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21.11.2008 - GESCHICHTE

"Gegen Verrömerung und Judäisierung"

Die "Völkischen" im wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich August von Kaulbach: Ger-
mania, 1914 (Ausschnitt)
Bild: Dt. Histor. Museum Berlin

Sollte diese Studie des Soziologen Stefan Breuer, Professor an der Universität Hamburg, über das wilhelminische Kaiserreich und die Weimarer Republik einmal ins Englische oder Französische übersetzt werden, darf man auf den Titel gespannt sein: "Die Völkischen in Deutschland". Die Wörterbücher schlagen als Entsprechung für "völkisch" "racist" oder "raciste" vor; aber das trifft es nicht. Breuer bietet eine Menge Belege, dass jene politischen und ideologischen Strömungen, die sich damals die Selbstbezeichnung "völkisch" gaben, keineswegs immer in biologischen, rassistischen Kategorien gedacht haben; viele ihrer Theoretiker sprachen lieber von Geist oder Seele oder "Gestalt". "Nationalistisch" trifft es erst recht nicht; den Völkischen ging es nicht um die im Bismarckreich organisierte Staatsnation, sondern um etwas darüber Hinausgehendes, eben das "Volk".

Aber "Volk" wiederum in einem – wie soll man sagen: mystisch? irrational? metaphysisch? – aufgeladenen Sinn, wie er demokratischen, liberalen und sozialistischen Konzepten abgeht. Wollte man diesen Unterschied vernachlässigen, würde sich der Begriff des "Völkischen" gänzlich auflösen. "Ein wahrer Rattenkönig an Schwierigkeiten", seufzt Breuer denn auch gleich zu Beginn seines Buches, das die Entwicklung der völkischen Parteien und Bewegungen von den 1870er Jahren bis in die 1930er präzise nachzeichnet. Breuer ist bereits durch eine ganze Reihe Publikationen über die deutsche "Rechte" hervorgetreten, das Spektrum reicht vom Kulturpessimismus bis zur Konservativen Revolution. Bei der neuen Studie steht freilich nicht die Theorie-, sondern die Organisationsgeschichte im Vordergrund. Das hat zur Folge, dass der Leser am Ende vor lauter Bäumen kaum noch den Wald sieht. Die Lebensdauer vieler dieser Organisationen betrug nur wenige Jahre, die Verweildauer der führenden Repräsentanten war noch viel kürzer, der Wechsel dementsprechend häufig.

Friedrich August Kaulbach: Germa-
nia, 1014.- Bild: DHM Berlin
Am Ende gingen sie alle, willig oder widerwillig, im Nationalsozialismus auf. Adolf Hitler brachte das Kunststück zuwege, einerseits die "völkische Weltanschauung", wie so vieles andere auch, für seine Partei zu vereinnahmen, andererseits sich – Originalton Breuer – "von allem völkischen Sektierertum" fern zu halten. Und drittens gerade durch diese Distanz, "unbelastet von den Streitfragen", das völkische Wählerpotential viel effektiver auszuschöpfen, als es irgendeiner dieser kleinen Parteien jemals gelungen war. Fluchtpunkt Nationalsozialismus – das ist im nachhinein eine zwingend vorgegebene Perspektive. Aber natürlich ist auch die Frage zu stellen, was diese Völkischen selbst eigentlich gedacht und gewollt haben. Zitat aus einem Reisebericht nach Nürnberg, erschienen 1921 in der Zeitschrift "Der Falke": "Ich kann dir sagen, dass in den Stunden, in denen ich allein bei scheidender Nachmittagssonne im Gestühl am Sebaldusgrab saß, als sich auf den Spuren des Meisters Dürer ehrfurchtsvoll wandelte, als ich oben auf dem Söller der alten Zollenburg stand, dass da sich mir der deutsche Geist zutiefst offenbarte. Da erlebte ich erst eigentlich, was völkisch sein heißt."

"Völkisch, das heißt oft nicht viel mehr als Aneignung der Nationalkultur", stellt Breuer zu solchen Passagen fest. Da liegt natürlich die Frage nahe, wie das, was in den letzten Jahren unter dem Stichwort "deutsche Leitkultur" diskutiert wurde, sich zu solchen Traditionen verhält; aber Breuer versagt sich dergleichen aktuelle Bezüge. Ein Unterschied springt beim Blick auf die Zitate in Breuers Studie ins Auge: Die "Nationalkultur" wurde auf eine schwer nachzuvollziehende Weise mystifiziert. "Die kulturliche Weiterentwicklung muss ganz dem  deutschen Volkscharakter, der germanischen Naturanalge gemäß erfolgen", forderte 1924 ein gewisser Max Robert Gerstenhauer. Im Umkehrschluss: "Dies deutsche Wesen wird schnell aus dem deutschen Volke verschwinden, wenn wir nicht bald das undeutsche Kulturmaterial entfernen." Ein Pamphlet aus dem Jahr 1927 nannte als Beispiele: "Negertänze, Jazzbandlärm, Apachenmaskenbälle, sogar am Totensonntag vorgeführte Entkleidungsrevuen, Rauschgifte, kurz sinnenverwirrendes, erschlaffendes Amüsement und Sensationen aller Art".

