Vor 100 Jahren wurde der französiche Ethnologe Claude Lévi-Strauss geboren
von Josef Tutsch
Claude Lévi-Strauss
(* 28. November 1908, Brüssel)
Bild: UNHCR
Ausgerüstet mit einem Grammophon reist ein Europäer auf eine Insel im tropischen Amerika. Der dortigen Bevölkerung spielt er eine Schallplatte vor, auf der er sich in einer langen Rede als neuer Gott vorstellt, weshalb ihm jeder Bewohner einen Tribut von drei Kokosnüssen zu zahlen habe. Auf diese Weise häuft er ein Vermögen an.
Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat diesen Roman, dessen Idee er gelegentlich einmal in einem Interview skizzierte, niemals geschrieben. Statt dessen legte er 1955 einen Bericht über die Forschungsexpeditionen vor, die er in den 1930er Jahren zu Eingeborenenstämmen im Inneren Brasiliens unternommen hatte. "Traurige Tropen" wurde ein Bestseller auch jenseits des Fachpublikums, ein früher Fall von touristischem Problembewusstsein. "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende", lautet gleich der erste Satz. Der Verfasser dieser "voyage philosophique" macht sich keine Illusionen: "Was uns die Reisen zuallererst zeigen, ist der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben."
Ein Ethnologe, der genau wusste, dass sich seine Wissenschaft im Rahmen der kolonialen Expansion Europas entwickelt hatte. Am 28. November 1908, vor einhundert Jahren, wurde Claude Lévi-Strauss als Sohn französisch-jüdischer Eltern in Brüssel geboren; sein Vater war Porträtmaler, sein Großvater Rabbiner in Versailles. Nach dem Studium der Philosophie ging er 1935 – in der Hoffnung, sich nebenbei ethnologischen Forschungen unter den brasilianischen Indios widmen zu können –, als Professor für Soziologie an die Universität von Sao Paulo. 1942 wurde er Hochschullehrer an der New School for Social Research in New York, 1950 Professor für vergleichende Religionswissenschaft der schriftlosen Völker an der Ecole pratique des hautes études in Paris, 1959 Professor für Sozialanthropologie am Collège de France.
Lévi-Strauss in den 1930er Jahren Bild: searchtheory
In den späten 1930ern hatte Lévi-Strauss bei den Bororo im Mato Grosso noch relativ intakt gebliebene Stammesstrukturen vorgefunden; er konnte sozusagen zusehen, wie sie zerstört wurden. Ein Dorf am Rio Vermelho, berichtet der Forscher, sei in zwei Hälften geteilt. "Zum einen gehört ein Individuum stets derselben Hälfte an wie seine Mutter, und zum anderen darf es nur ein Mitglied der anderen Hälfte heiraten." Die Mönche des Salesianerordens – in der wohlmeinenden Absicht, die Eingeborenen zu "bekehren" – brauchten bloß zu verhindern, dass die Dörfer nach dieser gewohnten Weise errichtet wurden: "Die Indios vergaßen den Sinn der Traditionen, als wäre ihr religiöses und gesellschaftliches System zu kompliziert, um das Schema entbehren zu können, das im Plan des Dorfes sichtbar vor Augen liegt."
Vor der Missionierung war es ein "Ballett der beiden Dorfhälten", so Lévi-Strauss. Aus der Beobachtung, die hinter dieser Metapher stand, entwickelte er das Buch, das ihn 1949 mit einem Schlag international berühmt machte, "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft". Auf hunderten von Seiten analysierte er die Heiratsregeln "primitiver" Völker, von der einfachsten Form (A heiratet seine Cousine, deren Bruder B die Schwester von A) bis zur Einfügung in komplexere Tauschformen (Gruppe A gibt Gruppe B eine Frau und erhält dafür eine Herde Rinder, die dazu verwendet werden kann, bei Gruppe C eine Frau für Gruppe A zu erwerben). Sinn solcher Tauschsysteme, so der Forscher, sei weniger, einen Inzest zu vermeiden, als über die eigene Familie hinaus mit anderen Gruppen Allianzen zu knüpfen – der Frauentausch als Mittel sozialer Integration, als sozialer Kitt.
Sigmund Freud, Theoretiker des universalen Inzestverbots Bild: soliloquia
Es sind die Männer, die tauschen, die Frauen, die getauscht werden: Das hat Lévi-Strauss den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit eingetragen. Tatsächlich verfolgte er den Ehrgeiz, in der Beobachtung ferner, oft bereits versinkender Völker "nach den unerschütterlichen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft zu forschen". Wie sich daraus die moderne europäische Heirat entwickelt hat – mit freier Gattenwahl, Gleichheit der Geschlechter und Individualisierung des Vertrags –, war nicht sein Thema. Lag in dieser Selbstbeschränkung bloß eine Scheu des Forschers, die Grenzen seines Fachgebietes dilettierend zu überschreiten? Wohl auch eine Abneigung, die Geschichte des Abendlandes, die Evolution der europäischen Moderne eindimensional als "Fortschritt" aufzufassen, das europäische Menschenbild – das freilich auch eine Wissenschaft wie die Ethnologie erst hervorgebracht hat – hochmütig gegen das der "Primitiven" auszuspielen.
