Adventskranz - Bild: Michael L. Rie-
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"Advent ist da, die Diandln sein in den Rauch gehängt", sagte man früher im süddeutsch-österreichischen Raum. Denn Tanzveranstaltungen waren in den Wochen vor Weihnachten verboten. Es war eine Fastenzeit, ähnlich jener vor Ostern. Und so dauerte auch die Adventszeit vor Weihnachten oft nicht nur vier, sondern sechs Wochen. Man orientierte sich an den vierzig Jahren, die das Volk Israel in der Wüste verbracht, und den vierzig Tagen, die Jesus in der Wüste gefastet hatte. Zuvor allerdings durfte man sich mit den Martinigänsen von der Zeit des Wohllebens noch einmal ausgiebig verabschieden – nicht anders als im Karneval vor Aschermittwoch.
Daneben war jedoch, von Region zu Region unterschiedlich, auch eine bloß vierwöchige Adventszeit gebräuchlich. Papst Gregor der Große (gestorben 604), auf den diese Symbolik zurückgeführt wird, mag an die 4.000 Jahre gedacht haben, die die Menschheit, wie man aus den biblischen Büchern errechnete, auf die Menschwerdung Christi warten musste. Verbindlich vorgeschrieben wurden die vier Adventssonntage, die uns heute so selbstverständlich geworden sind, in der katholischen Kirche erst 1570 durch Papst Pius V. Die Erzdiözese Mailand darf bis heute einen abweichenden Rhythmus des Kirchenjahres feiern mit sechs Wochen Adventszeit
"Adventus": Das lateinische Wort bedeutet "Ankunft", zum Beispiel die Ankunft des Kaisers in einer Provinz oder auch eines Gottes in seinem Tempel. Es ist die Übersetzung des griechischen "epipháneia", "Erscheinung" – Epiphanias wird bis heute das Fest der hl. Drei Könige genannt, der 6. Januar, an dem die orthodoxen Ostkirchen ihr Weihnachten feiern. Der Begriff "Advent" würde also eigentlich besser auf das Weihnachtsfest selbst passen. Aber im lateinischen Westeuropa bürgerte es sich ein, die Vorbereitungszeit auf die Ankunft Christi so zu nennen.
Im Grunde sind sogar zwei "Ankünfte" gemeint, nämlich erstens Weihnachten, also die Menschwerdung des Erlösers zur Zeit des Kaisers Augustus, und zweitens die erwartete Wiederkunft Christi zum Weltgericht am Ende der Zeiten. In diesem zweiten Sinn findet sich der Terminus "Advent" bereits bei dem Theologen Tertullian um 200 nach Christus. Das göttliche Kind in der Krippe war immer zugleich als der erhoffte und gefürchtete Weltenrichter gedacht. Da war Bußfertigkeit angezeigt. In den Kirchen symbolisiert man sie heute noch mit der liturgischen Farbe Violett; im Mittelalter nahm man statt dessen auch Schwarz.
Schwarz und violett sind Farben der Dunkelheit, vor denen sich die Kerzenlichter als Zeichen der Hoffnung um so strahlender abheben können. Etwa beim alttestamentlichen Propheten Jesaja fanden die christlichen Theologen eine Fülle von Lichtmetaphern, in denen sich die Hoffnung auf den Messias ausdrückte: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." Wenige Sätze später folgt die weihnachtliche Verheißung: "Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter."
Der Prophet Jesaja, von Michelanelo, 1509, in der Sixtinischen Kapelle, Rom Bild: Wikipedia
Eine Situation der Spannung und Erwartung, irgendwo zwischen "Noch nicht" und "Doch schon". Noch eine Jesaja-Stelle: "Wächter, ist die Nacht bald hin? Wächter, ist die Nacht bald hin? Der Wächter aber sprach: Wenn auch der Morgen kommt, so wird es doch Nacht bleiben. Wenn ihr fragen wollt, so kommt wieder und fragt." In seinem Römerbrief gab der Apostel Paulus die Antwort aus dem Glauben an den auferstandenen Christus: "Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen." Noch eine Spur optimistischer als in dieser modernen Wiedergabe klang es in Martin Luthers Übersetzung: "Die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeigekommen."
Mit dem "Advent", dem Auftreten Jesu, sei die Hoffnung der Väter auf den Messias bereits erfüllt – durch diesen Glauben trennte sich die urchristliche Kirche vom Judentum. Die hebräische Bibel wurde zum "Alten Testament", die Zeit des Wartens auf den Erlöser wurde im Rückblick als Vorgeschichte des Christentums interpretiert. "Im Alten Testament ist das Neue verborgen, im Neuen Testament das Alte offengelegt", formulierte der Kirchenvater Augustinus seine Sicht der Heilsgeschichte.
