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kultur

28.11.2008 - ARCHITEKTURGESCHICHTE

Von Venetien an die Themse und nach Virginia

Vor 500 Jahren wurde der Architekt Andrea Palladio geboren

von Josef Tutsch

 
 

Andrea di Pietro della Gondola,
genannt Palladio
* 30. November 1508 in Padua
† 19. August 1580 in Vicenza

Es ist eines der großen Spektakel, die Großbritanniens Monarchie den Touristen zu bieten hat, die Wachablösung der Horse Guards in der Londoner Straße Whitehall: Reiter in rotem oder blauem Rock mit glänzendem Helm auf herausgeputzten Rappen und Schimmeln, dazu die Trompetensignale ... Das Haus gleich auf der anderen Straßenseite werden die meisten Besucher über soviel Farben- und Klangpracht wohl allenfalls beiläufig zur Kenntnis nehmen. Natürlich hat man im Reiseführer gelesen, dass dort im 16. und 17. Jahrhundert der königliche Palast stand, der 1697 bei einem Brand vernichtet wurde. Und auch, dass am 30. Januar 1649 auf ebendieser Straße König Karl I. nach einem langen Bürgerkrieg öffentlich hingerichtet wurde.

Aber es ist Eile geboten, eine knappe halbe Stunde später will man schon vor Buckingham Palace stehen, um die noch berühmtere Zeremonie der königlichen Leibgarde mitzuerleben. In der Tat bietet Haus Nr. 6 von Whitehall mit seinen Rund- und Spitzgiebeln oder Girlanden über den Fenstern sowie ionischen und korinthischen Säulen und Pilastern, schließlich einer Balustrade auf dem Dach nichts, was in Londons Straßen irgendwie ungewöhnlich wäre. Aber als das "Banqueting House" in den Jahren 1619 bis 1622 im Auftrag von Karls Vater Jakob I. für die königlichen Bankette errichtet wurde, war es eine Revolution, die das Gesicht unserer Städte kaum weniger nachhaltig geprägt hat als die politischen Revolutionen das Staatsleben unserer Zeit.

Banqueting House in London, Whitehall,
1619-1622, von Iniog Jones (Darstel-
lung aus dem 18. Jahrhundert)
 
Es war eine höchst traditionalistische Revolution. Der Architekt Inigo Jones orientierte sich an dem italienischen Baumeister Andrea Palladio, dessen Werke er 1613 auf einer Studienreise gesehen hatte. Als Jones mit dem Banqueting House den "Palladian Style" begründete, war Palladio schon fast vier Jahrzehnte tot. Am 30. November 1508, vor 500 Jahren, in Padua unter dem Namen Andrea di Pietro della Gondola als Sohn eines Müllers geboren, schuf er zwei Dutzend Villen und Paläste in Vicenza und einigen anderen Städten der venezianischen Terra ferma, dazu zwei große Kirchen in Venedig und ein Theater in Vicenza, wahrscheinlich das erste überdachte Theater überhaupt.

Keinen einzigen Bau außerhalb der Region Venetien, nichts, was auf Weltgeltung schließen ließe. Den Beinamen Palladio hatte ihm der befreundete Dichter Gian Giorgio Trissino gegeben: Ein "der Pallas Athene gleicher", so hieß in dessen Epos von der "Befreiung Italiens von den Goten" ein rettender Genius. Eine solche Rettung erwarteten sich auch die englischen Architekten, die damals Italien bereisten. Die strenge Regelmäßigkeit von Palladios Formen gab ihnen den Stil vor, mit den immer noch halb und halb gotischen Traditionen des nördlichen Europa zu brechen. Die Aktion hatte einen wahrhaft durchschlagenden Erfolg. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Städte Europas und Nordamerikas mit "palladianischen" Bauten gefüllt, Palladio ist bis heute der meistkopierte Architekt der gesamten Kunstgeschichte.

