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kultur

08.08.2008 - SPORTGESCHICHTE

Tricks, Korruption und Gewalt

Allerlei Gefährdungen und Versuchungen bei den Olympischen Spielen der Antike

von Josef Tutsch

 
 

Athlet schabt sich Öl und
Staub an ("Apoxyomenos"),
römische Kopie nach Lysipp,
4. Jahrhundert v. Chr.
Bild: Vatikan. Museen, Rom

"Bubon, der Sohn des Pholos, warf mich mit einer Hand über seinen Kopf", können die Besucher des Museums in Olympia auf einem sonst unbearbeiteten Felsbrocken lesen. Da muss jemand kräftig geflunkert haben, der Brocken wiegt stolze 143,5 Kilogramm. Es ist nicht bekannt, welche Gewichte antike Athleten bewältigen konnten, Gewichtheben gehörte nicht zu den Disziplinen, die bei den großen Wettkämpfen in Olympia, Nemea, Korinth und Delphi üblich waren. Aber vielleicht hätte Bubon mehr für seinen Nachruhm tun können, wenn er dort beim Diskuswerfen angetreten wäre. Etwa 20 antike Disken sind noch erhalten, berichtet die englische Historikern Judith Swaddling in ihrer Monographie über die Olympischen Spiele des Altertums, das Gewicht lag im Durchschnitt bei 2,5 Kilogramm. 

Das ist nahe an den 2 Kilogramm, die heute üblich sind. Auch sonst wäre uns vieles im antiken Olympia recht bekannt vorgekommen. Die Organisatoren rechneten mit viel Ehrgeiz bei den Spielern und demzufolge mit einer Menge Einfallsreichtum, notfalls auch am Rande der Regularien. Deshalb wurden in einem Schatzhaus drei offizielle Disken aufbewahrt, die einen fairen Wettbewerb gewährleisten sollten. Auch Schilde mit Standardgewicht lagen dort bereit – nicht etwa für eventuelle Kämpfe im Heiligtum, sondern weil der Waffenlauf eine der Disziplinen war. Die Wettkämpfer rannten in voller Rüstung, das muss recht komisch gescheppert haben, erinnerte die Zuschauer aber auch daran, dass die sportliche Ertüchtigung einen handfesten militärischen Sinn hatte.

Rekonstruktion des Zeustepels in
Olympia, um 1900

Objektive Messmethoden für Gewichte und Schnelligkeiten gab es freilich noch nicht, anders als heute traten die Athleten also nicht gegen Uhren und Waagen an, um einen neuen Rekord aufzustellen, sondern ausschließlich gegeneinander. Bei Läufen und Wagenrennen hatten die Kampfrichter auch keine Aufnahmen in Zeitlupe parat, sie mussten sich auf den Augenschein verlassen. Es gab ein ausgeklügeltes Regelwerk, das zum Beispiel verbot, beim Lauf um das Stadion die bequeme Abkürzung an der Innenseite der Pfosten zu nehmen – in der große Masse von Läufern durfte man hoffen, nicht erwischt zu werden. Oder den Gegner beim Ringkampf zu beißen und zu treten und ihm die Finger in empfindliche Körperöffnungen zu bohren.

Zweifellos war Bestechung aber der aussichtsreichste Weg, den Ausgang zu manipulieren. Den berüchtigtsten Fall lieferte Kaiser Nero, der 67 nach Christus zum Wagenrennen antrat. "Als er aus dem Wagen geworfen wurde, hob man ihn zwar wieder hinein", berichtete der Historiker Sueton, "er konnte aber nicht durchhalten, sondern musste vor Beendigung des Laufes aufgeben – nichtsdestoweniger wurde er mit dem Siegerkranz ausgezeichnet." Neros Nachfolger Galba bestand darauf, dass die Kampfrichter das Bestechungsgeld zurückzahlten.

