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kultur

18.09.2008 - KULTURGESCHICHTE

Lesen Sie Homer, dann ist alles klar

Der Mythos von Troia - eine Ausstellung in Mannheim

von Josef Tutsch

 
 

Homer (römische Kopie nach
griechischem Original, um
460 v. Chr.).- Bild: Staatl. Anti-
kenslg u. Glyptothek München

Das traditionsreiche Gymnasium Casimirianum in Coburg wollte es genau wissen: Was sagen die klassischen Bildungsbestände des Altertums eigentlich den Menschen von heute? Schüler des Hauses und Bewohner der fränkischen Kleinstadt wurden befragt: "Was sagt dir/Ihnen der Name Homer?" Immerhin 70 Prozent der Gymnasiasten und Realschüler antworteten "griechischer Dichter", auch noch 45 Prozent der Bevölkerung. Aber 15 Prozent der Schüler konterten mit "der Alte aus den Simpsons".

Nun ja, vielleicht wollte der eine oder andere Pennäler da ein bisschen provozieren. Ein paar Jahre zuvor hatte eine ähnliche Umfrage, ebenso wenig repräsentativ, am selben Ort zu Tage gefördert, dass kaum 5 Prozent der Bevölkerung von den Werken Homers wenigstens eines nennen konnten. Der Basler Gräzist Joachim Latacz erzählt hiervon in der Einführung zum Katalog der großen Homer-Ausstellung, die nach ihrer ersten Station in Basel jetzt in Mannheim zu sehen ist. Ausstellung und Katalog wollen "für die Kunst Homers sensibilisieren", schreibt Latacz, "erlebbar machen, wie wenig fremd Homer uns eigentlich doch ist".

Raub der Helena, von Johann
Wilhelm Lanz, Frankenthal, um
1757.- Bild: Reiss-Engelhorn-
Museen, Jean Christen

Der Alltagskultur ist Homer jedenfalls nicht fremd, zeigt Martin M. Winkler von der George Mason University in Fairfax, Virginia, in seinem Katalogbeitrag. Ohne Filme, die im Untertitel den Vermerk tragen müssten "inspired by Homer’s Iliade" oder "Odyssee", je nachdem, kommt das Kino nicht aus; da ist Wolfgang Petersens "Troy" von 2004 nur ein besonders aufwändiges und erfolgreiches Beispiel. Homer erweist seine Unverwüstlichkeit gerade dadurch, dass er in diesen Filmen manchmal recht frei weitererzählt wird. In "Troy" darf die Prinzessin Briseis, um die sich der ganze Streit zwischen dem Helden Achilleus und dem König Agamemnon dreht, den bösen König am Ende erstechen – nichts für Puristen.

Vor allem im angloamerikanischen Sprachgebrauch sind Namen und Begriffe aus dem Homer allgegenwärtig, Beispiel: "Trojan horses" oder einfach "Trojans" – ein Fall, der Puristen wiederum schwer schlucken lässt; mit dieser Verkürzung wird das hölzerne Pferd, das den Trojanischen Krieg am Ende entschied, zum Bewohner der eroberten Stadt umdeklariert. Eine Wortprägung, die nicht gerade von Kenntnis der homerischen Story zeugt. In der Ausstellung selbst spielt das Thema Populärkultur aber so gut wie keine Rolle. Wer zu einer solchen Schau anreist, will – nicht nur, aber eben auch – große Kunstwerke sehen.

Amphora mit Achilleus und
Aiax beim Brettspiel, attisch,
um 515 v. Chr.- Bild: Reiss-
Engelhorn-Museen, J Christen

"Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst": Was die Ausstellungsmacher an antiken Vasen zusammengetragen haben, die "Ilias" und "Odyssee" sozusagen illustrieren, lohnt für sich allein schon das Unternehmen. Es sind weltberühmte Meisterwerke aus dem 5. Jahrhundert vor Christus darunter: Die Berliner Trinkschale, auf der dargestellt ist, wie Achilleus seinen Freund Patroklos verbindet; die Münchner Vase mit dem Abschied eines ungenannten Kriegers, vielleicht Hektor, von Frau und Vater; die Wiener Prunkschale mit dem Streit um die Waffen des toten Achilleus; das Londoner Gefäß, das die Begegnung des heimkehrenden Odysseus mit den todbringenden Sirenen zeigt – da steht für ein paar Wochen dicht nebeneinander, was thematisch zusammengehört.

Eine Geschichte des Trojanischen Krieges in Bildern, auch jener Episoden, die Homer in seinen Epen gar nicht ausgeführt hat. Manche Bilder laden zum Nachsinnen ein. Mehrfach findet sich eine der grausamsten Szenen des Krieges: Aus dem Hinterhalt tötet der Held Achilleus den jungen trojanischen Prinzen Troilos, der aus der Stadt gekommen ist, um vom Brunnen Wasser zu holen. Bei den Käufern jener Vasen muss das Motiv sehr beliebt gewesen sein; aber bereits die antiken Leser waren durch diesen unheldischen Gewaltausbruch beunruhigt. Zur Erklärung wurde von einem Orakelspruch berichtet, die Stadt solle uneinnehmbar bleiben, falls Troilos sein 20. Lebensjahr erreiche. Andere Schriftsteller munkelten von einem unerwiderten Liebesverlangen des Achilleus.

