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06.08.2020 - KULTURTHEORIE

Dreadlocks, Indianerkostueme und die Maedchen von Avignon

Das Verbrechen der kulturellen Aneignung

Der Vorhang ist zurückgezogen, fünf nackte oder halbnackte junge Frauen präsentieren sich dem Betrachter. Offenkundig eine Bordellszene: Der Kunde, den man sich vor dem Bild zu denken hat, ist gerade eingetreten und will nun seine Wahl treffen. Nicht in Avignon, wie der heute gebräuchliche Titel, „Les Demoiselles d‘Avignon“, suggeriert, sondern in der Carrer d‘Avinyó in Barcelona, wo Picasso damals, in den Jahren 1906 und 1907, lebte. Bei den Zeitgenossen erregte das Bild, das heute als Beginn der modernen Malerei gilt, einen Schock: Der Raum ist in keiner Weise perspektivisch gestaltet, es fehlt auch jede klare Lichtführung, die Komposition besteht aus Kuben, die unvermittelt nebeneinander gesetzt sind. Was die Betrachter ebenso verstörte: Die Mädchen sind zwar hellhäutig und tragen langes schwarzes Haar. Doch die Gesichter der drei auf der linken Seite hat Picasso „archaisiert“: Sie sind altiberischen Skulpturen nachgebildet. Und die Gesichter der beiden rechts sind „exotisiert“: Sie ähneln afrikanischen Masken, wie der Maler sie während seiner Arbeit an dem Bild bei einem Besuch im Ethnographischen Museum des Pariser Palais du Trocadéro zu sehen bekam. > mehr

02.08.2020 - GESCHICHTE

Als das Judentum sein Zentrum verlor

Vor 1.950 Jahren wurde im Juedischen Krieg der Jerusalemer Tempel zerstoert

Die Bevölkerung in der belagerten Stadt hungerte. Die Festung Antonia hatten die Römer bereits eingenommen, von dort aus war mit Schusswaffen auch der benachbarte Tempel zu kontrollieren. Nach allem menschlichen Ermessen war die Einnahme Jerusalems nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber Titus wollte seine Soldaten nicht in Straßenkämpfen aufopfern. Als er am 6. August des Jahres 70 n. Chr. die Nachricht erhielt, im Tempel hätten die Priester das tägliche Opfer nicht mehr abhalten können, entschloss er sich nochmals zu einem Versuch, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen. Die Gelegenheit schien günstig. Im Gefolge des Feldherrn gab es Juden, die sich mit der römischen Herrschaft abgefunden hatten. Titus wird also gewusst haben, welche Bedeutung der Tempeldienst für die Juden hatte. Ihrer Überlieferung zufolge wurde er seit über 1.130 Jahren, seit den Tagen des Königs Salomo, ohne Unterbrechung abgehalten. Wenn er nun erstmals zum Erliegen gekommen war, musste das die Bevölkerung der Stadt aufs tiefste demoralisieren. > mehr

27.07.2020 - THEATER

Der Ruf des Todes und die tiefe Freude am Theater

100 Jahre Salzburger Festspiele

Als er an einem Winterabend mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerte sich später der Musikkritiker Paul Stefan, über den tief verschneiten Salzburger Domplatz ging, begegnete er dort dem Theaterregisseur Max Reinhardt. „Was meinen Sie, lieber Doktor“, sagte Reinhardt, „gerade hier, wo wir jetzt gehen, möchte ich einmal den ‚Jedermann‘ geben.“ Den „Jedermann“ – 1911 hatte Reinhardt die Neubearbeitung des mittelalterlichen Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal in Berlin erstmals auf die Bühne gebracht. Doch mit der Wirkung des Stücks auf einer „normalen“ Bühne war Reinhardt nicht zufrieden. Der Salzburger Domplatz ließ ihn träumen: der Eingang der Kirche mit den riesigen Heiligenfiguren als Kulisse, der Ruf des Todes von der Festung Hohensalzburg herab, übertragen durch ein Mikrophon, das Dröhnen der Kirchenglocken zum Schluss des Spiels … Anderthalb Jahre nach Ende des Weltkriegs konnte Reinhardt seinen Traum endlich verwirklichen. Alles erschien „wie ein Selbstverständliches“, begeisterte sich der Regisseur noch zwei Jahrzehnte nach der Aufführung aus dem amerikanischen Exil. Selbst die Geistlichen und Ordensleuten, die von den Fenstern des Petersstifts aus zuschauten, wirkten für das Publikum unten auf dem Platz wie ein Bestandteil des Spiels. > mehr

