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16.07.2008 - SPORTGESCHICHTE

Wenn der Berg ruft

Eine Kulturgeschichte des Alpinismus

von Josef Tutsch

 
 

"Stürme über dem Montblanc",
Spielfilm von Arnold Fanck,
1930

Ganz im Südwesten Tibets nahe der Grenze zu Indien liegt der 6.714 Meter hohe Berg Kailas, einer der wenigen Gipfel zwischen Mont Blanc und Mount Everest, die bislang niemals bestiegen wurden. Der Grund ist nicht etwa, dass die chinesische Regierung die Erlaubnis verweigert hätte; vielmehr sind bislang alle Bergsteiger vor den Protesten der Bevölkerung und der organisierten Religionsgemeinschaften zurückgeschreckt. Denn der Berg ist gleich vier Religionen heilig, den Buddhisten, den Hindus, den Jainas und den tibetischen Bönpos. Die Pilger pflegen den Berg auf einer 54 Kilometer langen Strecke zu umrunden, viele legen den Weg kriechend zurück oder werfen ihren Körper immer wieder der Länge nach zu Boden.

"Bestiegen wird der Gipfel aber nicht", berichtet der Bonner Historiker Peter Grupp, selbst passionierter Bergsteiger. "Dies wäre das Privileg dessen, der ganz ohne Sünde ist – er allerdings würde in einen Vogel verwandelt und könnte ohne Mühe hinauffliegen." Grupp hat eine umfangreiche Kulturgeschichte des Alpinismus vorgelegt. Wahrscheinlich handelt es sich um die erste im strengen Sinn historische Arbeit zu diesem Thema; was es bisher gibt, unter Titeln wie "Mensch und Berg", stammt aus der Feder von Bergsteigern, die mehr nebenbei ihr Interesse für die Vergangenheit entdeckten.

Erstbesteigung des Mont Blanc, 1787
(Radoerimg von Christian Mechel, 1790)
Selbstverständlich ist gar nichts, diese Faustregel der Kulturgeschichte gilt auch für den Alpinismus. "Bergsteigen" im modernen Sinn, also mit dem Ziel, den Gipfel zu erreichen, wie Grupp lapidar definiert, ist erst seit dem späten 18. Jahrhundert üblich geworden. Ein berühmtes Datum ist die Erstbesteigung des Mont Blanc 1787. Interessant scheint ein Detail am Rande: Erst auf Betreiben des Genfer Geologen Horace Bénédict de Saussure bemühten sich die Bewohner des Tals, einen geeigneten Weg zu finden. Der Gipfel hatte sie zuvor nicht im geringsten interessiert.

Das Mont-Blanc-Unternehmen stand im Zusammenhang eines Wandels im Verhältnis zur Natur. 1732 hatte der Berner Arzt Albrecht von Haller nach Wanderungen durch das Berner Oberland die Alpenlandschaft in einem umfangreichen Lehrgedicht verherrlicht: "Hier zeigt eine steiler Berg die mauergleichen Spitzen, ein Waldstrom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall ..." 1757 hatte der irische Philosoph Edmund Burke, angeregt durch einen anonymen griechischen Text aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, das "Erhabene" als eine ästhetische Grundkategorie wieder entdeckt – Beispiel: schroffe Bergformen. 1761 hatte Jean-Jacques Rousseau in seinem Roman "Nouvelle Heloise" das Leben in der Natur gepriesen: "Alle Menschen werden die Wahrnehmung machen, dass man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, freier atmet und sich körperlich leichter und geistig freier fühlt."  

Naturforscher in den Alopen
(Kupferstich von Martin Disteli,
1830)
Alle drei Literaten waren keine "Bergsteiger", allenfalls Haller, schreibt Grupp, hatte "wenige harmlose Gipfel" bezwungen. Aber sie zeigten einen Geschmackswandel an, der dem modernen Alpinismus den Weg bereitete. Die berühmteste Bergbesteigung aus früherer Zeit hat vielleicht gar nicht stattgefunden. Ein Brief Francesco Petrarcas legt es nahe, die Geburtsstunde des Alpinismus auf den 26. April 1336 zu datieren, jenen Tag, an den der große Humanist seine Expedition den Mont Ventoux in der Provence hinauf unternommen haben will. Tatsächlich schrieb Petrarca im Eingang dieses Briefes, er habe den höchsten Berg der Gegend bestiegen "lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennen zu lernen"; das erinnert, wie Grupp vermerkt, an George Mallorys Antwort auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle: "weil er da ist".

Aber als Petrarca den Gipfel erreicht hatte, griff er, statt lange die Aussicht zu genießen, zur mitgebrachten Lektüre, den "Bekenntnissen" des Augustinus, und fand auch prompt die passende Stelle, die dem Lockruf der Berge eine Absage erteilte: "Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selbst." Mehr als sechseinhalb Jahrhunderte danach kommt einem da eine groteske Vorstellung in den Sinn: die Astronauten zum Mars mit diesem Büchlein im Reisegepäck und nach der Landung auf dem Roten Planeten darin lesend.