In den Berichten der Evangelien vom Leben Jesu findet sich immer wieder der Hinweis, dies sei geschehen, "damit erfüllt würde, was geschrieben ist durch die Propheten". Zum Beispiel bei Jesaja: "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel, Gott mit uns." Die Philologen übersetzen den hebräischen Text heute mit "junge Frau"; aber im 1. Jahrhundert nach Christus wurde er gern als "Jungfrau" gelesen. Im Lukasevangelium spricht der Engel Gabriel zu Maria: "Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten ... Denn bei Gott ist nichts unmöglich."
Selbst Texte aus dem heidnischen Altertum wurden auf diese Weise umgedeutet. Die Kirchenväter Lactantius und Augustinus behaupteten, mit dem "Knaben", von dessen Geburt ein Gedicht des Römers Vergil spricht, müsse Christus gemeint sein. In Michelangelos Ausmalung der Sixtinischen Kapelle in Rom finden sich die Seherinnen der alten Griechen und Römer, die "Sibyllen", denn auch einträchtig neben den Propheten aus dem alten Israel – gleichermaßen Repräsentanten der vorchristlichen Welt, die auf das kommende Christentum hindeuten. Bereits im Johannesevangelium ist diese Sicht auf die Heidenwelt vorweggenommen. "Ich bin der wahre Weinstock", sagt dort Christus von sich, "und mein Vater der Weingärtner" – eine Anspielung auf den heidnischen Weingott Dionysos, der in Christus einerseits negiert, in gewisser Weise aber auch aufbewahrt und vor allem überboten werden sollte.
In den Messtexten dieser Wochen vor Weihnachten ist – theologisch ein Stück weniger kühn – von der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel die Rede und von der Wiederkunft Christ als Weltenrichter am Ende der Zeiten. Im Mittelpunkt steht die Figur Johannes des Täufers. Der Bußprediger verkündet mit seinem Ruf "Bereitet den Weg des Herrn" dem, "der da kommen soll", den Weg – er ist sozusagen ein Stück Altes Testament, das ins Neue hineinragt. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" – mit solchen Versen hat das Kirchenlied das Motiv des Weges aufgegriffen. Im südlichen Irak und im südwestlichen Iran freilich existiert bis heute die kleine Religionsgemeinschaft der Mandäer, die sich auf den Täufer Johannes beruft und sich weigert, in ihm nur den Vorläufer Jesu zu sehen.
Verkündigung an Maria, von Dirk Bouts, um 1470, Gulbenkan Museum, Lissabon Bild: Wikipedia
In Schwaben war es früher Brauch, dass an einem Donnerstag zu Beginn der Adventszeit, dem sogenannten "Klopferstag", die Kinder des Dorfes in aller Frühe von Haus zu Haus gingen und den Bewohnern ansagten, dass "Christus der Herr bald kommen kann". Nebenbei wurde um Äpfel, Birnen, Nüsse und Süßigkeiten gebeten. Von der Kirche her betrachtet, hatte das Klopfen den Sinn, zu den Messen zu bitten, die bei Morgengrauen zu Ehren der Gottesmutter Maria abgehalten wurden. Nach dem Messtext "Rorate coeli desupere", "Tauet Himmel" – wiederum nach einer Stelle beim Propheten Jesaja – wurden sie "Rorate-Messen" genannt.
Vor allem aber die Lichtmetaphorik prägt die Kirchenlieder dieser Zeit, entsprechend der Selbstaussage Christi im Johannesevangelium: "Ich bin das Licht der Welt." "Es glänzet deiner Krippe Strahl, ein Licht leucht’ durch dies finstre Tal, es gibt die Nacht so hellen Schein, der da wird unverlöschlich sein", reimte im 17. Jahrhundert der Dichter Johannes Franck. In der Weihnachtsgeschichte ist das Licht durch den Stern von Bethlehem präsent. Von dieser uralten Symbolik her war es beinahe zwangsläufig, dass die Kirche im 4. Jahrhundert ihr Weihnachtsfest in die dunkle Jahreszeit legte. Der 25. Dezember, an dem in Rom das Fest des Sonnengottes gefeiert wurde, bot sich hierfür an. Gut möglich, dass Papst Gregor XIII., als er 1582 den Kalender reformiert, auch im Sinn hatte, dieser symbolische Zusammenhang solle nicht zerrissen werden. Im späten Mittelalter hatte sich durch die Ungenauigkeit des alten, des "Julianischen", Kalenders der Weihnachtstermin im natürlichen Jahreskreislauf bereits um zehn Tage in Richtung Frühjahr verschoben.
as Licht in der Finsternis ... Vor allem in Mitteleuropa haben sich die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum eingebürgert, heute oft elektrisch. Früher, als die Abhängigkeit vom natürlichen Tageslicht viel größer war, werden die bescheidenen Wachskerzen aber mehr Ausdruckskraft besessen haben. 1839 stellte der lutherische Theologe Johann Heinrich Wichern in seinem Erziehungsheim in Hamburg, dem "Rauhen Haus", ein hölzernes Wagenrad mit 19 kleinen weißen und vier großen roten Kerzen auf. Tag für Tag und Sonntag wurde eine weitere Kerze angezündet. Später wurde es üblich, das Holz mit Tannengrün zu schmücken, private Haushalte, die den Brauch bald nachahmten, begnügten sich mit vier Kerzen für die Sonntage.
