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03.07.2008 - ARCHÄOLOGIE

Gemalt für die Ewigkeit, sichtbar für einen Tag

Bilder aus den Gräbern von Paestum in Berlin

von Josef Tutsch

 
 

"Grab des Schwarzen Ritters",
um 340 v. Chr.

Man stelle sich das einmal vor: In zweitausend Jahren sind alle Gemälde der großen Meister von Tizian bis Monet, von Rembrandt bis Picasso verloren. Die Geschichte der europäischen Malerei ist nur noch aus Romanen und kunsthistorischen Abhandlungen bekannt. Nun ja, erhalten geblieben sind Werke benachbarter Kulturen, in denen sich Einflüsse europäischer Maler feststellen lassen. Und dann eine Reihe von Kopien nach Tizian oder Rembrandt, entstanden ein paar Jahrhunderte später.

So ungefähr war es Mitte des 20. Jahrhunderts mit den Kenntnissen moderner Archäologen von der altgriechischen Wandmalerei bestellt. Anzuschauen gab es die etruskischen Gräber – etwa gleichzeitig mit den literarisch bekannten großen Malern, aber aus einer anderen Kultur. Und die Gemälde in den Ruinen von Pompeji – zum Teil nach griechischem Vorbild kopiert, aber eben viel später. Da kamen in den 1960er Jahren bei Ausgrabungen in Campanien südlich von Salerno zweihundert reich bemalte Gräber ans Tageslicht. Aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, gerade aus der Zeit, wo in Athen und am Hof Alexanders des Großen jene literarisch bezeugten Maler arbeiteten.

"Grab des Schwarzen Ritters",
um 340 v. Chr., 
Bild: Bucerius KUnst Forum,
Christoph Irrgang, Hamburg
 

In der Fachwelt verbreitete sich rasch das Wort von einer "Pinakothek der Antike". Jetzt konnte erstmals eine größere Auswahl dieser Platten Italien verlassen, im Berliner Martin-Gropius-Bau sind bis Ende September Teile dieser "Pinakothek" zu sehen. Ein Superlativ ist angebracht: Wahrscheinlich niemals zuvor war nördlich der Alpen soviel an antiker griechischer Malerei versammelt wie jetzt in Berlin und zuvor in Hamburg. Die Aufstellung ist sogar originalgetreuer als im Museum von Paestum. Dort hängen nur einzelne Kalksteinplatten an der Wand, da der Boden die vollständigen, tonnenschweren Sarkophage nicht tragen würde. Hier konnten die Stücke wieder zusammengesetzt und frei im Raum aufgestellt werden – der Besucher erblickt die Särge nicht viel anders als damals die Teilnehmer am Bestattungsritual, nur eben bei viel besserer Beleuchtung.

Die Fresken zeigen Kampf- und Jagdszenen, Opfer- und Bestattungsriten. Ein besonders beliebtes Motiv: die Heimkehr des Kriegers zu seiner Ehefrau, die ihn mit einem Willkommenstrunk begrüßt.  An ihrem rechten Handgelenk hängt ein Kännchen – das rituelle Gefäß, aus dem Hinterbliebene eine letzte Spende auf das Grab zu gießen pflegten; der Ritter ist im Kampf umgekommen. Anscheinend waren solche bemalten Gräber jenen Mitgliedern der Oberschicht vorbehalten, die einem plötzlichen Tod zum Opfer fielen. Schwer zu sagen, welche religiösen Vorstellungen dahinter standen. Vom italischen Volksstamm der Lukaner, der Paestum damals, im 4. Jahrhundert, beherrschte, liegen keine längeren schriftlichen Zeugnisse vor.

"Grab der Schecken", um 340 v. Chr.
Bild: Bucerius Kunst Forum, Christoph
Irrgang, Hamburg

Handelt es sich – trotz der lukanischen Herrenschicht – um griechische Kunst? Bernard Andreae vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom, der Kurator der Ausstellung, glaubt im einen oder anderen Fall sogar nachweisen zu können, dass der Künstler im griechischen Mutterland ausgebildet wurde. Vermutlich ließen die Lukaner, die um 400 vor Christus die Macht in der ehemaligen griechischen Kolonie Poseidonia übernommen hatten, die Handwerker ungestört weiterarbeiten. Gelageszenen in den Gräbern bezeugen, dass die von Haus aus "barbarische" Aristokratie sich rasch an griechische Lebensformen gewöhnt haben muss.

Und eben auch an den griechischen Kunstgeschmack. Die Gräber von Paestum, sagt Andreae, präsentieren "Provinzialkunst", mit unmittelbaren Reflexen auf das Schaffen etwa eines Nikias oder Apelles. Es war die Zeit, wo die Malerei damit begann, Räumlichkeit durch feine Schattierungen anzudeuten. Die späten Grabgemälde in den letzten Jahrzehnten vor der Eroberung der Stadt durch die Römer 273 zeigen einen viel plastischeren Stil als die flächig konturierten Bilder drei Generationen zuvor.

