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28.10.2008 - RELIGIONSGESCHICHTE
Himmlische Rechtsprechung, höllischer Strafvollzug
Das jenseitige Gericht - vom alten Ägypten bis zum Geist des Kapitalismus
von Josef Tutsch
 | | Rogier van der Weyden: Jüng-
stes Gericht (Detail), um 1450
Bild: Hotel-Dieu, Beaune
| | | "Ich sah eine Lüsterne, nackt und entfleischt, rot von ekligen Schwären, Schlangen fraßen an ihrem Leib ..." Es ist keine pure Phantasie, die Umberto Eco seinem Erzähler im "Namen der Rose" eingegeben hat. Die Künstler, die im Mittelalter an Kirchenportalen oder auf Wand- und Altarbildern das Jüngste Gericht darstellten, haben tatsächlich ihre Verdammten oft mit derart drastischen Details ausgestattet. Die Betrachter sollten abgeschreckt werden: Eine höchst vorübergehende Fleischeslust im Diesseits müsste ewigwährende Qualen im Jenseits zur Folge haben.
Natürlich ging es nicht nur um Fleischeslust, sondern auch um Mord und Totschlag, Raub und Betrug; Fragen der Rechtsordnung überdeckten sich mit jenen der Machtausübung, und ebenso spielten Regeln einer klugen Lebensführung hinein. Ein beliebtes Motiv auf mittelalterlichen Weltgerichtsgemälden sind Spielkarten, die die Verdammten in den Händen halten – eine Warnung vor der Spielsucht. Eigentlich durfte man sich glücklich schätzen, wenn die schlimmen Folgen der Sünden und Laster schon im Diesseits eingetreten waren, die jenseitigen Strafen waren doch viel schrecklicher.
Die Religionsgeschichte ist voll von diesem Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit. "Die Toten wurden gerichtet ein jeder nach seinen Werken", prophezeit die Offenbarung des Johannes vom Ende der Zeiten. Aber bereits die griechische Mythologie erzählt, Göttervater Zeus habe drei seiner Söhne in der Unterwelt zu Richtern eingesetzt, damit sie über die guten und die schlechten Taten der Menschen urteilten. Platon entwarf in seinem Dialog "Phaidon" den Grundriss einer jenseitigen Strafjurisprudenz. Die großen Verbrecher würden in den Tartaros geworfen, "aus dem sie nie wieder heraussteigen". Andere würden, nachdem sie ihre Vergehen durch Strafe abgebüßt haben, losgesprochen, "wie sie auch ebenso für ihre guten Taten den Lohn erhalten, jeglicher nach Verdienst".
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Rogier van der Weyden: Jüngstes Gericht, um 1450 Bild: Hotel-Dieu, Beaune
| Platons Jenseits, hatte also, christlich gesprochen, neben "Himmel" und "Hölle" bereits ein "Fegefeuer". Als der "Phaidon" geschrieben wurde, war in Ägypten die Vorstellung von einem Totengericht schon seit vielen Jahrhunderten geläufig. Den Vorsitz führt der große Gott Osiris, ihm zur Seite schauerliche Unterweltsdämonen als Beisitzer. Während ein schakalgestaltiges Ungeheuer, die "Totenfresserin", sich auf den Verstorbenen stürzen will, wird sein Herz gewogen, also sein Leben mit den ethischen Forderungen verglichen. Dabei hat der Tote das Bekenntnis zu sprechen: "Ich habe keine Ungerechtigkeiten gegen die Menschen begangen. Ich habe keine Tiere gequält. Ich habe keine Gotteslästerung gesprochen. Ich habe kein Weinen verursacht ..."
In den heiligen Schriften der Zoroastrier, findet sich ein anderes Bild: Die Brücke in ein gutes Jenseits erweitert sich unter den Schritten der Gerechten und wird schmal wie eine Rasierklinge, sobald sich ein Gottloser nähert. Im Koran taucht dieses Bild von der schmalen Brücke wieder auf, neben jenem von der Waage der Gerechtigkeit. Auch die Idee, dass es neben dem Gericht über jedes einzelne Individuum, gleich nach dem Tod, noch ein allgemeines Gericht am Weltende geben würde, ist in der iranischen Religion aufgekommen. Auf den Ruf eines Retters oder Heilands strömen alle Seelen zusammen. Durch einen herabstürzenden Meteor schmilzt das Metall der Berge; in dem See, der daraus entsteht, werden die Gottlosen entweder gereinigt oder verbrannt.
