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10.09.2008 - LITERATURGESCHICHTE
Das Himmelreich als Käsemarkt
Oder das Aufgehen der Kunst in Fun, Reklame und Kommerz
von Josef Tutsch
 | | Gustave Moreau, Der Dichter
Hesiod und die Muse, 1891
Bild: Musee d'Orsay, Paris
| | | "Das Leben der meisten ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt; das Leben der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich." Die Opposition zwischen der Kommerzwelt des Bürgertums und der freien Kreativität des Dichters, wie sie Joseph von Eichendorff 1815 in seinem Roman "Ahnung und Gegenwart" ins Bild gefasst hat, ist ein Hauptthema, vielleicht das Hauptthema der romantischen und modernen Dichtung. Für das bürgerliche, "bildungsbürgerliche" Publikum, das als Publikum für solche Romane in Frage kam, wurden Kunst und Literatur in der Nachfolge der Religion zu einer höheren Sphäre, an der sich das Alltagsleben zu messen hatte. "Die Kunst ist das Wirklichste, was es gibt", schrieb Marcel Proust ein Jahrhundert nach Eichendorff in der "Suche nach der verlorenen Zeit", "die strengste Schule des Lebens und das wahre Jüngste Gericht."
Peter V. Zima, Literaturwissenschaftler an der Universität Klagenfurt, hat die Entwicklung des Künstlerromans vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zu seiner Auflösung im späten 20. Jahrhundert nachgezeichnet – einer Auflösung der Kunst selbst in "Fun", Reklame und Kommerz. Am Anfang stehen die philosophischen Thesen des frühromantischen Dichters Novalis: Poesie sei "die Basis der Gesellschaft", die Welt müsse "romantisiert werden"; am Ende steht die parodistische Verfremdung solcher romantischer Traditionen zum Beispiel in Patrick Süskinds Erfolgsroman "Das Parfum" von 1985. Das "Genie" wird auf jenes Sinnesorgan reduziert ist, dessen künstlerischen Charakter die Lehrer der Ästhetik immer bezweifelt hatten – den Geruch.
Alle Kategorien der idealistischen Ästhetik geraten in Verwirrung, sowohl Hegels Meinung, dass das Kunstwerk "aus dem Geist" hervorgehe, als auch Kants Formel vom "interesselosen Wohlgefallen". Im Gegenteil, stellt Zima fest, das vom "Genie" Grenouille hergestellte Parfum wird ganz praktisch als Mittel der Machtausübung eingesetzt, weil es begehrenswert macht. In einem holländischen Roman, "Gimmick" von Joost Zwagerman, 1989, ist die kommerzielle Umwertung der klassischen Ästhetik ausgesprochen: "Es gibt keine guten oder schlechten Künstler, es gibt Künstler mit Geld und es gibt Künstler ohne Geld, und die Künstler ohne Geld sind eigentlich gar keine Künstler."
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Novalis (17712-1801)
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"Gimmick", so das Fazit des Literaturwissenschaftlers, "bestätigt, was seit Jahrzehnten von deutschen, französischen und englischen Kunstwissenschaftlern behauptet wird: dass die Distanz wischen Kunst und Werbung in der Postmoderne so stark geschrumpft ist, dass es bald schwer fallen könnte, eine klare Grenze zwischen den beiden Bereichen zu ziehen." Ein etwas älteres Beispiel, "Lost in the Funhouse" von John Barth, 1968. Am Ende erkennt der unangepasste Held der Erzählung "sein Schicksal, das darin besteht, Juxhäuser für andere zu konstruieren – statt sich wie die normalen Liebenden den Freuden der Unterhaltungsindustrie hinzugeben."
