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04.08.2008 - RELIGIONSGESCHICHTE

Jesus in Indien und Buddhisten am Nil

Pseudohistorische Phantasien vor dem Richtstuhl der Geschichtswissenschaft

von Josef Tutsch

 
 

Gautama Buddha, um 200 n. Chr.
Bild: Musée Guimet, Paris

"The Christian Gospels are Pirate-copies of the Buddhist Gospels.” So zu lesen auf einer aktuellen Seite im Internet, unter dem lapidaren Titel "Jesus is Buddha". Mit solcher Entschiedenheit wird die These, das frühe Christentum gehe in Wirklichkeit auf buddhistische Einflüsse zurück, nur selten vertreten. Aber vor allem die Parallelen zwischen christlichem und buddhistischem Mönchtum haben immer wieder zu solchen Spekulationen Anlass gegeben, sicherlich auch wegen der Mischung aus Fremdartigkeit und Faszination, die das Phänomen auf moderne, "aufgeklärte" Beobachter ausübt: Um dem  jeweiligen Gründer der Religionsgemeinschaft nahe zu kommen, organisieren sich einige der Anhänger in besonderen Gemeinschaften, durch Kleidung und Lebenswandel von der übrigen Welt, nicht zuletzt vom "normalen" Familien- und Erwerbsleben, abgehoben.

Parallelen sind das eine, realhistorische Beziehungen etwas ganz anderes. Lässt sich ein Einfluss des Buddhismus auf Jesus und das Urchristentum – oder, drei Jahrhunderte später, auf die Entstehung des christlichen Mönchtums in Ägypten und Syrien – nachweisen? Natürlich ist auch die umgekehrte Richtung in Betracht zu ziehen. Sind Spuren christlicher Mission im Buddhismus zu finden, wie er sich etwa sechs oder acht Jahrhunderte nach dem Tod seines Begründers entwickelt hat? Der Wiener Religionswissenschaftler Franz Winter hat die Frage mit ebenso viel Gelehrsamkeit wie Scharfsinn unter die Lupe genommen.

Pachomios, ägyptischer Mönch
des 4. Jahrhunderts n. Chr.
(koptische Ikone)
Das Ergebnis müsste eigentlich eine ganze Kohorte von Hobbyhistorikern auf dem Büchermarkt wie in Fernsehen und Internet um ihre Beschäftigung bringen. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was auf eine nähere Kenntnis buddhistischer Lehren in den Mittelmeerländern in den letzten Jahrhunderten vor und den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt hindeuten würde. Erst recht nichts, was sich als "Einfluss" verbuchen ließe. Und umgekehrt gilt derselbe negative Befund: Eine Einwirkung des Christentums auf den Buddhismus in der späten Antike ist nicht nachweisbar.

Aber "Nachweise" verlangen besagte Hobbyhistoriker sich ja auch nicht ab. Mehr nebenbei bringt Winters historisch-philologische Analyse einen Hinweis auf Erkenntnisinteressen, die hinter dieser Flut von Spekulationen stehen könnten. Die Frage nach einem "heidnischen" Ursprung des christlichen Mönchtums muss in den kontroverstheologischen Diskussionen der Reformationszeit aufgekommen sein. Protestantische Theologen suchten nach den Weichenstellungen, die das Christentum auf seine katholische – in protestantischer Sicht also illegitime – Bahn gebracht hatten.

Gott Serapis (römische
Kopie nach Original des 4.
Jahrhunderts v. Chr.)
Bild: Vatikan. Museen Rom
Diese Motivation spielte noch im 19. und 20. Jahrhundert eine Rolle. Winter zitiert den Kirchenhistoriker Hermann Weingarten, der aufgrund neu gefundener Papyri 1877 behauptete, das frühchristliche Mönchtum sei eine direkte Fortsetzung des ägyptischen Serapiskultes. Mit diesem Gottesdienst sei bereits "ein vollständig organisiertes Mönch- und Klosterwesen verbunden" gewesen, schrieb Weingarten. Von Buddhismus wollte er in diesem Zusammenhang nichts wissen. Ein Jahr später jedoch unterstellte sein Kollege und Kritiker Adolf Hilgenfeld, der Buddhismus sei damals bis nach Ägypten verbreitet gewesen, und "der eigentliche Gründer des Mönchtums ist nun einmal der Buddhismus, welcher die Asketen zuerst zu einem gemeinsamen Leben vereinigte".

