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kultur

02.12.2008 - KUNSTGESCHICHTE

Buddhas in römischer Toga

Bonner Ausstellung mit graeco-indischer Kunst aus Gandhara

von Josef Tutsch

 
 

Stuckkopf eines Buddha, 4.–5. Jh.
Taxila Museum, Pakistan
Bilder: Peter Oszvald,
Kunst- u. Ausstellungshalle Bonn

Ostasienreisende, die in China oder Japan vor einem der riesigen Buddhas stehen, werden vermutlich nicht gerade an die Götter der alten Griechen denken. Dabei wäre die Idee gar nicht so abwegig. Die ersten Buddhastatuen entstanden vor fast 2.000 Jahren tatsächlich unter griechisch-römischem Einfluss und zwar im Nordwesten des indischen Subkontinents, im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. 326 vor Christus hatte Alexander der Große diese Region Gandhara erobert, Jahrhunderte lang herrschten dort griechische Könige. Von Gandhara aus verbreitete sich die religiöse Richtung des Mahayana-Buddhismus über die Seidenstraße nach Ostasien und mit ihr jene Darstellung des Buddha, wie sie uns heute in Tausenden und Abertausenden von Figuren vor Augen steht.

Der Weltöffentlichkeit wurde Gandhara 2001 wieder ins Gedächtnis gerufen, als die afghanischen Taliban die kolossalen Buddhastatuen von Bamiyan sprengten. Jetzt ist in Bonn eine große Ausstellung mit Skulpturen und Reliefs, Schmuck und Münzen zu sehen, entstanden im Süden des Hindukusch in den ersten fünf Jahrhunderten nach Christi Geburt. Und der Besucher ahnt, was viele Europäer seit der Wiederentdeckung Gandharas im späten 18. Jahrhundert an dieser „graeco-indischen“ Kultur so fasziniert hat: die Mischung von Vertrautem und Fremdem, von Erinnerungen an das eigene antike Erbe und von ungewohnten Eindrücken des Orients.

Sog. Athene, Schie-
fer, 2. Jh.
Museum Lahore

Ein großer Teil der rund 300 Objekte stammt aus pakistanischen Museen. „Das buddhistische Erbe Pakistans“ nennt sich die Ausstellung denn auch – indische Religiosität war in Gandhara heimisch geworden, nachdem einer von Alexanders Nachfolgern, Seleukos I., die Region im Tausch gegen 500 Kriegselefanten einem indischen Herrscher übereignet  hatte. Islamisten werden diesen Untertitel als Provokation empfinden; aber auch in Afghanistan war man über die Erwähnung des ungeliebten Nachbarlandes ungehalten. So muss die Ausstellung ohne die erhofften Leihgaben aus Afghanistan auskommen. Gezeigt werden sollten unter anderem Bronzestückchen und Manuskriptreste aus den Trümmern der Statuen von Bamiyan. Trotz dieses Mangels an authentischem Material erhalten die Besucher einen lebendigen Eindruck dessen, was dem religiösen Eifer zum Opfer fiel: Wissenschaftler der Technischen Hochschule Aachen haben die Kolossalstatuen virtuell rekonstruiert.

Das eine oder andere Stück der Ausstellung würde – eingeschmuggelt in eine Schau antiker Kunst – dem Laien kaum als unpassend auffallen, etwa ein Satyrkopf aus dem 1. Jahrhundert, gefunden in Taxila, der Metropole des Gandharareiches. Eine Frauenstatue erinnerte auch die Archäologen derart frappant an antike Göttinnen, dass sie ihr den Namen „Athena“ gab; eine kleine Statuette aus Gold erhielt den Namen „Aphrodite“. Ein Flussgott mit Füllhorn – man könnte auf den Gedanken kommen, dass er den Rhein personifiziere. Aussagen über den Zusammenhang der Funde, berichtet Kurator Christian Luczanits, sind in vielen Fällen nur schwer möglich. Die frühen Ausgräber (Archäologie unterschied sich damals nur wenig von Schatzgräberei) suchten im besten Fall große Kunstwerke.

Geburt des Buddha, Schiefer, 2.–3. Jh.
Peshawar Museum, Pakistan

Oder, bis heute übrigens vergeblich, nach direkten Spuren Alexanders des Großen. In den kaum drei Jahren, die Alexanders Heer die östlichen Satrapien des Perserreiches und die angrenzenden indischen Gebiete durchstreifte, blieb keine Zeit, die Bewohner zu hellenisieren. „Aber er hinterließ ihnen etwas“, so Bernard Andreae vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom, „das ihr Leben grundlegend verändern sollte: Münzstätten, die ein allgemein anerkanntes Zahlungsmittel prägen konnten.“ Der Kontakt zwischen Gandhara und dem Rest der hellenischen Welt muss in der Hauptsache über den Fernhandel abgelaufen sein. Knapp ein Jahrhundert nach dem Tod des Welteroberers wurde das griechisch-baktrische Reich, das auch das heutige Territorium Pakistans umfasste, durch die Parther von den Reichen am Mittelmeer militärisch-politisch abgeschnitten.

