe ein Elefant aus Stein, fünf Stockwerke hoch. Auf seinem Rücken würde, siegreich von einem Feldzug heimkehrend, König Ludwig XV. in die Hauptstadt einreiten. Im Inneren des Elefanten plante Ribart zwei große Speise- und Festsäle, samt Küche und Orchesterpodium. Aus dem Rüssel sollte eine Fontäne aufsteigen und die Allee bewässern. Das Projekt, das Ribart 1758 vortrug, blieb unverwirklicht. Einige Jahre später, nach dem für Frankreich wenig glorreichen Ausgang des Siebenjährigen Krieges, hätte das Triumphdenkmal ohnehin die Spötter auf den Plan gerufen. Eines der „nie gebauten Bauwerke“, die der englische Autor Philip Wilkinson in seinem neuen Buch vorstellt. > mehr

03.12.2018 - SOZIALGESCHICHTE

"Ein Beruf ist das Rueckgrat des Lebens"

Begriffsgeschichte des Wortes seit dem spaeten Mittelalter

Ein Bauernbursche will auf „Höheres“ hinaus. Die Mahnungen des Vaters missachtend, verlässt er seine Eltern und zieht hinaus in die Welt. Doch statt, wie erhofft, an einem vornehmen Hof Karriere zu machen, landet er bei einem Raubritter, dessen Beutezügen er sich anschließt. Am Ende fassen ihn die Bauern, die er geschädigt hat, und knüpfen ihn an den Galgen. „Wernher der Gartenaere“, wie der Dichter sich nannte, wollte warnen: Niemand versuche, sich über seinen Stand zu erheben, ein solcher Weg führt ins Verderben! Eine Frage, die zu dieser Zeit, also um 1260 oder 1270, sehr aktuell gewesen sein wird. Der ritterliche Adel stellte beunruhigt fest, dass immer mehr Bauern sich mit ihrer Rolle nicht mehr zufriedengeben wollten. Die „Konservativen“ damals konnten sich auf die Bibel berufen. „Ein jeglicher bleibe in dem Ruf, darinnen er berufen ist“, übersetzte anderthalb Jahrhunderte nach dieser Erzählung vom „Meier Helmbrecht“ Martin Luther Kapitel 7, Vers 20 des 1. Korintherbriefs. > mehr

25.11.2018 - THEOLOGIE

Der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts

Vor 250 Jahren wurde der Theologe Friedrich Schleiermacher geboren

Es gibt Menschen, die durch ihren Namen fürs Leben gestraft sind. Und wenn sie dann noch einen Beruf ergreifen, der sich – einige Böswilligkeit vorausgesetzt – mit diesem Namen in Verbindung bringen lässt … Bereits zu Lebzeiten des Pfarrers Friedrich Schleiermacher wurde sein Nachname bei den Spöttern zum Synonym für den Theologenstand insgesamt. „Der nackten Wahrheit Schleier machen, ist kluger Theologen Amt“, reimte der Schriftsteller August Wilhelm Schlegel, „und Schleiermacher sind bei so bewandten Sachen die Meister der Dogmatik insgesamt.“ Hinter dem Scherz verbarg sich ein ernsthaftes Problem. Die Frage, inwieweit Menschen imstande sind, die Wahrheit sozusagen „nackt“ zu erfassen, stand im Mittelpunkt der philosophischen Diskussionen um 1800. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ eine Unterscheidung von „Ding an sich“ und „Erscheinung“ eingeführt. Erscheinung war im Sinne Kants nicht etwa Schein, sondern die durchaus reale Art und Weise, wie die Dinge unseren Sinnen „erscheinen“. > mehr

18.11.2018 - RELIGIONSPHILOSOPHIE

"Das Unabgegoltene in den religioesen Menschheitsueberlieferungen"

