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18.11.2008 - MYTHOLOGIE

Steine, Verse und ein Krieg

Aus der aktuellen Forschung über Troia, Homer und die griechische Frühgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Gemme mit dem hölzernen Pferd,
3. Jh. v. Chr. Bild: Antikenmus.
Basel/Slg Ludwig, A. F. Voegelin
Ob mal jemand versucht hat, das Hexenhäuschen von Hänsel und Gretel ausfindig zu machen? Oder die Felsenhöhle mit dem Schatz des Ali Baba? Eher nicht; der märchenhafte Charakter dieser Geschichten ist doch allzu offensichtlich. Bei vielen der großen Sagen ist es anders. Es will uns nicht so recht in den Kopf, dass hinter der „Ilias" und dem „Nibelungenlied" bloß poetische Phantasie stehen soll, dass Aeneas und Wilhelm Tell vielleicht niemals gelebt haben, dass die Sintflut und die Irrfahrten des Odysseus womöglich gar nicht stattgefunden haben. Und gibt es nicht einen handfesten Beleg, dass zum Beispiel der Krieg um Troia sich wirklich ereignet hat? 1870 hat Heinrich Schliemann die Ruinen doch gefunden. "Was als Sage und Mythos gegolten hatte, zugeschrieben der Phantasie des Dichters, war bewiesen worden in seiner Existenz!", resümierte C. W. Ceram 1949 in seinem Bestseller „Götter, Gräber und Gelehrte".

Troia und kein Ende – eigentlich wollten sich das Antikenmuseum Basel und die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim mit ihrer großen Homer-Ausstellung, die noch bis zum 18. Januar 2009 in Mannheim zu sehen ist, ja einem etwas anderen Thema widmen, dem „Mythos von Troia in Dichtung und Kunst", von den griechischen Tragödiendichtern bis zu James Joyce, von der attischen Vasenmalerei bis zur Filmindustrie von heute. Den Wirkungen Homers also, nicht seinen Voraussetzungen. Aber unvermeidlich taucht doch wieder die alte Frage auf. Man kann sich ja die Diskussionen im Vorfeld eines solchen Projekts leicht vorstellen. Es sei sinnlos, werden die Ausstellungspraktiker den Forschern gesagt haben, jenen Aspekt beiseite lassen zu wollen, nach dem die Besucher immer wieder fragen: Was haben die homerischen Dichtungen mit der Realität in den Jahrhunderten zuvor zu tun?

 
Homer, römische Kopie nach
griechischem Original, um
460 v. Chr.
Bild: Glyptothek München
Oder noch plakativer: Hat der Trojanische Krieg wirklich stattgefunden? Diese Frage kann die Ausstellung natürlich nicht beantworten. Aber der Katalogband befasst sich zu einem vollen Drittel tatsächlich mit der Archäologie der homerischen Zeit und der Jahrhunderte zuvor. Um die Bedeutung Troias in der späten Bronzezeit, um 1200 vor Christus, hatte es vor einigen Jahren einen veritablen Pressekrieg gegeben. Der Prähistoriker Manfred Korfmann von der Universität Tübingen, selbst als Ausgräber auf dem Hügel von Hissarlik am Eingang zu den Dardanellen tätig, war dort zu dem Ergebnis gelangt, Troia sei damals ein überregional bedeutender Handelsplatz gewesen – so bedeutend, dass ein großer Krieg darum sich gelohnt haben könnte. Sein Kollege, der Althistoriker Frank Kolb, ebenfalls Tübingen, erklärte diese Folgerungen für pure Fiktion.

Die Forschergruppe um die Universität Basel, die das Ausstellungsprojekt betreut hat, ist um Sachlichkeit bemüht. „Homer ist nicht nur kein Geschichtsbuch, sondern auch kein Reiseführer", stellt der Tübinger Prähistoriker Peter Jablonka nüchtern fest. Dass Troia – jenes Troia, das bei Homer gemeint ist – auf dem Hügel von Hissarlik gelegen habe, sei dennoch wahrscheinlich; immerhin hätten die Ausgrabungen eine ununterbrochene Besiedlung seit etwa 3.000 vor Christus erwiesen. Auf Korfmanns heiß umstrittene Behauptung, es habe am Fuße des Hügels noch eine größere Unterstadt gegeben, geht Jablonka gar nicht erst ein; die Frage muss bei dem gegenwärtigen Stand der Arbeiten wohl auch offen bleiben.

