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05.09.2008 - PHILOSOPHIE

Eine Freiheit zum Tun des Falschen

Über die Wirkungsgeschichte der "Politik" des Aristoteles

von Josef Tutsch

 
 

Aristoteles (384-322 v.Chr.)
Bild: Museo Nazionale Rom

Was haben Menschen mit Bienen, Wespen, Ameisen und Kranichen gemeinsam? Die Antwort, die der griechische Philosoph Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus gab, gehört zu den meistzitierten Stellen der gesamten Ideengeschichte: Der Mensch sei ein "zoon politikón", ein "politisches", also gemeinschaftsbezogenes, genauer gesagt, ein nach staatlicher Gemeinschaft strebendes Lebewesen. Das Leben im Staat sei dem Menschen also "natürlich"; er käme sonst mit einer feindlichen Umwelt nicht zurecht, ein "gutes" (heute würden wir sagen "menschenwürdiges") Leben wäre ohne Staat in aller Regel unmöglich – außer, wie Aristoteles hinzufügt, wenn jemand "entweder mehr oder weniger ist als ein Mensch".

Wer diese Passagen, die Aristoteles' Schüler aus seinen Vorlesungen unter dem Titel "Politik" zusammengestellt haben, heute unbefangen liest, mag zu der Vermutung kommen, dass der Philosoph von modernen Vorstellungen einer liberalen Demokratie, sogar einschließlich sozialstaatlicher Elemente, nicht ganz so weit entfernt gewesen sein kann. Irritierend nur, dass wenige Absätze später die Sklaverei als eine "natürliche" Einrichtung gerechtfertigt wird. Dennoch: In einer langen Wirkungsgeschichte, stellt Christoph Horn, Philosoph an der Universität Bonn, fest, hat Aristoteles "tendenziell freiheitliche Denkrichtungen inspiriert". Aber auch Theoretiker, die mehr auf eine Legitimation von Herrschaft als auf Bürgerfreiheit hinauswollten, mussten sich immer und immer wieder mit Aristoteles aueinandersetzen.

Hannah Arendt (1906-1975)
Gemeinsam mit seiner Kollegin Ada Neschke-Hentschke von der Universität Lausanne hat Horn einen Kreis von Philosophen, Politikwissenschaftlern und Historikern zusammengebracht, um diese Wirkungsgeschichte aufzuarbeiten. Herausgekommen ist eine Folge von historischen Monographien, die allerdings nur bis ins 19. Jahrhundert reicht. Das ruft nach einer Fortsetzung – Aristoteles im 20. Jahrhundert. Horn und Neschke-Hentschke selbst verweisen auf so unterschiedliche Denker wie den Neokonservativen Leo Strauss, die Analytikerin der totalitären Herrschaft, Hannah Arendt, und den Entdecker der Irrationalität im abendländischen Rationalisierungsprozess, Eric Voegelin, die "auf Aristoteles rekurrierten, um die Idee politischer Normativität mit aristotelischen Mitteln gegen die Wertfreiheitsthese Max Webers zu verteidigen".

Es wäre darüber zu streiten, ob die Frontenstellung mit diesem Halbsatz korrekt wiedergegeben wird. Webers Postulat der Wertfreiheit in den empirischen Wissenschaften wollte schließlich nicht bestreiten, dass normative Sätze ihren philosophischen Sinn haben können. Und auch nicht, dass eine Spezialdisziplin sich unter normative Voraussetzungen stellen kann, wie es ja die Medizin hinsichtlich der Erhaltung menschlichen Lebens und die Verminderung des Leidens ebenfalls tut. Oder in anderer Hinsicht die Jurisprudenz. Soviel ist aber zweifellos richtig: Wo in 2.300 Jahren Theoriegeschichte die Frage politischer Normativität aufgeworfen wurde, geschah dies in den Spuren des Aristoteles.

Thomas von Aquin (1225-1274)
Das ist ein erstaunlicher Umstand, schon deshalb, weil die politischen Verhältnisse, die Aristoteles vor Augen hatte, bereits zu seinen Lebzeiten ins Wanken gerieten, nicht zuletzt durch das Wirken seines Schülers Alexanders des Großen. Zwar rückt Horn die gängige Einschätzung zurecht, die Philosophie der hellenistischen und römischen Epoche sei durch und durch apolitisch gewesen; aber die griechischen Stadtstaaten hatten ihre Souveränität verloren. Für das westliche Europa wurde die aristotelische "Politik" im 13. Jahrhundert wiederentdeckt, also unter den Bedingungen eines Feudalsystems, in dem sich monarchisch regierte Territorien einerseits, städtische Selbstverwaltungen andererseits herausbildeten.