22.07.2020 - SPORT

Coubertins Traeume von einer neuen Aristokratie des Leibes

... und die Olympischen Spiele der Neuzeit

Rund um den Titel „olympische spiele“, modisch mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben, stehen auf dem Einband allerlei Schlagwörter, die in diesen Zusammenhang gehören, von „pierre de coubertin“ über „tv-einnahmen“ bis zu „ethik des sports“. Auch Begriffe zur Historie wie „berlin 1936“ und „münchen 1972“. Und dann, ganz aktuell, „tokio 2020“. Am 24. Juli dieses Jahres hätte es wieder soweit sein sollen, mit den 32. Olympischen Spielen der Neuzeit. Doch dann kam Corona. Pünktlich zum ursprünglich vorgesehenen Ereignis hat der Sportsoziologie Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin jetzt einen knappen Abriss zur Geschichte dieser Mega-Events vorgelegt. Es ist über weite Strecken ein sehr persönliches Buch geworden, ein Wechselspiel zwischen Begeisterung für den Sport und Frustration durch politische oder ökonomische Vereinnahmung. 1965, während er sich selbst als Leistungssportler im Weitsprung betätigte, erinnert sich Gebauer, sagte ihm ein „freundlicher Herr“ nach einigen guten Wettkampfergebnissen eine große Zukunft voraus. „Ich wusste nicht, was er mit mir vorhatte, war aber darauf gespannt.“ > mehr

17.07.2020 - GESCHICHTE

Noah betete, Hams Farbe moege sich veraendern

Sklaverei und Hautfarbenrassismus seit dem Mittelalter

Als der französische Jurist Alexis de Tocqueville und sein Begleiter Gustave de Beaumont 1831 in die USA reisten, war eine ihrer Fragen, wie sich die ehemaligen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft einfügten, die der Theorie nach ja als eine Gesellschaft der Freien und Gleichen angelegt war. In Pennsylvania war die Sklaverei bereit 1779 abgeschafft worden, in New York wurde sie 1827 verboten. In Maryland bestand sie noch, hatte jedoch faktisch keine große Bedeutung mehr. Doch wie Tocqueville und Beaumont beobachteten, war die Tendenz, die Schwarzen für minderwertig zu erklären und sozial zu benachteiligen, so stark, dass sie die Institution der Sklaverei überdauern konnte. Zum Beispiel in Pennsylvania konnten die Schwarzen nicht einmal an den Wahlen teilnehmen, Begründung: Die öffentliche Meinung unter den Weißen sei dagegen. Als Tocqueville später sein großes Werk über die „Demokratie in Amerika“ schrieb, zog er ein sehr pessimistisches Fazit: „Die Ungleichheit setzt sich in dem Maß in den Sitten fort, als sie aus den Gesetzen verschwindet.“ > mehr

13.07.2020 - KIRCHENGESCHICHTE

Keine Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung, wenn es um die Wahrheit geht

Vor 150 Jahren wurde das Dogma von der paepstlichen Unfehlbarkeit verkuendet

Der kroatische Bischof Joseph Georg Stroßmayer griff zu einem drastischen Vergleich: „Die römischen Kaiser wurden durch einen servilen Senat zum Gott erhoben. Heute macht sich jemand selbst zum Gott, und wir sollen es unterschreiben.“ Stroßmayers Rede auf dem Ersten Vatikanischen Konzil löste einen Sturm der Entrüstung aus. Von anderen Bischöfen, die für das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, der „Infallibilität“, eintraten, wurde er als „Protestant“ beschimpft. Und natürlich wurde sein Gedanke von der anti-katholischen Publizistik der Zeit gern aufgegriffen. Radikale unter den Befürwortern des Dogmas wiederum versuchten, das Argument ins Positive zu wenden. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes – es ist das, was sich der Mitwelt und Nachwelt vom Ersten Vatikanischen Konzil 1870/71 eingeprägt hat. > mehr

