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18.07.2008 - WISSENSCHAFTSJOURNALISMUS

Affären, Weissagungen, explodierende Mikrowellen

Wissenschaft und Öffentlichkeit, ein schwieriges Verhältnis

von Josef Tutsch

 
 

Die Eule, der Vogel der Weisheit,
von einer attischen Drachme,
5. Jh. v. Chr.
Bild: Kreissparkasse Köln
Wenn die beiden Moderatoren von "Clever", der "Show, die Wissen schafft", irgendwann demnächst ihre Memoiren schreiben – welchen Titel werden sie sich einfallen lassen? Vielleicht "Hundert Methoden, eine Mikrowelle zur Explosion zu bringen"? Die Erinnerung an diesen Running gag hat gute Chancen, im Gedächtnis der Zuschauer die Sendung selbst um ein paar Jahre zu überleben, und das kann man nicht von jedem Fernsehmagazin sagen. Bleibt sonst noch was? Vielleicht der allgemeine Eindruck, dass Wissenschaft aufregend sein kann – gut möglich, dass in ein paar Jahrzehnten ein Ingenieurwissenschaftler vor laufender Kamera eingesteht, es sei die Sendung "Clever" gewesen, die ihn zu seinem Berufswunsch gebracht habe.

Vorderhand müssen wir uns eingestehen: Wir wissen nicht, was solche wissenschaftsjournalistischen Bemühungen auslösen. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat das aktuelle Heft ihres Magazins "Gegenworte" dem Thema gewidmet, unter der Überschrift "Wissen schafft Publikum". Dieses Publikumsinteresse scheint unbestreitbar. Die freie Journalistin Angela Hübsch hat allein bei deutschen Fernsehsendern täglich mehr als 20 Stunden Programm mit mehr oder weniger wissenschaftlicher Thematik gefunden, von der Relativitätstheorie bis zu Grippemedikamenten.

Aber Einwände liegen natürlich nahe. Barbara Witte, Kommunikationswissenschaftlerin an der Hochschule Bremen: "Ist die journalistische Falle die Unseriosität, die sich als Kurzweil kaschiert, so besteht die wissenschaftliche Falle in der Langeweile, die sich als Seriosität ausgibt." Vielleicht trifft der gängige Ausdruck "Wissenschaftsjournalismus" ja auch gar nicht das Richtige. Im allgemeinen,  betont Verena Linde, selbst Redakteurin beim Magazin "Welt der Wunder", geht es vielmehr um "Wissensjournalismus": Bürger fragen, Experten antworten. Das Erfolgsrezept eines Magazins wie "Welt der Wunder", so Linde: "Journalisten müssen sich bemühen, den Leser auf seinem Wissensstand abzuholen und nicht das, was die Wissenschaft vorgibt, nur ein bisschen verständlicher zu machen."

Klio, die Muse der Geschichte,
Gemälde von Eustache Le Sueur,
um 1643.- Bild: Louvre, Paris

Das sind verschiedene Blickrichtungen, und dass der "Wissensjournalismus" sein Recht hat, wird ja niemand bestreiten, wenngleich der Leser doch etwas verwundert ist, wie leichthin Verena Linde die Fallstricke übergeht, die da lauern. Um bei Lindes Beispielen für Geschichten zu bleiben, die "nicht nur informieren, sondern auch spannend" sind: "Geheimwaffe Falschgeld, wie Blüten die Weltgeschichte prägen" – ja, warum eigentlich nicht? "Der Geheimbund der Pharaonen" – hm, keine Ahnung, welcher Geheimbund aus zweieinhalb Jahrtausenden Pharaonengeschichte gemeint sein könnte. Vor zwei, drei Jahrzehnten wurde in den Universitäten Geschichte als historische Sozialwissenschaft propagiert, heute lautet die Devise eher Geschichte als historische Kulturwissenschaft. Geht es hier etwa "wissensjournalistisch" um Geschichte als historische Klatschpesse?

Schließlich die Weissagung der alten Maya, "dass die Welt 2012 untergeht"; Lindes Begründung dafür, dass mit diesem Thema Aufmerksamkeit geweckt werden kann: "Der Bezug zum Leser und damit in die heutige Zeit darf nicht fehlen." Dieses Argument muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Bezug zum bald bevorstehenden Jahr 2012 besteht dann und nur dann, wenn man solchen Weissagungen, einschließlich Datumsberechnung, einen Realitätsgehalt zubilligt. Das kann man natürlich auch tun, nur – es liegt außerhalb dessen, was moderne Wissenschaft tut und von ihren methodischen Voraussetzungen her tun kann.