"Vase der Aphrodite",
Bild: Bucerius Kunst Forum,
Christoph Irrgang, Hamburg

Die religiösen Vorstellungen der Lukaner müssen den Stil allerdings doch beeinflusst haben. Die Gräber durften nicht auf Vorrat angelegt werden; fiel ein Ritter im Kampf, starb eine Frau im Kindbett oder ein Kind an einer Krankheit, wurden bereit gehaltene Kalksteinplatten mit frischem Stuck weiß grundiert und in einer Grube zum Sarkophag verkeilt. Die Künstler hatten die vier Wände in kaum mehr als einem Tag in Freskotechnik zu bemalen, das begünstigt die eigentümliche Frische und Lebendigkeit der Darstellung, die uns heute an Tiepolo erinnern mag. Gelegentlich sind Verschmierungen zu sehen, die dann nicht mehr ausgebessert werden konnten.

In einem Fall haben sich sogar die Schnüre, mit denen der Leichnam herabgelassen wurde, in den nassen Putz auf den Sargwänden eingeprägt. Noch erstaunlicher: Die Künstler mussten davon ausgehen, dass nach der Schließung des Grabes niemals mehr ein lebendes Wesen ihr Kunstwerk sehen würde. Dürfen wir überhaupt von "Kunst" reden? Hier ist begriffliche Präzision angeraten. Der Gedanke, ein Werk zu schaffen, das irgendwann demnächst im Museum landen würde, war den Künstlern zweifellos fremd, sie produzierten sozusagen "Verbrauchskunst", bestimmt für den flüchtigen Augenblick der Bestattungsfeier. Dem künstlerischen Rang dieser Werke, die wir heute als Glied in einer Jahrtausende langen Tradition der Weltkunst sehen können, tut das keinen Abbruch.

Giovanni Battista Piranesi: Poseidontem-
pel in Paestum (Zeichnung), 1777
Bild: John Soane's Museum, London
 

Nicht nur durch diese Gemälde drückten die Lukaner ihre Wertschätzung für die Toten aus. In einem Grab wurde eine volle Rüstung gefunden, in einem anderen eine bemalte Vase, fast einen Meter hoch – unvorstellbar, dass ein solches Prachtstück Tag für Tag im Haushalt benutzt worden wäre. Die Ausstellung wäre allerdings nicht vollständig ohne einen Blick auf das, was Paestum längst vor den Ausgrabungen der 1960er Jahren weltberühmt gemacht hat: das Ensemble der drei großen dorischen Tempel aus der Zeit der griechischen Kolonie. Nachdem sie Mitte des 18. Jahrhunderts in der von Menschen verlassenen campanischen Sumpflandschaft wiederentdeckt worden waren, bildeten sie das Entzücken der Italienreisenden aus dem Norden Europas.

"Ich pries den Genius, dass er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben lässt", schwärmte Goethe 1787. Nein, bloß mit Abbildungen wollten die Ausstellungsmacher in Hamburg und Berlin den Besucher nicht abspeisen. Im Zentrum dieses Ausstellungsteils stehen drei große Architekturmodelle in Kork, wie sie damals wohlhabenden Reisenden als Souvenirs angeboten wurden. An den Wänden ringsum hängen die berühmtesten jener Paestum-Bilder, die 21 Radierungen, die der römische Zeichner Giovanni Battista Piranesi 1777/1778, kurz vor seinem Tod angefertigt hat, dazu eine Auswahl von Piranesis Vorzeichnungen, die das Londoner Sir John Soane’s Museum ausgeliehen hat.

Leo von Klenze: Der ältere Heratempel in
Paestum (Öl auf Leinwand), 1859
Bild: Privatbesitz, Köln

Der Betrachter kann also vergleichen – inwieweit hat sich Piranesi streng dokumentarisch an das gehalten, was wirklich zu sehen war, wo hat er durch kleine Retuschen die Atmosphäre zum Ausdruck gebracht, die er in den Ruinen zu spüren glaubte? Ein reizvolles Nebenergebnis dieser Ausstellung über die Grabmalerei von Paestum: In wenigen Dutzend Gemälden, Zeichnungen, Radierungen und Aquarellen entfaltet sich eine kleine Rezeptionsgeschichte der Antike im 18. und 19. Jahrhundert. Architekten legten, um Sachlichkeit bemüht, ihre Studien zur Baugeschichte nieder, die Maler dagegen wollten dem Publikum auch eine pittoreske oder romantische Stimmung bieten, verwandelten die Tempel gar durch dunkel aufziehende Wolken in eine theatralische Bühnenlandschaft.

Nicht nur durch die Reisen, vor allem durch diese graphischen Blätter wurde Paestum neben Pompeji für Generationen europäischer Kunstliebhaber zum Inbegriff des Traums von der Antike. Dass ganz in der Nähe der Tempel eine riesige Sammlung antiker Malerei auf ihre Wiederentdeckung wartete, konnten Piranesi und Goethe und ihre Zeitgenossen nicht ahnen.


Ausstellung der Berliner Festspiele:
Malerei für die Ewigkeit. Die Gräber von Paestum
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Straße 7, Berlin-Kreuzberg
Geöffnet Mittwoch bis Montag 10 bis 20 Uhr, Dienstag geschlossen
Bis 28. September 2008
Eintritt 8 €, ermäßigt 6 €
Katalog in der Ausstellung 23 €


Mehr im Internet:
Malerei für die Ewigkeit. Die Gräber von Paestum
Paestum - Wikipedia
scienzz artikel Griechische Kunst





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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