 
Sophia Schliemann mit
dem "Schatz des Priamos"
Bild: dillum
Ist Troia – oder „Ilion", so der homerische Name –  mit dem hethitischen Vasallenstaat „Wilusa" zu identifizieren? Diese Vermutung kam schon in den 1920er Jahren auf. Immerhin wird in den hethitischen Quellen von Angriffen auf Wilusa berichtet. Haben wir in einem dieser Angriffe das historische Vorbild für den Trojanischen Krieg zu sehen? Die Texte aus Hattuscha sprechen auch von einem an der kleinasiatischen Küste agierenden Volk der „Ahhijawa", das könnte mit den Achaiern zusammenhängen, wie bei Homer die Griechen vor Troia genannt werden. Es bleibt jedoch ein Problem: Aus den hethitischen Dokumenten geht hervor, dass man am Hofe von Wilusa lesen und schreiben konnte. Bisher wurden in Hissarlik aber keinerlei Schriftzeugnisse gefunden – vielleicht bloß deshalb, weil sie auf vergänglichen Materialien wie Holz niedergelegt waren, vermutet Jablonka.

Mit den Schauplätzen der „Odyssee" steht es viel schwieriger. Die Wahrscheinlichkeit, da etwas archäologisch nachweisen zu können, sei gering, erklärt der Basler Archäologe Martin Guggisberg. Zum Beispiel ist bis heute nicht gesichert, ob das Ithaka des Dichters mit der Insel identifziert werden darf, die heute diesen Namen trägt. Man darf hinzufügen: jeder Versuch, die Irrfahrten des Odysseus durch das Mittelmeer, wie es auf dem Büchermarkt populär ist, präzise zu rekonstruieren, wäre erst recht aussichtslos. Aber wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dass in einer schriftlosen Gesellschaft Nachrichten über historische Ereignisse verlässlich überliefert werden? Untersuchungen zur „oral poetry" haben gezeigt, dass eine Spanne von bis zu drei Generationen noch kein Problem darstellt; es sei „nicht auszuschließen, dass die eine oder andere Figur des Epos und ihre Verbindung mit einem bestimmten mykenischen Palast tatsächlich einen historischen Hintergrund" habe, schreibt die Salzburger Frühhistorikerin Sigrid Deger-Jalkotzky.

 
Achilleus und Aiax beim Brett-
spiel, attische Amphora, um
515 v. Chr.- Bild: Reiss-Engel-
horn-Museen, J Christen
Nicht auszuschließen ... Weiter wird man kaum gehen können; der Abstand zwischen den mykenischen Palästen, wie sie die Ausgrabungen zutage gefördert haben, und dem Dichter Homer beträgt volle sechs Jahrhunderte. Andererseits zeigt die homerische Dichtersprache manche Eigentümlichkeiten, die dem Mykenischen näher stehen als dem klassischen Griechisch. Zweifellos ging den schriftlich niedergelegten Epen „Ilias" und „Odyssee" auch eine umfangreiche „mündliche epische Tradition" voraus. Deger-Jalkotzky: „Vorfabrizierte Verse und Szenen können sehr alte Sprach- und Kulturelemente transportieren, und zwar über lange Zeit hinweg."

Man darf aber bezweifeln, ob Homer im 8. Jahrhundert vor Christus von den Wohn- und Sakralanlagen in der Zeit „seiner" Helden irgendeine Vorstellung hatte. Die große Völkerwanderung des 12. Jahrhunderts, die wahrscheinlich durch einen Klimawandel verursacht wurde, hatte einen Kulturbruch nach sich gezogen. Karl Reber, Archäologe an der Universität Lausanne: „Die dezimierte Bevölkerung scheint sich zunächst notdürftig in den noch bewohnbaren Häusern der älteren Siedlungen eingerichtet zu haben." „Lehmziegel, Holz und Bambusgeflecht", so Peter Blome, Direktor des Antikenmuseums Basel, bestimmten zur Zeit Homers den Charakter der Wohnhütten; als Heiligtum musste häufig „ein eingezäunter Bezirk mit einem Altar" genügen.