Zweieinhalb Jahrtausende Religionsphilosophie und -kritik

Für Deutschland sei „die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt“, schrieb Karl Marx 1843 in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“. Ludwig Feuerbach habe in seinem Buch über das „Wesen des Christentums“ zwei Jahre zuvor gezeigt, dass der Mensch die Religion „macht“, nicht die Religion den Menschen. Die Aufgabe einer zukünftigen Philosophie sah Marx nun nicht in einer Fortsetzung der Religionsphilosophie und Religionskritik, sondern in einer Analyse des „wirklichen Elends“ – und dann in der Ausarbeitung einer Theorie gesellschaftlicher Emanzipation. In dem umfangreichen Handbuch mit Interpretationen zu 80 „klassischen“ Texten der „Religionsphilosophie und Religionskritik“, das der Philosoph Michael Kühnlein von der Universität Frankfurt am Main jetzt herausgegeben hat, belegen Feuerbach und Marx in der chronologischen Anordnung gerademal die Plätze 27 und 29. Offenbar war das Thema für die Philosophen der folgenden Generationen keineswegs „beendet“. > mehr

06.11.2018 - MUSIKTHEATER

Die Musik, die die Engel vor Gottes Thron spielen

Vor 150 Jahren starb Gioacchino Rossini

„Napoleon ist tot“, schrieb der französische Romancier Stendhal 1824, „aber schon hat sich ein neuer Eroberer der Welt gezeigt, und von Moskau bis Neapel, von London bis Wien, von Paris bis Kalkutta ist sein Name in aller Munde.“ Bevor wir ins Grübeln geraten, welcher Eroberer gemeint sein könnte, schließlich gehörten die Jahre nach dem Sturz Napoleons zu den friedlichsten Epochen der europäischen Geschichte – Stendhal sprach nicht von Politik, sondern von der Oper. Der „Eroberer“ war Gioacchino Rossini, und die militärische Metapher trifft schon das Richtige. Es war das erste und blieb das letzte Mal, dass ein einzelner Komponist das Musiktheater Europas derart absolut beherrschte. Ein halbes Jahrhundert später mussten sich Richard Wagner und Giuseppe Verdi ihre „Herrschaft“ miteinander und noch mit einem dritten, Jacques Offenbach, teilen. > mehr

31.10.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

Ueberaus lustig und maenniglich nuetzlich zu lesen

1668 erschien der "Abenteuerliche Simplicissimus"

„German Schleifheim von Sulsfort“? Von einem Schriftsteller dieses Namens haben Sie vermutlich noch niemals etwas gehört. Aber gelesen haben Sie von ihm vielleicht doch etwas, wenn schon nicht im Original, dann gekürzt, vielleicht sogar als Jugendbuch bearbeitet: seine „Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten, genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim“. Der Roman erschien Ende 1668, vor 350 Jahren, und wurde gleich zur Sensation auf dem Büchermarkt. Der Verfasser, mit Klarnamen Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, ist der erste Schriftsteller der neueren deutschen Literatur, dessen Erfolg beim Publikum sich bis heute gehalten hat. „Der abenteuerliche Simplicissimus, teutsch, das ist: die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten“ – usw. usw., wie damals üblich, gaben Autor und Verleger dem Buch einen voluminösen Titel. Der Beiname „Simplicissimus“ sollte dem Leser gleich zu Beginn andeuten, dass er es mit einem „simplen“ Helden zu tun bekommen würde, einem zunächst unwissenden und unschuldigen Jungen, der ganz allmählich in seine Welt hineinwächst. > mehr

