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30.09.2008 - GESCHICHTE

Ein Dichter und sein Tyrann

2. Oktober 1808: Gespräch zwischen Napoleon und Goethe in Erfurt

von Josef Tutsch

 
 

Johann Wolfgang von Goethe, von
Heinrich Christoph Kolbe
Bild: Goethemuseum Weimar

"Mir gefällt zu konversieren mit Gescheiten, mit Tyrannen." Die Philologen haben diesen Vers aus Goethes "West-östlichem Divan" gern autobiographisch aufgefasst. In der Tat ist schwer vorstellbar, dass der Dichter dabei nicht an jenen gedacht haben soll, der in den Augen der Zeitgenossen der "Tyrann" schlechthin war, Napoleon Bonaparte. Oder vielmehr gewesen war. Inzwischen saß der Imperator, den Europas Monarchen mit vereinten Kräften vom Thron gestoßen hatten, auf einer Insel mitten im Atlantik gefangen.

Dreimal waren sie einander begegnet, der Dichter und der Tyrann. Die erste Unterredung, sie soll fast eine Stunde gedauert haben, fand während des Erfurter Fürstentages Ende September, Anfang Oktober des Jahres 1808 statt. Den Titeln nach war dieser Fürstentag die glanzvollste Versammlung, die Europa bis dahin erlebt hatte. Der Kaiser der Franzosen konferierte nicht nur mit dem russischen Zaren, fast sämtliche Könige und Fürsten des Rheinbundes waren erschienen und bildeten die Staffage, darunter Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Minister Johann Wolfgang von Goethe begleitete seinen Landesherrn.

Karl August wird eher widerwillig erschienen sein, er hatte sich im Krieg Preußens gegen Frankreich zwei Jahre zuvor auf die preußische Seite geschlagen. "Der Herzog hat sich eine Zeit lang ziemlich schlecht betragen, aber er ist dafür bestraft worden", meinte Napoleon zu Goethe, als er ihn am 2. Oktober zur Audienz empfing – es muss geklungen haben, als rede ein Schuldirektor über die Maßregelung eines aufsässigen Pennälers. Goethe blieb höfisch-zurückhaltend: "Sire, ich bin nicht Richter über solche Dinge. Er beschützt die Künste und Wissenschaften, und wir alle können nur Gutes von ihm sagen."

Napoleon empfängt Goethe, spätere Dar-
stellung im "Illustrierten Kreutzerblatt",
Augsburg 1828

Der Dichter war geschmeichelt, dass der Kaiser ihn mit soviel Hochachtung behandelte. "Napoleon, der den ganzen Kontinent erobert, findet es nicht unter sich, sich mit einem Deutschen über die Poesie und die tragische Kunst zu unterhalten", meinte er 1810 zu Friedrich Wilhelm Riemer, dem Lehrer seines Sohnes. Dabei hatte Napoleon tatsächlich ganz andere Sorgen. Die Kämpfe gegen den Aufstand in Spanien liefen schlecht, die totale Wirtschaftsblockade des Kontinents gegen England kam nur mühsam voran, von Österreich wurde ein neuer Krieg befürchtet. So versuchte er, sich mit Zar Alexander auf eine Abgrenzung der Interessensphären zu verständigen. Eine Quadratur des Kreises; die nationalen Intentionen der Polen sollten den russischen Großmachtinteressen nicht aufgeopfert werden.

Dennoch nahm er sich zwischen seinen Regierungsgeschäften Zeit für ein Gespräch mit Goethe. "Ich weiß, Sie sind der erste dramatische Dichter Deutschlands", so begrüßte er, wenn man einem Bericht Talleyrands folgen will, seinen Besucher. Goethe wehrte bescheiden ab, verwies auf Schiller und Lessing; aber vielleicht hatten die Informanten des Kaisers ja auch nur lebende Dramatiker im Sinn. Napoleon selbst waren Goethes Dramen gar nicht bekannt; er dachte bei dem Namen "Goethe" an den ersten großen Roman, der den jungen Dichter drei Jahrzehnte zuvor zur europäischen Berühmtheit gemacht hatte, "Werthers Leiden".

Dieses Buch, ist in der Wiedergabe des Gesprächs durch den weimarischen Kanzler Friedrich von Müller zu lesen, dem Goethe unmittelbar danach Bericht erstattete, "versicherte er, siebenmal gelesen zu haben und machte zum Beweise dessen eine tief eindringende Analyse dieses Romans, wobei er jedoch an gewissen Stellen eine Vermischung der Motive des gekränkten Ehrgeizes mit denen der leidenschaftlichen Liebe finden wollte". "Das ist nicht naturgemäß und schwächt bei dem Leser die Vorstellung von dem übermächtigen Einfluss ab, den die Liebe auf Werther gehabt hat. Warum haben Sie das getan?"