Wolfgang Petersens Film
"Troy", 3004

Die andere Seite ist, dass sich etwa seit 1.000 vor Christus im Mittelmeer ein Fernhandelssystem ausbildete, an dem allmählich auch Griechen aktiv beteiligt waren. Etwa Anfang des 8. Jahrhunderts kam irgendjemand auf die Idee, das phönizische Alphabet an die griechische Sprache anzupassen; wenige Jahrzehnte später bereits schrieb einer der Repräsentanten der Oral-Poetry-Tradition seine Verse schriftlich nieder. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Altertumswissenschaft eine Revolution vollzogen. Ende des 18. Jahrhunderts war die These aufgekommen, „Homer" sei keine Dichterpersönlichkeit, sondern eine ganze Rhapsodenschule. Joachim Latacz, Gräzist an der Universität Basel, spricht zumindest für das ältere der beiden Epen, die „Ilias", wieder ganz unbefangen vom „Dichter Homer".

Die „Odyssee" dürfte von einem etwas jüngeren Dichter stammen, der mit der „Ilias" in Wettbewerb treten wollte, vermutet auch die Philologin Stephani West vom Oxforder Hertford College. Der Abstand könnte ein bis zwei Generationen betragen; entferntere Regionen am Mittelmeer wie zum Beispiel Ägypten, das der Abenteurer Odysseus bereist haben will, scheinen erst im Laufe des 7. Jahrhunderts in den Horizont der Griechen getreten zu sein. Die erzählerische Raffinesse in diesen beiden Gedichten, die am Anfang der europäischen Literatur stehen, ist aufmerksamen Lesern immer schon aufgefallen. Allein der Kunstgriff, die Geschichte vom Trojanischen Krieg nicht mit dem „Ei der Leda", der Mutter der schönen Helena, zu beginnen (wir würden sagen: mit Adam und Eva), sondern gleich hinein zu springen in seine dramatische Endphase und alles Frühere in Rückblenden einzuschieben ...

 
Der Mythos lebt: ürkische Münze mit
dem Trojanischen Pferd
Offenbar wurden solche Techniken bereits in der vorhomerischen „oral poetry" entwickelt; in den beiden großen Epen sind sie voll ausgebildet. Dem entspricht, dass diese Dichter leise, aber doch unüberhörbar ein erstaunliches Selbstbewusstsein artikulierten. Die Gräzistin Irene J. F. de Jong von der Universität Amsterdam führt eine Stelle kurz vor Ende der Odyssee an, als der Held den Bogen zurechtmacht, um die Freier seiner Frau Penelope zu töten: „Wie wenn ein Mann, kundig der Leier und des Gesanges, leicht eine Saite spannt um einen neuen Wirbel und fasst an beiden Seiten den gutgedrehten Darm des Schafes: So ohne Mühe spannte den großen Bogen Odysseus." Durch das Gleichnis lenkt der Dichter die Aufmerksamkeit der Zuhörer, die von ihm ein Preislied auf ihre Vorfahren erwarten, um auf seine eigene Tätigkeit. Wo bliebe der Ruhm der Helden, wenn niemand davon zu singen wüsste?

Das gilt bis heute: Wenn der Trojanische Krieg auch für uns noch ein Thema ist, dann durch Homer; alle archäologischen Befunde bleiben daneben sekundär. Biographisch freilich, also über die Gedichte hinaus, ist uns von „Homer" nichts, aber auch gar nichts bekannt; es scheint nicht einmal sicher, dass es sich überhaupt um einen Eigennamen handelt. Immerhin können wir uns vom Vortrag der Dichtungen ein Bild machen. Aus den Texten selbst ist zu erschließen, dass die Verse zu einem Instrument mit der Bezeichnung „phorminx" gesungen wurden. Der Wiener Musikarchäologe Stefan Hagel führt eine kretische Bronzefigur, etwa 700 vor Christus, an, die belegt, dass es sich um eine Art Leier gehandelt hat, jedoch mit halbrundem Schallboden. Aus Parallelen im Nahen Osten kommt Hagel zu dem Schluss, dass die Saiten den weißen Tasten auf einem modernen Klavier entsprochen haben könnten. Sollte das richtig sein, müsste Homers Gesang uns recht vertraut geklungen haben.


Neu auf dem Büchermarkt:
Joachim Latacz, Thierry Greub, Peter Blome, Alfried Wieczorek: Homer. Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst,
Hirmer Verlag, München 2008, ISBN 978-3-7774-3965-5, 45,- €


Ausstellung:
Homer. Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst,
bis 18. Januar 2009 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Zeughaus C5)


Mehr im Internet:
Der Mythos von Troia - Ausstellung in Mannheim, scienzz 16.09.2008 Der Schicksalsbegriff in Homers Epen, scienzz 31.07.2008
Historiker gehen dem Mythos auf den Grund, scienzz 05.01.2007
Troia wieder Buddelstelle, scienzz 12.07.2006




 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

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