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28.08.2008 - KULTURWISSENSCHAFT
Auf den Türmen des ewigen Schweigens
60.000 Jahre Sterbe-, Trauer- und Bestattungsriten
von Josef Tutsch
 | | Michael Hochgemut: Totentanz,
1493 (Ausschnitt)
| | | In peruanischen Museen können Touristen manchmal erleben, dass neben ihnen Indios vor den ausgestellten Mumien zu beten beginnen. Die Ahnen leben in ihren Mumien weiter – diesen Glauben haben fünf Jahrhunderte europäischer Einfluss nicht gänzlich auslöschen können, und dann kann es eben geschehen, dass vor einer Museumsvitrine zwei verschiedene Traditionen aufeinander treffen.
Andere Länder oder Völker, andere Sitten, davon weiß man hierzulande in Krankenhäusern ein Lied zu singen. Wenn für einen Patienten muslimischen Glaubens die Sterbestunde gekommen ist, drängen sich oft die Angehörigen in großer Zahl ans Krankenbett. Eine Zudringlichkeit, möchte das Personal dann meinen; aber eine solche Versammlung gehört islamischer Tradition zufolge zu einem „guten“ Sterben dazu. Unter Umständen muss den Bettlägerigen geholfen werden, ihre rituelle Reinigung für das letzte Gebet durchzuführen; sind sie zu schwach, selbst das Glaubensbekenntnis zu sprechen, spricht es ihnen jemand vor, der Sterbende hebt dazu bestätigend den rechten Zeigefinger. Wenn irgend möglich, sollte der Moribunde dabei aufrecht in den Kissen sitzen oder wenigstens auf die rechte Seite gelegt sein, das Antlitz Richtung Mekka gewandt.
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Am Sterbebett, von Crispijn van de Passe, um 1600
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So berichtet der Marburger Religionshistoriker Christoph Elsas in dem neu erschienen Sammelband über „Sterben, Tod und Trauer in den Religionen und Kulturen der Welt“. „Religion“ oder „Kultur“? Die Autoren, die sich zu dieser Tour d’horizon vom alten China bis zur europäischen Gegenwart zusammengefunden haben, lassen die Frage offen; sie stellt sich ja auch nur, wenn man eine Tradition von außen betrachtet. Die Ringvorlesungen an der Universität Marburg, aus denen der Band hervorgegangen ist, wollen Verständnis wecken – für lebende wie für tote Traditionen. In Zeiten der Globalisierung ist das nicht nur eine Frage der theoretischen Neugierde, sondern praktisch-alltäglich wichtig.
Dazu gehören dann freilich auch Nöte oder Wünsche, die – vielleicht nur vorläufig? – noch nicht in eine Tradition zu fassen sind. Stichwort „Sterbehilfe“. Vor ein paar Jahren sprach eine niederländische Gesundheitsministerin vermutlich den Wunsch vieler Menschen aus, als sie die kontrollierte Abgabe von Selbsttötungstabletten befürwortete. Offenbar ist es unmöglich, die Plausibilität eines Sterbewunsches „objektiv“ zu erörtern, die Entscheidung zum Sterben in ihrer Verantwortlichkeit nachzuvollziehen. „Wann wird die Frage nach den Kosten, die ein Individuum verursacht, offen dazutreten?“ fragt der Gießener Soziologe Reiner Gronemeyer. „Ethische Entscheidungen werden immer schwieriger, weil sie sich aus ihrer Verankerung in religiösen Kategorien losgerissen haben.“
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Gedenkmal für Marie Christine von Österreich (Ausschnitt), von Antonio Canova, 1805 (Wien, Augustinerkirche) |
Aus Sicht der Betroffenen handelt es sich um ganz und gar individuelle Fragen, der Blick des Soziologen schon auf die äußerlich fassbaren Umstände macht aber Trends deutlich: Heute sterben 80 bis 90 Prozent der Menschen in Mitteleuropa im Krankenhaus oder im Heim, oft begleitet nicht von ihren Angehörigen, sondern von Experten. Man sollte sich jedoch klar machen, dass auch die Sitten der „guten“ alten Zeit nicht von Ewigkeit her Bestand hatten. Das ist bei den Begräbnissen, von denen es oft archäologische Zeugnisse gibt, leichter zu sehen als bei den Sterberiten, noch dazu mit der Ungewissheit, was da eigentlich geschildert wird: ein realer Ablauf, wie er in dieser Gesellschaft zu dieser Zeit die Regel war, oder eine kulturell-religiös begründete Norm.
Erst um 200 nach Christus, berichtet Guntram Koch, Professor für Christliche Archäologie in Marburg, wurden christliche Grabstätten üblich: „Nun war nicht mehr die Großfamilie oder der Patron für die Bestattung der Armen zuständig, sondern die christliche Gemeinde unter ihrem Bischof.“ Aus der früheren Zeit, stellt Koch fest, seien bisher keine Gräber bekannt, die durch irgendwelche Besonderheiten darauf verweisen, dass in ihnen Christen beigesetzt sind. „Wir können nur vermuten, dass die Christen dieselben Bestattungs-Sitten hatte wie ihre 'heidnischen’ Nachbarn, also auch Tote verbrannt haben.“ Sicherlich waren all diese Passageriten, ob sie nun vom Sterbenden selbst zu absolvieren waren oder von seinen Angehörigen, nicht nur kulturell und religiös verschieden, sondern auch sozial oder finanziell. Reiche Grabbeigaben und ein aufwändiger Grabbau erforderten natürlich einen begüterten Grabherrn.