09.07.2020 - RECHT

Globale Freizuegigkeit vs. kollektive Assoziationsfreiheit

Rechtliche und ethische Fragen rund um Migration und Asyl

Als Zar Alexander II. in den 1860er Jahren einen Anlauf zur Modernisierung seines Reiches nahm, war es eine seiner Maßnahmen, dass er einem Großteil der Juden, nämlich jenen mit gehobenem Einkommen oder höherer Bildung, das Recht auf Freizügigkeit gewährte. Diese vorsichtige Liberalisierung währte allerdings nicht lange. Nachdem Alexander 1881 einem Attentat zum Opfer gefallen war, hob sein Nachfolger viele der Reformen wieder auf, darunter auch die partielle Gleichberechtigung der Juden. In den folgenden Jahren, berichtet der Rechtswissenschaftler Paul Tiedemann von der Universität Gießen, entschlossen sich Zehntausende von Juden, aus dem Zarenreich in die USA auszuwandern. In der Regel über England, wo sich viele dann auch niederließen, etwa weil sie die Mittel für die Weiterreise nicht aufbringen konnten. Der „Aliens Act“, den das britische Parlament 1905 beschloss, gilt heute als Beginn der modernen Gesetzgebung zum Thema „Migration“ und „Asyl“. > mehr

03.07.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Satire ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht

Zu Theorie und Geschichte einer literarischen Form

Wissen Sie, was im wilhelminischen Kaiserreich ein „Sitzredakteur“ war? 1874 hatte das „Reichspressgesetz“ die Zensur aufgehoben. Um bei Gesetzesverstößen jemanden zur Verantwortung ziehen zu können, wurden alle Herausgeber „periodischer Druckschriften“ dazu verpflichtet, im Impressum einen „verantwortlichen Redakteur“ zu nennen. Eine gefährliche Stellung – weit über die Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung hinaus, die auch heute der Pressefreiheit Schranken setzen, nahmen Behörden und Gerichte damals vor allem das Delikt der Majestätsbeleidigung oft als gegeben an. Das brachte die Redaktionen immer wieder in die Lage, dass sie eine Weile ohne ihre wichtigsten Autoren auskommen mussten. Bei einigen Zeitungen griff man deshalb zu dem Trick, irgendjemanden bloß dafür zu bezahlen, dass er die Strafe „absaß“. Die Mächtigen zu kritisieren, ist gefährlich. Dass diese Gefahr in den europäischen Staaten nach und nach zurückgedrängt wurde, gehört zu den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne. > mehr

29.06.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen

Paul Celan und Martin Heidegger in Todtnauberg

Martin Heideggers Ehefrau Elfriede hatte das Grundstück beim Dorf Todtnauberg im Hochschwarzwald gekauft und mit einer Hütte bebauen lassen. Dort schrieb der Philosoph seit den 1920er Jahren viele seiner Bücher und empfing Besucher, von seinen Schülern wie dem Philosophen Hans-Georg Gadamer über den Physiker Werner Heisenberg bis zu „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Natürlich führte er auch ein Gästebuch. Mit dem Datum vom 25. Juli 1967 ist darin zu lesen: „Im Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen, Paul Celan.“ Worum es sich bei dem erhofften „Wort“ handelte, kann nicht zweifelhaft sein. Celan stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie in der Bukowina. Seine Eltern waren in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager ums Leben gekommen. Er wollte verstehen, warum Heidegger sich 1933 als Rektor der Universität Freiburg für Hitler begeistert hatte – und wie er nun dazu stand. > mehr

24.06.2020 - GESCHICHTE

Nehmt davon, was ihr moegt

Vor 500 Jahren erfuhr die spanische Eroberung der Neuen Welt in der Noche trista ihren grossen Rueckschlag

„Das Metall lag in glänzenden Haufen zerstreut am Boden und reizte die Habgier der Soldaten. ‚Nehmt davon, was ihr mögt‘, sagte Cortés zu seinen Leuten. ‚Es ist besser, dass ihr es habt, als die mexikanischen Hunde.‘ ‚Aber gebt acht, dass ihr euch nicht überladet. Wer in der finsteren Nacht am leichtesten reist, der reist am sichersten.‘“ So in etwa, meinte der amerikanische Historiker William Prescott, als er 1843 seine Erzählung von der „Eroberung Mexikos“ vorlegte, müsste Hernán Cortés am Abend des 30. Juni 1520 zu seinen Soldaten gesprochen haben. Der Ausbruch aus der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, den das spanische Heer in den folgenden Stunden unternahm, endete in einer Katastrophe. Von den mehr als 1.300 Mann entkamen nur 425. Ebenso fanden die meisten der 2.000 tlaxcaltekischen Krieger, die das Heer begleitet hatten, den Tod. Wer nicht in den Kämpfen fiel, wurde am folgenden Tag den aztekischen Göttern geopfert. > mehr