Emblem der Thule-Gesell-
schaft, 1919

Völkische Theoretiker, die sich mehr für Recht und Wirtschaft interessierten, nannten als "undeutsche" Elemente das römische Recht und den angeblich jüdischen "Materialismus und Mammonismus". Antisemitismus – damit war das völkische Denken oft verbunden, die meisten Völkischen waren auch Antisemiten. Aber eben nicht zwangsläufig; Breuer nennt einen prominenten Völkischen, Ernst Wachler, der selbst jüdischer Herkunft war, er wurde 1944 in Theresienstadt ermordet. Noch weniger wurde dieser Antisemitismus von allen seinen Vertretern biologisch gedacht. 1927 meinte Hans Friedrich Blunck, später Präsident der Reichskultur, die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung sei "assimilierbar". Beispiel für die begrifflich Konfusion, die es im völkischen Denken oft gegeben hat: 1922 erklärte der Theoretiker Wilhelm Kotzde, wer sein "ganzes Denken und Handeln auf den Gedanken der Volksgemeinschaft" einzustellen vermöge, der erbringe damit "den Beweis dafür, dass das nordische Blut in ihm bestimmend ist, und sei er körperlich nach einer anderen Rasse hin ausgeschlagen".

Vermutlich trugen völkische Organisationen gerade durch diese verschwommene Begrifflichkeit dazu bei, die Mitte der deutschen Gesellschaft für den Nationalsozialismus bereits zu machen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg beschworen völkische Parteien in ihren Zeitungen als Fernziel "die Ausstoßung des jüdischen Fremdvolkgiftes aus dem deutschen Volkskörper". Ob das so gemeint war, wie es die Nationalsozialisten im Holocaust verwirklichen wollten, haben vermutlich die Schreiber selbst nicht gewusst. Breuers Zitatenlese legt einen doppelten Eindruck nahe: Erstens dass die meisten der völkischen Theoretiker niemals geklärt haben, was sie mit Ausdrücken wie "Volk" oder auch "Blut" genau meinten. "Trotz aller Mischung" sei "unser Blut überwiegend nordisch", schrieb Kotzde, warnte jedoch zugleich, die Germanen seien das Volk des Brudermordes; dagegen wollte er Kräfte des Geistes und der Seele aufbieten – allen voran das Christentum. Und zweitens dass im Laufe der Jahrzehnte die eindeutig biologischen Elemente in diesem Denken zugenommen haben. So verfährt eine Denkschrift von 1919 "über die Entfachung einer umfassenden Deutschbewegung unter der Jugend" offen rassistisch: In die geplante Gemeinschaft solle "weder jüdisches noch farbiges Blut, auch nicht in Mischungen", Eingang finden. Ebenso der Mitgliedsausweis der 1922 gegründeten Deutschvölkischen Freiheitspartei: Mitglied könne nur werden, wer an Eides statt versichert, "dass sich unter seinen und seiner Frau Eltern und Großeltern weder Angehörige der jüdischen noch der farbigen Rasse befinden".

Zeitschrift der Deutschen
Glaubensbewegung

Dahinter standen nicht nur rassistische Konzepte, sondern auch Spekulationen über die deutsche Vorgeschichte, über die alten Germanen und dann auch gleich über das versunkene Atlantis. Manches daran wirkt im Nachhinein ausgesprochen komisch. 1931 phantasierte der Atlantis-Forscher Herman Wirth, die Angehörigen der nordischen Urkultur hätten sich durch Rassenmischung und durch Einführung des "orientalisch-römischen Vaterrechts" – wiederum das ungeklärte Nebeneinander biologischer und historischer Argumente! – "an die Macht- und Habgier des Südens" verloren. Die "Hüterinnen der heiligsten Werte, die Volksmütter" seien entrechtet worden ... Ja, das völkische Denken konnte auch eine quasi-feministische Seite haben. 1925 wetterte die Publizistin Pia Sophie Rogge-Börner gegen alle Bestrebungen, die "nordisch-germanische Frau" in dem durch "Judenbibel und Römerrecht" verursachten Zustand der Abhängigkeit und Unterordnung zu halten. Solche Bestrebungen seien "pseudo-völkisch".

