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18.08.2008 - LITERATUR

"Eine Frau, bei der jeder Mangel verzeihlich ist ..."

Die "Querelle des femmes" im alten Spanien

von Josef Tutsch

 
 

Francisco de Goya: Mutter mit zwei
Kindern (Ausschnitt), 1786
Bild: Mus. Thyssen-Bornemiza, Madrid

"Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten", singt der weise Priester Sarastro in Mozarts "Zauberflöte", und in der Opernpause streitet das Publikum dann gern, ob nicht nur dieser Bühnenpriester, sondern auch sein Textdichter Emanuel Schikaneder, womöglich sogar Mozart selbst darin eine beherzigenswerte "Weisheit" gesehen hat. Sicher ist, dass sich der Operntext mit solchen Sprüchen in eine Jahrtausende alte Tradition gestellt hat. Im 14. Jahrhundert bildete sich sogar eine eigene Textgattung heraus, die sich um dieses eine Thema drehte: Lob der Männer und Tadel der Frauen (oder auch umgekehrt), nebst den moralischen und politischen Konsequenzen.

Der Disput ist unter dem Namen "Querelle des femmes" in die Wissenschaft eingegangen. "Querelle" heißt "Klage" oder "Anklage", dann auch "Streit" oder "Prozess"; der Begriff kann also die Beschwerde der Frauen über die männliche Vorherrschaft meinen und ebenso umgekehrt die Klage der Männer über die Fehler der Frauen, die eine solche Vorherrschaft nötig machen würden. Umfassender dann einen –theologisch, philosophisch, juristisch und medizinisch unterbauten, literarisch ausgeformten – Disput über dieses Streitthema.

F. de Goya: Mutter
mit zwei Kinden, 1786
Bild: Mus. Thyssen-
Bornemiza, Madrid
An der Universität Wien arbeitet seit mehreren Jahren eine Forschergruppe über diesen Aspekt der Ideengeschichte; der jetzt erschienene Sammelband befasst sich in der Hauptsache mit der spanischen Literatur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Eigentlich sollte man aber doch "Forscherinnengruppe" sagen; denn sechs Siebentel der Beiträge stammen von Frauen. Und natürlich interessieren – in einer Literatur, die weitgehend von Männern, also aus männlicher Sicht – verfasst wurde, heute vor allem die widerspenstigen Stimmen, die – von Männern oder Frauen formuliert – der herrschenden Lehre von einem minderen, unter- oder nachgeordneten Rang des weiblichen Geschlechts widersprachen.

Das ist ein Stück weit natürlich auch Spurensuche nach vergessenen Vorläufern oder Vorläuferinnen, die sich für die moderne Idee einer Egalität der Geschlechter in Anspruch nehmen lassen. In der Logik der behandelten Texte des Mittelalters und der frühen Neuzeit ging es zunächst jedoch nicht so sehr um ein "Minder" als um ein "Anders". Zugrunde lag ein uns fremdartig gewordenes anthropologisches Modell, gespeist aus der antiken Philosophie und der Bibel und den Kirchenvätern. Frauen waren danach enger mit den "niederen", irrationalen, animalischen Seelenkräften verbunden. Besonders drastisch zeigt das ein Beispiel aus den 1380er Jahren, das der Wiener Romanist Wolfram Aichinger referiert. Der katalanische Minoritenprofessor Francesc Eiximenis vertrat die Lehre, "die Neigung der Frauen zu Gerüchen sei verbunden mit ihrer aus der Erbschuld zu erklärenden stärker tierhaften Geschlechtsnatur".

Albrecht Dürer: Adam und
Eva, 1507
Bild: Museo di Prado, Madrid
Eine praktische Folgerung aus solchen Konzepten bringt das bis heute berühmteste (manche Feministinnen würden sagen: berüchtigtste) Werk des späten Mittelalters in Spanien. 1438 entstand der "Erzpriester von Talavera", worin die Titelfigur eine lange Liste weiblicher Defekte vorträgt. These des Predigers: Die Schlechtigkeit der Frauen mache sie der Liebe unwürdig; diese Behauptung soll durch eine Menge von Exempeln illustriert werden. Rebeca Sanmartín Bastida, Philologin an der Universität Complutense in Madrid, macht jedoch deutlich, dass sich der "Erzpriester" auch gegen den Strich lesen lässt. Der Reiz der Lektüre liegt in diesen grotesken, witzigen, manchmal blasphemischen Geschichten, die dem Buch den Ruf eingetragen haben, ein Vorläufer des modernen Romans zu sein; die Lust am Erzählen überwuchert die moralisierende Tendenz – schwer zu glauben, dass das dem Verfasser nicht aufgefallen sein soll.