Den klassischen Fall einer Aristoteles-Rezeption im hohen Mittelalter bietet der Fürstenspiegel, den Thomas von Aquin für einen König von Zypern verfasst hat. Thomas übersetzte das "zoon politikón" mit "animal sociale et politicum". "Staatsbildung tritt zur Gesellschaftsbildung allererst hinzu", interpretiert der Mittelalterhistoriker Jürgen Miethke von der Universität Heidelberg. Dass diese Herrschaft eine Monarchie war, während Aristoteles eine Mischverfassung von Demokratie und Oligarchie befürwortet hatte, scheint für Thomas kein Problem gewesen zu sein. Aber die Monarchie musste davor bewahrt werden, in Tyrannei umzuschlagen, durch Orientierung am Gemeinwohl.

Francisco de Vitoria (1492-1546)
Damit lenkte Thomas auf Aristoteles zurück: Zweck des Staates sei es, ein "gutes Leben" zu ermöglichen. Aber natürlich war der Gedanke bei Thomas durch seine christlich-theologischen Voraussetzungen gefärbt. Konfliktpotential bot da vor allem der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen im Verhältnis zur aristotelischen Rechtfertigung der Sklaverei als naturgemäß. Das Problem gewann an Schärfe, nachdem europäische Unternehmen auf den Plantagen und in den Bergwerken Amerikas die Sklavenwirtschaft neu etabliert hatten. Der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria, stellt Norbert Brieskorn von der Hochschule für Philosophie München dar, fand eine Rechtfertigung: "Die Barbaren sind nicht ganz ohne jede Vernunft, indessen besitzen sie sie nur in sehr geringem Maße; auch scheint es, dass sie weder fähig sind, einen rechtmäßigen Staat zu gründen und zu verwalten, noch menschliche und bürgerliche Sitten zu beobachten."

Kolonisation und Sklaverei mithin zum Zwecke der Erziehung. Die schwer vermeidbare Inklusion, dass es damit irgendwann zu Ende sein müsste, scheint de Vitoria nicht ausgesprochen zu haben – eine jener Stellen, wo man beinahe auf den Gedanken verfallen möchte, hier hätte ein großer Denker Sprengstoff in sein System eingebaut, damit seine Nachfolger zu neuen Schlussfolgerungen vorstoßen möchten. Ähnlich hatte bereits Aristoteles selbst festgestellt, als "natürlich" könne Sklaverei nur dann gelten, wenn der Sklave fremder Leitung bedürfe. Was folgte daraus eigentlich für die real existierende Sklaverei im Griechenland seiner Zeit?

Ph. Melanchthon (1497-1560)
Ähnlich untergründig scheint die Rezeption der aristotelischen Politik im Deutschland des frühen Protestantismus gewesen zu sein. Martin Luther, durch seine scholastische Vorbildung abgeschreckt, hatte geurteilt, die Schriften des heidnischen Philosophen seien "stracks der Gnade Gottes und den christlichen Tugenden entgegen". Dennoch gewann der Aristotelismus, so der Politikwissenschaftler Henning Ottmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München, in den frühabsolutistischen Staaten einen nahezu offiziellen Status. Das lag vor allem an Philipp Melanchthon, der in der aristotelischen Philosophie Argumente gegen das Schwärmertum gesucht hatte – Argumente, die das Evangelium nicht zu bieten vermochte.

Die späteren evangelischen Autoren scheinen den alten Heiden geradezu als ein Gegengift genutzt zu haben. Ottmann: "Mithilfe der aristotelischen 'Politik' war es möglich, die Lehren von der Staatsraison und von der Souveränität zu mäßigen, die Souveränitätslehre konnte durch die Mischverfassungslehre zur Anerkennung einer gemäßigten Verfassung umgebogen werden." Das alternative Konzept hat Neschke-Henschke im Frankreich der Religionskriege gefunden: Die Auseinandersetzung des französischen Theoretikers Jean Bodin mit Aristoteles "läuft darauf hinaus, an die Stelle des aristotelischen Staatsmodells den frühneuzeitlichen Obrigkeitsstaat, dessen Verfassung in der absoluten Monarchie besteht, zu progagieren".

Jean Bodin (1529-1596)
Es ging um den inneren Frieden; nach den Erfahrungen der Religionskriege schien das aristotelische Konzept eines natürlichen Gemeinschaftsstrebens der Bürger da keine hinreichende Grundlage zu bieten. Bodin setzte ein theologisch begründetes Modell dagegen: Gott als absoluter Souverän eines hierarchisch aufgebauten Universums lieferte das Vorbild rechter Herrschaft; mit Augustinus und den Reformatoren stimmte Bodin darin überein, dass die Natur des Menschen keineswegs vernünftig sei, sondern zutiefst verdorben und einer starken Zwangsgewalt bedürfe. "Der Frieden im Staat besteht in der Einmütigkeit der Bürger darüber, wer herrscht und wer gehorcht", ist bei Augustinus zu lesen. Das hätte auch Bodin schreiben können, in Gegensatz zu Aristoteles prägnanter Aussage: "Wir lassen keinen Menschen, sondern das Gesetz herrschen."