 
Unfall am Matterhorn, 1865
(Lithographie von Gustave Doré
und Eugène Ciceri)
Ganz so grotesk ist diese Phantasie aber vielleicht doch nicht. Der Ehrgeiz einer Reise zum Mars mag mit der Gipfelstürmerei, von der Petrarca am Ende nichts wissen wollte, durchaus verwandt sein. Offenbar handelt es sich um ein europäisch-neuzeitliches Phänomen, wenngleich das Aufsteigen zum Gipfel auch in Asien nicht bei allen heiligen Bergen ein Tabu ist. So wallfahren Japaner den Fujiyama, Chinesen den Tai Shan, Buddhisten, Hindus und Moslems aus ganz Indien den Adam’ s Peak auf Ceylon hinauf. Alpinismus im Sinne einer sportlichen Herausforderung ist das natürlich nicht. Spezifisch neuzeitlich scheint, dass gerade das scheinbar Unmögliche reizt.

Das hat auf manchen Strecken zu einem kuriosen Hin und Her geführt. Um auch weniger geübten Kletterern das Unmögliche zu ermöglichen, wurden besonders beliebte Aufstiege mit vielen Haken; inzwischen gilt die Hakenkletterei in manchen Kreisen als stillos – Bergsteigen ohne Lebensgefahr sei eigentlich nicht so richtig Bergsteigen. Mancherorts wurden die Haken also wieder abmontiert. Da ergeben sich dann auch Situationen, die nachher, wenn sie bekannt werden, den Staatsanwalt beschäftigen. Grupp: "Bergsteiger, die auf klassischen Bergtouren in den Alpen ohne zu zögern einem Verunglückten zu Hilfe kämen, auch wenn sie dafür auf die eigene Tour verzichten müssten, gehen in der Extremsituation der sogenannten Todeszone an sterbenden Bergkameraden vorbei, ohne zu helfen oder auch nur genau hinzuschauen."

Gletscherforscher in den
Alpen (Radierung von James
B. Forbes, 1843)
Das gilt erst recht, wenn es sich dabei um "Fremde" handelt, also eigentlich Einheimische, die als Führer oder Hilfskräfte angeheuert werden. Nochmals Grupp: "Im Extremfall kann es geschehen, dass man sie im Schneesturm erfrieren lässt, weil man sich weigert, sie in die eigenen Zelte, die man sich von ihnen hat aufbauen lassen, aufzunehmen." Aber was suchen Extrembergsteiger eigentlich auf dem Gipfel? Der Bonner Historiker referiert eine Menge von Antworten, die auf diese Frage schon gegeben worden sind, und lässt den Leser am Ende doch ratlos. Ein polnischer Graf, der 1818 den Mont Blanc bestieg, wollte das aus Liebeskummer getan haben, jemand anders gestand, er habe im Bergsteigen ein Ventil für den Druck seiner sexuellen Energie gefunden.

Saussure wie so viele andere vor allem in dieser Frühzeit des Alpinismus wollte wissenschaftliche Messungen durchführen; andererseits sagte der Benediktinermönch Placidus a Spescha mit entwaffnender Offenheit, bei Beginn seiner Karriere 1788 am Fuß des Piz Urlaun in den Glarner Alpen sei ihn "die Lust angekommen zu versuchen, ob er ersteigbar wäre". In vielen Bergsteigerbüchern finden sich Floskeln wie "Süchtigkeit" und "unter Zwang", "dämonischer Drang" und "geheimnisvolle Stimmen". Ein Autor wehrte den Verdacht, es handele sich um Sport, pathetisch ab und erklärte die alpinistischen Hochtouren für "Lebenserhellung", ein anderer behauptete gar, der Bergsteiger diene "unbewusst der ganzen Menschheit", er sei Teil jenes Prozesses, der zur "Vorherrschaft des Geistes" führe.

Schweizer Reisläufer über-
queren die Alpen (Luzerner
Bilderchronik, 1513)
Grupp zitiert auch einen englischen Geistlichen, der sich eigentlich zum Agnostiker entwickelt hatte, auf dem Schreckhorn in den Berner Alpen aber dennoch fühlte, ihn habe "etwas beinahe Überirdisches berührt". Häufig diente den Besteigern der Augenblick auf dem Gipfel, abseits aller Öffentlichkeit, zu einer politischen Manifestation. 1838 leerte ein französischer Graf auf dem Mont Blanc ein Glas Champagner auf den Grafen von Paris, den Kronprätendenten gegen das in Frankreich herrschende Haus Orléans;. 1897 nutzte der Herzog der Abbruzzen die Expedition auf den Mount St. Elias in Alaska dazu, von der Niederlage des Königreichs Italien gegen Abessinien ein Jahr zuvor abzulenken. 1899 stimmten die Erstbesteiger der Felsnadel der Guglia in den Dolomiten, geographisch-politisch reichlich unpassend, die inoffizielle Hymne  des preußisch-deutschen Kaiserreichs an, die "Wacht am Rhein".