Napoleon Bonaparte im Arbeits-
zimmer, von Jacques-Louis
David, 1812
Bild: Nat. Gall. Washington

Goethe scheint Napoleons Einwand Recht gegeben zu haben. Später, berichtete Müller, habe er den kaiserlichen Literaturkritiker oft "mit einem kunstverständigen Kleidermacher verglichen, der an einem angeblich ohne Naht gearbeiteten Ärmel bald die feinversteckte Naht entdeckt". Bei aller Begeisterung Napoleons für Goethes frühen Roman drehte sich das Gespräch aber doch mehr um die dramatische Kunst. Der Tyrann wusste die Wirksamkeit des Theaters auf das Publikum zu schätzen; "der Mensch, wenn er allein ist, wird immer nur schwach bewegt sein, aber viele Menschen zusammen empfangen Eindrücke, die stärker und dauerhafter sind", begründete er wenige Tage später gegenüber dem Schriftsteller Christoph Martin Wieland sein Interesse für die Schaubühne.

Napoleon hatte das gesamte Personal des Théatre francais nach Erfurt befohlen, um vor der illustren Versammlung fünfzehn Dramen von Corneille, Racine und Voltaire aufführen zu lassen. "Im Parterre werden Sie eine hübsche Anzahl von Souveränen finden", so Napoleon zu Goethe mit gewohntem Zynismus. Und dann über den Fürst-Primas des Rheinbundes, Karl Theodor von Dalberg, ohne Interesse dafür, dass Goethe diesen gerade als "beinahe intimen Freund" bezeichnet hatte: "Sie werden ihn heute Abend auf der Schulter des Königs von Württemberg schlafen sehen." Offenbar nahm Napoleon die meisten der Souveräne Europas nicht recht ernst. Goethe scheint ihm da im geheimen zugestimmt zu haben: "Er hat die Unzulänglichkeit der übrigen Regenten aufgedeckt", meinte er Jahrzehnte später zu Riemer.

Besonders drastisch bekundete Napoleon in Erfurt seine Missachtung gegenüber der Hohenzollerndynastie: Den Prinzen Wilhelm von Preußen lud er zur Hasenjagd nach Jena ein – auf jenes Schlachtfeld, wo 1806 die preußische Armee vernichtet worden war ... Gegenüber einem Goethe wäre ihm dergleichen niemals eingefallen. Insofern hat Müller wohl etwas Richtiges getroffen, wenn er dem Kaiser als Abschluss des Gesprächs den Satz in den Mund legte "Voilà un homme!" Das klingt beinahe wie das "Ecce homo!" des Pilatus über Christus; aber die Wirklichkeit wird profaner gewesen sein. Napoleon, als er erfuhr, dass Goethe im sechzigsten Lebensjahr stehe, "äußerte seine Verwunderung, ihn noch so frischen Aussehens zu finden", berichtet Talleyrand. Damit stimmt Goethes eigene Notiz überein: "Vous etes un homme", "Ihr habt euch gut erhalten".

Zar Alexander I.- Bild: Hermitage
Militärgalerie Winterpalais

Das berühmte "Voilà un homme!" wird also anekdotisch sein, bloß erfunden. Aber eben gut erfunden, wie auch umgekehrt Goethe so etwas wie Wesensverwandtschaft mit dem Diktator verspürt haben muss. Er "gab zu verstehen, dass Napoleon ungefähr die Welt nach den nämlichen Grundsätzen dirigiere wie er das Theater", meinte der Schriftsteller Johann Daniel Falk, dem Goethe wenige Tage nach Erfurt von dem Gespräch erzählt hatte. Theater: Da lag ein gemeinsames Interessenfeld. Napoleon horchte auf, als er hörte, Goethe habe zwei französische Stücke übersetzt oder nachgedichtet, "Mahomet" und "Tankred", beide von Voltaire.

Über den "Mahomet" muss der Imperator intensiv nachgedacht haben: Es sei "unschicklich", so in Müllers Bericht, "dass der Weltüberwinder von sich selbst eine so ungünstige Schilderung mache". Fühlte er selbst, als ein neuer Weltbezwinger, sich von Voltaires kritischer Darstellung mitgetroffen? Das Trauerspiel solle "die Lehrschule der Könige und der Völker sein". Und dann die Anregung an Goethe: "Sie sollten den Tod Caesars auf eine vollwürdige Weise, großartiger als Voltaire, schreiben. Das könnte die schönste Aufgabe ihres Lebens werden. Man müsste der Welt zeigen, wie alles ganz anders geworden wäre, wenn man ihm Zeit gelassen hätte, seine hochsinnigen Pläne auszuführen."

