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12.11.2008 - MODERNE LITERATUR
Polizeiwidriger Nomadismus
Das Motiv der Vagabondage in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts
von Josef Tutsch
 | | Schriftsteller Joseph Roth
Bild: Österr. Nationalbibliothek
| | | "Wegweisung." Der Leser von Joseph Roths Feuilleton über die "Opfer des Herrn v. Kahr" aus dem Jahr 1923 weiß zunächst einmal gar nicht, wie er dieses Wort aussprechen soll. Wird da ein Weg gewiesen oder vielmehr jemand weg-gewiesen? Die Lexika klären auf, dass es tatsächlich beides gibt, den Orientierungshinweis im Straßenverkehr und die polizeiliche Maßnahme. Der Fortgang des Textes – Roth zitiert ein amtliches Formular der Münchner Polizei – macht deutlich, dass die zweite Bedeutung gemeint ist: "Sie werden aufgefordert, heute, spätestens morgen, das Stadtgebiet München zu verlassen. Innerhalb 48 Stunden, vom Tage des Erhalts dieser Aufforderung gerechnet, müssen Sie das Gebiet des Landes Bayern verlassen haben."
Nicht jeder, der "unterwegs" ist ("on the road", um Jack Kerouacs Kultbuch von 1957 zu zitieren), tut das freiwillig. Das wussten schon die deutschen Romantiker, die das ungebundene Leben doch so wortreich verklärt haben. Er wolle nicht länger vom hochpoetischen Leben der Zigeuner schwärmen, wenn es sich doch bei ihnen um veritable Galgenvögel handele, schrieb Clemens von Brentano 1810 in einem Brief an die Brüder Grimm. Selbst Eichendorffs Taugenichts wird am Ende sesshaft. "Und es war alles, alles gut!", schließt der Erzähler – mit dem kleinen Wermutstropfen, dass es danach nichts mehr zu erzählen gibt. Das gilt seit den Anfängen der Weltliteratur. Homers "Odyssee" geht zu Ende, als der Held nach seinen vielen Abenteuern sich endlich wieder zu Hause fühlen darf.
Die Zwänge und der Traum – zwei Germanisten der Freien Universität Berlin haben eine Forschergruppe versammelt, um das Thema "Vagabondage" in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. Es sind eigentlich nur Stichproben; schon eine flüchtige Überlegung zeigt, dass in den 1930er und 1940er Jahren beinahe die gesamte deutsche Literatur und Kultur "unterwegs" war, nämlich im Exil. Bei vielen Schriftstellern war das Unterwegssein auch individuelles Schicksal, vielleicht selbstgewählt, jedenfalls irgendwie angenommen. Joseph Roth und Else Lasker-Schüler lebten in Hotelzimmern und Pensionen, Friedrich Glauser wurde "wegen liederlichen und ausschweifenden Lebenswandels" entmündigt, Joachim Ringelnatz war Seemann, Klabund fahrender Schausteller. Usw. usf.
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Franz Kafka - Bild:Malaspina
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Ein Blick auf das Werk dieser Literaten legt, so die Herausgeber Hans Richard Brittnacher und Magnus Klaue, den Eindruck nahe, dass solche vagabundierenden Dichter eher zu "offenen, vorläufigen Textgattungen wie Essay, Feuilleton und Reportage" neigen. Nicht weiter verwunderlich, epische Großformen wie ein Roman sind "auf der Straße" schwer zu produzieren. Natürlich ist die Vagabundenexistenz nicht einfach der romantische Gegenentwurf zum bürgerlichen Leben, sie ist vielmehr der Traum des Bürgertums von seinen anderen, unverwirklichten Möglichkeiten. Das lässt schon die triviale Romantik der Schlagermusik ahnen: "Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii, lief nie durch San Francisco in zerrissnen Jeans ..." Und sie ist, so Brittnacher und Klaue, in realistischer Perspektive eben auch "der zu sich selbst gekommene Auswurf des niedergehenden Bürgertums".
