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kultur

31.12.2008 - GESCHICHTE

Silvester - ein Papst mit dem richtigen Todesdatum

Allerlei Legenden - und die spektakulärste Fälschung der Weltgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Prosit Neujahr!
Bild: Bremerhaven tourism

Auch so kann man seinem Namen die Unsterblichkeit sichern: indem man sich den richtigen Tag zu sterben aussucht. Der dreiundreißigste Bischof von Rom verstarb am 31. Dezember 335. Bald wurde er als Heiliger verehrt, sein Name in den Kirchenkalender aufgenommen. Folge: Der letzte Tag des Jahres ist heute in aller Welt als "Silvester" bekannt.

Ansonsten sind von Silvester I. keine Taten überliefert, die ihn als bedeutenden Politiker oder Papst oder Heiligen ausweisen würden. Sicherlich hätte er auch  mit unseren modernen Lustbarkeiten zum Jahreswechsel, vom Sekt über das Tanzen bis zum Feuerwerk, nicht viel anfangen können. Das Leben des "Waldmannes" (so die Bedeutung des lateinischen Namens) verlief denkbar unauffällig. 284 wurde er zum Priester geweiht. Wie er es geschafft hat, unter Kaiser Diokletian dem Märtyrertod zu entgehen, ist unbekannt; innerkirchliche Gegner behaupteten, er habe dem Glauben vorübergehend abgeschworen. Zum Bischof wurde er 314 gewählt. Drei Jahre zuvor hatte Kaiser Galerius das Christentum zur erlaubten Religion erklärt, zwei Jahre zuvor hatte Kaiser Konstantin sich überraschend zu diesem bislang verachteten Glauben bekannt.

Ereignisse, die Silvester bloß als Beobachter mitbekommen hatte. Aber durch das Ende der Verfolgungen war sein Leben gerettet. Seine Zeit auf dem Bischofsstuhl währte mehr als zwei Jahrzehnte, das bis dahin längste Pontifikat der Kirchengeschichte. Für ausgreifende politische Aktivitäten gab das Amt freilich noch nicht die Basis. Im Zusammenhang mit Konstantins Reformmaßnahmen, um den Christen die Mitwirkung in der Administration des Reiches zu ermöglichen, taucht der Name Silvesters gar nicht erst auf. Beim Konzil von Nicaea 325, wo die Grundlagen des Glaubensbekenntnisses beschlossen wurden, wie es bis heute für alle christlichen Kirchen verbindlich ist, ließ er sich durch zwei Legaten vertreten, wegen seines hohen Alters, berichten die Quellen.

Kaiser Konstantin leistet Papst Silves-
ter den Marschalldienst, in Santi Quat-
tro Coronati, Rom, 14. Jh.
Bild: Universität Tübingen

Ein Statist in turbulenter Zeit – aber die Legende hat kräftig nachgeholfen. Diokletians Statthalter wollte den Bischof zwingen, die von ihm verwahrten Besitztümer verfolgter Christen herauszugeben. Silvester warnte zunächst gutmütig; nachdem das nichts geholfen hatte, erstickte der habgierige Heide beim Essen an einer Fischgräte ... Ein Drache tötete in Rom Tag für Tag mehr als dreihundert Menschen mit seinem Gifthauch. Silvester sprach ein Gebet und band dem Untier den Rachen zu, "obwohl es schrecklich zischte", wie die Legenda aurea aus dem 13. Jahrhundert erzählt.

Es wird nicht gerade diese Episode sein, sie Silvester im Spektrum der katholischen Heiligen zum Patron der Haustiere hat werden lassen. Noch eine Wundergeschichte: Als Silvester mit zwölf jüdischen Rabbinern vor der Kaiserinmutter Helena ein Streitgespräch über den wahren Glauben führte, schaffte es einer der Juden, einen Stier durch das bloße Nennen des göttlichen Namens zu töten; der Papst erweckte ihn wieder zum Leben – "darauf bekehrten sich Helena, die Juden, die Schiedsrichter und alle übrigen und wurden gläubig".

Die wirkungsmächtigste dieser Legenden wurde aber zweifellos die Geschichte von der Heilung und Bekehrung des Kaisers Konstantin. Der Kaiser, der wie viele seiner Vorgänger die Christen verfolgte, sei vom Aussatz befallen worden. Heidnische Priester rieten ihm, im Blut unschuldiger Kinder zu baden. Bei der Klage der Mütter wurde er jedoch von Mitleid ergriffen und nahm von der Untat Abstand. In der folgenden Nacht erschienen ihm die Apostel Petrus und Paulus und verwiesen ihn an Papst Silvester, der den unglücklichen Herrscher durch ein Taufbad vom Aussatz befreite.

Papst Silvester wird durch Kaiser Kon-
stantin gekrönt, um 1332
Bild: Kölner Dom

In Wirklichkeit, wissen die Historiker, wurde Konstantin erst auf dem Sterbebett getauft, ein Vierteljahrhundert nach seiner Bekehrung, und zwar nicht durch den Papst, sondern durch Bischof Eusebius von Nikomedia. Aber die Legende hatte eine ungeheure Wirkung. Nach seiner Taufe, heißt es in den mehr als 300 Handschriften, die uns überliefert sind, hätte Konstantin aller Welt verkündet, als Nachfolger des Apostels Petrus habe Papst Silvester nun die Schlüssel des Himmelreichs in seiner Gewalt. Der Konstantin der Legende wiederholte als höchste weltliche Instanz sozusagen die Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium: "Du bist Petrus und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen."