Während die Künstlerfiguren früherer Künstlerromane – Zima nennt Proust, Thomas Mann und Sartre als Beispiele – "leiden, um Kunstwerke hervorzubringen, die auf eine bessere Welt hindeuten, mündet ‚Lost in the Funhouse’ in der Erkenntnis, dass es keinen Wahrheitsgehalt und keine bessere Welt jenseits der Fungesellschaft gibt." Den Leser überkommt aber doch ein leiser Zweifel, ob die Analyse damit ganz vollständig durchgeführt ist. Immerhin hat John Barth "Lost in the Funhouse" geschrieben und publiziert; in dieser Autorentätigkeit, die der Gegenwart ihren Spiegel vorhält (auch in der entsprechenden Tätigkeit des Publikums, das in diesem Spiegel zu lesen versteht), liegt immer noch ein Stück von souveräner Kritik, künstlerischer Autonomie, idealistischer Intention, wenn man so will, auch wenn das werkintern nicht mehr ausgesprochen wird.
Eine "Durchbrechung des verdinglichten Bewusstseins", hätte Theodor W. Adorno gesagt – Zima beruft sich gern auf Adornos "Ästhetische Theorie". Er beruft sich auch gern auf Hegels Ästhetik mit den berühmten Sätzen vom Ende der Kunst. Oder vielmehr, wie Zima Hegels These treffend umschreibt, von einer "Marginalisierung" der Kunst. "Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welche die Wahrheit sich Existenz verschafft", hatte der Philosoph in den 1820er Jahren in seinen Vorlesungen gesagt und gemeint, diese "höchste Weise" sei nunmehr die Philosophie. Zima will Hegel sozusagen materialistisch umdeuten, ihn vom Kopf auf die Füße stellen: Die Kunst geht nicht im begrifflichen Denken auf, sondern im Kommerz.
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)
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Mit Eichendorffs Metapher gesprochen: Das "Himmelreich", nach dem "die Poetischen" reisen, ist auch nur ein Butter- oder Käsemarkt – von der modernen Unterhaltungsindustrie hatte Eichendorff noch keine Vorstellung. Hier liegen allerdings zwei Einwände nahe. Erstens lässt sich fragen, ob das wirklich eine "Umdeutung" ist und nicht eine ganz andere These. Hegel hat sich mit seiner Utopie vom kommenden Zeitalter der Philosophie offenbar geirrt; man könnte sogar sagen, dass die neue, in Kommerz verwandelte Kunst, die Reklame, heute gegenüber der Begrifflichkeit keineswegs marginalisiert ist, sondern allgegenwärtiger denn je.
Und zweitens – was hat sich eigentlich geändert? Sicherlich nicht die existenzielle Abhängigkeit des Künstlers von einem zahlenden Publikum – dieser triviale Umstand hat zur Zeit der "Kunstreligion" ebenso gut gegolten wie in den Jahrtausenden zuvor und den Jahrzehnten danach –, sondern dieses Publikum selbst. Es besteht heute nicht mehr aus einzelnen, im Glücksfall aufgeschlossenen und verständigen Mäzenen, sondern aus Menschenmassen, die durch Werbung mobilisiert werden und durch die "events".
Die Frage, "ob es eine Kunst gibt, die imstande ist, den Stumpfsinn des Zwangskonsums zu durchbrechen und die Menschen zu wecken", werde dann vergessen, verdrängt, tabuisiert, schreibt Zima, das Bedauern ist nicht zu überhören, und zitiert Autoren wie Bodo Kirchhoff: "Es gab bei uns eine Zeit, in der Schriftsteller Einfluss auf die öffentliche Meinung hatten. Diese Zeit ist vorüber ...Wir sind Kollegen in der Ohnmacht." Der Leser dieser Studie gerät aber wiederum in Zweifel: Gab es diese Zeit wirklich? Hatten die Schriftsteller tatsächlich solchen Einfluss? Oder haben sie sich bloß Illusionen gemacht, die jetzt abgeschminkt wurden?
