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kultur

21.10.2004 - KULTURGESCHICHTE

Lampen, Gürtel und Kondome

"100.000 Jahre Sex" im Hamburger Helms-Museum

von Josef Tutsch

 
 

Venus von Willendorf,
im Naturhistorischen
Museum Wien

Ja, ja, die "gute", alte Zeit! Kann man sich vorstellen, dass 1846 der Schriftsteller Willibald Alexis allein durch den Titel seines Romans "Die Hosen des Herrn von Bredow" einen Skandal auslöste? "Hosen" war ein Wort, das in der Öffentlichkeit unter keinen Umständen genannt werden durfte ...

Lang, lang ist's her. Hierzulande hat heute jede Kleinstadt ihren Sexshop, Touristen besichtigen in pompejanischen Villen und indischen Tempeln das Liebesleben von Göttern und Menschen, der Büchermarkt ist voll von Darstellungen orientalischer Sexualpraktiken und afrikanischer Sexualgebräuche. Die Wissenschaft hat sich der Sache bereits länger angenommen - zunächst jedoch unter Ausschluss des Publikums; bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden manche Passagen chinesischer Romane vorsichtshalber nur ins Lateinische übersetzt. Inzwischen ist das Thema zu Museumsehren gelangt, und zwar in einer der renommiertesten frühgeschichtlichen Sammlungen Deutschlands: Vom 15. Oktober an zeigt das Helms-Museum in Hamburg-Harburg "100.000 Jahre Sex".römischer Schubladengriff

Die Jahresangabe mag ein bisschen übertrieben sein; jedenfalls verspricht die Vorankündigung ebenso Fruchtbarkeitssymbole aus der Steinzeit wie die Inszenierung eines einschlägigen Utensilienladens aus dem 18. Jahrhundert. Ja, so etwas gab es damals. Es war die Zeit, wo Europa durch die Entdeckung der Südseeinseln wieder einmal einen Kulturschock erlebte: Die Polynesier hatten ihre "Tabús", aber eben ganz andere als die europäischen Entdecker. Das 19. Jahrhundert wollte diese Unterschiede als "Fortschritt" in der Triebkontrolle verbuchen, eine Haltung, die uns seit dem späten 20. Jahrhundert wiederum als Prüderie erscheint.

Die Ausstellung, die vom Drents Museum in Assen/Niederlande konzipiert wurde und nach der Station in Hamburg durch mehrere europäische Länder reist, wird die Stücke in ihren historischen Kontext stellen müssen. Etwa den "Keuschheitsgürtel": Hat es dieses Utensil der "alten Rittersleut'" wirklich gegeben? Manche Historiker vermuten darin eine Mystifikation bürgerlicher, "aufgeklärter" Zeiten vom finsteren Mittelalter. Ebenso umstritten ist auch das berühmt-berüchtigte "Recht der ersten Nacht" - der Gegenstand von Mozarts "Hochzeit des Figaro".

Römische ÖllampeAuf Plausibilitätsargumente oder bloße Wortfloskeln sollte man sich sowieso nicht verlassen. Hätte etwa das frühe Mittelalter mit unserem Begriff von "Liebe" überhaupt etwas anfangen können? Beunruhigend beiläufig erzählt der Geschichtsschreiber Gregor von Tours am Ende des 6. Jahrhunderts davon, dass ein Fürst sich in ein junges Mädchen "verliebt" hatte. Um sein Ziel zu erreichen, ohrfeigte er sie gemeinsam mit seinen Gesellen solange, bis ihr das Blut in Strömen aus der Nase floss und sie sich in sein Bett legte. Daneben mag es auch konservativ gestimmten Gemütern leichter fallen, sich mit Phallusamuletten oder Erotiklampen aus römischer Zeit anzufreunden.

Andere Zeiten, andere Sitten. Und andere Gefühlsformen, andere Moralvorstellungen. Eigentlich hätten das auch frühere Generationen längst wissen können, schließlich ist in den Texten des hochverehrten griechischen Altertums reichlich von Gebräuchen die Rede, die, wie es Ende des 18. Jahrhunderts das preußische Allgemeine Landrecht so bewundernswert dezent ausdrückte, "wegen ihrer Abscheulichkeit gar nicht genannt werden dürfen", im Klartext: von Päderastie. Nun also wird in Hamburg ein archäologischer Spaziergang durch Europas Kulturgeschichte präsentiert. Angekündigt ist auch "das älteste Kondom". Wenn das mal keinen Prioritätenstreit mit irgendeiner anderen Sammlung auslöst.


100.000 Jahre Sex
15. Oktober 2004 bis 16. Januar 2005 im Helms-Museum, Museumsplatz 2, 21973 Hamburg.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Mehr im Internet:
Ausstellung 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 

 

 

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