Ihre Blütezeit hatte die Kunst von Gandhara erst ein halbes Jahrtausend nach Alexanders Tod, ab dem 2. Jahrhundert nach Christus. Zu dieser Zeit waren die griechischen Könige längst durch die Kushanadynastie abgelöst, ein Volk, das aus den Steppen Zentral- und Ostasiens kam. Aber die graeco-indischen Traditionen lebten weiter. Auch religiös zeigten sich die neuen Herrscher tolerant. Der Großteil der Bevölkerung hing seit vielen Generationen den brahmanischen Gottheiten an; persönlich förderte der bedeutendste dieser Könige, Kanishka I., der 127 nach Christus die Regierung antrat, den Buddhismus. Die meisten der „Stupas“, der buddhistischen Kultmonumente, erläutert Luczanits, wurden damals mit Zyklen aus Leben und Legende des Religionsstifters geschmückt, von seiner Ankündigung durch einen Vorgänger in einem vergangenen Weltzeitalter bis zu seinem Eingang ins Nirwana.

Die Heerscharen des
bösen Gottes Māra,
3.–4. Jh., Schiefer
Museum Lahore

Zyklen, aus denen die Ausgräber oft nur „kontextbefreite Einzelstücke“ übrig gelassen haben. Aber auch diese Stücke lassen erkennen, dass in Gandhara die Ikonographie geprägt wurde, die für die religiöse Kunst des Buddhismus bis heute verbindlich geblieben ist. Zumindest mitgeprägt; die Pariser Indologin Claudine Bautze-Picron verschweigt nicht, dass es für Gandhara Konkurrenz gegeben haben muss: eine andere Region des Kushanareiches, mit der Stadt Mathura im nördlichen Indien, unweit von Delhi. Die dortige Kunstschule, so Luczanits, zeigte den Buddha mit seiner strengen Haltung auf dem Löwenthron als Herrscherfigur, jene von Gandhara eher als meditierenden oder lehrenden Weisen. Und manchmal auch als Gerippe, in Erinnerung an jene Lebensphase, wo der historische Buddha die Erlösung in extremer Askese gesucht haben soll.

Da sind noch eine Menge Prioritäts- und Einflussfragen ungeklärt. Aktuell sind Ausgrabungen in dieser Region manchmal recht schwierig. Die beiden pakistanischen Archäologen Muhammad Ashraf Khan und Mahmoud-ul-Hasan berichten, dass vor ein paar Jahren bei der alten Stadt Taxila Klosterruinen zu Tage gefördert wurden. Auf einem Wandfragment aus diesem Kloster ist ein lehrender Buddha zu sehen – eines der wenigen Beispiele buddhistischer Wandmalerei aus Gandhara. Schwer zu sagen, wie sich die verschiedenen religiösen Traditionen im Volksglauben miteinander vermischten. Reliefs, auf denen der Weingenuss dargestellt ist, weisen „einen ausgesprochen westlichen Stil auf“, hat die New Yorker Indologin Elizabeth Rosen Stone beobachtet – darf man daraus schließen, dass der griechische Dionysoskult in Gandhara Eingang gefunden hat?

Vierarmige Göttin mit
Fangzähnen, 4.–5. Jh.,
Schiefer
Peshawar Museum

Im Rahmen der buddhistischen Lehre, vermutet die Forscherin, sollten diese Szenen „an die Welt der leiblichen Begierden erinnern und zugleich an die Notwendigkeit, diese zu überwinden“ – ganz ähnlich also wie Darstellung der Laster in der holländischen Genremalerei. Den vielleicht verblüffendsten Fall von Motivvermischung nennt Martina Stoye von der Freien Universität Berlin: Ein Relief, das zeigt, wie der Sagenvogel Garuda aus der indischen Mythologie ein weibliches Schlangenwesen greift, geht offenkundig auf griechische oder römische Darstellungen vom Raub des Knaben Ganymed durch den Adler des Zeus zurück. Die Gottheiten mit drei oder vier Köpfen, mit vier oder sechs Armen sind eindeutig als indisch zu identifizieren; aber ihre Gewänder wie jene der Buddhas erinnern oft auffällig an jene der alten Römer.