Irgendwann im 8. oder 9. Jahrhundert wurde diese Proklamation des Papsttums sogar in eine juristische Form gebracht, die "Konstantinische Schenkung". Zum Dank für seine Heilung verlieh der Kaiser dem Bischof von Rom den Vorrang über die Patriarchate von Konstantinopel, Antiochia, Alexandria und Jerusalem sowie das Recht, die kaiserlichen Insignien – Diadem, Zepter und Purpurmantel – zu tragen; Konstantin leistete zum Zeichen seiner Unterwürfigkeit Knechtsdienste, indem er das päpstliche Pferd führte.

Und dann das Wichtigste: Der Kaiser verlegte seinen Sitz nach Konstantinopel und übereignete Silvester die Herrschaft über die "die Stadt Rom und alle italienischen oder der westlichen Region zugehörigen Provinzen, Orte und Städte". Historisch richtig ist daran, das Konstantin 325 tatsächlich damit begann, die alte Stadt Byzantion am Bosporus zu seinem "Neuen Rom" auszubauen. Und richtig ist auch, dass das Papsttum in die Rolle einer anerkannten Vertretung der alteingesessenen Bewohner hineinwuchs, nachdem die oströmischen Kaiser Italien weitgehend den germanischen Invasoren hatten überlassen müssen. Der Rest ist Phantasie, man kann auch sagen: eine Fälschung.

Taufe Konstantins durch Silvester,
von Raffael, in den Stanzen
Bild: Vatikan, Rom

Aber eine Fälschung, die Jahrhunderte lang für echt genommen wurde. Ob die "Urkunde" tatsächlich den Kirchenstaat mitbegründen half, als der Frankenkönig Pippin sich Mitte des 8. Jahrhunderts mit Papst Stephan II. gegen die Langobarden verbündete und ihm weite Teile Mittelitaliens zur weltlichen Herrschaft überließ, ist umstritten. Vielleicht wurde sie erst im frühen 9. Jahrhundert angefertigt. Als 1054 päpstliche Legaten in Konstantinopel den Bruch mit der Ostkirche vollzogen, beriefen sie sich auf den in der Schenkung angeblich festgeschriebenen Primat des Papstes. Etwa zur selben Zeit wurde es in Rom Gewohnheit, sowohl für territoriale Besitzansprüche in Italien als auch im Konflikt mit Kaisern und Königen um die Oberhoheit über das Abendland die "Konstantinische Schenkung" anzuführen.

Dass es sich um eine Fälschung handelt, wurde erst im 15. Jahrhundert nachgewiesen, zuerst 1433 durch den deutschen Theologen Nikolaus von Cues, dann 1440 durch den italienischen Humanisten Lorenzo Valla, den Begründer der modernen Textkritik. Valla stützte sich auf die Beobachtung, dass das mittelalterliche Latein der Urkunde im frühen 4. Jahrhundert unmöglich geschrieben sein konnte. Und dann auf ein ganz plumpes Versehen: Die neue Hauptstadt des Reiches wird im Text "Konstantinopel" genannt; diesen Namen erhielt das alte Byzantion erst 330, also Jahre nach der angeblichen Ausfertigung 317.

Vallas Nachweis hinderte übrigens nicht daran, dass er später eine ehrenvolle Karriere als Sekretär und Kanonikus beim Heiligen Stuhl machte. Aber natürlich war und ist die Konstantinische Schenkung ein gefundenes Fressen für alle Kirchenkritiker von der Reformation bis heute. Man muss jedoch hinzufügen, dass dergleichen im Mittelalter gang und gäbe war; wenn die in der Urkunde formulierten Ansprüche als gerechtfertigt galten, erregte das Verfahren keinen Anstoß.

Otto Dix, aus dem Triptychon
"Großstadt", 1928
Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Das neben der Konstantinischen Schenkung wohl berühmteste Beispiel ist das Privilegium Maius des Hauses Österreich. Die Habsburger sahen sich durch die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. 1356 von der Kurfürstenwürde ungerecht ausgeschlossen. Herzog Rudolf IV. ließ eine Urkunde anfertigen, die Österreich zum Erzherzogtum erklärte und ihm nahezu dieselben Vorrechte zuerkannte, wie sie die Territorien der Kurfürsten innehatten. Nachdem der habsburgische Kaiser Friedrich III. das Privilegium bestätigt hatte, wurde es rechtlich niemals mehr in Frage gestellt.

Zurück zu Silvester I. "Die Historie ist nicht nur eine Geschichte der Tatsachen, sondern auch eine Geschichte der Ideen", hat der Historiker des Papsttums, Erich Caspar, zu diesem Papst nüchtern festgestellt. Auch der Legenden, der Fiktionen, der Fälschungen, die in manchen Fällen kräftiger wirken können als die Realitäten. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass in Rom Jahrhunderte lang eine ganz handgreifliche Realität von Silvesters Pontifikat zeugte. Am 18. November 326 hatte der Papst den Kirchenbau von St. Peter geweiht, den Kaiser Konstantin zwei Jahre zuvor begonnen hatte. Das Langhaus dieser alten Peterskirche wurde erst 1605 abgerissen, nachdem die Entscheidung für den barocken Neubau von Carlo Maderno gefallen war.

Auf dem Mosaikbild in der Apsis sah man Kaiser Konstantin, wie er Christus und dem heiligen Petrus das Modell der Kirche zueignete. Oder,  wenn man es realhistorisch ausdrücken will, dem gerade regierenden Papst Silvester I. Einen Balkon allerdings hatte diese Basilika nicht. Kaiser Konstantins Zeitgenosse hätte also keine Gelegenheit gehabt, von dort aus am Morgen nach "Silvester" der Stadt und dem ganzen Erdkreis den Beginn des neuen Jahres zu verkünden.


Mehr im Internet:
Silvester I. - Wikipedia
Scienzz Dossier Prosit Neujahr! Unser Kalender und die Sterne

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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