Ob diese Zeitbeschreibung "niedergehendes Bürgertum" so ganz zutrifft, wäre im historischen Überblick zu prüfen. In seinen Ursprüngen scheint das moderne Bild "ordentlicher", also sesshafter Bürgerlichkeit – und damit auch seine Kehrseite – bereits auf das Zeitalter der Französischen Revolution zurückzugehen. Der Berliner Germanist Thomas Rahn verweist auf eine Bemerkung Friedrich Schlegels aus dem Jahr 1812: Der Begriff des Romantischen falle ganz mit dem des "Polizeiwidrigen" zusammen. Schlegel zitierte einen "berühmten Denker", nämlich Johann Gottlieb Fichte, "dass bei einer durchaus vollkommenen Polizei ein Roman schlechtweg unmöglich sein werde".
Fichtes zukunftsweisende Idee: Jeder müsse ständig einen Pass bei sich tragen. "Kein Mensch werde an irgendeinem Ort aufgenommen, ohne dass man den Ort seines letzten Aufenthalts und ihn selbst durch diese Pass genau kenne." Ein Gegenkonzept formulierte in der Zeit zwischen den Weltkriegen, als Europas Staaten sich gegeneinander abschlossen, Joseph Roth: die Auflösung der "Vaterländer" in "das Land Gottes, in dem jedermann ohne Pass, ohne Namen herumwandern oder bleiben kann, wie es ihm beleibt oder seiner Natur entspricht". Rahn: Die Wanderungen des jüdischen Volkes boten Roth "das universale Modell eines Nomadismus, durch den politische Ordnungen aufgehoben und eine göttliche Ordnung etabliert wird".
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Walter Benjamin.- Bild: eskimo
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Solche weitreichenden Bezüge sind kein Monopol Roths. Sabine Eickenrodt, Germanistin an der FU Berlin, deckt auf, dass Franz Kafkas kurzer Prosatext "Der plötzliche Spaziergang" von 1913 nicht bloß Rousseaus "Reveries d’un promeneur solitaire" in Erinnerung ruft, sondern, leicht verhüllt, auch eine Abhandlung des Philosophen Plotin aus dem 3. Jahrhundert zitiert. Es geht in Kafkas Text nicht um Geschichtsphilosophie, sondern um das Schicksal des Individuums: Das Bild des Spaziergangs wird parodistisch an die plotinische Lehre vom Kreislauf der Seele gebunden, von der Verstrickung in die irdische Körperlichkeit über Selbstbetrachtung und Erinnerung an ihre Herkunft bis zur Rückkehr in die Einheit des Geistes.
Da möchte einem beinahe ein altes Kirchenlied in den Sinn kommen: "Wir sind nur Gast auf Erden ..." Auch eine Variation zum Thema "Vagabondage". Worin eigentlich besteht die Neuheit der Variationen, die das 20. Jahrhundert hinzugefügt hat? Die Mitherausgeberin Annette Simonis führt eine Feststellung des Philosophen Walter Benjamin an: "Das 19. Jahrhundert war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als Futteral des Menschen ..." Im Fin de siècle dann gab es jedoch, Simonis, "einen bemerkenswerten Drang ins Freie, eine plötzliche Aufbruchsbewegung". Ob das so ganz neu war, ließe sich freilich bezweifeln; gut ein Jahrhundert zuvor im Sturm und Drang scheint bereits Ähnliches aufgekommen zu sein. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts schwärmte der Lyriker Charles Baudelaire beinahe euphorisch: "Für den vollkommenen Flaneur ist es ein ungeheurer Genuss, in der Menge zu hausen, im Wogenden, in der Bewegung, im Flüchtigen und Unendlichen. Außerhalb seines Heims zu sein und doch sich überall bei sich daheim zu fühlen ..."
Nochmals Benjamin: "Der Bürger hat begonnen, sich der Arbeit zu schämen. Er, für den sich die Muße nicht mehr von selbst versteht, stellt seinen Müßiggang zur Schau." Für Millionen Menschen im 20. Jahrhundert sah das "Unterwegssein" real dann ganz anders aus, individuell oder kollektiv. Die "Gewohnheit des Leibes ans Gehen als das Normale" stamme "aus der guten alten Zeit", heißt es an einer Stelle von Theodor W. Adornos "Minima Moralia". "Wenn aber einem Menschen zugerufen wird: ‚lauf’, dann wird die archaische Gewalt laut, die unhörbar sonst jeden Schritt lenkt." Das gilt auch für große Teile der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Thomas Bernhards Protagonisten, stellt die Germanistin Mireille Tabah von der Université Libre de Bruxelles fest, sind "Vagabunden aus Verzweiflung", sie "gehen durch Wind und Kälte", "bewegen sich in ständiger Angst entweder zu erfrieren oder zu ersticken".
