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25.12.2008 - RELIGIONSGESCHICHTE

Der Stern, der tat sie lenken

Astronomen und Astrologen über die Geburt Jesu und den Stern von Bethlehem

von Josef Tutsch

 
 

König Caspar mit dem Stern von
Bethlehem, Mosaik in Ravenna,
Sant' Apollinare Nuovo, um 565
Bild: Wikipedia

Der Wiener Astronom Konradin Ferrari d’Occhieppo wusste es ziemlich genau: Jesus wurde in der Nacht zum Samstag, dem 17. Januar des Jahres 7 vor Beginn unserer Zeitrechnung, geboren, behauptete er 1994 in seinem Buch „Der Stern von Bethlehem, aus der Sicht eines Astronomen beschrieben und erklärt“. Mitte September jenes Jahres beobachteten die „Weisen aus dem Morgenland“, von denen die Bibel erzählt, den gemeinsamen Abendaufgang der Planeten Jupiter und Saturn – für die Astrologen ein eindeutiges Zeichen, dass der ersehnte Messias-König erschienen sei. Am Abend des 12. November gegen 20 Uhr standen die Weisen vor der Krippe in Bethlehem. Nun ja, bei diesem Datum war sich d’Occhieppo nicht ganz sicher: „mit einer Toleranz von höchstens einem Tag vorher oder nachher“, fügte er vorsichtig hinzu.

Der Stern von Bethlehem  ... „Da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihm zu huldigen.“ Wahrscheinlich gibt es in der gesamten Weltliteratur wenige Stellen, die eine solche Fülle von Spekulationen ausgelöst haben wie diese schlichten Sätze im Matthäusevangelium. Seit Jahrhunderten haben Astronomen versucht, diesen Stern am Himmel zu identifizieren. Ein scheinbar streng naturwissenschaftliches Unterfangen. Denn Planetenbewegungen lassen sich für sehr lange Zeiträume präzise vor und zurück berechnen, das wussten schon die alten Sumerer zu schätzen, als sie vor etwa 5.000 Jahren mit systematischen Beobachtungen des Sternenhimmels begannen – Studien, die allerdings nicht nur der Erstellung von Kalendern für die Landwirtschaft dienten, sondern ebenso der Festlegung heiliger Zeiten im Jahresablauf und auch der Weissagung zukünftiger Ereignisse, sowohl im Schicksal des Einzelnen als auch ganzer Völker.

Die drei Könige und der Stern von Bethle-
hem, Mosaik aus Sant'Apollinare Nuovo,
Ravenna, um 565 - Bild: Wikipedia
Im Dezember 1603 beobachtete der Astronom Johannes Kepler eine so genannte Konjunktion  zwischen Jupiter und Saturn, im folgenden Jahr eine zwischen Jupiter und Mars. Die Planeten stehen dabei, von der Erde aus betrachtet, so nah beieinander, dass sie nahezu als ein einziger Stern erscheinen. Da Kepler im selben Zeitraum auch das Aufleuchten einer Supernova gesehen hatte,  vermutete er einen Zusammenhang: Der „neue“ Stern sei durch diese Konjunktion hervorgerufen worden. Kepler berechnete, solche Planetenkonjunktionen müsse es auch in den Jahren 7 und 6 vor Christus gegeben haben. Seine Folgerung: Auch damals sei hierdurch ein „neuer Stern“ am Himmel entstanden – der „Stern von Bethlehem“.

Sicherlich wusste Kepler, der in Astrologie ebenso bewandert war wie in Astronomie – beide Disziplinen begannen sich damals erst zu trennen – um die Deutungsmöglichkeiten des Phänomens. Jupiter galt als der königliche Stern, Saturn wurde, schon deshalb, weil sein Tag der Samstag war, der jüdische Sabbath, gern mit dem Judentum in Verbindung gebracht; das Sternbild der Fische, in dem die Begegnung stattfand, liegt im Westen – alles nach Maßstäben moderner empirischer Wissenschaft reichlich vage und willkürlich, aber verwertbar. Astronomen unserer Gegenwart haben Keplers Idee wieder aufgegriffen. Den Gedanken an die Supernova mussten sie freilich streichen; inzwischen weiß man, dass diese Vorgänge sich weit außerhalb des Sonnensystems abspielen, ein Zusammenhang mit Planetenkonjunktionen also nicht bestehen kann.

Anbetung der Könige, von
Meister von Messkirch,
um1538 - Bild: St. Martin
Messkirch
Die ausführlichste Rekonstruktion hat d’Occhieppo vorgelegt. Er kam zu dem Schluss, babylonische Astrologen  müssten aus der Konjunktion des Jahres 7 zwischen Jupiter und Saturn eine eindeutige Aussage gezogen haben: Im Westen, nämlich in Israel, sei ein mächtiger König geboren worden.  Der Astronom bot auch gleich eine These für den Ursprung der Erzählung im Neuen Testament an: Der Evangelist habe einen Augenzeugenbericht verwertet – geschrieben von den Weisen selbst oder einem ihrer Begleiter.

Kepler war jedoch längst nicht der erste, der sich Gedanken über die astronomische Natur des Sterns von Bethlehem machte. Um 200 nach Christus schrieb der Kirchenvater Origenes, er sei „vermutlich von der Art der Luftfeuer gewesen, die von Zeit zu Zeit zu erscheinen pflegen“. Also ein Komet; da käme vielleicht der Halleysche Komet in Frage, der zuletzt 1986 zu sehen war. Giotto di Bondone hat ihn in der Arenakapelle von Padua über dem Stall von Bethlehem gemalt, nachdem er diesen Kometen 1301 hatte sehen können. Er tauchte allerdings bereits im Winter von 12 auf 11 vor Christus auf. Antike Astrologen hätten – trotz Origenes – mit diesem „Stern von Bethlehem“ vermutlich noch ein anderes Problem gehabt: Kometen wurden eher mit Unheil als mit Heil in Verbindung gebracht.

Giotto di Bondone: Anbetung der Könige,
Cappella degli Scorvegni, Padua, um 1305
Bild: Wikipedia
Und wie die Weisen aus dem Morgenland bei einem Kometen auf einen Geburtsort gerade in Judäa hätten kommen können, ist völlig offen. Aber die Faszination von Kometen liegt natürlich darin, dass sie augenfälliger „wandern“, als man das bei Planetenkonjunktionen sagen kann. Die kommen als Kandidaten für den Stern von Bethlehem eher bei astronomisch geschulten Kreisen in Frage. 1385 erklärte Kardinal Pierre d’Ailly in einer Adventspredigt: „Etwa sechs Jahre, einige Tage und einiges Stunden vor Christi Geburt gab es eine große Konjunktion von  Saturn und Jupiter im Beginn des Widders.“ Der Kardinal lieferte die astrologische Deutung mit: „Über der Konjunktion regierte Merkur, der Herr der Jungfrau, was alles deutlich ankündigte, dass eine Jungfrau einen Knaben gebären werde, welcher der größte Prophet sein würde.“

Andere kirchliche Autoritäten fanden solche Folgerungen eher bedenklich; aber dazu später. In der Gegenwart wird weiter nach dem Stern von Bethlehem geforscht. Beliebt ist alternativ zur Konjunktion von Jupiter und Saturn eine zwischen Jupiter und Venus in den Jahren 3 und 2 vor Christus. Auch Keplers Supernova-Theorie hat weiter ihre Anhänger. Der Altorientalist Werner Papke meinte, ein derartiger scheinbar neuer Stern, hoch im Norden des Himmels aufscheinend, könnte von babylonischen Sternkundigen als Zeichen auf einen Erlöser gedeutet worden sein. Ausgerechnet für jene Jahre, die in Frage kommen, haben sich bislang aber keinerlei Hinweise auf eine Supernova gefunden.

Edward Burne-Jones: Der Stern von Beth-
lehem, 1882 - Bild: Tate Gallery London
Der Astrologiehistoriker Michael Molnar dagegen glaubte eher an einen Jupiteraufgang im Sternbild Widder. Ein astrologisches Lehrwerk aus Ägypten, verfasst im 2. Jahrhundert nach Christus, brachte ihn auf den Gedanken, Sternkundige damals hätten daraus die Geburt eines mächtigen Königs im Lande Israel ersehen können. Aber Favorit unter heutigen Hobbyastronomen ist die Jupiter-Saturn-Konjunktion, wie sie auch d’Occhieppo seinen Analysen zugrunde gelegt hat. Werner Keller machte sie in seinem Bestseller „Und die Bibel hat doch Recht“ schon 1955 populär. Keller glaubte sogar, den Ort nennen zu können, an dem die Weisen den Stern beobachteten: Das Dach der babylonischen Astrologenschule in Sippar.

Die Weisen, spekulierte Keller weiter, „dürften gegen Ende November in Jerusalem eingetroffen sein“ und kurz darauf in Bethlehem. Auf dieser letzten Etappe konnte es ihnen tatsächlich so vorkommen, als gehe der Stern – die dritte Konjunktion von Jupiter und Saturn in diesem Jahr – in Richtung Süden „vor ihnen her“.  Keller fügte eine meteorologische Überlegung hinzu. Wenn Jesus bereits im Herbst geboren war, dann konnte man sich auch vorstellen, dass „Hirten in derselben Gegend auf dem Felde waren bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herden“ – so die Erzählung des Lukasevangeliums. Ende Dezember, wenn wir heutzutage das Weihnachtsfest feiern, wäre es in Bethlehem viel zu kalt gewesen.

  
Die drei Könige und der Stern
Bethlehem, Augsburg, um
1500 - Bild: Köln, Dombau
Ob all diese Berechnungen mit dem historischen Hergang irgendetwas zu tun haben, bleibt sehr zweifelhaft. Das Matthäusevangelium jedenfalls spricht bloß von einem Stern und von Weisen, alles Weitere ist Spekulation. Niemand weiß, was bei dem Evangelisten (oder auch bei seinen Gewährsleuten) an astronomischen und astrologischen Kenntnissen vorhanden war. Historiker, Philologen und Theologen, die zum Neuen Testament geforscht haben, vertreten in ihrer großen Mehrheit eine ganz andere Auffassung. Repräsentativ ist ein lapidarer Satz in Hans Conzelmanns vielgenutztem „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“: Es werde „nicht eine reale astronomische Erscheinung, sondern ein wandernder Wunderstern geschildert“.

Wer den Stern zur Geburt Jesu als astronomisch real auffasst, sollte sich auch die Frage stellen, was es mit jenem parallelen Ereignis auf sich hat, das bereits im Markusevangelium beim Tod des Erlösers beschrieben wird: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ In den Jahren um 30 nach Christus, da lässt die Astronomie keinen Zweifel, hat es im östlichen Mittelmeerraum keine Sonnenfinsternis gegeben. Ein Stern in einer Geschichte, die ansonsten von Prophezeiungen und Engelserscheinungen berichtet, muss wohl doch nicht in einem empirisch-naturwissenschaftlichen Sinn „real“ sein. Näher liegt der Gedanke, dass auch diese Passage, wie so vieles in den Evangelien, gerade im Matthäusevangelium, durch das Alte Testament inspiriert sein könnte.

Raffael: Kreuzigung, um
1503 - Bild: National
Gallery London
Da kommt vor allem das 4. Buch Moses in Frage, Kapitel 24, Vers 17-18: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Schläfen der Moabiter und den Scheitel aller Söhne Seths. Edom wird er einnehmen und Seir, sein Feind, wird unterworfen werden. Israel aber wird den Sieg erhalten.“ Die Stelle wurde als Prophezeiung auf den Messias verstanden. Und nichts anderes wollten die Evangelisten ihren Lesern mitteilen: dass dieser Messias in Jesus gekommen sei. Freilich, es ist eine Himmelserscheinung, in der sich dieser Messias gleich zu Beginn des Matthäusevangeliums ankündigt. Und es sind Weise, also Sternkundige, die ihn als erste erkennen. Der Verfasser dieses Evangeliums lehnte die Astrologie – also die Lehre, dass Phänomene am Sternenhimmel ihre „Bedeutung“ haben –, offenbar nicht in Bausch und Bogen ab.

Andere Autoren des Neuen Testaments scheinen von den Sternen weniger gehalten zu haben. Im Kolosserbrief warnte Paulus, „dass euch niemand einfängt durch Philosophie und leeren Trug, die sich auf menschliche Überlieferung gründen, auf die Mächte dieser Welt und nicht auf Christus“. Mit den geheimnisvollen „Mächten“ wurde vielleicht auf die Gestirngötter angespielt, die, weit verbreitetem Glauben zufolge, das Schicksal der Menschen lenkten. Oder „lenken“, in der Gegenwartsform – der Glaube oder Aberglaube an die Gestirne hat sich mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit durch alle religiösen Wechsel hindurch gehalten und auch die Aufklärung überstanden, er ist heute so lebendig wie eh und je.

Sternsinger von heute
Bild: Gemeinde Adelsdorf
Kardinal Pierre d’Ailly im 14. Jahrhundert und viele seiner Astrologenkollegen in zweitausend Jahren werden die Weisen im Matthäusevangelium als Legitimation ihrer eigenen Tätigkeit aufgefasst haben. Aber es gab bereits im Mittelalter Fälle, in denen die Kirche zur Astrologie demonstrativ und brutal auf Abstand ging. 1327 wurde in Florenz ein gewisser Cecco d’Ascoli als Ketzer verurteilt. Er hatte aus den Planetenkonjunktionen ein Horoskop Jesu erstellt, aus dem sich streng „wissenschaftlich“ seine große Weisheit und sein Tod am Kreuz ableiten ließen. Es ist klar, was die Inquisition zu diesem harten Vorgehen bewegte: Mit dem Horoskop war die Freiwilligkeit von Jesu Opfertod zur Erlösung der sündigen Menschheit in Frage gestellt.

Cecco d’Ascoli wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Solche Konsequenzen immerhin braucht heute niemand zu befürchten, wenn er sich im Planetarium d’Occhieppos Rekonstruktion der biblischen Geschichte anschaulich vorführen lässt und dabei sozusagen selbst in die Rolle der Weisen schlüpft, die das Jesuskind suchen – angestoßen durch einen „Stern“, der eben nicht nur ein Stern sein sollte, sondern ein Zeichen.


Mehr im Internet:
Stern von Bethlehem - Wikipedia
scienzz-Dossier Rund um Weihnachten






Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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