In der Ethnologie gilt der Adventskranz als Paradebeispiel für "Diffusion", also für die geographische Verbreitung einer Innovation. 1932 zeigte eine Erhebung, die für den "Atlas der deutschen Volkskunde" erstellt wurde, dass sich der Adventskranz in den protestantischen Gebieten Mitteleuropas nahezu vollständig durchgesetzt hatte. Dagegen leisteten katholische Milieus hartnäckig "Widerstand"; Einfallstore bildeten wohlhabende Familien und städtisch-industrielle Zentren. Es dauerte dann aber kaum noch drei Jahrzehnte, bis auch so gut wie jeder katholische Haushalt im deutschen Sprachraum seinen Adventskranz hatte. Inzwischen ist der Brauch in andere Länder vorgedrungen; im orthodoxen Osteuropa hat man ihn ebenso wie in Mailand mit sechs Kerzen der längeren Dauer der Adventszeit angepasst.
Ganz ähnlich hatte zwei oder drei Jahrhunderte zuvor der Weihnachtsbaum seinen Siegeszug rund um die Welt angetreten. In umgekehrte Richtung entwickelte sich die Weihnachtskrippe. Ursprünglich nur in katholischen Kirchen und Haushalten üblich, wurde sie im späten 19. Jahrhundert auch im protestantischen Norddeutschland heimisch – "Buddenbrooks"-Leser werden sich erinnern: Im Haus an der Mengstraße findet sich unter dem Tannenbaum ein "plastisches Krippenarrangement", in dem "ein wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen" scheint.
Das Rathaus in Sigmaringen als Adventskalender dekoriert Bild: Mercy/Wikipedia
À propos "Buddenbrooks": In Thomas Manns Roman verfolgt Hanno "das Nahen der unvergleichlichen Zeit" auf einem von der Kinderfrau angefertigten Abreißkalender. Solche Kalender scheinen in den 1850er Jahren aufgekommen zu sein, und zwar im evangelischen Milieu. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die ersten gedruckten Adventskalender heraus. Kalender, auf denen man an jedem Tag ein Fensterchen öffnen konnte, verbreiteten sich nach 1920. Schokoladestückchen allerdings finden die Kinder erst seit 1958 dahinter. Für Touristen werden inzwischen nicht nur in kleineren Städten wie Gengenbach im Schwarzwald und Forchheim in Franken, sondern auch in Bonn oder Wien die Rathäuser als große Adventskalender ausstaffiert.
Streng genommen, müsste man solche Adventskalender eher "Dezemberkalender" nennen. Sie beginnen, damit regelmäßig 24 Tage oder Fenster herauskommen, nicht mit dem 1. Adventssonntag, sondern ohne Rücksicht auf die Abfolge der Wochentage mit dem 1. Dezember. Auch an den Illustrationen wird der Wandel deutlich. In den 1930er und 1940er Jahren hatten die Nationalsozialisten noch ohne nachhaltigen Erfolg versucht, die Gestalten der Bibel durch Märchenfiguren und germanische Gottheiten zu ersetzen. Inzwischen müssen die christlichen Adventsmotive immer öfter allgemein winterlichen Darstellungen – Landschaft in Schnee – weichen. Oder einfach niedlichen Bambis und putzigen Bären.
Ein Säkularisierungsphänomen. Es zeigt sich vielleicht noch deutlicher an den Speisegewohnheiten. Früher durfte man am 4. Adventssonntag gerade mal mit der Zubereitung der Weihnachtsgebäcke beginnen; inzwischen ist die vorweihnachtliche Fastenpflicht – wie im Protestantismus bereits mit der Reformation – auch unter Katholiken so gut wie vergessen. Soweit man doch wieder auf das Fasten zurückgreift, dann eher aus medizinischen oder kosmetischen Gründen – natürlich nicht vor den Weihnachtsfesttagen, sondern danach, um die Folgen des guten Lebens nach Möglichkeit wieder abzubauen. Es wird ja auch immer schwieriger, den Versuchungen zu widerstehen. Das sogenannte "Weihnachtsgebäck" wird in den Geschäften schon Ende September, Anfang Oktober angeboten, wenn die letzten warmen Sommertage kaum vorbei sind.
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