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Stefan George (1868-1933)
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Zweifellos handelt es sich bei diesem Abschminken auch um eine Rückkehr zu vorbürgerlichen Verhältnissen; Jahrtausende lang hatte die Kunst fernab von "l’art pour l’art" ihren klar definierten Auftrag, nur dass statt Propaganda für Staat und Kirche heute ökonomische Reklame im Vordergrund steht. Die bürgerliche Kunstreligion oder Kunstideologie war wohl nur eine rasch vorübergehende Phase der Kulturgeschichte. "Die Welt muss romantisiert werden ..." Ein Jahrhundert nach Novalis hatte Stefan George solchen Hoffnungen abgeschworen und seine Kunst als "Bruch mit der Gesellschaft" definiert. Die Autonomie der Kunst, ihre quasi-religiöse Stellung, war nur noch unter der Bedingung denkbar, dass sie auch ihrerseits darauf verzichtete, wirken zu wollen.
Für die Gegenwartsliteratur stellt Zima einen anderen Trend fest, der im Ergebnis von Stefan George aber vielleicht gar nicht so weit entfernt ist: "Der postmoderne Künstler fügt sich dem Schicksal der Technik und des Marktes". "In dieser gesellschaftlichen Situation hört die Kunst auf, eine sinnstiftende Instanz zu sein", Beleg: eine Stelle im Roman "Historia de un idiota" des Katalanen Félix de Azúa, 1986: "Ich schreibe dies alles ohne jegliche Absicht, ohne die geringste Wirkung anzustreben, ich schreibe ohne Grund und um mir selbst an endlosen und leeren Tagen Gesellschaft zu leisten."
Nun ja, es wäre zu diskutieren, ob in solchen Beteuerungen nicht doch einiges an Koketterie liegt, ein "venire contra factum proprium", wie die Juristen sagen: Man behauptet das eine und tut derweil unverdrossen das Gegenteil. Auch in der bildungsbürgerlichen Kunstreligion des 19. Jahrhunderts, von der Zima diese postmoderne Entwicklung abhebt, wird viel Pose gewesen sein. Man predigte die Autonomie der Kunst und lebte unvermeidlich von einem "Markt", notfalls recht unauskömmlich am Rande, in einer "Bohème". Zima umschreibt, in Anlehnung an Adornos Kritische Theorie, Azúas Position mit dem Begriff "konsequente Negativität"; die Kunst isoliere sich zwar, mache sich aber zugleich zu einer "Zufluchtsstätte für kritisches Denken". In einem letzten Rest hält Zima eben doch an den Hoffnungen der Kunstreligion fest, in der Überzeugung, "dass eine eindimensionale, kritikfreie Gesellschaft nicht überlebensfähig ist und daher nicht von Dauer sein kann".
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"Das Parfum", Film nach dem Roman von Patrick Süskind, Regie Tom Twyker, 2006
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In den Romanen selbst scheint von solchen Hoffnungen heutzutage nicht mehr die Rede zu sein. Die Zäsur sieht Zima bereits mit Thomas Manns "Doktor Faustus" aus den 1940er Jahren gegeben: Der Künstler Adrian Leverkühn macht mit Nietzsches Diagnose vom Tod Gottes Ernst und will mit Hilfe des Teufels selbst an die Stelle des toten Schöpfers treten. "Die Kunst erhebt ihr Haupt, wo die Religionen nachlassen", hatte Nietzsche lapidar festgestellt. Mit Süskinds "Parfum", so Zima, sei "die Kunst als oberster Wert des verschwundenen Bildungsbürgertums der Kontingenz überantwortet". Nach dem Tod Gottes nun also der Tod des Künstlers und der Kunst – mit der Pointe freilich, dass dieser Tod von einem Künstler und in einem Kunstwerk festgestellt wird.
Neu auf dem Büchermarkt: Peter V. Zima: Der europäische Künstlerroman. Von der romantischen Utopie zur postmodernen Parodie, A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2008, ISBN 978-3-7720-8263, 39,- €
Mehr im Internet: Die Erfindung des Ästhetischen, scienzz 30.09.2004 Kunst - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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