Lévi-Strauss sah sich in die Tradition eines Jean-Jacques Rousseau. Das bedeutete in seinem Fall allerdings kein "Zurück zur Natur" oder "Zurück hinter die Kultur". Rousseau habe die Ethnologie begründet, stellt Lévi-Strauss fest, indem er mit einer naiv ethnozentrischen Einstellung brach, die fremde Zivilisationen immer nur als unterlegene Formen ihrer eigenen begreifen wollte oder konnte. In den "Traurigen Tropen" demonstrierte der Ethnologe das, wie man heute sagen würde, "ökologische" Potential dieses Rousseauismus: "Die sogenannten primitiven Völker haben tiefe Achtung vor dem tierischen und pflanzlichen Leben. Diese Achtung drückt sich bei ihnen in Formen aus, die wir für abergläubisch halten; es sind aber in Wirklichkeit sehr wirksame Bremsen zur Erhaltung eines natürlichen Gleichgewichts zwischen dem Menschen und der von ihm ausgebeuteten Umwelt."
FortschrittsskeptikerJean-Jacques Rousseau, Pastell von Maurice- Quentin La Tour
Lévi-Strauss dementierte den Eindruck vieler seiner Kollegen von einer irrationalen Mentalität der Eingeborenen. Technisch-instrumentell sei das "wilde Denken" der modernen Wissenschaft zweifellos unterlegen; in seiner phänomenologischen Präzision und seiner ästhetischen Kreativität sei es eher überlegen. Dieser skeptische Blick auf Europa trennte ihn auch von Karl Marx, zu dem er sich doch immer wieder als einem seiner Lehrmeister bekannt hat. "Die Lektüre von Marx begeisterte mich umso mehr, als ich durch diesen großen Denker zum ersten Mal mit der philosophischen Strömung in Berührung kam, die von Kant bis Hegel reicht." Er hätte auch schreiben können: bis Sigmund Freud. Was ihn an der Philosophie wie an der Nationalökonomie und der Psychoanalyse faszinierte , war das quasi Detektivische daran. Der Forscher sehe sich zunächst "mit scheinbar undurchdringlichen Phänomenen konfrontiert", aus diesem Rohmaterial müssten "die Modelle, die die Sozialstruktur bilden", erst "konstruiert" werden, weil nämlich die wahre Realität niemals auf der Oberfläche sichtbar werde.
"Strukturalismus" ist denn auch zum Terminus für jene Geistesströmung geworden, die sich in Frankreich um Lévi-Strauss ausgebildet hat. Der Ethnologe orientierte sich an der Linguistik eines Ferdinand de Saussure und eines Roman Jakobson. Wie die an sich sinnleeren Lautfolgen im System der Sprache einen Sinn erhalten, ebenso würden auch die Verwandtschaftssysteme durch den Geist auf der Ebene des unbewussten Denkens gebildet. Ebenfalls eine Form von Sprache – das Vorbild der Linguistik erlaubte es, die Theorie von Emile Durkheim, dem Begründer der Soziologie im späten 19. Jahrhundert, von einem "Kollektivbewusstsein" von jedem mystischen Beigeschmack zu befreien. In den vier Bänden seiner "Mythologica", der Analyse von 800 Indianermythen, hat Lévi-Strauss diese Aussage provokant zugespitzt: Er wolle nicht zeigen, "wie die Menschen in Mythen denken, sondern wie sich die Mythen in den Menschen ohne deren Wissen denken".
Ferdinand de Saussure, Ahnvater des sprachwissenschaftlichen Strukturalismus
Nicht ohne deren Zutun freilich; der Ethnologe verglich das mythische Denken mit einem Basteln ("bricolage"), als ein immer neues Anordnen in der Umwelt vorgefundener Materialien nach Gegensätzen wie Natur – Kultur, Leben – Tod, Mann – Frau. In einer Mischung von Bescheidenheit und Koketterie vermerkte Lévi-Strauss, sein eigener Diskurs über den Mythos sei selbst ein Mythos – dieser Forscher wollte sich keinesfalls über seinen Gegenstand erheben . Aber den Unterschied der Perspektiven eben auch nicht verwischen. Aus der Sicht des europäischen Ethnologen, heißt es im Schlusskapitel der "Mythologica", sagen "die Mythen nichts aus, was uns über die Ordnung der Welt, den Ursprung des Menschen oder seine Bestimmung belehrt. Hingegen lehren sie uns viel über die Gesellschaften, denen sie entstammen, sie ermöglichen es, einige Operationsweisen des menschlichen Geistes zutage zu fördern, die so allgemein verbreitet sind, dass man sie für grundlegend halten darf."
Ob unter den Studenten, die Lévi-Strauss’ Vorlesungen in Paris hörten, vielleicht auch jemand saß, der in einer dieser Eingeborenengesellschaften aufgewachsen war? Man wüsste zu gern, wie der Ethnologe und der Indio über Mythen und Heiratsregeln diskutiert hätten, der eine aus seiner Perspektive sozusagen von Innen, der andere von Außen. Lévi-Strauss jedenfalls wehrte jeden Verdacht ab, die strukturalistische Analyse wolle "geheiligte Werte" abschaffen. Das komme ihm vor, "wie wenn man sich gegen die kinetische Theorie der Gase unter dem Vorwand auflehnen würde, dass die Erklärung, warum warme Luft sich ausdehnt und aufsteigt, das Leben der Familie und die Moral des Heims untergrübe" – weil nämlich die "entmystifizierte Wärme" ihre symbolischen und affektiven Anklänge zu verlieren drohe.
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