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31.07.2008 - GRIECHISCHE LITERATUR

Freie Menschen und freie Götter

Eine Destruktion des Schicksalsbegriffs in Homers Epen

von Josef Tutsch

 
 

Homer (römische Kopie nach einer
Büste des 2. Jh. v. Chr.)
Bild: British Museum London

Wer als Jugendlicher Gustav Schwabs "Schönste Sagen des klassischen Altertums" verschlungen hat, wird die Szene nicht mehr vergessen: Zum Höhepunkt des zehnjährigen Krieges um Troja greifen die Götter selbst in das Kampfgeschehen ein. Göttervater Zeus hat ihnen grünes Licht gegeben, sich nach Belieben auf der einen oder anderen Seite zu engagieren. Denn sonst, befürchtet Zeus, würde der Held Achilleus, durch den Tod seines Freundes Patroklos auf Äußerste ergrimmt, mit solcher Gewalt gegen die Trojaner streiten, dass die Stadt sofort fallen könnte.

"Sorg ich, dass er die Mauer auch trotz dem Schicksal verwüste", sagt Zeus in der klassischen deutschen Übersetzung von Homers "Ilias", von Johann Heinrich Voß, 1793. Womöglich ist weder Voß noch dem Nacherzähler Schwab aufgefallen, welche Probleme in diesem Satz liegen. Kann das eigentlich sein, dass ein einzelner Mensch den schicksalhaft vorgegebenen Verlauf der Dinge ändert? Oder leitet uns der Übersetzer in die Irre, ist der griechische Ausdruck "hypèr móron" mit "trotz dem Schicksal" irgendwie schief wiedergegeben? Aber wenn nicht "Schicksal", was hat Zeus – oder vielmehr Homer – dann sagen wollen?

Achilleus und Ajax beim Brettspiel,
Vase des Exekias, 6. Jh. v. Chr.
Bild: Vatikanische Museen

Eine harte Nuss, die zu knacken bereits Tausende Griechisch-Schüler im Gymnasium sich vergeblich bemüht haben werden. Efstratios Sarischoulis, Nachwuchsforscher an der Freien Universität Berlin, hat die Frage jetzt neu aufgegriffen und ist zu einem Ergebnis gelangt, das gerade im deutschen Sprachraum, wo Homer seit mehr als zwei Jahrhunderten hauptsächlich in der Voßschen Übersetzung gelesen wird, verblüffen muss: "Das postulierte Schicksal bei Homer entspricht lediglich dem Schicksalsglauben der Interpreten Homers."

Es wird nützlich sein, sich klarzumachen, dass auch die Lexika nichts anderes bieten als solche Interpretation. Der vielbenutzte "Menge-Güthling", das große enzyklopädische Wörterbuch der griechischen Sprache, vermerkt lapidar, "hypèr móron" bedeute "gegen den Schicksalsschluss". Es könnte lohnend sein, Wörterbücher und Übersetzungen in anderen Sprachen zu vergleichen. In der wissenschaftlichen Literatur jedenfalls gibt es auch andere Stimmen. Der Religionshistoriker Martin P. Nilsson stellte bereits in den 1920er Jahren fest, Wörter wie "moira" bei Homer enthielten nichts weiter als "die Konstatierung, wie es nun einmal geschehen ist". Genauer: wie es aus der epischen Tradition dem Dichter und seinem Publikum als Fabel geläufig war.

Odysseus lauscht den Sirenen, 5. Jh.
Bild: British Museum London

Die Versuchung liegt nahe, eine solche Aussage ins Postmoderne umzudeuten: Homer ließ seine Götter in den Krieg eingreifen, damit er weitererzählen konnte und nicht durch den übermenschlichen Kampfeinsatz des Achilleus genötigt war, die Handlung vorzeitig abzubrechen – weniger "trotz dem Schicksal", wie es bei Voß heißt, sondern entgegen dem vorgegebenen "Plot". Hier ist natürlich Vorsicht geboten; unser Wissen reicht nicht für so etwas wie eine Erzählerpsychologie der "Ilias" und der "Odyssee". Immerhin neigt die neuere Forschung dazu, in "Homer" wieder eine individuelle Dichterpersönlichkeit zu sehen und nicht ein Kollektiv von Rhapsoden.

Lässt sich aus den Texten eine homerische Theologie und Anthropologie rekonstruieren? Sarischoulis warnt vor Generalisierungen. Aber wenigstens in einem, wenn man so will, negativen Punkt zeitigt seine ausführliche Analyse all jener Wörter bei Homer, die im nachhinein als "Schicksalsbegriffe" bekannt sind, ein eindeutiges Ergebnis: Diese Begriffe "bringen in keiner Weise eine vorherbestimmende Schicksalsmacht zum Ausdruck, noch einen damit verbundenen Glauben an die unvermeidliche Vorbestimmung des Geschehensablaufs".

Rembrandt: Aristoteles vor der
Büste Homers
Bild: Metropolitan Mus. New York

Um nur den wichtigsten Ausdruck "moira" zu nehmen: "Als die allgemeine regelnde Macht im Grundbestand all dessen, was ist, ist Moira göttlich und eine Gottheit, aber in ihrer Allgemeinheit eben kein Gott von umrissenem Charakter", schrieb der deutsche Altphilologe Wolfgang Schadewaldt in den 1930er Jahren recht diplomatisch. Sarischoulis’ etymologische Analyse fällt entschiedener aus. "Moira" sei keine irgendwie aktiv eingreifende Gottheit, sondern "die angemessene, von den Göttern zugebilligte Teilhabe des einzelnen an den Lebensereignissen" – so wie wir auch heute vielleicht von einem "Lebensschicksal" sprechen würden, ohne damit einen metaphysischen Determinismus zu meinen.