25.10.2018 - IDEENGESCHICHTE

Durch das Nadeloehr von Reflexion und Einbildungskraft

Jena um 1800 - der andere Teil der Weimarer Klassik

Als Ende 1918, Anfang 1919 eine verfassunggebende Nationalversammlung des Deutschen Reiches vorbereitet wurde, war vor allem der Tagungsort zu klären. Die Reichshauptstadt Berlin kam nicht in Frage. Dort wurden Unruhen befürchtet, und außerdem: Die neue Republik sollte nicht von vornherein mit dem Schatten des untergegangenen Hohenzollernreiches belastet werden. Als Alternative wurde Nürnberg erörtert, die steingewordene Verkörperung des deutschen Mittelalters. Und Bayreuth: In der Stadt mit dem Erbe Richard Wagners konnten sich auch jene wiederfinden, die der Republik zunächst ablehnend gegenüberstanden. Auch Jena wurde diskutiert, die Universitätsstadt, in der um 1800 zeitweise Schiller und die Brüder Schlegel und Novalis, Fichte und Schelling und Hegel gelebt hatten. Am Ende fiel die Entscheidung für Weimar: Die Stadt der „Dichterfürsten“ Goethe und Schiller überstrahlte alles, auch das nahe gelegene Jena mit seiner Universität. > mehr

19.10.2018 - LINGUISTIK

Zwischen Unhoeflichkeit und Aggression, Hassrede und Satire

Die sprachlichen Mechanismen der Herabwuerdigung

1970, als die „RAF“ gerade ihre ersten Terrorakte verübte, kam es in der deutschen Öffentlichkeit zu einem heftigen Streit um das „richtige“ Wort. Sollte man die RAF als „Baader-Meinhof-Gruppe“ bezeichnen? Oder vielmehr als „Baader-Meinhof-Bande“? Der damalige ZDF-Korrespondent Peter Doebel erinnerte sich später: „Wenn ich ‚Baader-Meinhof-Bande‘ sagte, war ein Teil der Zuschauer, auch der Kollegen, bereit, mich als jemanden hinzustellen, der vorverurteilt; wenn ich sagte ‚Gruppe‘, dann kamen sofort die anderen und sagten ‚Aha - ein Entschuldiger, ein Beschöniger, der nicht sehen will, dass das hier ganz gewöhnliche Mörder sind." Ein Streit um des Kaisers Bart, könnte man meinen: „Gruppe“ ist ein wertneutraler Oberbegriff, „Bande“ ein Unterbegriff, in den ein moralisches oder rechtliches Werturteil eingegangen ist, in diesem Fall ein abwertendes Urteil, eine „Pejorisierung“ oder „Pejoration“, wie die Linguisten sagen. > mehr

13.10.2018 - ARCHAEOLOGIE

Spukorte, betruegerische Orakel und Gemeinschaftslatrinen

"Seltsame" Orte in der antiken Welt

Der Satyr Marsyas, erzählt ein antiker Mythos, war auf seine Kunst, die Flöte zu spielen, derart stolz, dass er den Gott Apollon zum Wettkampf herausforderte. Zur Strafe für seine Hybris ließ ihm der Gott bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Wenn jemand diese Geschichte nicht glauben wollte: Die Haut des Marsyas wurde im Städtchen Kelainai in Kleinasien aufbewahrt und gezeigt. Was dort zu sehen war, lässt sich heute nicht mehr sagen; jedenfalls garantierte die „Reliquie“ dem Ort seinen Anteil am Tourismus in der Welt der Griechen und Römer. Der Münchner Historiker Martin Zimmermann hat jetzt eine kleine Rundreise durch „seltsame Orte“ der Antike zusammengestellt – von den Britischen Inseln bis nach Ägypten, von der Iberischen Halbinsel bis an den Euphrat und den Tigris. Orte mit kuriosen und mit makabren Geschichten, mit rätselhaften und mit phantastischen. > mehr