Die Bochumer Romanistin Ursula Jung nennt eine ganze Reihe von Publikationen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die auf die Attacken des Erzpriesters antworteten, mit Titeln wie "Dialog zum Lob der Frauen" oder "Traktat zur Verteidigung der tugendhaften Frauen". Geschrieben von Männern – merkwürdig, dass die Wiener Forschungsgruppe nicht näher untersuchen wollte, welches Bild weiblicher Tugend diese männlichen Autoren für verteidigenswert gehalten haben. Einen Hinweis gibt eine italienische Novelle aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, geschrieben von einer Frau unter dem Pseudonym "Moderata Fonte": "Ich wage zu behaupten, dass es keine einzige schlechte Frau gäbe, wären die Ehemänner gut; denn wenn sich eine schlecht benimmt, dann nur wegen ihres Ehemannes, der sie nicht zu leiten versteht."

Aristoteles (384-322 v.Chr.)
Bild: Museo Nazionale Rom
Auch die Verteidigung der Frauen in dieser "Querelle" hatte mit Feminismus oder Frauenbewegung eben nicht viel zu tun. Der Anklang an Sarastro ist so zufällig nicht. Gerade an den Texten der "Querelle" wird sichtbar, dass Literaturgeschichte damals etwas anderes bedeutete, als es uns aus den letzten zweieinhalb Jahrhunderten vertraut ist: nicht eine Abfolge von "Originalgenies" als Schöpfern einzigartiger Werke, sondern ein immer wieder neues Arrangement von Argumenten. Das muss nicht unbedingt Eintönigkeit bedeuten. Wie flexibel die Autoren mit dem vorgegebenen Material umgehen konnten, zeigt Traninger an einem deutschen Beispiel, einer Abhandlung des Arztes Agrippa von Nettesheim aus dem frühen 16. Jahrhundert über "Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts". Der biblische Bericht über die Erschaffung Adams aus Schlamm, Evas jedoch aus einer Rippe Adams bedeutete Agrippa zufolge keine Nachrangigkeit der Frauen, ganz im Gegenteil: Eva war aus einem höheren, edleren "Material" geschaffen.

Herrschend war eher die andere Auffassung: dass aus dem Geschlechtsunterschied tatsächlich eine Unterordnung der Frauen folgen müsse. Die Revolutionierung dieses Denkens, das nach Superioritäten fragte, ist mit dem Namen des Franzosen Poulain de la Barre verbunden; bezeichnender Titel seines Traktats von 1693: "Über die Gleichheit der Geschlechter". "Gleichheit", dieser neuen Parole lag die Philosophie des René Descartes mit ihrer Aufwertung der Rationalität zugrunde. Margot Brink, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bremen, vermerkt, mit welchem Geschick der spanische Aufklärer Benito Jerónimo Feijoo y Montenegro eine Generation nach Poulain dessen Argumente der Tradition seines Landes einzufügen verstand: Feijóo sprach von der "Vernunftseele", religiöse und philosophische Gedanken zusammenschließend.

Tizian: Büßende Maria Magdalena,
1565.- Bild: Ermitage
Dass auch der cartesische Rationalismus nicht zwangsläufig zur Gleichheit oder Gleichberechtigung geführt hat, wäre ein anderes Thema; auch eine prinzipielle Gleichheit vorausgesetzt, ließen sich Wege finden, Unterordnung zu begründen – sozusagen Stoff für eine Fortsetzung der "Querelle" auf anderer anthropologischer Grundlage, bis hin zum Stammtisch von heute. Zurück ins alte Spanien. Feijóos "Vernunftseele" war offenbar gut vorbereitet. Die Wiener Romanistin Friederike Hassauer setzt Poulains "Der Geist hat kein Geschlecht" neben den ein halbes Jahrhundert älteren Satz "Die Seele ist nicht Mann, nicht Weib" von der Erzählerin María de Zayas y Sotomayor.

In Deutschland sind die Liebesnovellen dieser Autorin durch Clemens von Brentanos Auswahlübersetzung bekannt geworden. "Wenn Frauen und Männer das gleiche Blut, die gleichen Sinne, die gleichen Kräfte und die gleichen Organe, über die diese Kräfte wirken, und auch die gleiche Seele haben, die nicht männlich und weiblich ist: Warum sollten sich dann die Männer ihrer Weisheit rühmen, die Frauen aber niemals weise sein?" María de Zayas bezog sich auf den englischen Arzt William Harvey, der ein Jahrzehnt zuvor den Blutkreislauf entdeckt hatte; die hergebrachte Lehre, Männer und Frauen hätten verschiedenartige Seelen, war für sie abgetan.