Das hat Auswirkungen bis hinein in die Orthographie. Anders als bei späteren Dichtern wäre es demzufolge nicht zweckmäßig, "moira" bei Homer mit großem Anfangsbuchstaben zu schreiben. Tatsächlich kann Sarischoulis an einigen Schlüsselszenen beider Epen aufzeigen, dass die Helden sich keineswegs von einem übermächtigen Schicksal getrieben fühlen. Konnte Achilleus sich "frei" entscheiden zwischen den beiden Perspektiven, von denen Homer ihn sprechen lässt: entweder ein langes Leben oder ewiger Nachruhm? Schadewaldt meinte, dieses "Kommende" sei "nicht erst Folge seines eigenen Entschlusses, sondern gegebene Schicksalswirklichkeit".

Giovanni Antonio Bazzi, gan. Il
Sodoma: Die drei Parzen, um 1525
Bild: Palazzo Barberini, Rom

Sarischoulis dagegen sieht das Zwangsläufige bloß in dem Umstand, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann und dass Menschen nun einmal sterblich sind und dem Tod nicht entgehen können. Die Interpreten haben das "Fatalismus" genannt; in einer kriegerischen Gesellschaft, wie Homers Epen sie voraussetzen, wird der Tod wohl gegenwärtiger gewesen sein als heutzutage. Aber von einem "Fatum" im Sinn eines vorgegebenen Geschehensablaufs lässt Sarischoulis nichts übrig.

Ob sich auch der viel umrätselte "Plan" oder "Wille" des Zeus, von dem bereits im fünften Vers der "Ilias" die Rede ist, in diese Deutung einfügen lässt? Andere Interpreten haben die Stelle mit einem berühmten Vers aus der "Odyssee" in Verbindung gebracht: Die Götter hätten den Trojanischen Krieg ins Werk gesetzt, damit "auch noch die Künftigen Stoff für Gesänge bekommen". Sarischoulis beharrt dagegen darauf, göttliche Eingriffe seien immer als "konkrete Reaktionen einzelner Götter" auf menschliche Taten oder Pläne aufgefasst. Beispiel: Die Göttin Athene will Achilleus davon abbringen, seinen Oberbefehlshaber Agamemnon, von dem er sich schwer beleidigt fühlt, kurzerhand zu erschlagen: "Du aber halt an dich und gehorche uns!"

"Ilias"-Film von Wolfgang
Petersen, 2004

Achilleus’ Antwort fällt höflich, aber selbstbewusst aus: "Es geziemt sich wohl, Göttin, euer Wort zu achten, selbst wenn es einem im Innern so richtig vor Wut kocht." Die Entwicklung der Handlung werde in beiden Epen "auf selbstgewählte Motive und auf bewusst frei getroffene Entscheidungen frei handelnder Menschen und frei handelnder Götter zurückgeführt", resümiert Sarischoulis. Eine Terminologie, die allerdings ebenso wie die gewohnte Rede vom "Schicksal" die Gefahr beinhaltet, dass zweieinhalb Jahrtausende späterer philosophischer und theologischer Diskussion um Willensfreiheit in die homerischen Dichtungen hinein projiziert werden.

Ebenso irreführend wäre es, den biblisch-christlichen Gottesbegriff mit Homers Göttern zu vermengen. "Die Götter handeln, wirken und gebärden sich wie Menschen", hat Nilsson festgestellt; sie streiten miteinander und lassen sich überlisten, sie lachen, weinen und schlafen. Den Menschen sind sie an Stärke weit überlegen, aber von göttlicher Allmacht ist keine Rede. Kein Wunder also, dass die Sekundärliteratur voll ist von Spekulationen, ob diese Götter ebenso wie die Menschen dem Schicksal unterliegen oder umgekehrt sie selbst das Schicksal mitbestimmen oder beide Größen miteinander in nicht recht geklärter Weise zusammenwirken.

Johann Heinrich Voß (1751-1826)
Sepiazeichnung von J. N. Peroux
Bild: Sammlung Kippenberg

Wenn Sarischoulis mit seiner Destruktion des Schicksalsbegriffs in den homerischen Epen Recht hat, erübrigt sich diese Debatte. Dann sind die Götter ebenso wie die Menschen frei handelnde Figuren, gebunden freilich an natürliche Umstände und gesellschaftliche Konventionen. Und vor allem an die Handlungsvorgaben, die der Dichter nicht ignorieren konnte, weil sie seinem Publikum zu gut vertraut waren. Homers dichterische Kunst, so Sarischoulis, erweist sich darin, dass auch seine Götter, bei aller Funktionalität für den Handlungsablauf, keine "Marionetten" sind.

Die spätere Entwicklung des Gedankens von göttlicher Allmacht deutet sich in einem beinahe nebensächlichen Punkt an. Die übrigen Götter müssen persönlich anwesend sein, wenn sie das Geschehen in der Menschenwelt beeinflussen wollen. Der Göttervater Zeus vermag von ferne zu wirken – vorausgesetzt freilich, dass seine listige Gattin Hera ihn nicht im Ehebett, von der Liebesanstrengung ermüdet, sanft schlummern lässt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Efstratios Sarischoulis: Schicksal, Götter und Handlungsfreiheit in den Epen Homers
(Palingenesia. Schriftenreihe für Klassische Altertumswissenschaft, Band 92),
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09168-8, 64,- €


Mehr im Internet:
Homer- Wikipedia
Werke von Homer in der Freien Digitalen Bibliothek
scienzz artikel Religion in der Antike
scienzz artikel Antike Literatur





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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