19.06.2020 - BIOLOGIE

Musik und Tanz, Farben und Duefte

Aus der Naturgeschichte der Verfuehrung

„Wer möchte glauben“, erregte sich 1737 der Professor der Botanik in Sankt Petersburg, Johann Georg Siebesbeck, „dass von Gott solche verabscheuungswürdige Unzucht im Reiche der Pflanzen eingerichtet worden ist? Wer könnte solch unkeusches System der akademischen Jugend darlegen, ohne Anstoß zu erregen?“ Den Stein des Anstoßes gab ein grundsolides naturwissenschaftliches Projekt. Der schwedische Biologe Carl von Linné hatte bei Hunderten und Aberhunderten von Pflanzen die Staubblätter und Fruchtknoten, Blüten- und Kelchblätter gezählt und klassifiziert, um sie dann in ein „System“ von Gattungen und Arten zu bringen. Aber Linné ließ keinen Zweifel, was er da zählte, waren die Geschlechtsorgane der Pflanzen. Ein bisschen „Romantik“, erzählt der Pflanzenbiologe Claude Gudin in seiner „Kleinen Naturgeschichte der Verführung“, die fast zwei Jahrzehnte nach dem französischen Original jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, brachte Linné aber doch in sein System hinein. > mehr

14.06.2020 - GESCHICHTSKULTUR

Die Geschichte reparieren

Das moralische Bewusstsein der Gegenwart und die Denkmaeler der Vergangenheit

„Schatte, du sollst verhört werden, du sollst Rechenschaft ablegen über dein Leben unter den Menschen, ob du ihnen genützt, ob du ihnen geschadet hast.“ Der Fürsprecher allerdings, den der Schatten des römischen Feldherrn in Bertolt Brechts Oper „Die Verurteilung des Lukullus“ anruft, der „große Alexander von Makedonien“, „ist unbekannt in den Gefilden der Seligen“. Die Geschlagenen seiner Kriege berichten von Tod und Zerstörung. Nicht einmal bei seinen Soldaten findet er Unterstützung: Während er Gold erbeutete, fanden sie den Tod. Die römischen Mütter beklagen den Verlust ihrer Söhne, auch Käse und Thunfisch wurden nicht billiger. Nur Lukulls Koch und ein Bauer finden gute Worte: Der Feldherr wusste die kulinarische Kunst zu würdigen, und er brachte den Kirschbaum nach Italien. Am Ende heißt es: „Ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit Allen wie er!“ Brecht formulierte in seinem Hörspiel von 1940 und elf Jahre später in seiner Oper mit der Musik von Paul Dessau nicht mehr und nicht weniger als eine Philosophie der Geschichte. Das „Totengericht“ bedeutete das Gericht der Gegenwart über die Vergangenheit der Menschheit. > mehr

09.06.2020 - SOZIOLOGIE

Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir muessen es sein

Vor 100 Jahren starb Max Weber

Als Max Weber am 14. Juni 1920, vor 100 Jahren, in München verstarb, wusste die Öffentlichkeit kaum etwas von seinem Werk. Spezialisten für das Altertum kannten natürlich seine Arbeiten über die „Römische Agrargeschichte“ und zu den „Sozialen Ursachen des Untergangs der antiken Kultur“. Wirtschafts- und sozialpolitisch engagierte Kollegen wussten seine „Enqueten zu den Land- und Industriearbeitern“ zu schätzen, ökonomisch interessierte seine Broschüre über die Börse. Aufsehen hatten, wenigstens vorübergehend, zwei religionssoziologische Aufsätze von 1904/05 erregt, überschrieben „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Viele Gläubige fanden Webers These befremdlich, das Christentum könnte etwas mit der modernen Wirtschaft zu tun haben; Kritiker aus dem Umkreis des Sozialismus wiederum nahmen Anstoß an Webers Blickrichtung, genauer: an seiner Voraussetzung, nicht nur die sozialen Umstände, sondern auch Ideen und Weltbilder könnten auf das Leben der Menschen Einfluss nehmen und womöglich gesellschaftlichen Wandel verursachen. > mehr