07.10.2018 - VERFASSUNGSGESCHICHTE

Weimar ging nicht an seinen "Geburtsfehlern" zugrunde

Die Verfassung der ersten deutschen Demokratie

„Bonn ist nicht Weimar“, lautete ein geflügeltes Wort der frühen Bundesrepublik, nach einem Buchtitel des Schweizer Journalisten Fritz René Allemann, 1956. Hellsichtig analysierte Allemann darin die Unterschiede zwischen den deutschen Demokratien der 1920er und der 1950er Jahre, vor allem: Die schroffen weltanschaulichen Gegensätze, die den Parteienkampf in der Weimarer Republik geprägt hatten, begannen sich aufzulösen. „Bonn“ dürfe nicht „Weimar“ werden, dem neuen Versuch einer demokratischen Staatsordnung in Deutschland müsse das Schicksal des Vorgängers unter allen Umständen erspart bleiben – dieser Vorsatz hatte bereits die Vorarbeiten zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland 1948/49 auf Herrenchiemsee und dann in Bonn bestimmt. Es ging um die Frage, ob nicht schon in die Weimarer Reichsverfassung von 1919 „Geburtsfehler“ eingearbeitet waren, die 1933 den Weg in die Diktatur ebneten. > mehr

01.10.2019 - MALEREI

Als die Kunst an der Macht war

Die "Malerfuersten" des spaeten 19. Jahrhunderts halten in der Bonner Bundeskunsthalle Hof

„Platz für den großen Raffael!“, soll August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, ausgerufen haben, als die „Sixtinische Madonna“ am 1. März 1754, nach zweijährigen Verhandlungen mit den Benediktinermönchen von Piacenza, endlich in Dresden ankam. Und eigenhändig räumte der Herrscher seinen Thronsessel beiseite. Vielleicht ja bloß eine Anekdote, ähnlich wie auch jene Geschichte von Tizian und Kaiser Karl V. bloß eine Anekdote sein mag: Bei der Sitzung für ein Portrait, es soll am Rande des Augsburger Reichstags 1547 gewesen sein, entfiel dem Maler der Pinsel; der Kaiser bückte sich, um ihn aufzuheben. Richtig ist jedenfalls, dass die soziale Stellung großer Künstler sich im Laufe der frühen Neuzeit radikal veränderte. „Er lebte in der Tat nicht als Maler, sondern als Fürst“, lesen wir in einer Raffael-Biographie der 1540er Jahre. Anfang des 17. Jahrhunderts pflegte Peter Paul Rubens eine goldene Kette am Hals zu tragen und zu Pferd durch Antwerpen zu reiten, „wie die anderen Ritter“. > mehr

25.09.2018 - ETHIK

"Dass ich noch zwei Tage leben werde"

Alte und moderne Auffassungen vom "bitteren" und vom "guten Tod"

„Sie war ständig von Todesängsten gepeinigt“, lesen wir in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon über Madame de Montespan, eine ehemalige Maitresse Ludwigs XIV., „so dass sie mehrere Frauen anstellte, die nichts zu tun hatten, als des Nachts bei ihr zu wachen. Sie schlief bei aufgezogenen Bettvorhängen, zahlreiche Kerzen brannten im Zimmer, und ihre Wärterinnen saßen rings um sie herum, denn immer, wenn sie aufwachte, wollte sie jemanden sehen, mit dem sie plaudern, spielen oder essen konnte, um ihren Beklemmungszuständen zu entgehen.“ Angst vor dem Sterben und dem Tod. Doch wenn man genauer hinsieht, vermerkte vor nunmehr vier Jahrzehnten der französische Historiker Philippe Ariès in seiner „Geschichte des Todes“, richteten sich die Ängste der Marquise de Montespan im Grunde auf etwas anderes: Erstens befürchtete sie, nicht rechtzeitig von dem Unvermeidlichen Kenntnis zu erhalten, also ihre Gedanken nicht mehr sammeln, ihr Leben nicht mehr bereuen zu können. Und zweitens wollte sie auf keinen Fall allein sein, wenn es ans Sterben ging. Ein Tod ohne Gesellschaft war kein „guter Tod“. > mehr

