Vor 150 Jahren trat mit "Orfée aux Enfers" die Operette ihren Siegeszug an
von Josef Tutsch
Jacques Offenbach (1819-1880)
Bild: Félix Nadar
Gegen den chinesischen Kaiser Fé-ni-han ist eine Verschwörung im Gange. Grund: Da er die Sprache seines Landes nur unzureichend beherrscht, hat er fünf Untertanen, die eigentlich einen Orden erhalten sollten, aus Versehen pfählen lassen ... Wenn diese "Chinoiserie musicale", die Jacques Offenbach Ende Dezember 1855 aufführen ließ, sich auf der Bühne gehalten hätte, würden wir in "Ba-ta-clan" heute vielleicht den Ursprung der Operette sähen. Aber die allermeisten von Offenbachs kleinen, kaum eine halbe oder eine dreiviertel Stunde dauernden "opéras bouffes" sind vergessen, werden allenfalls inzwischen für den Schallplattenmarkt wiederentdeckt. Das erste abendfüllende Werk, jenes, das die Gattung der Operette eigentlich begründete, ging am 21. Oktober 1858, vor 150 Jahren, über die Bühne der Bouffes-Parisiens: "Orpheus in der Unterwelt".
Auch in diesem Stück kommt eine Revolution vor. Den Grund muss man sich erst einmal einfallen lassen: "Dieses Regime ist langweilig!", singen die Götter. Und das Orchester intoniert dazu den Beginn der "Marseillaise". Nein, die Pariser sind aus der Uraufführung nicht auf die Straße gestürzt, um wieder Revolution zu machen. Göttervater Jupiter hat die Bühnenrevolte ja auch rasch im Griff. Er bietet seinen Untertanen Amüsement - einen Ausflug in die Unterwelt und am Ende den Cancan, mit dem sich noch heute das Publikum in Raserei versetzen lässt. "Scheint uns nicht", schrieb damals ein Musikkritiker, "als ob wir bei den ersten Klängen eine ganze Gesellschaft mit einem Ruck aufspringen und sich blindlings in den Tanz stürzen sähen? Sie könnte Tote erwecken, diese Musik ... Beim ersten Bogenstrich, der die Götter des Olymp und der Unterwelt in Bewegung setzte, schien es, als geriete das ganze Jahrhundert mit seinen Regierungen, Institutionen, Sitten und Gesetzen in den Wirbel ..."
Der Komiker Désiré als Jupiter im Kostüm einer Fliege, in der Urauf- führung von "Orpheus in der Un- terwelt" 1858
228 Aufführungen musste das Ensemble in unmittelbarer Folge geben, dann wurde die Serie wegen Erschöpfung der Darsteller abgebrochen. Dabei war das Stück in den ersten Wochen nur mäßig erfolgreich gewesen. Die Wende brachte ein vernichtender Verriss. Dieser "Orpheus" sei ein Anschlag auf die klassische Bildung, eine Schändung des heiligen Altertums, zeterte der Kritiker Jules Janin. Anscheinend hatte dieser Ehrenretter der Antike während der Aufführung ein Nickerchen gemacht; sonst wäre ihm nicht entgangen, dass eine besonders komische Passage im Libretto fast Wort für Wort aus einem seiner Feuilletons abgeschrieben war. Unterweltgott Pluton zitiert eine "schöne Tirade", die er "irgendwo" über die Wunder des Olymps gelesen haben will: "Hier atmet man einen Duft von Göttin und Nymphe, einen lieblichen Duft von Myrrhe und Eisenkraut, Nektar und Ambrosia ..."
Paris lachte sich halb tot über Janin, nachdem Offenbach und seine Librettisten die Quelle aufgedeckt hatten, - und strömte in die "Bouffes". Für den Komponisten, der 1819 in Köln als Sohn einer jüdischen Familie geboren war und sich in Paris viele Jahre lang als Cellist mehr schlecht als recht verdingt hatte, war es der Durchbruch. Von den Einkünften konnte sich Offenbach im modischen Seebad Etretat in der Normandie eine Sommerresidenz erbauen lassen. Aber natürlich waren die Hohenpriester von Tradition und Moral nicht ruhig gestellt. 1863 geißelte ein deutscher Musikschriftsteller den "Orpheus" als "Bordellmusik". Offenbach und die Deutschen, das ist ein Kapitel für sich. 1870, im Deutsch-Französischen Krieg, wetterte die "Leipziger Allgemeine", Offenbachs Operetten seien ein Attentat gegen sein Geburtsland.