Pankrationszene, rechts ein drohender
Schiedsrichter, attisch, um 480 v. Chr.
Bild: British Museum London

Dabei mussten doch vor Beginn der Spiele sowohl Athleten und Trainer als auch die Schiedsrichter im Rathaus von Olympia vor dem Bild des Schwurgotte Zeus einen Eid schwören, sie würden "in keinem Punkt gegen die Regeln der Olympischen Spiele verstoßen". Niemand hätte sich vorstellen können, dass man so wenig Respekt vor dem Gott haben könnte, sich dennoch in einer Bestechung zu versuchen, vermerkte im 2. Jahrhundert nach Christus etwas hausbacken der Reiseschriftsteller Pausanias. Die Organisatoren der Spiele, Beamte des Staates Elis, auf dessen Gebiet Olympia lag, wollten sich darauf lieber nicht verlassen. Sie drohten mit empfindlichen Geld- und Körperstrafen. Wer die Regeln verletzte oder die Anweisungen der Kampfrichter missachtete, konnte öffentlich ausgepeitscht werden – eine Strafe, die sonst nur über Sklaven verhängt wurde.

Die Tricks, von denen in den Quellen berichtet wird, nehmen sich allerdings eher bescheiden aus. So sahen die Regularien vor, dass die Ringer, nachdem sie sich mit Olivenöl eingerieben hatten, Staub auf die Haut puderten, damit der Gegner eine Chance hatte, seinen Griff anzusetzen. Wie bei dem Komödiendichter Aristophanes zu lesen ist, pflegten manche Ringer danach aber mit ihrer öligen Hand nochmals über die Haut zu fahren. Oder sich, wenn sie zu Boden geworfen waren, hastig den Sand abzustreifen, damit man ihnen den Fall nicht mehr nachweisen konnte.

Kopie nach dem Zeusbild
des Phidias in Olympia
Bild: Erm. St. Petersburg

Nicht auszuschließen ist, dass es so etwas wie Doping gegeben hat, leistungssteigernde Mittel, wie sie vielleicht auch bei manchen religiösen Kulten verwendet wurden. Aber unsere Quellen erlauben keine genaue Antwort. Dagegen wurden über die für Athleten geeignete Ernährung ganze Handbücher geschrieben. Getrocknete Feigen, feuchter Käse und Weizen galten als zweckdienlich und vor allem viel Fleisch. Im 2. Jahrhundert nach Christus empfahl der Arzt Galen für den Muskelaufbau der Gladiatoren Bohnen, vorausgesetzt, sie waren so lange gekocht, dass sie keine Blähungen mehr hervorrufen konnten. Galen nannte auch eine "braune Olympiasieger-Salbe", die gegen Muskelzerrungen helfen sollte, bestehend aus Opium, Weihrauch, Aloe, Myrrhe, rohem Ei und einer Reihe anderer Ingredienzien.

Durch Einreiben mit Olivenöl versuchte man, einem Sonnenbrand vorzubeugen. Denn die Spiele fanden ausgerechnet in der heißesten Jahreszeit statt; zum Beispiel der Philosoph Thales von Milet soll als Zuschauer in Olympia an einem Sonnenstich gestorben sein. Gar keine Mittel – außer regelmäßigem Gebet zu Zeus Apomyios, dem "Mückenvertreiber" – hatte man gegen die Moskitos. Solche Gefahren hinderten aber nicht daran, dass sich alle vier Jahre in Olympia eine Woche lang toute la Grèce ein Stelldichein gab. Es wurden nicht nur sportliche Wettkämpfe abgehalten; Dichter, Philosophen und Historiker trugen aus ihren Werken vor, Diplomaten verhandelten über Krieg und Frieden.

Wagenrennen, attisch, um 410 v. Chr.
Bild: British Museum London

Mehrere Wochen vor und nach dem Termin galt zwischen allen teilnehmenden Staaten ein Waffenstillstand. Wer ihn verletzte, musste ein empfindliches Bußgeld zahlen. Diese Regel wurde über Jahrhunderte mit erstaunlicher Disziplin eingehalten. Auch Alexander der Große beugte sich, nachdem seine Söldner einen Athener auf dem Weg nach Olympia ausgeraubt hatten. Während des Peloponnesischen Krieges freilich war die Neutralität der Olympischen Spiele bereits einmal zu Bruch gegangen. Die Eleer hatten sich auf die Seite Athens geschlagen und wollten die Spartaner von den Spielen ausschließen. Als Sparta mit einer Invasion drohte, um seine Teilnahme zu erzwingen, mussten die Spiele unter dem Schutz von Tausenden bewaffneten Soldaten durchgeführt werden.