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Das größte Grabmal aller Zeiten: die Cheops-Pyramide bei Gizeh, um 2580
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Im 14. Jahrhundert, so die Marburger Christliche Archäologin Antje Fehrmann, wurde es in England üblich, dass bei Königsbegräbnissen auf dem Sarg eine große Puppe aus Holz oder Leder den Toten für die Öffentlichkeit sichtbar repräsentierte, in südwestchinesischen Gräbern aus dem 2. und 3. Jahrhundert, schreibt die Münchner Sinologin Angelika Schottenhammer, wurden sogenannte Geldschüttelbäume gefunden, mit Münzen auf den Zweigen: Symbole eines immerwährenden Reichtums. Andererseits gab es offenbar auch so etwas wie Moden der Schlichtheit. Der Archäologe Torsten Mattern verweist auf das römische Gräberfeld von Haltern bei Recklinghausen aus dem frühen 1. Jahrhundert nach Christus: „Die Uniformität der Grabbeigaben kann kaum den realen Rang der Bestatteten widergespiegelt haben.“
Aber wie verpflichtend waren – oder sind – solche Vorschriften für ein „gutes“ Sterben, für ein „angemessenes“ Trauern und für den „richtigen“ Bestattungsritus eigentlich? „Der Dienst an den Geistern war als Funktion richtigen Sozialverhaltens wichtig“, analysiert Schottenhammer die Tradition des chinesischen Konfuzianismus. Unsere west- und mitteleuropäische Gegenwart legt eher die Frage nahe, ob es, um eine Formulierung Max Webers abzuwandeln, auch Menschen gibt, die bei Sterbe- und Begräbnisritualen quasi „unmusikalisch“ sind.
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Blick in die Katakomben von Neapel (J. Coote, 1760)
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Der scheinbar profanierende Vergleich mit dem Musikgeschmack scheint gar nicht so abwegig. In arabischen Ländern, so Elsas, spielt „eine Art Totentanz durch Klageweiber eine große Rolle“, in ländlichen Regionen der Türkei wird oft eine Sängerin engagiert, die vor dem Leichnam das Leben des Verstorbenen in einem improvisierten Lied zusammenfasst. Viele Theologen stufen solche Trauerrituale als bloße „Gewohnheit“ ein, verurteilen sie gar als „unislamisch“, während andere einen guten Sinn darin sehen, die Trauer zunächst unkontrolliert auszuleben. Religion oder „bloß“ Kultur? Da fehlt der Wissenschaft so etwas wie ein Lackmustest.
Die Aufgabe, das „richtige“ Ritual zu finden, ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst. Als frühen Beleg eines Bestattungsritus nennt Elsas das Grab in der Höhle von Le Moustier in Frankreich, vor etwa 60.000 Jahren. „Alles weist auf liebevolle Fürsorge für die Toten hin.“ Allerdings: Die Frau liegt stark zusammengebogen, so als ob sie gefesselt wäre, und einem Kind ist der Kopf abgetrennt – galt es in der mittleren Altsteinzeit womöglich als angebracht, die Toten an einem unerwünschten Eingreifen in die Welt der Lebenden zu hindern? Aber die gekrümmte Haltung könnte auch die Lage des Kindes im Mutterleib nachbilden, also die Hoffnung auf neues Leben.
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Turm des Schweigens in Mumbai (Bombay), Indien 1896
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Wir brauchen nicht bis in die Steinzeit zurückzugehen, um Riten zu finden, die uns schockieren. Bei den Zoroastriern war es Jahrhunderte lang Sitte, die Leichname auf „Türmen des Schweigens“ den Geiern zum Fraß auszusetzen. Sinn: Die Erde sollte nicht durch Abgestorbenes verunreinigt werden. Im 6. Jahrhundert nach Christus wurde den persischen Christen zugesichert, sie dürften weiterhin ihre Toten in der Erde bestatten; offenbar gab es sozialen Druck, die Leichen-Aussetzung verbindlich zu machen. Seit 1971, berichtet die Marburger Iranistin Heidemarie Koch, ist diese Luftbestattung im Iran verboten, aus einem anderen, medizinisch-hygienischen Verständnis von Reinheit. Tote aus zarathustrischen Familien müssen haute in Betonkisten oder in mit Asphalt ausgekleideten Gräbern beigesetzt werden. Dem Islam war es über 1.300 Jahre nicht gelungen, die vorislamische Sitte zu unterbinden.
Neu auf dem Büchermarkt: Sterben, Tod und Trauer in den Religionen und Kulturen der Welt. Gemeinsamkeiten und Besonderheiten in Theorie und Praxis, herausgegeben von Christoph Elsas, ebv-Verlag für Erwachsenenbildung, Hamburg-Schenefeld 2007, ISBN 978-936912-69-2, 19,80
Mehr im Internet: Diskurs über freiwilliges Sterben, scienzz 06.02.2006 Mumien durch Natur und Mumien durch Kunst, 10.10.2007 Sterben - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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