Der eine oder andere Theologe auf katholischer Seite fühlte sich dagegen bemüßigt, die Priorität des christlichen Mönchtums zu verteidigen – nicht gerade gegenüber dem ursprünglichen Buddhismus, der ein halbes Jahrtausend älter ist als das Christentum, aber doch gegenüber seinen späteren Ausformungen. So Max Heimbucher 1933: "Vielmehr ist der Einfluss des Christentums auf den Buddhismus wahrscheinlich, indem sich das Christentum frühzeitig in den Grenzländern von Indien und China sowie an den Südwestküsten ausbreitete." Ähnlich hatte 1908 der Jesuit Stephan Beissel gemutmaßt, "syrische Handelsleute" hätten im nordwestlichen Indien "der Kunst und der Religion ihrer Heimat die Wege gebahnt" – ein Gegenstück zu Hilgenfelds Aussage: "Indische Kaufleute hat es in Ägypten gegeben. Die Straße des Welthandels war aber auch die Straße religiöser Mission."

Grab des Apostels Thomas in Mailapur
bei Madras, Südindien, 8. Jahrhundert
Bild: hamsa
Was Winter an tatsächlichen Informationen über den Buddhismus iin den Mittelmeerländern gefunden hat, ist jedoch sehr, sehr mager. In einer Schrift des Theologen Klemens von Alexandrien aus dem 2. Jahrhundert steht in einem Abschnitt über Indien der Halbsatz, dort gebe es eine Gruppe derer, die "den Geboten des Butta Folge leisten, den sie aus einem Übermaß an Verehrung wie einen Gott verehrt halten". Ende des 4. Jahrhunderts vermerkte der Kirchenlehrer Hieronymus, der Lehrer einer indischen Religionsgemeinschaft zufolge sei ihr Begründer "Budda" von einer Jungfrau geboren. Eine nähere Kenntnis der buddhistischen Dogmatik oder des buddhistischen Gemeindelebens ist weder aus der einen noch aus der anderen Stelle zu ersehen.

Der einzige Text, der sich hierfür in Anspruch nehmen ließe, ist der populärphilosophische Traktat eines gewissen Bardesanes, der um 200 am Königshof im syrischen Edessa wirkte. Dort ist von der Gemeinschaft der "Samanaioi" die Rede. Bardesanes spricht recht ausführlich von ihrem Verzicht auf alle Besitztümer und ihrem Bruch mit dem Ehe- und Familienleben; in besonderen Wohnanlagen würden sie durch das Läuten einer Glocke zum Gebet gerufen, die Ernährung beschränke sich auf Gemüse, Früchte und Reis. Man darf annehmen, dass Bardesanes’ Schilderung tatsächlich auf Nachrichten vom Buddhismus zurückgeht; darauf weist insbesondere der Satz hin, die Mitglieder kämen "aus dem ganzen indischen Volk" – offenbar ein Verweis auf die Distanz des Buddhismus zum indischen Kastenwesen.

Eine populäre Publikation
von vielen...
Das ist aber auch schon alles, was nach Auskunft der uns vorliegenden Quellen westlich von Euphrat und Tigris über den Buddhismus bekannt war, sicherlich keine Grundlage für irgendwelche "Einflüsse". Auch die berühmten Inschriften des indischen Königs Ashoka aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, worin von Gesandtschaften an fünf griechische Kollegen die Rede ist, führen zu nichts; es ist ungewiss, ob Ashokas Gesandte jemals in Ägypten oder Makedonien angekommen sind. Mit den Bildzeugnissen wird die Beweislage ebenfalls nicht besser. Auf einem ptolemäischen Grabstein aus Alexandrien hat man Ähnlichkeiten mit der Symbolik von Rädern im Buddhismus festgestellt und dann auch gleich auf die Existenz buddhistischer Gemeinden in Ägypten geschlossen – womöglich mit Vorbildcharakter für das christliche Mönchtum, wie es sich im 4. Jahrhundert ausbildete?

