Zwischen Aufruhrverdacht und Gotteslästerung - Fragen zum Prozess Jesu
von Josef Tutsch
Ecce homo, Antonello da Messina,
1475 (Collegio Alberoni, Piacenza)
Bild: Wikipedia
Wenn es vor zweitausend Jahren bereits Gerichtsreporter gegeben hätte ... Oder wenn sich, noch besser, Prozessprotokolle erhalten hätten ... Vielleicht wüssten wir dann Genaueres über jenes Geschehen, das sich irgendwann um 30 nach Christus in Jerusalem ereignet hat: Ein Prediger, der in den Monaten oder Jahren zuvor Galiläa und Judäa durchstreift hatte, kam zum Passahfest nach Jerusalem, wurde von der römischen Besatzungsmacht, offenbar im Einverständnis mit den Behörden des jüdischen Klientelstaates, zum Tode verurteilt und am Kreuz hingerichtet.
Aber die vier Evangelien bieten keine Prozessakten, auch keine zeithistorische Chronik mit nüchternen Daten und Fakten. Ihre Absicht war eine andere; der Verfasser des Johannesevangeliums hat sie mit den Worten formuliert: "damit auch ihr glaubt!" Was glauben? Dass dieser Jesus, der in Jerusalem gekreuzigt wurde, der von Gott gesandte, in der Heiligen Schrift verheißene Messias war. Die Passionsberichte bestehen denn auch beinahe Zeile für Zeile aus Zitaten, die demonstrieren sollen, dass sich in diesem Leben und Sterben die alttestamentlichen Weissagungen erfüllt haben. Das beginnt mit Jesu Einzug in Jerusalem, auf einer Eselin und ihrem Füllen, wie das Matthäusevangelium schreibt, entsprechend einer Stelle beim Propheten Sacharja: "Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers."
Und es endet damit, dass die Kriegsknechte, die Jesus vom Kreuz abnehmen wollen, ihm die Beine nicht zerschlagen, weil sie sehen, dass er schon gestorben ist. "Sondern einer der Soldaten stieß mit dem Schwert in seine Seite, und sogleich kamen Wasser und Blut heraus." Der Verfasser des Johannesevangeliums kommentiert: "Das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde:‚Kein Knochen soll an ihm zerbrochen werden.’" Bis in die Einzelheiten hinein ist die Passionsgeschichte Stellen im Alten Testament nachgebildet. "Als die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen, dazu kam das Untergewand. Das war aber ungenäht, von obenan in einem Stück gewebt. Da sagten sie untereinander. Lasst uns das nicht teilen, sondern darum losen, wem es gehören soll." "So sollte sich", fährt der Evangelist fort, "die Schrift erfüllen, die da sagt (Psalm 22): ‚Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.’"
Den Sinn dieser ganzen Zitatenflut lässt das Markusevangelium den römischen Hauptmann – einen Ungläubigen also – aussprechen: "Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!" In dem Satz spiegelt sich die Enttäuschung der frühen Christen, die einsehen mussten, dass sie mit ihrer Predigt eher noch unter den Heiden Resonanz fanden als beim "auserwählten Volk" des Alten Testaments, den Juden, die in dem gekreuzigten Jesus nicht den verheißenen Messias erkennen wollten. Und diese Enttäuschung prägt auch die Schilderung der Evangelien vom Prozess Jesu. Das Verfahren vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, das sich gegen einen vermeintlichen Aufrührer richtete, ist mit einem zweiten Strafverfahren vor dem jüdischen Hohen Rat verbunden, und darin ging es um den Vorwurf der Gotteslästerung.