Die "Basilica", der Justizpalast
von Vicenza, von Andrea Palladio,
ab 1549.- University of Pittsburgh
Den englischen Architekten bot die venezianische Spätrenaissance eines Palladio eine Alternative zum römischen Barock eines Bernini oder Borromini mit seinen bewegten Fassaden und seinen dramatischen Aufgipfelungen. Eine Alternative, die bei aller Schlichtheit mit ihren Säulen und Giebeln dennoch Repräsentationsbedürfnisse befriedigen konnte. Dabei ergab sich freilich eine merkwürdige Diskrepanz zwischen den eigenen Werken des Italieners und jenen seiner Nachahmer: Unter Palladios Villen finden sich nicht zwei, die einander gleichen würden; nördlich der Alpen wurde sein Stil dann geradezu seriell produziert und reproduziert.

Ob mal jemand gezählt hat, wie oft in unseren Städten das sogenannte Palladiomotiv zu sehen ist? Ein breiter Bogen in der Mitte, der von zwei schmaleren, niedrigeren Rechtecköffnungen flankiert wird. Heute weiß man, dass dieses Motiv nicht von Palladio erfunden wurde, sondern bereits eine Generation zuvor bei dem Architekturtheoretiker Sebastiano Serlio vorkam; wahrscheinlich war es noch früher von Donato Bramante entwickelt worden. Palladio verwendete es bei seinem ersten großen Bau, den Arkadenreihen für die "Basilica", den Justizpalast von Vicenza. Die Palladio-Imitatoren in den Ländern Nordeuropas haben es unendlich oft wiederholt und womöglich noch öfter abgewandelt, etwa in Form dreier Halbbögen, der mittlere höher und breiter - eine Variante, in der sich der Ursprung der Form in den römischen Triumphbögen deutlich zeigt. Um 1750 hat William Kent das Motiv am Gebäude der Horse Guards in Whitehall angebracht, gleich gegenüber dem Banqueting House. Es prangt zum Beispiel auch an der Orangerie über dem Schlossgarten von Potsdam-Sanssouci, um 1830.

Villa Almerico Capra, gen. "La Rotonda",
bei Vicenza, von Andrea Palladio, 1566-
1571.- Bild: RWTH Aachen
Ausgerechnet das jedoch, was Italienreisende an diesem Fassadengestaltung so fasziniert hat – die Vielfalt des Lichteinfalls –, ist im Norden zumeist verloren gegangen. An Wohnbauten mussten die Maueröffnungen dem raueren Klima entsprechend in Fensterfronten umgewandelt werden. So zitieren die meisten "palladianischen" Häuser in Nordeuropas Städten bloß einzelne Fassadenmotive; auch die wechselnde Raumhöhe, mit der Palladio entsprechend der antiken Musiktheorie die ideale Proportion zu verwirklichen suchte, ist bei mehrgeschossigen Wohnbauten ausgeschlossen. Im großen waren Palladios Ideen eher im Landhausbau anzuwenden. Getreuestes Beispiel in Deutschland: Schloss Wörlitz bei Dessau, erbaut um 1770.

Englische Gärten mit ihrer unregelmäßigen, scheinbar "natürlich" belassenen Landschaft gaben den kontrastierenden Rahmen für diese durch und durch regelmäßige Architektur. Oft ist das venetianische Vorbild auf den ersten Blick zu erkennen. So kehrt Palladios berühmtester Bau, die "Villa Rotonda" bei Vicenza von 1550, im Londoner House Chiswick wieder, das Lord Burlington in den 1720er Jahren von seinem Hausarchitekten William Kent errichten ließ. Und dann in Monticello, dem Landgut des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson in Virginia, Ende des 18. Jahrhunderts. Und nochmals 1830 in einem Sakralbau, dem Dom von Helsinki, verbunden mit der byzantinisch-orthodoxen Form der Kreuzkuppelkirche..