Weingefäß mit Achilleus und Hektor,
attisch, um 480 v. Chr.-  Bild: Antikenmu-
seum Basel/Slg. Ludwig, A. F. Voegelin

Kriegsgeschichten, brutale Kriegsgeschichten. Dahinter steht, so Latacz, "eine Kunst der Problematisierung, ein Ernst der Auseinandersetzung mit damals aktuellen, aber auch mit zeitlosen Fragen, die ihn in der Tat zum Lehrer nicht nur der Griechen machen". Zum Lehrer auch aller folgenden Dichter und, nicht zu vergessen, Filmemacher. "Nennen Sie mir eine dramaturgische Wendung", sagte Wolfgang Petersen in einem Interview, "nennen Sie mir ein geniales Prinzip der Figurenzeichnung – Homer hat alles schon angewendet, und zwar vor 3.000 Jahren." Petersen paraphrasierte im Grunde nur ein Wort, das die Alten dem Dramatiker Aischylos zuschrieben: Seine Stücke seien bloß "Scheibchen von den Riesenmählern Homers".

Damit haben sich die Ausstellungsmacher freilich auf eine Mission impossible begeben. Homers Erzählkunst kann man nicht ausstellen, die Nachwirkung seiner Stoffe allenfalls illustrieren. Da haben es die Autoren des umfangreichen Katalogbandes leichter. Man könnte meinen, dass versierten Lesern da von Aischylos über Vergil und Shakespeare bis Joyce so ziemlich alles bekannt sein müsste. Weit gefehlt, Carolina Cupane von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entführt auf ein ganz und gar unbekanntes Feld, die Homer-Rezeption in Byzanz. Kurioses Detail: Im 12. Jahrhundert verknüpfte der Hofschriftsteller Konstantinos Manasses den Trojanischen Krieg mit der biblischen Geschichte. König Priamos habe seinen Kollegen David um Unterstützung gebeten. Der lehnte ab, aus Furcht, seine Truppen könnten vor Troja zum Götzendienst verführt werden.

Silberner Büchsendeckelt mit Achilleus
und Penthesilea, Sizilien, um 225 v.Chr.
Bild: Antikenmuseum Basel/Sammlung
Ludwig, Andreas F. Voegelin

Byzanz wie das lateinische Mittelalter bezogen sich weniger auf Homer selbst, der als unzuverlässig verschrien war, als auf zwei lateinische "Augenzeugenberichte" vom Trojanischen Krieg, die freilich erst in der späten Antike geschrieben wurden. Wenn also heutzutage geklagt wird, dass das breite Publikum sein Troia-Bild nicht von Homer bezieht, sondern aus Wolfgang Petersens Film – Vergleichbares gab es früher schon. Wahrscheinlich hat auch das deutsche Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts mehr im "Schwab" geschmökert, den "schönsten Sagen des klassischen Altertums", als in Homers eigenen Dichtungen "Ilias" und "Odyssee".

Die Ausstellung selbst widmet sich mehr der bildenden Kunst als der Literatur. Aus dem Kunstmuseum Basel stammt ein "Urteil des Paris" – also jener Streit der Göttinnen, wodurch der ganze Krieg ausgelöst wurde – von Lucas Cranach dem Älteren, 1528. Der Blick auf die nackten Damen lässt keinen Zweifel, der homerische Stoff diente dem Renaissancemaler dazu, weibliche Akte malen zu können. Sehr sittsam machen sich dagegen die Szenen aus den Abenteuern des Odysseus auf einer florentinischen Hochzeitstruhe der 1460er Jahre aus; ein Wink an die junge Gattin: Penelope galt als Vorbild ehelicher Treue.

Gemme mit Darstellung des
hölzernen Pferdes, Herkunft
unbekannt, 3. Jh. v. Chr.
Bild: Antikenmuseum Basel/
Slg Ludwig, A. F. Voegelin

Aus Aarau ist eine Episode der Irrfahrten des Odysseus, von Johann Heinrich Füssli, um 1795, gekommen: Der Held gelangt heil zwischen den beiden Meeresungeheuern Skylla und Charybdis hindurch. Wien hat ein Gemälde von Bartholomäus Spranger, Anfang der 1580er Jahre, beigesteuert: Die Zauberin Kirke ist im Begriff, Odysseus zu umgarnen, während seine bereits in Tiere verwandelten Gefährten ihren Herrn begrüßen und wohl auch warnen wollen. Oder als jüngstes Beispiel vier große Leinwände von Sigmar Polke, 1982: "Der Traum des Menelaos"; der betrogene Ehemann der schönen Helena ahnt voraus, welches Unheil folgen wird.