Spätestens im 2. Jahrhundert vor Christus haben solche Vorstellungen auch im Judentum Eingang gefunden. Am "Tag der Trübsal", verkündet das nur in äthiopischer Sprache überlieferte Buch Henoch, "werden alle gottlosen Sünder beseitigt". "Ich habe gesehen, wie die Plageengel allerlei Marterwerkzeuge dem Satan zurechtmachten. Der Engel des Friedens sagte zu mir: Jene sind für die Könige und die Mächtigen der Erde, dass sie damit vernichtet werden." Das Weltgericht am Ende der Zeiten als Revision all dessen, was hienieden als Unrecht empfunden wird – Hintergrund ist die Erwartung, die sich durch das Alte Testament hindurch zieht: Getreu seinem Bundesverhältnis mit Israel werde Jahwe am Tag der Schlacht zugunsten seines Volkes eingreifen.
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Meister Gislebertus: Jüngstes Gericht, Tympanon von Saint-Lazare in Autun. 12. Jahrhundert.- Bild: Q. Scouflaire
| Schon bei den Propheten war diese Hoffnung zugleich jedoch eine Drohung: Das göttliche Strafgericht werde nicht nur die "Heiden", sondern gerade auch das sündige Israel treffen. Durch das 4. Buch Esra, entstanden vielleicht erst um 100 nach Christus, hat sich für dieses endzeitliche Geschehen der Ausdruck "Jüngstes Gericht" eingebürgert. "Dies irae, dies illa ..." Die katholische Totenmesse singt vom "Tag des Zornes" oder der "Rache". Die großen Meister der Musikgeschichte von Palestrina über Mozart, Cherubini und Berlioz bis zu Verdi und Dvorak haben diese Sequenz vertont. "Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt mit Fragen, streng zu prüfen alle Klagen!" "Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen" – übrigens wiederum ein Bild, das auch der Koran enthält. "Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden."
Mehr als vierzig Kirchenportale mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts sind in romanischer und gotischer Zeit entstanden, um nur die bekanntesten zu nennen: Saint-Lazare in Autun in Burgund, Notre-Dame in Paris, das Münster von Freiburg im Breisgau, Sankt Lorenz in Nürnberg. Die Gemälde mit diesem Thema wird niemand gezählt haben, berühmte Beispiele: Giottos Fresko in der Arenakapelle von Padua, Rogier van der Weydens Tafel im Hotel-Dieu im burgundischen Beaune. Das wohl großartigste dieser Weltgerichts-Gemälde schuf Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Das ikonographische Schema ist immer wieder das gleiche: In der Mitte thront Christus als Weltenrichter, assistiert von Aposteln und Heiligen und der fürbittenden Gottesmutter. Auf den Posaunenruf des Engels hin steigen zu seiner Rechten die Erlösten, zu seiner Linken die Verdammten aus ihren Gräbern.
Auf vielen Gerichtsbildern wird die Urteilsvollstreckung in aller Ausführlichkeit gleich mitdargestellt: Engel begleiten die Erlösten auf ihrem Weg ins Paradies, Teufel – der biblischen Überlieferung zufolge als gefallene Engel selbst die Ersten der Verdammten – bereiten ihren Leidensgenossen, offenbar mit großer Lust, Höllenqualen. Ist die Entscheidung für Himmel oder Hölle womöglich längst gefallen? Der Ausweg liegt nahe, dass diesem allgemeinen Jüngsten Gericht am Weltende bereits ein jeweils individuelles Gericht vorausgegangen sei. Aber wie war das Verhältnis beider Verfahren zueinander zu denken? Eine Antwort, die – gegen den heftigen Widerspruch der Reformatoren – selbst im protestantischen Volksglauben bis heute lebendig geblieben ist, kam im 13. Jahrhundert auf: das Fegefeuer. Gott in seiner Barmherzigkeit werde die vielen Menschen, die weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht seien, in der Zwischenzeit bis zum Endgericht durch eine Art Feuer reinigen.
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Michelangelo: Jüngstes Gericht, in der Sixtina, um 1540.- Bild: Vatikan
| Aber am Ende der Zeiten gilt dann doch die Zweigliederung entsprechend dem Evangelium nach Matthäus: "Wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann werden vor ihm alle Völker versammelt werden ... Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken." Die Schafe und die Böcke ... "Möge die Furcht diejenigen erschrecken, die in irdischen Verirrungen verstrickt sind", steht im burgundischen Autun auf dem Spruchband über den Verdammten, "denn der Schrecken dieser Bilder zeigt, was sie erwartet."
Dem heutigen Publikum sind diese Erwartungen am ehesten durch Dantes Höllenwanderung geläufig. Dem Mittelalter waren sie durch die sogenannte Offenbarung des Petrus vorgegeben, eine Schrift am Rande des Neuen Testaments, die im frühen 2. Jahrhundert in Ägypten entstanden sein wird. Die Strafe der Bösewichter, Sünder und Heuchler, heißt es darin, werde "das Feuer" sein. In der Phantasie des Verfassers werden die Bösen über offener Flamme aufgehängt, mit glühenden Ruten geschlagen und mit erhitzten Zangen gepeinigt, die Lippen werden ihnen abgeschnitten, die Augen von Blitzen durchbohrt, die Eingeweide von giftigen Tieren angefressen.