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Der Tramp auf der internatio- nalen Bühne: Charlie Chap- lins Film "The Kid"
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In "Zettels Traum" von 1970, berichtet der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck von der Universität Marburg, steigert sich der Protagonist Daniel Pagenstecher in eine Gammlerfeindlichkeit, wie sie in den 1960er Jahren gern gepflegt wurde, in Arno Schmidts originaler Orthographie: "Das ist der Typ, der einst vom Partisanentum, & begeistert!, Profession machen wird." "(so ‚intellektuell’ & ‚freiheitlich’ die kleinen Herrschaften sich auch gebärden) in Wirklichkeit beherrscht sie der Geist des Berufssoldatentums; dieselbe Arbeitsscheu; dieselbe Basis & Substanzlosigkeit; dieselbe verantwortungslose ‚Zähigkeit im Durchhalten’, (nämlich im Aufbrauchen von Gütern, die sie nicht selbst geschaffen haben)."Das klingt nicht bloß bürgerlich-konservativ, sondern lässt an die Angstvisionen von marodierenden Partisanen denken, wie sie im Zweiten Weltkrieg herhalten mussten, um die Vernichtungsaktionen der deutschen Wehrmacht zu rechtfertigen. Es geht aber auch anders, wie der Germanist Christian von Zimmermann, Universität Bern, zeigt. "Deutschland ist, wo tapfere Herzen sind": Diesen Wochenspruch von einem sozusagen vagabundierenden Deutschland entnahm die NSDAP im April 1941 einem Autor des 16. Jahrhunderts, der damals gern zur Symbolfigur des ewig unruhigen Deutschen stilisiert wurde, Ulrich von Hutten.
Hutten sei ein "Vagabund, ein Strolch und Hungerleider" gewesen, heißt es in einem Roman von Kurt Eggers, 1934, freilich: "in den Augen seiner Feinde". Wie die Autoren anderer Hutten-Romane – am bekanntesten: Will Vesper, "die Wanderung des Herrn Ulrich von Hutten", 1925 – spricht Eggers ansonsten lieber von Unruhe, Heimatlosigkeit, Wanderschaft. "Überall dort, wo der Deutsche rein geblieben ist in Blut und Geist, im Glauben und Denken, da gärt es in ihm und stürmt von unbekannten Kräften und Gottheiten." Oder, wie im "Hutten" von Bernd Holger Bonsels, 1938, zu lesen ist: "Noch schien der kommenden Zeit der deutsche Mensch verloren zu sein; er hauste im Vaterland wie auf fremder Scholle."
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Ulrich von Hutten, von Erhard Schön, um 1522
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Die Asozialität Ulrich von Huttens, resümiert von Zimmermann, wird "unterstrichen als Widerspruch in einer Welt, welche nicht den rassischen Eigenschaften "des Deutschen" entspricht". Eggers hatte keine Probleme, den christlich-neuplatonischen Dreischritt von Aufbruch, Erinnerung und Heimkehr nationalsozialistisch zu vereinnahmen, bis in die Sprachformel von der "Ewigkeit" hinein. ".. und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ew’gen Heimat zu", heißt es in jenem Kirchenlied. "Zerlumpt und verwahrlost wie ein Bettler" zieht Hutten nach Italien, erkennt dort, dass seine "eigentlichen Aufgaben in der Heimat liegen", und kehrt zurück. Der Roman schließ mit den Versen: "Wer als Deutscher begonnen und als Deutscher geendet, den ruft die Freiheit zum ewigen Sein."
Neu auf dem Büchermarkt: Unterwegs. Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Hans Richard Brittnacher und Magnus Klaus, Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2008, ISBN 978-412-20085-5, 29,90 €
Mehr im Internet: Nomaden - Wikipedia
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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