Christoph Willibald Gluck, Kompo- nist von "Orfeo ed Euridice", 1762
Tatsächlich werden Offenbachs Werke rechts des Rheins bis heute gern nach Maßstäben beurteilt, die von den Operetten eines Johann Strauß oder eines Franz Lehár abgeleitet sind. Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat den Unterschied auf den Punkt gebracht: Im Gegensatz zur Wiener Operette sei jene aus dem Paris des Zweiten Kaiserreichs "gänzlich unkitschig, amoralisch, unsentimental, ohne alle kleinbürgerliche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis". Kein Wunder, dass sich das Musiktheater mit Offenbach bis heute schwer tut. Was um 1860 Gegenstand der Satire war, ist nicht mehr lebendig; was heute lebendig ist, könnte man satirisieren - aber auf dem Niveau Offenbachs und seiner Librettisten eben nur dann, wenn man über deren Witz verfügt.
Es waren vor allem die großen Spötter, die den Meister der Bouffonerie zu schätzen wussten. Gioacchino Rossini nannte ihn den "Mozart der Champs-Elysées", Friedrich Nietzsche rühmte an ihm die "supremste Form der Geistigkeit", Karl Kraus, der im Wien der Zwischenkriegszeit beharrlich für die Wiedererweckung der "Offenbachiaden" gekämpft hat, stellte fest, darin sei das Leben beinahe so unwahrscheinlich dargestellt, wie es wirklich ist. Die Gesellschaft, der die Offenbachiaden den Spiegel vorhielten, klatschte frenetisch Beifall. Einer der eifrigsten Anhänger war Kaiser Napoleon III. Er wusste, was er an Offenbach hatte. Sein Kaiserreich konnte sich weder auf eine Jahrhunderte währende Tradition noch auf militärische Großtaten stützen.
Napoleon III., Kaiser der Franzo- sen (reg. 1852-1870), Gemälde von Franz Xaver Winterhalter
In der Revolutionsszene auf dem Olymp plauderte der "Orpheus" sozusagen ein Betriebsgeheimnis aus: Das Regime durfte sich keinesfalls erlauben, in den Ruch der Langeweile zu geraten. Natürlich wusste auch Napoleon, was in Paris ein offenes Geheimnis war. Der Text zu "Orphée aux Enfers" war von einem hohen kaiserlichen Beamten verfasst, Ludovic Halévy, Generalsekretär im Ministerium für Algerien. Halévy hatte seine Mitarbeit davon abhängig gemacht, dass sein Name nicht genannt werde. Offenbach und sein zweiter Librettist Hector Cremieux fanden einen eleganten Weg, ihren stillen Mitarbeiter dennoch zu nennen; das Werk wurde Halévy gewidmet.
Als Napoleon Ende April 1860 zu einem Theaterabend im Haus der italienischen Oper erschien, hatte er sich ausdrücklich den "Orpheus" gewünscht. Aus den Tuilerien traf nachher beim Komponisten ein kostbares Schmuckstück ein; der Kaiser versicherte, er werde niemals die glänzende Soirée vergessen, die er dem "Orpheus" verdanke. Im Jahr darauf erhielt Offenbach das Bändchen der Ehrenlegion. "Niemals ..." Zehn Jahre später mag Napoleon daran zurückgedacht haben. Nach der verlorenen Schlacht von Sedan hatte er sich in preußische Gefangenschaft begeben. Vor seinem Quartier, so erzählt es die Anekdote, zog eine deutsche Regimentsmusik vorbei, sie spielte Melodien von - Jacques Offenbach. Der Kaiser soll geweint haben.
Claudo Monteverdi, Komponist von "Orfeo", 1607
Zurück zu jener Galavorstellung 1860. "Gloire à Jupiter!" konnte Napoleon von der Bühne hören. Er durfte sich schmeicheln, dass dieses "Gloire" ein wenig auch ihm selbst gelte. Über das "Schüttelt ab die Tyrannei!" hörte er generös hinweg. Schließlich hatten die Götter ihre Revolte über den versprochenen neuen Vergnügungen gleich wieder vergessen. Napoleon sah noch über allerlei anderes hinweg. Nicht nur die offenkundigen Parallelen zwischen den erotischen Eskapaden am Kaiserhof und jenen auf dem Offenbachschen Olymp. Das Libretto hatte in den Mythos eine quasi-demokratische Figur eingefügt, die "öffentliche Meinung". Mit dieser Figur war der Funktionsmechanismus der napoleonischen Herrschaft - ob Halévy selbst das eigentlich so klar gesehen hat? - präzise formuliert. In den Worten des Soziologen Siegfried Kracauer, der 1937 seine klassische Offenbach-Studie vorgelegt hat: "Da sich die napoleonische Diktatur auf die Gunst der Massen stützte, musste sie tatsächlich mehr als jedes andere Regime um die öffentliche Meinung buhlen."
