Zur Unterhaltung im nationalsozialistischen Deutschland
von Josef Tutsch
Fußballfilm von 1942
"Deutschland kein Nonnenkloster". Der Verfasser dieser Tagebuchnotiz war übel gelaunt, er dachte gerade an seine innerparteilichen Gegner, die seinen kulturpolitischen Leitlinien nicht folgen wollten. "Erotik nicht ganz abdrehen" heißt es weiter, "etwas erotische Literatur muss sein". Auch "etwas Kitsch muss sein", "ein gewisser Teil von dem, was unter der Marke ‚Kitsch’ läuft", sei "als geistige Nahrung nicht zu entbehren".
Joseph Goebbels – aus seinem Tagebuch in den Jahren 1935 bis 1937 stammen die Zitate – war verärgert, dass 1936 neben dem Propagandaministerium noch eine "Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums" eingerichtet wurde, geleitet von seinem Intimfeind Alfred Rosenberg, die später zum "Hauptamt Schrifttumspflege beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" avancierte. Und die "Rosenbergstelle" war in ihrer Stellung zu "minderwertiger" Literatur viel rigoroser. "Hartnäckig", ließ Rosenberg 1937 in seinem Verlautbarungsorgan "Bücherkunde" erklären, "widersetzt sich dieses geistige Unkraut den Anstrengungen, es aus dem Volksboden auszurotten, und wenn es an einer Stelle ausgerissen ist, schießt es an der anderen um so üppiger hervor."
Unterhaltung im nationalsozialistischen Deutschland – die führenden Repräsentanten von Staat und Partei waren sich nicht einig, wie man damit umgehen solle. Eine Gruppe von Forschern aus der Humboldt-Universität Berlin und der Gießener Justus-Liebig-Universität hat sich mit den verschiedensten Aspekten der Populärkultur im Dritten Reich beschäftigt, vom Tierfilm über den Arztroman bis zum Fußball. Die Wissenschaftler haben gar nicht erst versucht, die vielfältigen Lebenswirklichkeiten auf einen Begriff zu bringen, sie nehmen ihre Zuflucht zu einem Bild: Die Populärkultur sei sozusagen ein "Pausenraum" gewesen; sie war systemkonform und ermöglichte dennoch eine vorübergehende, tagträumerische Flucht, man konnte sich vom laufenden Betrieb erholen, fand aber keinen Ausgang und kehrte einsatzbereit in den ökonomischen oder militärischen Alltag zurück.
Fallada-Briefmarke von 1003
Wie schwierig es ist, ein "objektives" Bild von diesem Pausenraum zu gewinnen, demonstriert die Germanistin Anja Susan Hübner von der TU Dresden an einem bislang unveröffentlichten Dokument, das der Autor Hans Fallada im Mai 1945 für einen Kommandanten der Roten Armee verfasst hat: "Zwölf Jahre lang, zwölf endlose trostlose Jahre hindurch habe ich unter der Nazi-Herrschaft nicht ein Wort von dem schreiben dürfen, was mir am Herzen lag." Aber immerhin konnte Fallada 1934 den gerade vollendeten Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" herausbringen – ein Buch, das freilich verrissen wurde; der Held müsse "jenen Menschen zugerechnet werden, für die wir heute die Sicherungsverwahrung haben", schrieb die Berliner Börsenzeitung.
1937 kam "Wolf unter Wölfen" heraus – laut "Völkischem Beobachter" ein "grundanständiges Buch", Goebbels nannte es im Tagebuch ein "tolles, spannendes Buch". Andererseits: "Unsere Schrifttumsabteilung", notierte Goebbels im Februar 1938, spricht sich in einem Gutachten scharf gegen Fallada aus. Ich hatte von der Stelle auch nichts anderes erwartet." Fallada – "der unerwünschte Autor", wie er sich selbst in jenem Dokument 1945 stilisierte? Das war mit Blick auf die Fakten nicht ganz falsch und noch weniger ganz richtig. Fallada wurde "mehr und mehr zu Konzessionen gezwungen", so hat Carl Zuckmayer es am Ende des Weltkrieges in einem Report für den amerikanischen Geheimdienst gesehen.