365 vor Christus kam es dann wirklich zu einem Krieg um das Heiligtum. Arkadier und Pisaten, die Erbfeinde von Elis, eroberten Olympia. Anscheinend wurde die Stätte erst zurückgegeben, nachdem die Priesterschaft mit dem Zorn der Götter gedroht hatte. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der Redner Lysias einen Tumult provoziert, als er zum Kampf gegen den Tyrannen Dionysios von Syrakus aufrief. Das prächtige Festzelt, das Dionysios für seine Abgesandte hatten errichten lassen, wurde von der Menge geplündert. Das blieben jedoch Ausnahmen. Dass bei diesem größten Event der griechischen Welt nach erotischen Abenteuern gesucht wurde, war dagegen die Regel, ungeachtet aller auch damals schon kursierenden Gerüchte, Geschlechtsverkehr schwäche die sportliche Leistungskraft. Von manchen Athleten wurde ungläubig geraunt, sie hätten während der gesamten Vorbereitungszeit auf die Spiele niemals eine Frau oder einen Knaben angerührt.

Eine Göttin verleiht den Siegerkranz,
Münze aus Syrakus
Bild: British Museum London

Die vermutlich schockierendste Regelverletzung erlaubte sich der römische General Sulla, als er 80 vor Christus die Spiele nach Rom verlegte. Dieses Intermezzo dauerte nur eine Saison, nach Sullas Tod kehrten die Spiele zurück. Aber die goldenen Zeiten waren trotz der Investitionen, die mehrere römische Kaiser tätigten, vorbei. Das Ende kam dann mit dem Christentum. 393 nach Christus verbot Kaiser Theodosius I. alle heidnischen Kulte, einschließlich der Olympischen Spiele. Zunächst offenbar mit begrenztem Erfolg: 426 musste sein Nachfolger Theodosius II. das Verbot wiederholen; damals fiel auch der große Zeustempel von Olympia einem Brand zum Opfer, ob auf Befehl des Kaisers, ist unklar.

Für traditionsbewusste Griechen, die noch dem alten Kultus anhingen, muss es ein Weltuntergang gewesen sein. Die 13 Meter hohe Kolossalstatue des Zeus, die der Bildhauer Phidias im 5. Jahrhundert vor Christus angefertigt hatte – sie galt als eines der sieben Weltwunder – wurde nach Konstantinopel verbracht, dort ging sie bei einem Palastbrand zugrunde. In Olympia finden die Besucher heute eine riesige Ruinenstätte vor. Wer sich eine Vorstellung machen will, wie es vor zwei Jahrtausenden ausgesehen hat, muss das Gelände mit dem "Pausanias" in der Hand durchstreifen, sozusagen dem Baedeker der Antike. Unter anderem fand Pausanias 16 große Bronzestandbilder des Zeus vor, die aus Bußgeldern finanziert worden waren, vor allem wegen Bestechung der Richter.

Waffenlauf, attisch, um 540 v. Chr.
Bild: Antikensammlung München

16 Standbilder aus damals gut neun Jahrhunderte, das ist nicht einmal viel. Zwischen den vielen hundert Siegerstatuen werden diese Reuegaben beinahe untergegangen sein. Denn oft ließen die Städte für "ihre" Sieger am Ort der Spiele eine lebensgroße Statue aus Marmor oder Bronze errichten; man schätzt, dass die Kosten etwa den zehnfachen Jahresverdienst eines Arbeiters betragen haben. Außerdem winkten freie Kost auf Lebenszeit und ein Ehrenplatz im Theater sowie eine mehr oder weniger hohe Summe in bar – kein Wunder, dass soviel Geld und Ehre manche Wettkämpfer in Versuchung stürzte. Der Staat Elis als Veranstalter der Spiele musste für die Sieger keine einzige Drachme zusätzlich aufwenden. Der Preis war ein schlichter Kranz aus Olivenzweigen.


Auf dem Büchermarkt:
Judith Swaddling: Die Olympischen Spiele der Antike,
Stuttgart 2004



Mehr im Internet:
Olympische Spiele der Antike - Wikipedia
scienzz artikel Sport





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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