Zwei Jahrtausende abendländischer Ideengeschichte sind eine Folge von Versuchen, die Furcht vor dem anstehenden Gericht zu bewältigen. "Es gibt drei Möglichkeiten der Befreiung, nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung." Das steht nicht in einem frommen Traktat, sondern wieder in einem modernen Roman, Franz Kafkas "Prozess". "Wirkliche" Freisprechungen seien allerdings nur in alten Legenden (ins Theologische übersetzt: im Fall der Heiligen) belegt, darauf könne man sich nicht berufen. Bleiben "scheinbare", nur vorläufige, jederzeit widerrufbare Freisprechungen und "Verschleppungen" in prekären Zusammenwirken mit "untersten Richtern" – sie verhindern fürs erste eine Verurteilung, aber, wie Kafkas Held K. hellsichtig erkennt, "sie verhindern auch die wirkliche Freisprechung".
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Michelangelo: Jüngstes Gericht, in der Sixtina (Detail), um 1540 | Da hat der gebürtige Jude Kafka quasi ein Stück reformatorischer Theologie formuliert: Die von der Kirche, den "untersten Richtern", angebotenen Hilfsmittel führen nicht zur "Freisprechung". Gibt es überhaupt ein Mittel, sich des Heils zu vergewissern? Luther verwies den einzelnen auf seine Innerlichkeit, die ausschließlich in der Gnade des immer verborgenen Gottes und in der Lektüre der Heiligen Schrift Halt finden sollte; Calvin lehrte noch radikaler, Gott habe von Ewigkeit her den einen Menschen zum Heil, den anderen zur Verdammnis vorbestimmt; der nicht erwählte und erleuchtete Mensch könne der Verurteilung auf keine Weise entgehen.
Mehr als ein Jahrtausend vor Calvin hatte der Kirchenvater Augustinus bereits mit dem Gedanken gespielt, die Zahl der erlösten Menschen sei auf jene der gefallenen Engel beschränkt, um die sozusagen freigewordenen Plätze im Himmel aufzufüllen. Gehöre ich zu den Erwählten? Wie kann ich dessen sicher werden? Mehr noch als im Katholizismus und im Luthertum musste diese Frage das religiöse Denken und Leben im Calvinismus prägen. Und wenn Max Webers Analyse der amerikanischen Religiosität aus dem Jahr 1905 Recht hat, dann wurde die Antwort von Calvins Nachfolgern auch für das ökonomische Handeln wegweisend. Weber zitiert den englischen Theologen Richard Baxter, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts: Wenn es einen Weg gebe, Gewinn zu machen, dann dürfe man diese "Berufung" nicht durchkreuzen, dürfe sich nicht weigern, "Gottes Verwalter zu sein und seine Gaben anzunehmen, um sie für ihn gebrauchen zu können, wenn er es verlangen sollte".
"Nicht freilich für Zwecke der Fleischeslust und Sünde, wohl aber für Gott dürft ihr arbeiten, um reich zu sein." Die rastlose Berufsarbeit mit dem Ziel der Gewinnmaximierung erscheint bei Baxter als ein Gnadenstand, in dem sich die Distanz zu allem bloß Kreatürlichen, im Umkehrschluss also die göttliche Erwählung andeutet ... Webers Analyse hat bei Soziologen, die vor solch weitgespannten historischen Bögen zurückschrecken, Stirnrunzeln ausgelöst und bei antikapitalistisch gesinnten Theologen Entrüstung hervorgerufen. Aber es spricht doch vieles dafür, dass der "Geist" des modernen Kapitalismus, die besondere Dynamik seiner Arbeitsorganisation und Kapitalverwertung, vom Gedanken des göttlichen Gerichts – genauer: von einer spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Form, mit diesem Gedanken umzugehen – mitgeprägt worden ist.
Mehr im Internet: Sterbe-, Trauer- und Bestattungsriten, scienzz 20.08.2008 Zur Geographie der jenseitigen Welt, scienzz 30.10.2007 Träume vom ewigen Leben, scienzz 10.10.2007 Umgang mit dem Tod seit der Antike, scienzz 27.11.2006 Sozialgeschichte des himmlischen Lebens, scienzz 31.10.2006 Kulturgeschichte der Grabschrift, scienzz 01.09.2006 Von Homer bis Halloween, scienzz 30.10.2006
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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