Darin lag eine deutsch-nationale Kampfansage gegen die österreichisch-ungarische Vielvölkermonarchie. Tatsächlich scheinen die deutschen und deutsch-österreichischen Alpenvereine, wie Grupp ausführt, früher als andere Gruppen für vaterländische Ideologien und antisemitische Tendenzen und schließlich den Nationalsozialismus anfällig gewesen zu sein. Die NS-Propaganda konnte die Erstbesteigung der Eigernordwand 1938 zur Heldentat des nunmehr vereinigten Großdeutschland stilisieren. Aber zurück zu den Motiven, die zum Gipfel treiben – trotz aller Risiken. Oder vielleicht gerade deswegen? Ohne Risiko gebe es keinen wirklichen Alpinismus, wird in der Literatur immer und immer wieder beteuert. Andererseits, so Grupp, "gilt, wie in jedem Lehrbuch nachzulesen ist, rechtzeitiges Umkehren als weiser Entschluss".

 
William Turner: Ansicht des Mont Blanc,
um 1814.- Bild: Tate Gallery, London
Ganz merkwürdig, was der Historiker über die Empfindungen auf dem Gipfel zu berichten weiß. "Nur im höchst seltenen Idealfall stellt sich unbeschwerte Gipfelfreude ein", "ganz häufig dominiert die Tristesse der Antiklimax". Typisch die Stelle aus den Erinnerungen eines Mount-Everest-Besteigers: "Langsam kommt nach der Freude die Traurigkeit, ein Gefühl der Leere: Eine Utopie ist Wirklichkeit geworden." Und damit eben auch entzaubert. Dem humanistisch gebildeten Forscher ist nicht entgangen, dass es da eine berühmte antike Parallele gibt: "Ovids 'post coitum animal triste' gilt sinngemäß auch für Bergsteiger."

Vielleicht kann diese Parallele ja den Nicht-Bergsteigern beim Verständnis des rätselhaften Phänomens helfen. Dagegen lassen uns die großen Dichter, die doch sonst oft eine Einfühlung in fremde Welten ermöglichen, allein. "Anders als im Falle der Seefahrt", ist Grupp aufgefallen, "zählt keine fiktionale Darstellung des Bergsteigens zur Weltliteratur." Immerhin besitzt die deutsche Sprache mit Adalbert Stifters "Nachsommer" einen großen Roman, in dem die Begegnung mit dem Berg als ein Element geschildert wird, das zur sittlichen Reifung beiträgt. Ebenso wenig erfolgreich ist die Suche in der Malerei. So oft auch Berge dargestellt sind – Ferdinand Hodlers monumentales Doppelgemälde über die Katastrophe am Matterhorn 1865, geschaffen 1894, bleibt ein Ausnahmefall.

Vorzeichnung von Ferdinand Hodler
zum Gemälde "Aufstieg und Absturz",
1894.- Bild: Kunsthaus Zürich
Nicht anders in der Musik. Das Hochgebirge ist eine beliebte Opernkulisse, von Rossinis "Wilhelm Tell" bis zu Catalanis "La Wally", aber Bergsteiger kommen nicht vor. Es gibt eine sinfonische Dichtung, Richard Strauss’ "Alpensinfonie" von 1914. "Das gelungene Abbild einer idealen Bergtour", schwärmt Grupp, "wie es so unmittelbar und packend wohl keine literarische Schilderung vermag". "Bergtour" in der Tat, das Orchester ist nach Kräften bemüht, die einzelnen Stationen vom "Anstieg" über den "Wasserfall", den "Gletscher" und den "gefahrvollen Augenblick" bis zum Höhepunkt "auf dem Gipfel" und dann durch "Gewitter und Sturm" den "Abstieg" hinunter zu illustrieren. Es ist wohl eine Frage des musikalischen Geschmacks, ob man das Ganze mitsamt Wind- und Donnermaschine nicht doch eher als Effekthascherei auffasst.

Filme – die sind zum Thema "Bergsteigen" reichlich produziert worden. Eine Übersicht allein zum "Eiger im Film" ergab zwei Dutzend Streifen von mindestens 45 Minuten Länge, außerdem eine Menge kurzer Beiträge mit aktuellem Inhalt. Meistens handelt es sich um Dokumentationen; aber die Grenzen sind fließend. Bereits 1932 empfahl ein englischer Alpinist seinen Kollegen, falls sie einen Expeditionsfilm planten, müssten "getürkte oder authentische Zwischenfälle eingebaut werden, die mindestens so ekelhaft sein sollten wie die, die das Publikum im Colosseum zu Rom begeistert hätten". Reinhold Messner wird das Richtige getroffen haben mit seinem spitzen Kommentar über ein Filmprojekt von Werner Herzog, in das er selbst eingebunden war: Es sei "offenbar viel schwieriger, den Berg auf die Leinwand zu bringen als den Menschen auf den Berg".


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter Grupp: Faszination Berg. Die Geschichte des Alpinismus,
Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2008, ISBN 978-3-412-20086-2, 29,90 €



Mehr im Internet:
Alpinismus - Wikipedia 
scienzz artikel Sport  







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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