Spannend könnte es sein, solche Weissagungen als Zeugnisse einer anderen, fremden Wissenschaftskultur zu betrachten und die moderne – unsere moderne – Wissenschaftskultur daneben zu halten. Lindes Forderung nach einer "ungewöhnlichen" Perspektive wäre vermutlich sogar erfüllt; aber lässt sich damit die Neugier des Lesers wecken? Oder, um es ins Kommerzielle zu wenden, die Kauflust von etwa 100.000 Lesern Monat für Monat? Eckart Klaus Roloff, bis letztes Jahr Wissenschaftsredakteur beim "Rheinischen Merkur", hat einen Blick auf das geworfen, was vor 550 Jahren, kurz nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, publiziert wurde: "Regeln zu Aderlass und Harnschau, astronomische Durchblicke und Spekulationen, Meldungen zu Pest und Cholera, von Erdbeben, Nordlichtern, Kometen und Wundern, von Missgeburten und Scheintoten."

Urania, die Muse der Astronomie
römische Kopie nach Original
des 5. Jh. v. Chr.
Bild: Museo Pio-Clem., Vat.

Ein Blick in die vermischten Seiten der Zeitungen von heute zeigt, dass sich da nicht viel geändert hat, auch die Wissens- (oder Wissenschafts-)magazine in Presse und Fernsehen knüpfen gern an solche Schlagworte an. Aber, wie Roloff feststellt: "Aufklärung war schon immer gefragt und gefordert." Es hängt auch nicht am Thema. Würde man jene Flugblätter aus den ersten Jahren nach Gutenberg durchforsten, könnte man vielleicht sogar die eine oder andere aufklärerische Perle finden. Aber zurück zum Begriff "Wissenschaftsjournalismus". Zieht man eine Parallele mit anderen Presseressorts – Politik, Wirtschaft, Feuilleton – müsste es darum gehen, dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, was dort geschieht.

Und zwar heute geschieht, und das ist zweifellos schwierig, da ja kaum zu sagen ist, was der Leser – jeder einzelne Leser – vom Gestern als Voraussetzung des Heute weiß. Im politischen Teil kann der Redakteur einiges aus der Zeitgeschichte voraussetzen; aber in der Wissenschaft, und zwar über die ganze Bandbreite der Fächer hinweg? Die Herausgeber der "Gegenworte" zitieren Lessing: "Kein Skribent muss seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen!" Oder googeln, setzen die Herausgeber hinzu, reflektieren aber nicht, dass Bücher vor zweieinhalb Jahrhunderten von einer recht dünnen Schicht Gebildeter oder Vorgebildeter gelesen wurden, während Zeitungen, Fernsehen und Internet sich heute an große Massen wenden. Das macht vielleicht auch für das Fragen-Können und Fragen-Wollen einen Unterschied aus.

Peter Weingart, Soziologe an der Freien Universität Berlin, datiert den Wandel auf die 1920er und 1930er Jahre, mit dem Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zur Massendemokratie: "Das Publikum galt plötzlich als unwissend und desinteressiert, Popularisierung verlor ihre vorherige Anerkennung durch die Wissenschaft." Das ist – Stichworte Relativitätstheorie und Quantenmechanik – zum mindesten in den Naturwissenschaften auch die Kehrseite einer Erfolgsgeschichte. Es könnte aufschlussreich sein, die Entwicklung der modernen Musik daneben zu setzen: die Spaltung zwischen "E-Musik" und "U-Musik". "Moderne" Musik, angefangen bei Arnold Schönbergs atonalen Experimente, die inzwischen auch schon wieder hundert Jahre zurückliegen, hat bis heute beim Konzertpublikum einen schweren Stand.

Apollo und die neun Musen, Fresko von
Giulio Romano in Forenz, um 1540
Bild: Palazzo Pitti, Florenz

Trägt die Propagierung wissenschaftlicher Themen in den Massenmedien– einschließlich der ministeriell verordneten "Wissenschaftsjahre" – eigentlich dazu bei, dass die Anliegen der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit eher akzeptiert werden? Stehen die Bürger zum Beispiel der Stammzellenforschung aufgeschlossener gegenüber, wenn sie die zugehörigen biologischen Grundbegriffe verstehen? Ulrich Schnabel, Redakteur für das Ressort "Wissen" bei der Wochenzeitung "Die Zeit", winkt ab: Verständnis führt offenbar nicht automatisch zu Akzeptanz. Es scheint kaum angebracht, sich darüber groß zu wundern. Wenn es richtig ist, dass in der Stammzellenforschung ethische Probleme liegen, kann größeres Verständnis doch nur dazu führen, dass auch diese Probleme schärfer gesehen werden.