20.09.2018 - GESCHICHTSKULTUR

Die Suche nach dem Echten

Irrungen und Wirrungen des modernen Geschichtstourismus

Als er vor nunmehr vier Jahrzehnten, erzählte einmal der holländische Historiker Peter Raedts, sein Promotionsstudium in Angriff nehmen wollte, entschied er sich für die Universität Oxford. Grund, so Raedts, war weniger das aktuelle wissenschaftliche Renommee der Universität, als ihre „jahrhundertealte Tradition“, zu deren Teil er selbst werden wollte. Das so mittelalterlich anmutende Gemäuer der Universitätsbauten erschien ihm als sinnliche Bekräftigung dieser Tradition. Eines schönen Tages schlenderte er wieder einmal mit einem Freund durch den Kreuzgang des 1458 gestifteten Magdalen College. Beiläufig erwähnte der Freund, kein einziger Stein ringsum stamme aus dem Mittelalter, alles sei frühestens im 19. Jahrhundert entstanden. Raedts war wie vor den Kopf geschlagen, fand jedoch bald bestätigt, dass das richtig war: „Was ich für mittelalterlich gehalten hatte, war nicht mehr als ein Versuch des 19. Jahrhunderts, den Faden der mittelalterlichen Kultur aufzugreifen.“ „Das Mittelalter Oxfords war lediglich eine Attrappe.“ > mehr

15.09.2018 - GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Vom "eufrasischen" Zeitalter zur Globalisierung

Fragen der historischen Chronologie - und der politischen Implikationen darin

Wissen Sie, was die Wörter „Eufrasien“ und „eufrasisch“ bedeutet? Es handelt sich um eine Kombination aus „Europa“, „Afrika“ und „Asien“. Der Historiker Michael Borgolte, Emeritus der Berliner Humboldt-Universität, schlug jetzt in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor, jener Epoche, die wir traditionell „Mittelalter“ nennen, besser den Namen „eufrasische Epoche“ zu geben. In der Tat, „Mittelalter“ passt allenfalls auf Europa, und selbst dort nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Der Ausdruck kam im 14. Jahrhundert auf, als die italienischen Humanisten ihre eigene Zeit als eine Wiedergeburt der Antike gegen das angeblich „dunkle Zeitalter“ der Zwischenepoche absetzen wollten. Diese Sprachregelung – oder vielmehr: das ihr zugrundeliegende Geschichtsverständnis – hält sich bis heute, obwohl doch längst klar ist, dass vielleicht die ersten Jahrhunderte nach dem Untergang des Weströmischen Reiches tatsächlich „dunkel“ waren, der Wiederaufstieg des westlichen Europa jedoch bereits im hohen Mittelalter seinen Anfang nahm. > mehr

12.09.2018 - LITERATURGESCHICHTE

Schwanz einziehen, wenn das Alpha-Maennchen erscheint

Die Affen und wir seit dem 18. Jahrhundert

1926 reiste der russische Biologe Ilja Iwanow, der sich durch die Kreuzung von Pferden mit Zebras einen Namen gemacht hatte, nach Guinea. Im Auftrag der sowjetischen Regierung sollte er Schimpansinnen menschliches Sperma einsetzen und auf diese Weise hybride Wesen aus Affe und Mensch hervorbringen. Als der Erfolg ausblieb, wollte Iwanow es auf dem umgekehrten Weg versuchen: Afrikanische Frauen sollten ohne ihr Wissen mit dem Sperma eines Affen befruchtet werden. Das Hospital in Guinea, dem er seinen Plan vortrug, lehnte allerdings ab. Was Iwanow in die Tat umsetzen wollte, das hatte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, berichtet die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Alexandra Tischel, bereits 1755 als Gedankenexperiment formuliert. Damals war es unter den Naturwissenschaftlern hoch umstritten, ob die neuentdeckten Orang-Utans in Südostasien Menschen oder doch vielleicht Tiere seien. Könnte man Orang-Utans mit Menschen kreuzen, meinte Rousseau, wäre doch die Zugehörigkeit beider Gruppen zur selben Art erwiesen. > mehr