Einem breiten Publikum werden aber vielleicht am ehesten die parodistischen Blätter Honoré Daumiers, 1842, den Weg zu Homer ebnen, vor allem seine spießig-ulkige Darstellung vom Ende der Odyssee: Der Held ist nach den zwanzig Jahren Krieg und Irrfahrt erschöpft im Ehebett eingeschlafen, während ihn seine treue Gattin anhimmelt. "Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst": Ein wenig im Widerspruch zu diesem Untertitel widmen sich Ausstellung und Katalog noch einem zweiten Thema, den Voraussetzungen der homerischen Erzählkunst, der Kultur Griechenlands in jenen Jahrhundert, die den Epen "Ilias" und "Odyssee" vorangingen.

Odysseus und Kirke, von Bar-
tholomäus Spranger, um 1583
Bild: Kunsthistor. Museum Wien

Die Schwierigkeiten, den Sänger und Dichter Homer als historische Figur zu fassen, spiegeln sich in dem Umstand, dass die Ausstellung zwar ein halbes Dutzend Homerbüsten zeigen kann, aber die sind Jahrhunderte später entstanden. Vasenbilder mit homerischen Szenen scheinen allerdings sehr früh aufgekommen zu sein. Der Katalog datiert ein Weinmischgefäß aus Theben (heute in London), auf dem – vielleicht – die Entführung der Helena zu sehen ist, auf etwa 730 vor Christus. Sollten Deutung und Datierung richtig sein, wäre wohl eher auf eine vorhomerische mündliche Überlieferung Bezug genommen; Latacz zufolge sind die beiden Epen im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts entstanden.

Da wird man erst einmal in Ruhe nachlesen wollen, was das Forscherteam um die Universität Basel an neuen Überlegungen zur griechischen Vor- und Frühgeschichte vorzutragen hat. A la longue durée ist der Wandel in der Wissenschaft unübersehbar. Jene Forscher, die vor über 200 Jahren die moderne Homer-Philologie begründeten, würden sich die Haare raufen, könnten sie sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit heute wieder von Homer als von einer individuellen Dichterpersönlichkeit geschrieben wird. Auch die in der Öffentlichkeit am meisten und am heißesten diskutierte Frage wird angeschnitten, die nach den "originalen", "historischen" Schauplätzen – womöglich auf die Gefahr hin, dass das eigentliche Thema, die Wirkungsgeschichte Homers in Kunst und Literatur, in solchen Authentizitätsdiskussionen untergeht.

Die Muse Klio stimmt Homers Kithara,
von Martin von Wagner, um 1820
Bild: Martin-von-Wagner-Museum, Uni-
versität Würzburg

Aber es ist schon richtig, auch in der Antike wurde Homer, nicht anders als von Teilen der archäologisch interessierten Öffentlichkeit heute, oft naiv historisch gelesen – nicht als ein Geschichtenbuch, sondern als Geschichtsbuch. Zum Ärger mancher Philosophen nahmen ihn viele gebildete Griechen auch als theologisches Lehrbuch. Nur gut zwei Jahrhunderte nach dem Dichter erregte sich Xenophanes, er habe den Göttern "angehängt, was nur bei Menschen Schimpf und Tadel ist: stehlen und ehebrechen und einander betrügen"; Platon wollte ihn aus seinem Idealstaat verbannen.

Hat Platons Traum sich heute erfüllt, ist das Interesse an Homer, wie man aus den  Umfrageergebnissen in Coburg schließen könnte, nunmehr ans Ende gekommen? Vielleicht doch nicht, gerade das 20. Jahrhundert sei in der literarischen Homer-Rezeption der Neuzeit ein Höhepunkt gewesen, stellt der Philologe Bernd Seidensticker von der Freien Universität Berlin fest. Das prominenteste Beispiel: James Joyces "Ulysses". Mehr als zweieinhalb Jahrtausende, nachdem sich Homers Odysseus in Ithaka zur Ruhe gesetzt hatte, lebte er am 16. Juni 1904 in Dublin als Annoncenacquisiteur wieder auf. Wenn Joyce gebeten wurde, die eine oder andere Stelle seines Romans zu enträtseln, verwies er gern auf Homer: "Lesen Sie die ‚Odyssee’, dann ist alles klar."


Demnächst in unserem Magazin:
Steine, Verse und ein Krieg - neue Forschungen zu Troja und Homer


Neu auf dem Büchermarkt:
Joachim Latacz, Thierry Greub, Peter Blome, Alfried Wieczorek: Homer. Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst,
Hirmer Verlag, München 2008, ISBN 978-3-7774-3965-5, 45,- €


Ausstellung:
Homer. Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst,
bis 18. Januar 2009 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Zeughaus C5) 


Mehr im Internet:
Schicksalsbegriff bei Homer, scienzz 31.07.2008
Mythos "Troia", scienzz 19.09.2006
Am Anfang der Schrift, scienzz 13.07.2004
Homer - Wikipedia





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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