Ähnlichkeiten, die nur durch einen umfangreichen Handel mit Kunstobjekten zwischen dem Mittelmeerraum und Indien zu erklären sind. Umgekehrt wurde in Pompeji eine Elfenbeinstatuette mit der indischen Göttin Lakshmi ausgegraben. So vermutet Andreae, dass auch die Darstellung Buddhas in Gandhara weniger direkt durch griechische Götterstatuen als durch die römische Bildniskunst angeregt wurde. In der Tat, das halbe Jahrtausend zwischen Alexander dem Großen und Kanishka scheint schwer zu überbrücken. Aber Andreae muss einräumen, dass auch seine Rekonstruktion einen Haken hat: „Die römische Kunst zeichnet sich durch eine Wiedergabe individueller Züge aus. Davon findet sich in der Kunst von Gandhara kaum etwas. Fast alle Köpfe sind von einer gleichmäßigen Schönheit und Ebenmäßigkeit der Gesichtszüge.“

Vision eines Buddhaparadieses, sog.
Mohammed-Nari-Stele, 4. Jh.,
Schiefer.- Museum Lahore

Oder eigentlich zwei Haken: Das Porträt gegenwärtig lebender oder erst vor wenigen Generationen verstorbener Menschen wäre übertragen worden auf eine Gestalt, die etwa vier Jahrhunderte zuvor ebenfalls gelebt hatte, aber längst mit einer übermenschlichen „Buddhanatur“ identifiziert worden war. Die Probleme, die sich hier stellen, finden im Abendland eine Parallele bei der Entstehung des Christusporträts. Fragen, die auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung wohl offen bleiben müssen. So ist auch umstritten, wie genau die Entwicklung des Buddhabildes mit der gleichzeitigen Entstehung des Mahayanabuddhismus zusammenhängt. Neu erschlossene Texte, erklärt Luczanits, belegen, dass die Umbildung des buddhistischen Mönchsordens zu einer Religion großer Volksmassen sich tatsächlich in Gandhara vollzogen haben muss.

Aber die typisch mahananistische Figur des Bodhisattva – eines zukünftigen Buddha, der als eine Art Heiland sein Eingehen ins Nirwana hinausschiebt, um möglichst vielen anderen Wesen die Erlösung zu ermöglichen – ist, so Luczanits, in der Gandharakunst nicht vor dem 4. Jahrhundert nachweisbar. Viele der Reliefs sind auch für Betrachter, die sich mit der buddhistischen Legende nur wenig auskennen, unschwer als Szenen mit jenem Prinzen Siddharta aus der Zeit um 400 vor Christus zu erkennen, der dann unter dem Namen Buddha bekannt wurde, etwa das öfters wiederkehrende Bild, wo der Erleuchtete von den höchsten Göttern des indischen Pantheons, Brahma und Indra, verehrt wird. Und solche Darstellungen lassen sich mit der einen theologischen Richtung im Buddhismus so gut vereinbaren wie mit der anderen.

Fingerring,, 2. Jh.. Gold
Taxila Museum

Eindeutig dem Mahayana zuzurechnen ist die „Vision eines Buddhaparadieses“ auf einer großen Schieferplatte aus dem 4. Jahrhundert, eines der Prunkstücke der Ausstellung, die sogenannte „Mohammed-Nari-Stele“, die sonst im Museum von Lahore zu bewundernist. Aus den Seiten des meditierenden Buddha, der auf einem Lotos thront, geht eine Vielzahl kleinerer Buddhafiguren hervor. Der Buddha, erläutert Luczanits, ist zu einem kosmischen Wesen geworden, das eine Vielzahl von irdischen Buddhas und Bodhisattvas aus sich entlässt, darunter eben auch jene historische Figur des Prinzen Siddharta Gautama, der irgendwann um 400 vor Christus das Rad der buddhistischen Lehre in Gang gesetzt hatte..


Neu auf dem Büchermarkt:
Gandhara – das buddhistische Erbe Pakistans. Legenden, Klöster und Paradiese
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3916- 2 (Buchhandelsausgabe), 34,90 €



Ausstellung:
Gandhara – das buddhistische Erbe Pakistans. Legenden, Klöster und Paradiese
Bis 15. März 2009 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn
9. April bis 10. August 2009 im Martin-Gropius-Bau in Berlin
6. September 2009 bis 3. Januar 2010 im Museum Rietberg in Zürich



Mehr im Internet:
Gandhara – das buddhistische Erbe Pakistans. Legenden, Klöster und Paradiese
Gandhara - Wikipedia
Jesus in Indien und Buddhisten am Nil, scienzz 24.08.2008
Die Entstehung des Christusporträts, scienzz 09.04.2008
Alexanderromane des deutschen Mittelalters, scienzz 20.12.2005





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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