07.09.2018 - LITERATURGESCHICHTE

Sehnsuchtsorte in Schnee und Eis

Die Entdeckung der Alpen in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert

„Hier blüht nimmer der Lenz, hier schmückt kein Sommer die Landschaft. Einsam wohnt auf den grausen Höh’n und hütet den steten Sitz der grässliche Winter; von allen Seiten versammelt hier er schwarzes Gewölk und hagelschauernden Regen.“ Der unerfreuliche Ort, den der römische Dichter Silius Italicus im 1. Jahrhundert n. Chr. in seinem Epos vom Zweiten Punischen Krieg beschrieb, waren die Alpen. Einige Generationen zuvor hatte der Geschichtsschreiber Livius die Schrecken, die Hannibal und seine Soldaten auf dem Weg nach Italien überwinden mussten, noch drastischer ausgemalt: „Die fast mit dem Himmel zusammenhängenden Schneemassen“, die ganze lebende und leblose Natur starrend von Frost.“ Aber ob nun Schneemassen oder Dauerregen – in der Antike „waren die Alpen ein Gegenstand des Schreckens“, ein „locus horribilis“, schreibt die Bamberger Germanistin Kathrin Geist. > mehr

02.09.2018 - REISEN

"Wir fressen unsere eigene Insel auf"

Capri - von Kaiser Tiberius zum modernen Massentourismus

Fast acht Wochen hielt sich Goethe auf seiner Italienreise im Frühjahr 1787 in Neapel auf. Auch die Umgebung der Stadt nahm er fleißig in Augenschein, vor allem natürlich den Vesuv und die Ausgrabungen in Pompeji. Nur auf die Idee, nach Capri hinauszufahren, scheint der Dichter gar nicht erst gekommen zu sein. Dort lockten keine antiken Ruinen, auch sonst reizte ihn nichts an der öden Felseninsel. Als er im Mai 1787 von Sizilien zurückkehrte, musste er Capri aber doch zur Kenntnis nehmen: Bei der Einfahrt in den Golf von Neapel drohte sein Schiff an den Klippen der Insel zu zerschellen.- Mehr als anderthalb Jahrhunderte später. Im März 1956 fragte das Institut für Demoskopie in Allensbach die Bürger der jungen Bundesrepublik Deutschland, wohin sie gern fahren würden. „Das am häufigsten genannte Sehnsuchts-Reiseziel der Westdeutschen“, berichtet der Kulturhistoriker Dieter Richter, war Capri. > mehr

28.08.2018 - POLITIK

Vom "Nickneger" zum politisch korrekten "Suedseekoenig"

Rassismus in der Alltagskommunikation

Wissen Sie noch, was ein „Nickneger“ war? Bis in die 1980er Jahre wurde für kirchliche oder karitative Zwecke in der Dritten Welt oft mit einer schwarz angemalten Menschenfigur geworben. In der Hand hielt sie eine Spendenbüchse. Wurde eine Münze eingeworfen, bewegte sich der Kopf zu einem dankenden Nicken. Daneben war ein besinnlicher Spruch angebracht, etwa „Willst du den Heiden Hilfe schicken, so lass mich Armen freundlich nicken.“ „Alltagsrassismus“ nennt man das heute, ebenso wie jenen Abzählreim von den „zehn kleinen Negerlein“, der in Deutschland in den 1880er Jahren populär wurde, als das Bismarckreich sich anschickte, Kolonien zu erwerben. In den frühen 1950er Jahren, lange nach dem Verlust der Kolonien, trug die Sängerin Leila Negra eine besonders humorige Fassung vor: „Zehn kleine Negerlein, die kauften weiße Seife ein.“ Das Liedchen variierte das Motiv der „Mohrenwäsche“. Carl Joseph Begas‘ Gemälde von 1841, worauf ein kleines blondes Mädchen mit einem Schwamm die braune Hautfarbe ihrer Dienerin tilgen will, war ein beliebter Schmuck in deutschen Wohnzimmern. > mehr



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