Jesus vor dem Hohen Rat, Giotto di Bon- done, um 1305, Capp. Scrovegni, Padua Bild: Wikipedia
Wie sich beide Prozessstränge zueinander verhalten, gehört zu den umstrittensten Problemen in der Frühgeschichte des Christentums. Jahrhunderte lang wurde das Verhältnis zwischen Christen und Juden von der Frage nach der "Schuld" an Jesu Tod bestimmt. Aber wurde Jesus tatsächlich, wie die Lektüre der Evangelien es nahe legt, zunächst vom Hohen Rat wegen Gotteslästerung verurteilt und dann dem Statthalter überstellt, weil die jüdischen Behörden nicht das Recht hatten, Todesurteile zu vollstrecken? Stellen sowohl bei antiken Historikern als auch im Neuen Testament selbst belegen, dass die jüdischen Behörden damals durchaus Hinrichtungen veranlassen konnten. Das Römische Reich war eben keine Rechtseinheit, sondern ein Verbund von Völkern und Territorien, die sich zu Rom in einer mehr oder weniger engen Abhängigkeit befanden.
Jesus wurde jedoch nicht wegen Gotteslästerung hingerichtet; für dieses Vergehen forderte das Alte Testament eine andere Todesart, die Steinigung. Jesus jedoch wurde gekreuzigt, und das war eine römische Hinrichtungsform, vorgesehen für Aufrührer. Nun spricht alles, was wir von Jesus wissen, gegen die Annahme, er hätte politische Absichten verfolgt; das Gottesreich, dessen Ankunft er verkündete, war nicht als Menschenwerk gedacht. Aber das muss den römischen Beamten ja nicht bewusst gewesen sein; sie wollten Ruhe und Ordnung in den unterworfenen Territorien sichern, die theologischen Differenzen innerhalb des Judentums interessierten sie nicht.
Kurzum: Jesus wurde nach römischem Recht verurteilt und hingerichtet; ob dem ein jüdisches Verfahren vorausging, muss offen bleiben. Die Initiative wird eher von den Besatzern ausgegangen sein, die einen Aufrührer beseitigen wollten. Möglicherweise wurde dann bei den Hohen Priestern und dem Hohen Rat angefragt, ob gegen eine Hinrichtung Einwände bestünden. Dass die christlichen Quellen ein oder zwei Generationen später den Statthalter Pontius Pilatus eher entlasten und die "Schuld" den Juden zuschreiben wollten, ist durchaus nachvollziehbar. Es gab damals noch keinen grundsätzlichen Konflikt der Christen mit dem römischen Staat; die Verfolgung, die Kaiser Nero in den 60er Jahren begonnen hatte, war ein Einzelfall geblieben.
Auf der anderen Seite vollzog sich ein schmerzlicher Ablösungsprozess der neuen Religion vom Judentum. Bereits im 1. Thessalonicherbrief, um das Jahr 50, klagte der Apostel Paulus über eine Verfolgung der Christen durch "die Juden" (das meint wohl: die jüdischen Religionsbehörden) und zog eine Parallele mit dem Prozess Jesu: "Die haben sogar den Herrn Jesus getötet." Noch plakativer schilderte ein halbes Jahrhundert nach diesem Paulusbrief das Johannesevangelium den Vorgang, der zu Jesu Tod führte: "Pilatus sagte zu den Juden: Seht, das ist euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!" Die Begründung findet sich einige Zeilen zuvor: "Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht."
Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld, Meister Bertra, um 1390 (Niedersächsisches Landesmuseum Hannover) - Bild: Wikipedia
Sätze, die sich etwa durch die Vertonung in Johann Sebastian Bachs "Johannespassion" auch säkular denkenden Menschen, die nicht mehr in der Bibel lesen, tief eingeprägt haben. Das Dilemma, das sich hier für die Theologie auftut, ist offenkundig. "Der historische Befund ist eindeutig", schreiben etwa Hans Conzelmann und Andreas Lindemann in ihrem viel benutzten "Arbeitsbuch zum Neuen Testament": "Ein politisch Verdächtiger wurde unter Mitwirkung jüdischer Kreise von den Römern in Jerusalem hingerichtet. Der christliche Glaube sagt: Jesus musste als Gottessohn sterben. Diese beiden Aussagen lassen sich nicht auf einer Ebene verrechnen."