Bei vielen Kollegen Falladas wäre das Wort "Konzessionen" vermutlich nicht einmal angebracht. Im Genre des Zukunftsromans hat Dina Brandt von der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Wissenschaften viel "offenen Rassismus, Verehrung deutschen Heroentums und uneingeschränkten Glauben an die Technik" gefunden. Es wäre im Detail zu überprüfen, ob diese Autoren – das wohl bekannteste Beispiel: Hans Dominik, der sich mit Fragen wie der Umwandlung von Materie in strahlende Energie und der Entwicklung neuer Pflanzendüngemittel beschäftigte – nach 1933 anders geschrieben haben als zuvor. Solche Romane waren keine "von den Nationalsozialisten entworfene Propagandaliteratur", sie "erschienen unabhängig von den Propagandamaßnahmen der Machthaber".
Aus dem Reichsautobahn-Kalender von 1942
Unterhaltung in diesem totalitären System funktionierte eben anders, als wir uns das im nachhinein leicht vorstellen. 1936 wurde die Zensur für Schriften bis zum Ladenpreis von 50 Pfennig (und damit auch das Gros der Trivialliteratur) sogar formell aufgehoben – offenbar sah das Regime darin einen überflüssigen Arbeitsaufwand. Eine flächendeckende Kontrolle brachten erst die Kriegsverhältnisse: Papier musste genehmigt werden. Das wird die Aufmerksamkeit der Behörden auf die belletristische Produktion drastisch erhöht haben.
Aber es finden sich auch Fälle, wo der Schriftstellerberuf und die Tätigkeit für die Partei in Personalunion zusammenfielen. Die Germanistin Dorota Cygan von der Freien Universität Berlin nennt Hellmuth Unger, Parteifunktionär für Gesundheits- und Rassenpolitik, der 1936 in seinem Roman "Sendung und Gewissen" die Euthanasie zum Thema nahm. Dieser Roman, stellt Cygan dar, diente tatsächlich den strategischen Interessen der NS-Medizinpolitik, aber sehr indirekt, gerade durch die Ausschaltung aller Realitätsmomente und die Überhöhung ins Ideale. Gepredigt wurde "Einsicht in die humanitäre Notwendigkeit der Tötungsmaßnahmen". Dass die Euthanasiepolitik in keiner Weise humanitär gedacht war, wurde ausgeblendet.
Vielleicht ermutigt durch den Erfolg von Ungers Euthanasieroman nahm die Partei, so berichtet die Antwerpener Historikerin Ine Van Linthout, 1941 einen Anlauf, selbst "billige Unterhaltungsliteratur" zu produzieren, mit dem Ziel, "manches Gesetz stimmungsmäßig im Volks vorzubereiten". Als Themen wurden genannt: "Umgang mit Fremdvölkischen und die Gefahren" und die "Sünde wider das Blut". Die Tendenz müsse "zumindest in der weltanschaulichen Linie unserem Wollen" entsprechen, aber wohlgemerkt: "ohne dass dabei offensichtlich zu erkennen ist, dass die NSDAP Herausgeber ist und ohne dass dabei auch im Inhalt der Nationalsozialismus irgendwie erwähnt ist".
Alfred Rosenberg
Eher indirekt, so der Medientheoretiker Ramón Reichert von der Kunstuniversität Linz, näherte sich der Tierfilm nationalsozialistischen Positionen. Mit besonderer Vorliebe wurden Tierstaaten dargestellt, die als Modell für menschliche Sozialorganisation nach nationalsozialistischer Ideologie dienen konnten. Ein paar Proben aus der Kommentierung dieser Filme: Im Ameisenstaat "herrschen strenge Gesetze der Auslese und der Arterhaltung". "Eierlegen und nochmals Eierlegen ist die ausschließliche Tätigkeit der Weibchen." "Wir sehen, wie jeder einzelne Angehörige auf einen bestimmten Platz gesetzt ist und ihn ausfüllt." Aber bereits in den 1920er Jahren stand im Zentrum solcher Filme, wie Reichert vermerkt, oft "der Überlebenskampf der Tiere zur Herstellung einer natürlichen Ordnung". Und nach 1945 produzierten manche Tierfilmer unverdrossen weiter, bevorzugtes Genre: Industriefilme über Schädlingsbekämpfung.