Benito Jerónimo Feijoo y Montenegro
(1676-1764), Porträt von Juan Ber-
nabé Palomino
Ein revolutionärer Bruch? Solche Passagen haben der Autorin den Ruhm eingetragen, eine frühe Vorläuferin des modernen Feminismus zu sein. Der Überblick über die "Querelle des femme" in Spanien, wie ihn die Wiener Forschergruppe – immer noch ganz bruchstückhaft – vermittelt, zeigt jedoch, dass die Entwicklung nicht derart eindimensional oder gar teleologisch aufzufassen ist. Statt von Revolution spricht Vittoria Borsò von der Universität Düsseldorf denn auch vorsichtig von einer "subversiven Arbeit der Texte von María de Zayas": Die vermeintlich klare Typologie der Geschlechterordnung werde "in Unruhe versetzt". Der Leser weiß nicht recht, inwieweit diese Wirkung der Autorin bewusst war und von ihr beabsichtigt wurde.

Dieselbe Frage stellt sich bezüglich des Publikums. Soweit bekannt, schreibt Ursula Jung, verursachte die "kritische" Haltung gegenüber der männlichen Autorität keinen Konflikt mit der Inquisition. Lesern, die mit früheren "Querelle"-Texten vertraut waren, erschienen die Argumente vermutlich nur in Nuancen neu. Das muss selbst bei einem Satz wie dem folgenden gegolten haben: "Also, meine Damen, löschen wir die Männer aus unserem Gedächtnis." Jung vermutet, dass dieser Appell durch eine eher zaghaft formulierte Frage bei Moderata Fonte inspiriert wurde: ob Frauen nicht auch ohne Männer leben könnten. Der Aufruf bei Zayas verliert seinen scheinbar feministischen Impetus, wenn man nachliest, was das praktisch bedeuten musste: "Ich habe die Männer nicht nötig, weil ich sie nicht nötig haben will ... denn ich habe einen Geliebten erwählt, der mich nicht vergessen wird."

Peter Paul Rubens: Teresa de Avila
bittet für die Seelen im Fegefeuer,
um 1634
Bild: Metropolitan Museum, NY
Nämlich Jesus Christus im Nonnenkloster. Das war von alters her eine Alternative für Frauen, die sich dem Leitbild einer "vollkommenen" Ehefrau nicht fügen wollten. Allerdings – vor dem Nonnenleben stand dieselbe Hürde wie vor einer Ehe. "Sowohl Heirat als auch Kloster erforderten in der Regel eine Mitgift", berichtet die Historikerin Mary Elisabeth Perry, University of California, Los Angeles. "Eltern, denen die Mittel fehlten, schlossen deshalb schon ab einem sehr frühen Lebensalter Gesindeverträge für sie ab, so dass sie Geld für die Mitgift verdienen konnten." Töchter von Sklaven – in der Hauptsache also aus maurischen Familien – werden erst recht keine Möglichkeit gehabt haben, irgendwelche Ideale zu wählen. Perry: "In jedem Fall wurde von ihnen erwartet, ihrem Herrn unvergütete sexuelle Dienste zu erweisen."

Es gehörte wohl zum Rollenbild selbst von vornehmen und gelehrten Klosterfrauen, dass sie den Schritt in die Öffentlichkeit nur mit übergroßer Bescheidenheit wagen durften. "Wer wird daran zweifeln", schrieb im späten 16. Jahrhundert die bis heute viel gelesene Mystikerin Teresa de Avila, "dass nicht wenige glauben werden, ich sei verrückt, weil ich als Frau die tugendhafte Kühnheit besitze, meine Schriften zu veröffentlichen." Ein Jahrhundert später fand die gelehrte Mexikanerin Juana Inés de la Cruz eine noch hübschere Formulierung: Ihre Schriften seien "das Werk einer Frau, bei der ohnehin jeder Mangel verzeihlich ist."


Neu auf dem Büchermarkt:
Heißer Streit und kalte Ordnung. Epochen der Querelle des Femmes zwischen Mittelalter und Gegenwart,
herausgegeben von Friederike Hassauer unter Mitarbeit von Kyra Waldner und Wolfram Aichinger, Annabell Lorenz, Nikolaus Katsivelaris,
Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0124-5, 49,- €



Mehr im Internet:
Universität Wien, Die Querelle des femmes in der Iberoromania
Querelle des Femmes - Wikipedia
Mozarts Opernlibretti, scienzz 16.05.2005






Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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