Bleiben wir auf der historischen Ebene. Und da ist nicht einmal das Jahr von Jesu Tod bekannt – ein Umstand, der demnächst zu viel Diskussion führen dürfte, wenn die Kirchen und die Gläubigen gern den zweitausendsten Jahrestag feiern würden. Alle Berechnungen stützen sich auf die Aussage in den Evangelien, dass Jesus zu Beginn eines Passahfestes starb. Leider haben die Hoffnungen, den genauen Termin mittels der Astronomie berechnen zu können, ins Leere geführt. Der jüdische Festkalender richtete sich – anders als wir das heute vom christlichen Osterfest her gewöhnt sind – nicht streng nach astronomischen Daten, sondern hing davon ab, wann glaubwürdige Zeugen nach dem letzten Neumond des Winters zum ersten Mal das Neulicht hatten sehen können. Im religiösen Kalender der Muslime wird heute noch ganz ähnlich verfahren.
Selbst der Freitag als Todesdatum ist nicht hundertprozentig gesichert. Im Urchristentum wurde am Sonntag, also am Tag nach dem jüdischen Sabbat, die Auferstehung gefeiert. Aus einer Stelle beim Propheten Hosea – "Kommt, wie wollen wieder zum Herrn ... Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben werden" – ließ sich die Dauer von Jesu Aufenthalt im Grab erschließen. Zurück gerechnet ergab sich der Freitag als Todesdatum.
Aber welche Rolle spielte bei dem ganzen Vorgang eigentlich die meist umrätselte Figur des Neuen Testaments? "Da ging einer von den Zwölfen mit Namen Judas Iskariot zu den Hohenpriestern und sagte: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge." Ein Stoff für Romane – besonders beliebt ist die Spekulation, Judas hätte darauf gehofft, Jesus werde einen nationalen Aufstand gegen die Römer anführen. Als er einsehen musste, dass sein Meister keine politischen Absichten verfolgte, habe er ihn verraten. Oder, gerade umgekehrt, durch den "Verrat" habe er Jesus zwingen wollen, sich als Messias zu offenbaren und damit die nationale Befreiung endlich in die Tat umzusetzen, eine Version, die zum Beispiel Rudolf Augstein in seinem Buch "Jesus Menschensohn" populär gemacht hat.
Der Judaskuss, am Sankt-Petri-Dom in Bremen - Bild: Rami Tarawneh
Nicht nur das Motiv bleibt rätselhaft. Albert Schweitzer machte bereits vor hundert Jahren darauf aufmerksam, dass selbst die Frage, welches Geheimnis es eigentlich war, das Judas verraten wollte, bislang keine schlüssige Antwort gefunden hat. Es könne jedenfalls nicht darum gegangen sein, den Häschern das Individuum mit dem Namen "Jesus" zu bezeichnen. Durch seine Predigten müsste Jesus einer breiten Öffentlichkeit wohl bekannt gewesen sein. Am ehesten scheint plausibel, dass auch dieses Motiv des Verrats aus der Heiligen Schrift stammt, Psalm 41: "Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen." Zumindest die Geldsumme kommt tatsächlich aus dem Alten Testament, beim Propheten Sacharja: "Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberlinge."
Ein Prediger wurde unter dem Verdacht des Aufruhrs verurteilt und hingerichtet ... Das Ergebnis der historischen Analyse ist ernüchternd, jedenfalls dann, wenn man sich den Evangelien in der Erwartung nähert, Daten und Fakten im Sinne von Polizei- oder Prozessakten zu finden. Aber genau das lag den Verfassern völlig fern. Sie betrachteten das Leben und Sterben Jesu aus der Sicht des nachösterlichen Glaubens, und – für unser modernes, durch die empirischen Wissenschaften geprägtes Denken höchst verwirrend – die Frage, wie es "eigentlich" gewesen sei, stellte sich ihnen nicht.
Oder vielleicht doch? Auch in ihrer Umwelt wird es skeptische Fragen gegeben haben; anders ist eine Beteuerung, wie sie im Johannesevangelium steht, kaum zu erklären: "Der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, das er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt." Eine "Wahrheit" aber, die nicht jene der Daten und Fakten ist.
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"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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