03.06.2020 - ENGLISCHE LITERATUR

Alptraeume - mit Moral und versoehnlichem Ausgang

Vor 150 Jahren verstarb Charles Dickens

Wer weiß, wenn die Übersetzerin Erika Fuchs sich nicht bereits in den 1950er Jahren daran gemacht hätte, Walt Disneys „Duck Tales“ ins Deutsche zu übertragen – vielleicht hieße die reichste Ente der Welt heute nicht Dagobert. Im amerikanischen Original trägt sie den Namen „Scrooge McDuck“ – Scrooge nach dem herzlosen Geizhals bei Charles Dickens, der sich über Weihnachten zu einem gütigen Menschen läutert. Fuchs konnte damals noch nicht davon ausgehen, dass „Scrooge“ durch die alljährliche Fernsehübertragung von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ dem deutschsprachigen Publikum etwas sagen würde. Sie wählte stattdessen den Vornamen „Dagobert“. Charles Dickens, der vor 150 Jahren, am 9. Juni 1870, auf seinem Landsitz bei Rochester in der Grafschaft Kent verstarb, ist bis heute einer der beliebtesten englischen Erzähler – kein Wunder, dass sich auch die Disney Company gern aus seinem Werk bediente. > mehr

29. 05.2020 - KULTURGESCHICHTE

Liebesvogel und Friedenssymbol

Aus der Kultur- und Symbolgeschichte der Taube

Friedlich wie die Tauben? Das muss nicht so sein, versichern uns die Verhaltensforscher. Gerade Tauben seien untereinander oft sehr angriffslustig, im Unterschied übrigens zu den als aggressiv verschrienen Falken. Durch biologische Fakten zwingend vorgegeben ist das Friedenssymbol der Taube, wie es uns heute so selbstverständlich erscheint, eben keineswegs. Völlig willkürlich aber wohl auch nicht. Vom Standpunkt des Beobachters her können Tauben sehr wohl als besonders "friedlich“ erscheinen: Sie ernähren sich in der Hauptsache vegetarisch, sind keine "Raubvögel“; ihr Schnabel ist nicht vom Blut anderer Tiere befleckt. Die Symbolgeschichte, die 1949 mit Pablo Picassos Lithographie der Friedenstaube für den Pariser Weltfriedenskongress ihren Höhepunkt fand, beginnt mit der biblischen Sintfluterzählung. Von "Frieden“, in einem politischen Sinn, ist darin freilich nicht die Rede, eher von Sicherheit, nämlich von Sicherheit gegen eine Natur, die als Gottes Strafinstrument aufgefasst wird. > mehr

23.05.2020 - TIMBROLOGIE

Was die Staaten zur Schau tragen wollen

Geschichtskultur und Politik ueber Briefmarken

1980 wollte die Deutsche Bundespost die Einführung des Weinbaus hierzulande würdigen. Die drei Bilder auf der 50-Pfennig-Briefmarke zeigten die Arbeit im Weinberg, in der Kelter und im Keller. „Zwei Jahrtausende Weinbau in Mitteleuropa“ besagte die Aufschrift. „Zwei Jahrtausende“ – das würde etwa 20 v. Chr. bedeuten, ein Vierteljahrhundert, nachdem Caesars Truppen die Gebiete an Rhein und Mosel erreicht hatten. Dass die ersten römischen Siedler gleich damit begannen, Wein anzubauen, ist aber ganz unwahrscheinlich, meint der Mittelalter-Historiker Achim Thomas Hack von der Universität Jena im neu erschienen Sammelband zur Kulturgeschichte der deutschen Briefmarke. Sicherlich wurde der Rebensaft einige Jahrzehnte lang noch aus dem Süden importiert. Mit dem großen Jubiläum hätte man, streng genommen, also noch eine Weile warten müssen. Ein bisschen zu spät kam dagegen 1998 die Briefmarke „Über 1.100 Jahre Hopfenanbau in Deutschland“. > mehr

18.05.2020 - PHILOSOPHIE

Passt nicht auf weite Teile der Welt

Die Saekularisierung im Abendland - und die Schwierigkeiten eines Exports

Nach dem 11. September 2001 befragte die Regierung der USA die RAND Corporation, wie potentiell terroristischen Strömungen im Islam entgegenzuwirken sei. Die Forscher des Think Tanks betonten in ihrer Antwort, problematischer als die Gewaltbereitschaft einzelner extremistischer Gruppen sei das Verhältnis vieler Muslime zu ihrer religiösen Tradition. Anders als im Christentum habe es im Islam bislang so etwas wie Reformation und Aufklärung nicht gegeben. Die „natürlichen Verbündeten“ des „Westens“ seien deshalb jene Muslime, die sich für eine „liberale“ Interpretation des Islams geöffnet hätten. Gedanken, die in Nordamerika und Europa viel Zustimmung fanden. In Teilen der islamischen Welt dagegen, berichtet die Anthropologin Saba Mahmood von der University of California, Berkeley, in ihrem Beitrag zum neu erschienenen Sammelband zum Thema „Säkularisierung“, wurden sie als herabwürdigende Pädagogik wahrgenommen, als „paternalistischer Gestus“. > mehr