"Gegen Verrömerung und Judäisierung" formulierte eine Arbeitstagung der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung 1929 die Stoßrichtung, auf die es ankommen müsse. Bereits 1911 hatte der Wagnerianer Hans von Wolzogen die "Germanisierung der Religion" ausgerufen. War es vielleicht eine Weltanschauung, was den Völkischen ihr Zentrum gab? Tatsächlich ist "Glaube" – neben "deutsch", "völkisch" und "sozial" – eines der Wörter, die in Namen dieser Organisationen am häufigsten auftauchen. Aber so etwas wie eine geschlossene völkische Weltanschauung hat es, das zeigt der Überblick bei Breuer, nie gegeben. Es gab vielmehr heftige Auseinandersetzungen. Die einen wollten ganz im Ernst die Götter der alten Germanen wiederaufleben lassen, die anderen erklärten das für "kindlich". "Wer würde wohl so töricht sein und jemandem glauben machen wollen, der Blitz sei nicht eine elektrische Entladung, sondern der Hammer Donars?", schrieb 1922 ein führender Vertreter der Deutschgläubigen Gemeinschaft, Alfred Conn.

Titel einer Atlantisschrift
von Herman Wirth

Die Germanenschwärmerei geht natürlich weit ins 19. Jahrhundert zurück, prominentestes Beispiel: der Kreis um den alten Richard Wagner in Bayreuth. Als wichtiges Bindeglied zu den völkischen Organisationen der folgenden Jahrzehnte nennt Breuer den Gymnasiallehrer Bernhard Förster, der 1880 wegen antisemitischer Pöbeleien aus dem Schuldienst entlassen wurde.  Sein Schwager Friedrich Nietzsche titulierte ihn spitz als "den nicht unbekannten Antisemiten". An diesem Fall kann Breuer auch eine sozialpsychologische Befindlichkeit analysieren, die für diese völkischen Denker wohl nicht zwingend, aber doch typisch war: eine Kränkung, eine Frustration durch die sozialen oder ökonomischen Entwicklungen, die unter dem Signum "Moderne" oder auch "Kapitalismus" pauschal einem "fremden" Volkstum zugeschrieben wurden – dem Judentum. Dagegen wurde, wie Breuer das nennt, eine "Rhetorik der Versöhnung" aufgeboten. "Zurück vom unvölkischen Wirtschaftsmaterialismus zum völkischen Wirtschaftsidealismus!" proklamierte 1920 der ehemalige Oberfinanzrat im sächsischen Finanzministerium, Paul Bang. Oder 1922 der Führer der Deutschvölkischen, Albrecht von Graefe, in einem  Pamphlet gegen die "Anbetung des goldenen Wirtschaftskalbes": Das Wirtschaftsleben dürfe nur ein Teil sein "von den vielen, die Volk und Staat in dem Unterschied zu anderen Völkern und Staaten ausmachen".

Das völkische Denken ganz einfach als "rechts" zu rubrizieren, würde jedenfalls zu kurz greifen. Ernst Graf Reventlow dachte 1922 über eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten nach – vorausgesetzt, die würden sich vom Internationalismus lossagen und ihre Stellung zum Judentum ändern. Noch irritierender: Der "Hammer", eine der wichtigsten Zeitschriften des völkischen Spektrums, predigte immer wieder eine unauflösliche Verbindung zwischen dem völkischen Gedanken und der Lebensreform, von der Naturheilbewegung über Vegetarismus und den Kampf gegen Alkohol und Nikotin bis zu Antivivisektion und Nacktkultur. "Die Völkischen", fasst Breuer zusammen, "partizipierten auf ihre Weise an der ästhetischen Kommunikation der Moderne". Natürlich dann auch an Ideen, die der Nationalsozialismus aufgreifen sollte. 1918 träumte der Biologe Wilhelm Hentschel von einer Alternative zur christlichen Monogamie: "Menschen-Gärten", die der völkischen Oberschicht zur rassischen Hochzucht dienen sollten.

Die große Karriere im Dritten Reich brachte jedoch kein einziger der führenden Repräsentanten des völkischen Spektrums aus den Jahren vor 1933 zustande. 1936 sprach Hitler auf dem Reichsparteitag sein abschließendes Verdikt über jene, die den "Nationalsozialismus nur vom Hörensagen her kennen und ihn daher nur zu leicht mit undefinierbaren nordischen Phrasen verwechseln und in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen". 
 

Neu auf dem Büchermarkt:
Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-21354-2, 49,90 €



Mehr im Internet:
Universität Hamburg, Prof. Stefan Breuer
Völkische Bewegung - Wikipedia




 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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