In diesem Punkt war sich Aristoteles mit seinem sonst oft kritisierten Lehrer Platon einig. Christoph Horn hebt einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden großen Klassikern der antiken Philosophie hervor: Aristoteles sieht "eine gewisse individuelle Freiheit zum Tun des Falschen" vor – ein tendenziell freiheitliches Moment, Platon hätte zweifellos argumentiert, mit der Realisierung des Falschen wäre die Freiheit zu teuer bezahlt. Aber sein Schüler Aristoteles maßte sich eben nicht an, praktische, politische Probleme anders als bloß im Umriss behandeln zu können. Ob es in den gut 2.300 Jahren von politischem Aristotelismus einmal eine systematische Verteidigung dieser Methodologie der Unschärfe, wenn man das so nennen darf, gegeben hat? Wahrscheinlich haben die meisten Theoretiker alles, was nach ihrer Einschätzung nicht eindeutig zu demonstrieren war, gern den Praktikern überlassen.

Thomas Hobbes (1588-1679)
Ein Denken bloß im Ungefähren: das warf zwei Generationen nach Bodin auch der Engländer Thomas Hobbes dem alten Aristoteles vor. Er selbst wollte seine neue politische Theorie nach der streng geometrischen Methode des Euklid aufziehen. Der aristotelischen Formel vom "zoon politikón" setzte er eine, wenn man so will, "realistischere" Sicht entgegen: "Der Mensch sucht von Natur keine Gesellschaft um der Gesellschaft willen, sondern um von ihr Ehre und Vorteil zu erlangen." Seine eigene Theorie, so gibt Clemens Kauffmann, Politikwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg, die Hobbes-Interpretation von Leo Strauss wider, "sollte völlig leidenschaftslos und rein vernünftig Normen festlegen, die zugleich im Interesse der Anwendbarkeit den Leidenschaften nicht widersprechen dürften".

Um eine Theorie formulieren zu können, die sich technisch anwenden ließ, verzichtete Hobbes auf die Diskussion praktischer, ethischer Fragen, nämlich der Staatszwecke, die für Aristoteles zentral gewesen war. "Es gibt nichts, was mit der Regierungsgewalt unverträglicher wäre als vieles von dem, was Aristoteles in seiner 'Politik' gesagt hat", stellte Hobbes kühl fest. Es ist die Pointe von Strauss' Interpretation, dass Hobbes bei seiner Wendung gegen Aristoteles dennoch von aristotelischen Grundlagen ausgehen konnte: der Analyse menschlicher Leidenschaften, wie der Philosoph sie in einem anderen Werk, der "Rhetorik", geleistet hatte.

"Leviathan": Hobbes antiaristoteli-
scher Politikentwurf von 1651 
 
Oder vielmehr ausgehen musste. Aristoteles hatte ein so mächtiges Denkmuster vorgegeben, dass seine Nachfolger, selbst wenn sie auf etwas ganz anderes hinauswollten, mit seinen Kategorien arbeiten mussten. Eine mögliche Alternative hätte allenfalls Platon mit seinem Idealstaat bieten können; aber dieser ideale, utopische Entwurf war doch allzu weit ab von jeder Lebenswirklichkeit in den folgenden zwei Jahrtausenden entfernt. Die abendländische Philosophie sei eine Folge von Fußnoten zu Platon, hat der amerikanische Philosoph Alfred Whitehead einmal bemerkt. Für die Geschichte der politischen Theorie gilt Ähnliches: Sie entpuppt sich im Rückblick als eine Folge von – freilich oft widerwilligen – Kommentaren zur "Politik" des Aristoteles.


Neu auf dem Büchermarkt:
Politischer Aristotelismus. Die Rezeption der aristotelischen "Politik" von der Antike bis zum 19. Jahrhundert,
herausgegeben von Christoph Horn und Ada Neschke-Henschke,
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2008, ISBN 978-476-02078-0, 39,95 €



Mehr im Internet:
Politik (Aristoteles) - Wikipedia
Zum 100. Gebirtstag von Hannah Arendt, scienzz 11.10.2006
Ein neues Verständnis der Tragödientheorie des Aristoteles, scienzz 06.05.2005







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

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