Tierfilme fielen, terminologisch etwas sonderbar, ins Genre der "Kulturfilme". 1933 wurde angeordnet, in den Kinos müsse vor jedem Spielfilm ein solcher "Kulturfilm" gezeigt werden. Damit verblieb das Regime in alten Bahnen. Bereits 1905 war die "Deutsche Lehrfilmbewegung" gegründet worden, Ziel: unterhaltsam gemachte Dokumentationen aus Natur, Geschichte, Kultur sollten den "Schund" vom Markt verdrängen. Diese Strategie verfolgte auch Goebbels, als er 1935 in einer Rede gegen "seichten Kitsch und geistlose Amüsierware" für eine "handfeste und brauchbare Tageskost" plädierte. Dieselbe Linie wurde für die Spitzenwerke der deutschen Literatur versucht. "Wir wollen die Kunst wieder zum Volk führen und das Volk wieder zur Kunst führen", schrieb Goebbels 1933.
Dementsprechend gastierte, wie der Kasseler Germanist Martin Maurach erzählt, in den 1930er Jahren eine "Reichsautobahnbühne" von Baulager zu Baulager. Auf dem Programm unter anderem: Kleists "Zerbrochener Krug". Man wolle beweisen, "dass die künstlerische Erlebnisfähigkeit in keiner Weise abhängig ist von sozialen Voraussetzungen", erklärte ein Blatt der Deutschen Arbeitsfront. Schade – ausgerechnet zur Frage, wie das klassische Stück beim Publikum angekommen ist, scheint Maurach keine Dokumente gefunden zu haben.
Joseph Goebbels
Viel populärer wird doch der Fußball gewesen sein, der vom Regime auch mit besonderem Wohlwollen bedacht wurde. Kein Wunder: "Ein guter Fußballspieler ist immer auch ein guter Soldat", schrieb Reichstrainer Sepp Herberger 1940 an Nationalspieler Fritz Walter. Im Film "Das große Spiel" von 1942, so der Journalist Ansgar Warner, sollten "die elf Kameraden und ihr Glaube an den Pokalsieg Stellvertreter sein für das ganze Volk und dessen Glauben an den militärischen Endsieg". Die Zuschauer wurden durch die Choreographie der Kameraeinstellungen in die "virtuelle Volksgemeinschaft" eingebunden.
Warner bietet keinen Hinweis, dass diese Tendenz von Partei- oder Staatsstellen irgendwie vorgegeben wurde. Waren sich die Filmkünstler der ideologischen Implikationen überhaupt bewusst, hatten sie irgendwelche Schwierigkeiten damit, sich "anzupassen", oder funktionierten sie wie selbstverständlich im Sinne des "Systems"? Der Band der Forschergruppe aus Gießen und Berlin schwankt etwas unschlüssig zwischen einer Perspektive "von oben", um die Mechanismen des totalitären Systems bloßzulegen, und einer Perspektive "von unten", wo das Leben der Menschen unter diesem System mitsamt dem Unterhaltungsbetrieb in seiner ganzen banalen Alltäglichkeit erscheint.
Es gebe kein richtiges Leben im falschen, wird Adorno gern zitiert. Aber zweifellos ist unter der Herrschaft des Teufels eine Menge "Normalität" möglich. Offenbar hatte Goebbels – im Unterschied zu Rosenberg – einen realistischen Blick für die Mechanismen totalitärer Herrschaft, Vom Standpunkt des Regimes her wäre es gar nicht sinnvoll gewesen, den "Geist der heroischen Lebensauffassung" allzu massiv in den Vordergrund zu rücken, am Ende konnte die Unterhaltung bei aller ideologischen Unschärfe dem Teufel sogar dienlich sein. Das Volk mochte sich in den "Pausenräumen" von den Anstrengungen des Alltags erholen und womöglich das Gefühl genießen, ein wenig wider den Stachel löcken zu dürfen – im Ergebnis wirkten die Pausenräume systemstabilisierend.
Neu auf dem Büchermarkt: Im Pausenraum des Dritten Reiches. Zur Populärkultur im nationalsozialistischen Deutschland, herausgegeben von Carsten Würmann und Ansgar Warner, Peter Lang, Berlin 2008, ISBN 1424-7615, 51,- €
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