Eine durch Pressezensur gelenkte öffentliche Meinung, versteht sich. Sie ist es, die in Halévys Neufassung der antiken Fabel die Weichen stellt. Anders als es die alten Dichter erzählten, anders auch als Offenbachs Vorgänger Claudio Monteverdi und Christoph Willibald Gluck es voraussetzten, verspürt der neue Orpheus nämlich nicht die geringste Lust, seine verstorbene Gattin Eurydike aus dem Hades zurückzuholen. Er ist ihrer längst überdrüssig geworden. Aber die öffentliche Meinung zwingt ihn. Die Partitur bringt diesen Zwiespalt durch einen so schlichten wie genialen Trick zum Ausdruck. "Ach ich habe sie verloren", klagt Orpheus vor dem Thron des Göttervaters einigermaßen widerwillig zur weltberühmten Melodie von Glucks Arie. Den folgenden Vers singt nicht er selbst, soviel Lüge bringt er nicht über die Lippen, den übernehmen die umstehenden Götter, die mit ehelicher Treue nun wirklich nichts im Sinn haben: "All sein Glück ist nun dahin."
Hortense Schneider als Groß- herzogin von Gerolstein in der Uraufführung 1867
Der öffentlichen Meinung muss sich sogar Göttervater Jupiter - alias Kaiser Napoleon III. - beugen. Eurydike wird (fürs erste, mag mancher Theaterbesucher sich gedacht haben) nicht zu seiner neuen Mätresse, sondern erhält den Status einer "Bacchantin", bevor sich dann alle in den Taumel des Cancan stürzen. "Lasst uns den Schein wahren!" gibt Jupiter seinen Göttern als Parole aus. Die Disziplin hat nicht lange gehalten. 1864, in Offenbachs zweiter Operette in antikem Gewand, der "Schönen Helena", legen weder der Oberpriester Calchas noch die griechischen Könige viel Wert darauf, sich um die öffentliche Meinung zu scheren. Eine Änderung bloß in der Bühnenwelt? Kracauer hat darin eine Ahnung vom heraufziehenden Ende des Kaiserreichs gesehen, immerhin sechs Jahre vor dem Deutsch-Französischen Krieg.
Krieg: Dieser Horizont war in der "Helena" durch den griechischen Mythos vorgegeben. Aber fürs erste, kaum sechs Jahre nachdem Offenbach und seine Librettisten die neue Form des Musiktheaters begründet hatten, lag alle Welt der Operette zu Füßen; die "Schöne Helena" nahm ihren Siegeszug durch die Metropolen Europas. 1867 kam umgekehrt tout le monde nach Paris zur Weltausstellung und natürlich in Offenbachs Theater, die "Variétés". Dort hatte sich ein märchenhafter deutscher Miniaturstaat etabliert, das Großherzogtum Gerolstein. In den Logen und auch in der Garderobe der "Großherzogin", mit bürgerlichem Namen Hortense Schneider, drängten sich die gekrönten Häupter Europas - der kaiserliche Hofstaat in den Tuilerien hatte beinahe Grund, neidisch zu werden.
Musikfilm von 1992
"Oh! Wie liebe ich die Soldaten!" singt die Großherzogin; sie meint es nicht militaristisch, bloß erotisch. Es kommt dennoch zum Krieg, weil ihr Ratgeber ihr eine kleine Zerstreuung verschaffen will ... Eine Frivolität, der Ernst des Krieges vollzog sich noch fernab von Paris. Aber mitten hinein in den Trubel der Weltausstellung, während die "Großherzogin von Gerolstein" Abend für Abend Triumphe feierte, platzte die Nachricht, dass der von Napoleon in Mexico eingesetzte Kaiser Maximilian von den Aufständischen erschossen worden sei. Unter den Besuchern in den "Variétés" waren auch Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck und sein Generalstabschef Helmuth von Moltke. Keine drei Jahre später erprobten sie, ob die französische Armee viel schlagkräftiger war als jene des Operettenstaates Gerolstein.
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr