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31.10.2008 - GENDERFORSCHUNG

Die Gefahren der Bildung und des Geschlechts

Männer, Frauen und Priester im Umbruch vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Gerard Dou: Lesende Frau, um 1630
Bild: Rijksmuseum Amsterdam

Im Jahr 1544 wurde in der protestantischen Reichsstadt Ulm eine Gruppe von zwei Männern und fünf Frauen vor Gericht geladen. Es war aufgefallen, dass die Angeschuldigten nicht zum sonntäglichen Gottesdienst erschienen; die Nachbarn hatten den Verdacht, sie würden den "Schwenckfeldern" angehören, einer Sekte, die in manchen Fragen andere Auffassungen vertrat als Martin Luther. Eine der beklagten Frauen erklärte, als ungebildetes "Weibsbild" sei sie außerstande, mit den studierten Pfarrern über theologische Fragen zu disputieren. Ergebnis: Die Kirchenbehörde nahm diese Auskunft achselzuckend zur Kenntnis und behelligte die Frau nicht weiter.

Frauen seien intellektuell minder bemittelt als Männer, man könne sie deshalb für ihre Handlungen schwer zur Verantwortung ziehen – das war damals, im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, eine weit verbreitete anthropologische Annahme. Auf diese Regel verlassen konnten oder wollten sich die Amtspersonen freilich nicht. Als Ende des 16. Jahrhunderts in Venedig eine etwa 60 Jahre alte arme Spinnerin beerdigt wurde, fand sich in ihren Kleidern versteckt ein kleines Buch, Calvins "Katechismus". Die Inquisition statuierte ein Exempel. Der zuständige Priester, dem die ungebildete alte Frau niemals verdächtig vorgekommen war, wurde verurteilt, den Leichnam der "Ketzerin" eigenhändig aus der geweihten Erde wieder auszugraben.

Eine internationale Forschergruppe um die Historiker der Universität Basel hat die "Geschlechtergeschichte" an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu beleuchtet, genauer: die Stellung der Frau im Umfeld jenes welthistorischen Umbruchs, den wir als Reformation und Gegenreformation bezeichnen. Das Ergebnis vorweg: Unser gängiges Geschichtsbild wird nicht etwa umgestoßen, die Reformation hat mit der Abschaffung der Klöster, der Einführung der Priesterehe und der Bibellektüre – also einem Stück "Bildung" – von Kindesbeinen an, auch bei den Mädchen, die Weichen auch in Sachen "Geschlecht" tatsächlich umgestellt. Aber das Leitbild des protestantischen Pfarrhauses, wie es vor allem die deutsche Geistesgeschichte der Neuzeit beherrscht hat, verdeckt leicht andere Entwicklungen.

Katharina von Bora, Ehe-
frau Martin Luthers, ge-
malt von Lucas Cranach
d. Ä., 1526
Bild: Wartburg Eisenach
Auch im katholischen Raum, berichtet die Historikerin Xenia von Tippelskirch von der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, wollte man "nicht auf Grundkenntnisse, die in der Katechese nützlich schienen, verzichten".  Mädchen adliger Herkunft erlernten Lesen und Schreiben in Klosterschulen, in den meisten ober- und mittelitalienischen Städten errichtete der Klerus sogenannte "Sonntagsschulen", die auch Mädchen niedrigerer Schichten die elementaren Kulturfertigkeiten vermittelten. Man darf diesen Bildungsaufschwung, den Reformation wie Gegenreformation zur Folge hatten, freilich nicht mit Emanzipation verwechseln. 1584 argumentierte ein gewisser Silvio Antoniano, es sei völlig ausreichend, wenn Mädchen aus niederen Familien ein Gebetbuch lesen könnten; diejenigen mittlerer Herkunft immerhin sollten auch ein bisschen schreiben lernen. Während bei den Jungen auch schöne Literatur gelesen werden dürfe, müsse man die Lektüre der Mädchen strikt auf religiöse Bücher beschränken.

Die Dynamik, die in solchen Kulturfertigkeiten angelegt war, muss den Verantwortlichen früh bewusst geworden sein. Man versuchte, Kontrolle auszuüben, auf Dauer ohne viel Erfolg. 1559 bestimmte eine römische Instruktion kategorisch, Frauen dürfe der Bibeltext keinesfalls in der Volkssprache zugänglich gemacht werden, auch Klosterfrauen nicht – man wollte einer "ketzerischen" Missdeutung und wohl auch allerlei abergläubischen Praktiken vorbeugen.  Im selben Jahr bat ein Geistlicher in Bologna seinen vorgesetzten Generalinquisitor, er möge einigen der ihm anvertrauten Schäflein ausnahmsweise die Bibellektüre gestatten; es handle sich um fromme Katholiken, also bestehe keinerlei Gefahr. Tatsächlich wurde den vier adligen Herren die Lizenz erteilt, den vier Nonnen wurde sie verweigert.

Die Verbreitung der Lese- und Schreibfähigkeit im Laienvolk hatte bereits in vorreformatorischer Zeit eine neue Literaturgattung hervorgerufen, die "geistliche Vita". Was in der Ohrenbeichte mündlich dem Priester anvertraut wurde, konnte verschriftlicht werden; darin liegt eine Vorgeschichte der modernen Autobiographie. Die Historikerin Bianca Garí von der Universidad de Barcelona demonstriert diesen Zusammenhang am Beispiel einer "schwarzen Kreolin" aus dem Peru der spanischen Kolonialzeit. Ursula de Jesús schreibt von sich selbst in der dritten Person: "Als ihr Gewissen durch die Tugend des erhabenen Sakraments, durch die richtige Einstellung der Büßerin und die gute Führung durch den Geistlichen rein geworden war, ... da empfing sie soviel Gnade von Unserem Herrn, dass sie sagte, sie sei dazu bestimmt zu schreiben."

Karikatur auf das katholische
Mönchtum, 16. Jahrhundert
Bild: E. Fuchs
Wie ein Blick auf die Verfassernamen der Vitenliteratur zeigt, wurde die Möglichkeit solch schriftlicher Introspektion und Selbstreflexion viel öfter von Frauen als von Männern wahrgenommen. Bei anderen Aspekten des Epochenumbruchs vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit tritt die "Genderrelevanz", wie das im heutigen Wissenschaftsbetrieb gern genannt wird, noch deutlicher zu Tage. In jenen deutschen Territorien, wo Katholiken und Protestanten dicht nebeneinander lebten, müssen, wie die Münsteraner Historikern Antje Flüchter darstellt, Zölibat einerseits und Priesterehe andererseits ein beherrschendes Streitthema gewesen sein. Die mittelalterliche Kirche hatte seit dem 12. Jahrhundert den Priestern die Ehelosigkeit abverlangt, auch um die kultische Reinheit bei der Eucharistiefeier zu gewährleisten; zugleich war jedoch das Konkubinat weitgehend akzeptiert worden. "Die evangelische Aufwertung der Ehe verschärfte die Grenze zwischen erlaubter und verbotener, also zwischen ehelicher und außerehelicher Sexualität." Indem das Konzil von Trient dagegen den Priester aus dieser Dichotomie herausheben wollte, schuf es eine Art von drittem, quasi geschlechtslosem Geschlecht.

Flüchter ist aber zu dem Schluss gekommen, dass menschliche Schwächen auch weiterhin akzeptiert wurden. "Nicht mehr akzeptiert wurde die sexuelle Aktivität eines Geistlichen, wenn diese zu bekannt oder offensichtlich war" – also wenn die protestantische Konkurrenz sie polemisch verwerten konnte. Abgesehen davon, dass solche Polemik heutzutage eher von einer "kritischen" (oder vielmehr klatschsüchtigen) Öffentlichkeit als von der Konkurrenz ausgeht, hat sich da wohl nicht allzu viel geändert. Aufschlussreich für die Stellung der Frau in der damaligen Gesellschaft ist vor allem ein Punkt, der sich in den kirchlichen Akten eher nebenbei zeigt: Wenn öffentlich ruchbar wurde, dass ein Priester mit seiner Magd sexuell verkehrte, erregte das Ärgernis; wenn er sie schlug, scheint das niemanden interessiert zu haben. Dergleichen war alltäglicher Brauch.

Und das, wie der Beitrag von Stefan Rohdewald, Historiker an der Universität Zürich über Verfahren vor dem Ratsgericht der polnischen (heute weißrussischen) Stadt Polock im 17. Jahrhundert zeigt, auch in legitimen Ehen. Häusliche Gewalt galt als normal; Eltern, die ihre Tochter aus einer solchen Ehe herausholen wollten, mussten einen Umweg einschlagen: Sie behaupteten, der Gatte sei "unfähig", nämlich impotent – das war der einzige Weg, den das katholische Kirchenrecht wies, um eine Ehe als ungültig aufheben zu können. Fast der einzige Weg; daneben gab – oder gibt – es noch das sogenannte "Privilegium Paulinum", das eine Scheidung erlaubt, wenn einer der beiden Partner zum Katholizismus konvertiert ist. Die Motivation war offenkundig: Die Eheschließung mit einem neuen, christlichen Partner, so die Basler Historikerin Kim Siebenhüner, "schuf soziale und emotionale Bindungen im neuen Glauben".

Die Mystikerin Teresa de Avila, Gemälde
von Peter Paul Rubens, 1616
Bild: Kunsthistorisches Museum Wien
Innerchristlich dagegen grenzte sich die katholische Kirche gerade durch ihr Eherecht strikt gegen die Reformation ab. Wenn jemand sage, es sei Christen erlaubt, mehrere Frauen gleichzeitig zu haben, befinde er sich im Glaubensirrtum, schrieb das Konzil von Trient fest. Eine Wiederverheiratung zu Lebzeiten des ersten Partners bedeutete also nicht nur Bigamie, sondern auch Häresie, also Gefahr der Verfolgung durch die Inquisition. Damit waren in Europa zwei Ehekulturen etabliert, die eine mit der Möglichkeit der Scheidung, die andere ohne diese Möglichkeit – ein Gegensatz, der aber die entscheidende Gemeinsamkeit nicht verdeckt: Die protestantische Reformation wie die katholische Gegenreformation wollten legitime Sexualität strikt auf eine gültig geschlossene Ehe beschränken; auch voreheliche Kontakte zwischen den angehenden Partnern waren nunmehr verpönt – aus heutiger Sicht nicht gerade ein Schritt in die Moderne.

Dennoch: "Anders als in protestantischen Territorien", berichtet Siebenhüner, kam es südlich der Alpen "nicht zu einer massiven Kriminalisierung der Unzucht". Es wurde hingenommen, dass Sexualität nun einmal zum natürlichen, also sündhaften Menschsein hinzugehöre. Wenn Italien bei der gesellschaftlichen Elite der protestantischen Länder Nordeuropas – genauer: bei der männlichen Elite – ein hochbeliebtes Reisziel war, dann nicht nur wegen der Kunstschätze. Man hoffte auch, für ein paar Monate seine Triebe freier ausleben zu können, als es in der Heimat möglich war.


Neu auf dem Büchermarkt:
Das Geschlecht des Glaubens. Religiöse Kulturen Europas zwischen Mittelalter und Moderne,
herausgegeben von Monika Mommertz und Claudia Opitz-Belakhal,
Campus Verlag, Frankfurt am Main – New York 2008, 34.90 €


Mehr im Internet:
Eine Frau, bei der jeder Mangel verzeihlich ist ..., scienzz 10.08.2008
Gender Studies - Wikipedia







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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