Grundriss der Villa Rotonda, Zeichnung
von O. B. Scamozzi, 1778
Goethe hat den vollkommen symmetrischen Grundriss der Villa Rotonda im Bericht von seiner Italienreise beschrieben: "Es ist ein viereckiges Gebäude, das einen runden, von oben erleuchteten Saal in sich schließt. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen hinauf und gelangt jedes Mal in eine Vorhalle, die von sechs korinthischen Säulen gebildet wird." Ein kleiner Erinnerungsfehler, in Wirklichkeit sind es ionische Säulen, Goethe wurde wohl durch seine Euphorie dazu verführt, die Fronten noch festlicher umzugestalten: "Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals höher getrieben." In dieser Villa verwirklichte Palladio den Traum der Renaissancekünstler vom nach allen Seiten hin streng symmetrischen Tempel, wie er zum Beispiel auch hinter Michelangelos Entwurf für die Peterskirche in Rom gestanden hatte.

Im Kirchenbau, der große Volksmengen auf den Altar hin ausrichten sollte, war diese Idee allerdings niemals überzeugend umzusetzen gewesen. War sie es in der ländlichen Villa? Goethe brachte in seinen Sätzen über das Haus vor den Toren Vicenzas eine leise Reserve an: "Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wohnlich nennen." Burlingtons Londoner Zeitgenossen hatten sich drastischer geäußert: House Chiswick sei "zu klein, um darin zu leben, und zu groß, um es an eine Uhrkette zu legen", spottete ein Lord Hervey. In städtischer Umgebung musste das Problem noch augenfälliger werden. Lord Chesterfield riet dazu, der Besitzer eines solchen palladianischen Hauses solle doch auch das gegenüberliegende Anwesen erwerben, so dass er von dort aus seinen eigenen Bau in Ruhe bewundern könne, ohne darin wohnen zu müssen.

Chiswick House bei London, von William
Kent, 1720-1729.- Bild: Wikipedia
Die venezianische Aristokratie des 16. Jahrhunderts war wohl eher bereit gewesen, praktische Bedürfnisse einer Utopie aufzuopfern, dem Streben nach einer reinen Form. "Kein Architekt des 16. Jahrhunderts hat dem Altertum eine so feurige Hingebung bewiesen wie er", begeisterte sich Jacob Burckhardt, "keiner auch die antiken Denkmäler so ihrem tiefsten Wesen nach ergründet und doch so frei produziert." Palladio hatte nicht nur das Lehrbuch "De architectura" des Vitruv aus dem 1. Jahrhundert vor Christus gründlich gelesen, er hatte auch die Ruinen Roms studiert; sein Buch über die römischen Altertümer diente zwei Jahrhunderte lang als Reiseführer.

Pompeji freilich war damals noch nicht ausgegraben; Konzepte für den ländlichen Villenbau nach antikem Vorbild musste Palladio also selbst entwickeln. Die Tempelfronten vor einem Wohnhaus gehen sogar auf einen archäologischen Irrtum zurück. Palladio vermutete – wie man heute weiß, zu Unrecht – dass diese repräsentative Anlage bereits von den alten Römern verwendet worden wäre. Aber Palladio blieb seinen Vorbildern gegenüber verblüffend eigenständig. In seinem Lehrbuch "Quattro libri dell’architettura" von 1570 illustrierte er seine Theorie in aller Selbstverständlichkeit mit den eigenen Werken und Entwürfen.

Modell des Herrenhauses Monticello,
Virginia, von Thomas Jefferson, ab
1768.- Bild: Th. Jefferson Foundation
 
Seine Nachahmer waren oft viel weniger selbständig. Der Schriftsteller Alexander Pope, der den Palladianismus eines Burlington und Kent im frühen 18. Jahrhundert publizistisch unterstützte, muss es geahnt haben; er seufzte einmal, die "edlen Regeln" würden eine Menge "imitierender Narren" auf den Plan rufen. Der Renaissancebaumeister wäre zweifellos sehr verblüfft gewesen, hätte er voraussehen können, dass der Enthusiast Burlington seine Statue wie die eines Helden oder Heiligen auf der Terrasse von Chiswick House platzieren würde.


Mehr im Internet:

Andrea Palladio - Wikipedia
Ausstellung "Palladio cinquecento anni”






Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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