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12.08.2008 - IDEENGESCHICHTE

Der lange Abschied von der guten Schöpfung

Diesseits von Voltaire - ein Blick auf das Durchschnittsdenken nach dem Erdbeben von Lissabon 1755

von Josef Tutsch

 
 

Ruine des Opernhauses in Lissa_
bon nach dem Erdbeben 1755
Bild: Lisboa Pombalina

Als am 26. Dezember 2004 um 1 Uhr 59 Mitteleuropäischer Zeit im Indischen Ozean ein Tsunami losbrach, dauerte es kaum mehr als dreieinhalb Stunden, bis die ersten Nachrichten von der Flutkatastrophe über die Ticker gingen. Dass mitteleuropäische Fernsehsender erst am späten Vormittag ausführlich berichteten, trug ihnen heftige Kritik wegen ihrer "Langsamkeit" ein. Frühere Zeiten mussten mit ganz anderen Zeitverzögerungen zurecht kommen. Das Erdbeben, das am 1. November 1755 Lissabon zerstört hatte, wurde in Paris und London erst nach drei Wochen bekannt.  

"Das 18. Jahrhundert verwendet das Wort Lissabon etwa so, wie wir heute das Wort Auschwitz verwenden", schrieb 2002 die amerikanische Philosophin Susan Neiman. In der Tat, Lissabon 1755 hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas tief eingeprägt; Ende Dezember 2004, Anfang Januar 2005 illustrierten die deutschen Wochenblätter ihre Artikel wie selbstverständlich mit Bildern von damals. Aber – das ist das überraschende Ergebnis des Symposions der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts im Herbst 2005 in Göttingen, 250 Jahre nach der Katastrophe, dessen Beiträge jetzt im Druck erschienen sind – diese Prägung verzögerte sich. Nicht um einige Wochen, sondern um Jahre und Jahrzehnte. Die Erschütterung des optimistischen Weltbildes, die wir bis heute mit dem Allerheiligentag 1755 verbinden, hat sich offenbar längst nicht derart punktuell vollzogen, wie wir das nach der Lektüre von Voltaires Roman "Candide" gern glauben wollen.

Ruine des Convento do Carmo
Bild: Chris Adams

Christoph Weber, Philosoph und Literaturhistoriker an der Universität von Wisonsin-Madison: "Der Glaube an eine von Gott erschaffene Welt, in der selbst physische Übel wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen einen Nutzen aufweisen, ist bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Gelehrtenköpfen verankert geblieben", die optimistisch-theologisch Doktrin von der besten aller möglichen Welten hat den vermeintlichen Erschütterungen "hartnäckig standgehalten". Zum Beispiel Christoph Martin Wieland. Im April 1755 hatte der aufklärerische Dichter aus dem schwäbischen Biberach eine "Hymne an die Gerechtigkeit Gottes" begonnen. Es bereitete ihm offenbar keine Schwierigkeiten, die aktuelle Nachricht von der Verwüstung einer "Königsstadt" einzubauen, so dass die Hymne Mitte Januar 1756 erscheinen konnte. Das Unglück fasste Wieland als "kräftigste Bußpredigt" auf.

Goethes Erinnerung mehr als ein halbes Jahrhundert später in seiner Autobiographie wird also durchaus realistisch sein: "Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen." Der Heidelberger Theologe Ulrich Löffler hat hierfür sogar einen Beleg aus dem biographischen Umfeld des jungen Goethe gefunden. Gott habe allemal die Kraft, auch an den Toren Frankfurts zu rütteln, predigte im Januar 1756 der lutherische Geistliche Johann Philipp Fresenius; der kleine Johann Wolfgang, den Fresenius sechs Jahre zuvor getauft hatte, wird es nicht gehört haben, der eine oder andere seiner Familienangehörigen vielleicht schon. Im Vergleich mit manchen Kollegen war dieser Prediger jedoch sehr zurückhaltend. Das Erdbeben im katholischen Portugal sei eine Strafe für die Irrlehren der Papstkirche, behauptete in Hamburg ein gewisser Heinrich Hoeck.

Zeitgenösische Darstellung des Erd-
bebens, Bild: Museu da Cidade Lisboa

Ob Hoeck ahnte, dass seine Kollegen in Lissabon ganz ähnlich argumentierten, nur ohne die antikatholische Tendenz? Voltaire hat diese Auffassung vom göttlichen Strafgericht und von den möglichen Vorkehrungen in seinem Roman "Candide" satirisch zugespitzt: "Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört hatte, wussten die Weisen des Landes kein wirksameres Mittel gegen den völligen Untergang des Landes zu finden, als dem Volke den Anblick eines schönen Autodafé zu gewähren. Die Universität Coimbra hatte das entscheidende Wort gesprochen, dass das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannten Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu hindern."

Im Grunde dieselbe Logik hat der Münchner Presse- und Wissenschaftshistoriker Matthias Georgi in der englischen Publizistik gefunden. Der Begründer des Methodismus, George Whitefield, erklärte in einem offenen Brief, die Lissabonner hätten die Katastrophe selbst verschuldet, denn sie hätten die "heilige" Inquisition in ihrer Stadt geduldet. Durch den Verfall der Sitten drohe London jedoch dasselbe Schicksal. Andere Kommentatoren ergänzten: Zwar habe Gottes Gnade England bislang verschont, aber der Wohlstand vieler Briten sei bereits nachhaltig getroffen – nämlich durch die Schäden bei den Kaufleuten in Lissabon. Im Vergleich mit den Intellektuellen reagierte die Geschäftswelt in der Tat recht schnell. Am 8. Dezember kam es in Hamburg zum Börsencrash.

Bild: Museu da Cidade Lisboa

Es wird in der Hauptsache an Voltaire und seinem bis heute vielgelesenen Roman liegen, dass uns die Erschütterung des Optimismus im Verlauf des 18. Jahrhunderts als punktuelles Ereignis vorkommt. Voltaires "Poème sur la désastre de Lissabonne” entstand tatsächlich ohne viel Verzögerung unter dem unmittelbaren Eindruck der ersten Zeitungsberichte Ende November 1755. Es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass seine Kritik an dem Leitspruch des Optimismus, wie der Dichter Alexander Pope ihn formuliert hatte – "Whatever is, is right" – zunächst reichlich isoliert dastand. Das Erdbeben, fasst Monika Gisler, Wissenschaftshistorikerin an der ETH Zürich, zusammen, diente Voltaire "als Beleg für die Übel der Welt und deren Sinnlosigkeit". Die bekannteste Gegenposition formulierte Rousseau: Der Optimismus lehre Geduld, gebe Hoffnung und spende Trost, während der Pessimismus die Unglücklichen jeder Hoffnung beraube.

Ein Argument, das weniger auf Wahrheit als auf Funktionalität zielte. Eine stärker theologisch geprägte Voltaire-Kritik hat Gisler im Briefwechsel zwischen dem Berner Naturforscher Albrecht von Haller und seinem Genfer Kollegen Charles Bonnet gefunden, Tenor der Briefe: Voltaire fehle das Herz "fait pur gouter la réligion". Dieser Kommentar wird typisch gewesen sein. "Eine Einschränkung auf die geistige Elite Europas mit Voltaire als Haupt-Referenz sollte für die geistesgeschichtliche Einordnung des Erdbebens von Lissabon endlich verabschiedet werden", forderte Gisler auf der Göttinger Tagung. Positiv gesagt: "eine verstärkte Berücksichtigung von Durchschnittsdenkern, in der Analyse von Predigten, Traktaten, Nachrichtensammlungen, Flugblättern und ähnlichem".

Gebetszettel an Francisco de
Borja, den Schutzheiligen ge_
gen Erdbeben
Bild: Sociedade M. Sarmento

Das können zum Beispiel auch musikalische Libretti sein. Für den 11. März 1756 hatte der Hamburgische Rat einen Fast- und Bußtag angeordnet, Musikdirektor Georg Philipp Telemann schrieb hierfür eine Kantate, die "Donnerode", die heute noch gelegentlich im Konzertsaal zu hören ist. "Die Stimme Gottes erschüttert die Meere, Gewitter wandeln vor ihm her ..." Machen sich Konzertbesucher klar, dass diese Verse als argumentative Bewältigung des Erdbebens von Lissabon geschrieben wurden?

Nicht nur Voltaire, sondern auch die "Durchschnittsdenker": Diese Forschungsaufgabe ist in den Tagungsbeiträgen immerhin bereits angerissen. Durchzieht die Ambivalenz zwischen alten, theologischen und neuen, physikalischen Deutungsmustern aber nicht auch das Denken der Großen? Christoph Weber vermerkt, dass im Falle Immanuel Kants da eine offene Interpretationsfrage liegt. Während Löffler die These vertritt, dass Kant eine Herleitung von Erdbeben aus der moralischen Verfasstheit der Betroffenen strikt abgelehnt hätte, meint Weber, Kant hätte die Möglichkeit eines solchen göttlichen Strafgerichts offen gehalten. Zumindest in Kants frühen Schriften, so Weber, "verbleibt ein von der Forschungsliteratur oft übersehener Rest des moral-theologischen Deutungsmodells".

Flugblatt aus Prag, 1756

Bereits Zedlers berühmtes "Universallexikon"  verfuhr in seinem achten Band, erschienen 1734, bemerkenswert zweigleisig. Unter dem Stichwort "Erdbeben" standen unverbunden zwei Artikel hintereinander, der eine mit dem naturkundlichen Kenntnisstand der Zeit, der andere behandelte das Phänomen als Zeichen von Gottes Herrlichkeit, Zorn und Gnade. Georgis Blick in die englische Presse macht aber wahrscheinlich, dass die große Öffentlichkeit sich damals – ist das heute eigentlich so viel anders? – in der Hauptsache weder für Physik noch für Metaphysik interessierte, sondern "für das Schicksal der portugiesischen Königsfamilie, die Anzahl der Toten, die Schäden etc.".
 
Gerade im Jahr nach dem Erdbeben, während Europas Intellektuelle dabei waren, ihre Erschütterung so oder so zu verarbeiten, eröffnete König Friedrich II. von Preußen den Siebenjährigen Krieg. Voltaires Meinung, so Löffler, "war offensichtlich, dass der Krieg der Konzeption von der besten aller möglichen Welten einen ebenso heftigen Schlag versetzt habe wie das Erdbeben von Lissabon". Auch in dieser Hinsicht scheint ein Blick auf die "Durchschnittsdenker" angebracht: Haben die das ebenfalls so gesehen?

Francois Marie Arouet de Voltaire
Bild: NNDB

Wie die Krise des Optimismus, die im "Candide" formuliert ist, von Voltaires Nachfolgern aufgefasst wurde, ist bekannt, der Gießener Philosoph Odo Marquard hat es in dem Sammelband mit gewohnter rhetorischer Brillanz nachgezeichnet: Da die natürliche Welt nicht mehr als gute Schöpfung eines guten Gottes aufgefasst werden konnte, blieb die Aufgabe für den Menschen, seine geschichtliche Welt, die ebenfalls nicht gut war, in Zukunft besser zu machen – gegen den Widerstand der "anderen" Menschen, notfalls, das ist die unschöne Kehrseite, auch durch deren Ausschaltung.

Solche Bilder der Entwicklung à la longue durée werden trotz Gislers Mahnung ihre Faszination behalten. Die eine oder andere Passage in diesem Göttinger Sammelband lässt jedoch bewusst werden, mit wie kleiner Münze die großen Entwicklungen im Alltag gewechselt wurden. Nehmen wir einen Vertreter des alten Geistes, den Juristen Justus Möser, der an der Auffassung festhielt, Gott habe das Räderwerk der Natur so konstruiert, dass alles zum Besten führe. Ihn inspirierte zu seinem "Anti-Candide", berichtet der Germanist Winfried Woesler von der Universität Osnabrück, nicht nur die antimetaphysische Aussage in Voltaires Roman, sondern vor allem ein atmosphärischer Umstand: Westfalen war dort als tiefste Provinz gezeichnet oder verzeichnet – für den heimatstolzen Möser eine ungeheuerliche Provokation.

Immanuel Kant
Bild: J. L. Raab, nach Däbler
Und einen Vertreter des neuen, aufklärerischen Denkens. "Erdbeben, den Nonnen und Schülern besonders günstig", notierte der britische Diplomat Sir William Hamilton 1783 bei einer Naturkatastrophe in Calabrien. Er hatte beobachtet, dass die Zerstörung der Klostergebäude den Insassen eine unverhofft angenehme Freiheit gewährte. Hamilton, resümiert der Germanist Raul Calzoni von der Universität Bergamo, sah in diesem Erdbeben "den befreienden Untergang der alten Welt".


 

 

Neu auf dem Büchermarkt:
Das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert,
herausgegeben von Gerhard Lauer und Thorsten Unger,
Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0267-9, 59,- €

 

 
 




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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