13.05.2020 - MALEREI

Was nach dem Goldgrund kam

Sechs Jahrhunderte Welt- und Naturbilder in der Malerei

Links im Bild sitzt mit gefalteten Händen der Kanzler des Herzogtums Burgund, Nicolas Rolin. Der Blick des mächtigen Staatsmanns wirkt seltsam abwesend. Vielleicht, meinen die Kunsthistoriker, weil er die Madonna mit Kind, die vor ihm thront, nicht mit seinen irdischen Augen „sieht“; sie erscheint vielmehr seiner inneren Vorstellungskraft. Im Hintergrund, durch eine Säulenreihe hindurch, ist dagegen eine sehr real wirkende Flusslandschaft zu sehen. Drei Generationen vor dieser „Madonna des Kanzlers Rolin“, die der flämische Maler Jan van Eyck um 1435 schuf, wäre eine solche Landschaft noch unvorstellbar gewesen. Heiligenbilder hatten einen Goldgrund, der das göttliche Licht vertrat. Es weist auf einen Wandel im Verhältnis zur sinnlich wahrnehmbaren Welt hin, erklärt die Münchner Kunsthistorikerin Barbara Eschenburg in ihrer Studie über „Naturbilder – Weltbilder“, dass dieses Gold nach und nach durch die Landschaftsmalerei abgelöst wurde. In van Eycks gelbgolden glänzenden Himmel wirkt der alte Goldgrund noch nach. > mehr

08.08.2020 - DEUTSCHE LITERATUR

So wahr ich luege!

Vor 300 Jahren wurde Hieronymus Carl Friedrich von Muenchhausen, der Luegenbaron, geboren

Alles begann mit „Jägerlatein“. Im Alter von gerade einmal 17 Jahren hatte es den Freiherrn Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen ins Zarenreich verschlagen. Dort nahm er an Russlands Kriegen gegen die Osmanen und gegen Schweden teil. In Ruhepausen ging er gemeinsam mit einem Freund, dem wenige Jahre älteren baltischen Landadligen Georg Gustav von Dunten, auf dessen Gut im heutigen Lettland der Entenjagd nach. Und selbstverständlich wurde nach der Jagd in geselliger Runde geflunkert, was das Zeug hielt. Der junge Münchhausen muss ein wahrhaft begnadeter „Jägerlateiner“ gewesen sein. Am 11. Mai 1720, vor nunmehr 300 Jahren, war der „Lügenbaron“ in Bodenwerder bei Holzminden geboren worden. Nachdem er 1750 seinen Abschied aus der russischen Armee genommen hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, widmete er sich der Verwaltung seines ererbten Landgutes. Und seinen Passionen, also der Jagd und dem Erzählen unglaublicher Geschichten. > mehr

05.05.2020 - LINGUISTIK

Haare auf den Zaehnen und ein Brett vorm Kopf

Redewendungen rund um den menschlichen Koerper

Warum haben manche Menschen eigentlich „Haare auf den Zähnen“? In Schillers „Räubern“ vor fast 240 Jahren war noch vom „Haar auf der Zunge“ die Rede. Aber ob nun auf der Zunge oder auf den Zähnen – jedenfalls an einer Körperstelle, wo keine Haare wachsen. Der Ursprung der Wendung, meint der Autor Rolf-Bernhard Essig, der bereits mehrere Bücher über Sprichwörter und Redensarten veröffentlicht hat, liegt im Umstand, dass Männern mit der Pubertät überall oder fast überall am Körper Haare wachsen, Frauen dagegen nicht. Aufgrund der früher üblichen Aufgabenteilung, dass Männer und nur Männer für den Kampf zuständig waren, wurden Haare mit Mut assoziiert. Und Haare an Stellen, wo sie eigentlich nicht wachsen, mit ungehöriger Streitlust, vor allem bei Frauen. Essig hat in seinem neuen Buch etwa 500 Redewendungen rund um den menschlichen Körper unter die Lupe genommen, „von Kopf bis Fuß“. > mehr



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