Klimaforschung: Merkwürdig, dass keiner der Autoren auf dieses Feld, das von der Öffentlichkeit derzeit mit soviel Hoffnung beobachtet wird, näher eingehen wollte. Womöglich, weil allen die Zweischneidigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts bewusst war? Die westliche Wissenschaft, schreibt der Kölner Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, es klingt beinahe hymnisch, hat "Europa auf seinem Sonderweg zu dem Wohlstand gebracht, den wir gern genießen. Wohl wahr, freilich mit unerwünschten Nebenprodukten, die zu bereinigen Wissenschaft sich heute bemühen muss. Zum Beispiel die dramatische Erhöhung des Kohlendioxidausstoßes.

"Wissenschaft ist einerseits riskant und andererseits in ihren Folgen diffus", stellt Jürgen Kaube, Feuilletonredakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", fest. "Der Anteil derjenigen Fragen, die sich außerhalb der Forschung niemand stellt, nimmt in allen Disziplinen stetig zu." Freundlicher gesagt: jener Fragen, die aus nichts anderem resultieren als aus der Neugier der Forscher. Aber ist das eigentlich so neu? Goethes Faust wollte wissen, "was die Welt im Innersten zusammenhält"; was die Nichtwissenschaftler davon hatten, interessierte ihn nicht. Damals allerdings gab es keine demokratische Öffentlichkeit, die vor allem wissen wollte, was mit ihren Steuergeldern angestellt wird.

  
Fama, Göttin des Gerüchts -
und des Ruhms, Dresdner
Kunstakademie,1890
Bild: Stadtportal Dresden
Damit mag es zusammenhängen, dass Romane aus dem Wissenschaftsmilieu zur Zeit Konjunktur haben. Diese "Campusliteratur", stellt die Freiburger Literaturhistorikerin Kathrin Klohs fest, vermittelt zwar anders als der "Wissensjournalismus" tatsächlich einen Eindruck, was im Wissenschaftsbetrieb los ist, befasst sich aber keineswegs mit Erkenntnisfortschritten, sondern vielmehr, wie Romane aus anderen Milieus auch, mit "Intrigen und Skandalen, Morden und Liebesaffären, Fälschungen und Bestechungen".

Dass die Logik des Wissenschaftsprozesses selbst zum Thema gemacht wird, ist offenbar ein rarer Fall, im deutschen Sprachraum, noch mehr als im englischen. Kaube nennt Simon Singhs Buch über die Fermatsche Vermutung, wahrscheinlich das einzige Buch zur Mathematik, das ein Bestseller wurde. Den Geistes- und Sozialwissenschaften fällt es schwerer als dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Spektrum, solche "Welterfolge am Sachbuchmarkt zu erzielen", hat Kaube am Beispiel der Soziologie beobachtet. Ob das so allgemein richtig ist, ließe sich vielleicht bezweifeln. Eine Erklärung liegt nahe:  Durch die Erfolgsgeschichte von Naturwissenschaften und Technik wurde den anderen Disziplinen der Minderwertigkeitskomplex eingeimpft, nicht so richtig "wissenschaftlich" zu sein.

Inzwischen ist, wie Kaube konstatiert, auch so manche außerwissenschaftliche Legitimationsstrategie fragwürdig geworden – Schlagworte wie "Aufklärung" einerseits, "Sozialtechnologie" andererseits. Da könnte man leicht auf den Verdacht kommen, dass der eine oder andere Geistes- oder Sozialwissenschaftler, statt sich in die Öffentlichkeit zu wagen, doch lieber die eigene wissenschaftliche Seriosität durch das gehörige Quantum an Langeweile und Unverständlichkeit unter Beweis zu stellen versucht.


Neu auf dem Zeitschriftenmarkt:
Wissen schafft Publikum. Ansichten von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit,
Gegenworte. Hefte für den Disput über Wissen,
19. Heft, Frühjahr 2008,
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften



Mehr im Internet:
Wissenschaftsjournalismus - Wikipedia







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur



 

 

 

 

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