Verglichen mit vielem, was in der Populärliteratur über das "Jesus den Buddhisten" oder "Jesus den Inder" verbreitet wird, muss man diesen Spekulationen über die frühchristliche Askese jedoch ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit zubilligen. 1887 will der russische Journalist Nikolai Notovitch in einem Kloster in Kaschmir Schriftrollen über das Leben eines Propheten namens "Issa" gefunden und sich Notizen gemacht haben. Notovitchs Publikation, deutsch unter dem bezeichnenden Titel "Die Lücke im Leben Jesu" erschienen, wird seitdem in interessierten Kreisen wie ein fünftes Evangelium gelesen. Es handelt sich um reine Phantasie, wie Winter darlegt, erkennbar schon daran, dass Notovitch in seinem Buch die Ideen der Theosophie, wie sie damals im Schwange waren, untergebracht hat.

Versuchung des hl. Antonius
(Matthias Grünewald, Isen-
heimer Altar, um 1514)
Bild: Unterlinden Colmar
Hinter all dem darf man das Bedürfnis vermuten, für die verschiedenen historisch vorfindbaren, einander oft feindlichen Religionen einen gemeinsamen Ursprung zu finden. Und dann natürlich auch, den Sachwaltern der eigenen, also christlich-abendländischen, inzwischen als unbefriedigend empfundenen Tradition Verfälschungen unterstellen zu können. Ganz nebenbei sind neue Phantastereien manchmal eben auch die Kehrseite des Abbaus alter, in diesem Fall kirchlicher Autoritäten. Intentionen, die natürlich außerhalb dessen liegen, was Historiker oder Religionshistoriker im Sinn haben. Deren Bemühen um Sachlichkeit ist übrigens recht neu. Noch in einem der klassischen Werke der modernen Religionswissenschaft, Gerardus van der Leeuws "Phänomenologie der Religion" von 1933, finden sich Sätze wie "der Buddhismus hat die Form der Kirche nicht gefunden", das Christentum sei der "Gefahr", die Welt "prinzipiell und endgültig zu entmächtigen", "nur mit knapper Not entgangen".

Die realhistorischen Kausalitäten, die in der Populärliteratur unterstellt werden, lösen sich in nichts auf; aber es bleiben die "idealtypischen" Parallelen. In ihrer – einerseits christlichen, andererseits buddhistischen – Konkretisierung zeigen die Typen dann freilich Unterschiede, die einen historischen Zusammenhang erst recht unwahrscheinlich machen. Ausgerechnet in dieser frühen Phase gab es im ägyptischen und syrischen Mönchtum Beispiele extremer Askese, wie sie dem brahmanischen Umfeld des frühen Buddhismus vertraut waren, von den buddhistischen Theologen dagegen abgelehnt wurden: Kasteiung bis nahe an ein freiwilliges Verhungern, Gehorsam gegenüber dem Lehrer bis zur Abtötung jedes eigenen Denkens oder auch "bloß" Jahrzehnte langes Ausharren auf einem Säulenstumpf. Winter gibt einen Hinweis, wie solche Extremaskese im Rahmen des frühen Christentums zu verstehen sein könnte: "Die Mönche sahen sich in vielen Fällen als die einzig legitimen Nachfolger der Märtyrer."


Neu auf dem Büchermarkt:
Franz Winter: Das frühchristliche Mönchtum und der Buddhismus. Religionsgeschichtliche Studien,
Peter Lang, Frankfurt / Main 2008, ISBN 978-3-631-57040-1, 59,70 €


Mehr im Internet:
Mönchtum - Wikipedia
Was man über das Leben Jesu wissen kann, scienzz 20.03.2008
Vor 1.650 Jahren starb der Vater der Mönche, scienzz 16.01.2006
Bilder der Fremde in den Alexanderromanen, scienzz 20.12.2005






Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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