Goethe ist dieser Anregung bekanntlich nicht nachgekommen. Das "Großartige", wie es Napoleon erwartete, lag ihm nicht. "Kommen Sie nach Paris, ich fordere es durchaus von Ihnen!" so berichtet Müller, soll der Kaiser gedrängt haben. Goethe wich einer Antwort aus; er mag gespürt haben, dass ein derart enges Nebeneinander am Ende unbehaglich würde. Der Dissens zwischen Dichter und Diktator wird in einem Passus deutlich, den Talleyrand wiedergibt: "Gehören Sie zu den Verehrern des Tacitus?" "Ja, Sire, ich liebe ihn sehr." "Nun, ich nicht."

Napoleon empfängt den österreichischen
Gesandten, von Nicolas Gosse
Bild: Schloss Versailles
 

Der römische Historiker Tacitus, erläuterte Napoleon gegenüber Wieland seine Abneigung, sei ein "Verkleinerer der Menschheit", er mache "aus allen Kaisern die größten Bösewichter". Man ahnt den Stachel, der in Napoleons Innerem bohrte: Wie hätte der alte Römer wohl über ihn, den Kaiser der Franzosen, geurteilt? Wieland hatte den Mut, den Historiker zu verteidigen: "Ich gebe zu, dass sein Hauptstreben war, die Tyrannen zu bestrafen; aber er denunzierte sie der Gerechtigkeit der Jahrhunderte und der Menschheit."

Im Weimar trafen Napoleon und Goethe in den folgenden Tagen noch zweimal zusammen, der Dichter erhielt das Kreuz der Ehrenlegion. Zum Befremden seiner deutsch-national denkenden Umwelt hat er es gern getragen. Der Hof von Weimar nahm es vermutlich als eine Marotte seines altgewordenen Ministers hin. "Pfui Teufel!" rief der österreichische Feldzeugmeister Graf Colloredo, als Goethe ihm eine Woche nach Napoleons Niederlage bei Leipzig 1813 mit dem Kreuz auf dem Staatskleid entgegentrat. Goethe muss völlig verstört gewesen sein. "Man könne doch einen Orden, durch den ihn ein Kaiser ausgezeichnet habe, nicht ablegen, weil er eine Schlacht verloren habe", sagte er zu Wilhelm von Humboldt.

Da lag jene Nacht, in der es beinahe zu einer vierten Begegnung gekommen wäre, bereits zehn Monate zurück. Am 15. Dezember 1812 war Napoleon auf der Flucht aus Russland durch Weimar gekommen; selbst in dieser Situation vergaß er nicht, Goethe seine Grüße ausrichten zu lassen. Eine Gelegenheit, miteinander zu "konversieren", ergab sich nicht mehr. Aber Goethe schrieb dann doch noch so etwas wie ein Napoleon-Stück. Nicht "Caesars Tod", wie vom Kaiser angeregt. Das Berliner Nationaltheater hatte – ausgerechnet bei Goethe – eine Art Opernlibretto zur Feier des Sieges über den "Tyrannen" bestellt.

Einlasskarte für eine der Vorstellungen
des Théatre francais während des Er-'
furter Fürstenkongresses 1808

Das Auftragsstück liegt unter dem Titel "Des Epimenides Erwachen" in den Gesammelten Werken begraben. "Nun rissen wir uns ringsherum von fremden Banden los, nun sind wir Deutsche wiederum, nun sind wir wieder groß." Man möchte sich gern vorstellen, dass "der erste dramatische Dichter Deutschlands" bei jedem Vers von Widerwillen geplagt wurde. Was er wirklich dachte, äußerte der alte Goethe eher im persönlichen Gespräch, zum Beispiel mit seinem Gehilfen Johann Peter Eckermann über die Verbannung "seines" Kaisers auf die Atlantikinsel Sankt Helena: "Wenn man bedenkt, dass ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit Füßen getreten hat, so ist das Ende, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde."

Man komme nicht umhin, meinte Goethe nachdenklich, in solchen Fällen "an etwas Dämonisches zu glauben". Napoleon gebe ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich "ins Absolute zu erheben". Aber eben auch: "Dämonische Wesen solcher Art rechneten die Griechen zu den Halbgöttern."


Mehr im Internet:
Erfurter Fürstenkongress - Wikipedia
Die Schlacht von Jena und Auerstedt, scienzz 13.10.2006
Ein Reich, das keines war, scienzz 06.08.2006
Flurbereinigung im Westen, scienzz 07.07.2006
Der Kaiser der Revolution, scienzz 01.12.2004





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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