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10.01.2009 - GESCHICHTE
Die Neuzeit in den Kleidern des Mittelalters
Eine Münsteraner Historikerin über die öffentlichen Rituale des alten deutschen Reiches
von Josef Tutsch
 | | Löwe schlägt ein Kamel, vom Krönungs-
mantel des Heiligen Römischen Reiches,
Palermo, 12. Jh. - Bild: Gryffindor
| | | Im Januar 1787 unterzeichnete Joseph II., Römischer Kaiser und Deutscher König, ein aufsehenerregendes Dekret. In Zukunft dürfe niemand mehr vor einem anderen Menschen niederknien, weil dieses "von Mensch zu Mensch eine unpassende Handlung sei", vielmehr "gegen Gott allein vorbehalten bleiben müsse". Eine Revolution von oben, der Kaiser bekannte sich vor aller Welt zu den Grundsätzen der Aufklärung.
Aber ganz nebenbei, vermutet Barbara Stollberg-Rilinger, Historikerin an der Universität Münster, in ihrer neu erschienen Studie zur Symbolsprache und Verfassungsgeschichte des alten deutschen Reiches, versprach er sich von dieser Maßnahme auch etwas für seine Stellung als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Zahl der Reichsfürsten, die bereit waren, sich am kaiserlichen Hof in Person oder wenigstens durch Stellvertreter mit der Herrschaft über ihre Territorien "belehnen" zu lassen, hatte in den Jahrzehnten zuvor drastisch abgenommen. Begründung: Das Niederknien sei ihrer Würde nicht angemessen.
Nach dem Dekret vom 1787 zeigte sich jedoch sehr rasch, dass auch ohne diese Geste kaum noch ein Fürst die kaiserliche Oberhoheit anerkennen wollte. Im Sommer 1788 ließ Joseph II. alle weiteren Versuche einstellen. Er hatte erkennen müssen, dass sein Reich tot war. Oder jedenfalls so gut wie tot; in der Folgezeit fanden noch zwei Kaiserkrönungen statt. Der eine oder andere der Beteiligten wird diese Schauspiele aus ironischer Distanz mitgespielt haben, wie es Goethe bereits von der Krönung Josephs II. 1764 erzählte: "Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so dass er selbst sich des Lächelns nicht enthalten konnte."
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"Quaternionenadler" von H. Burgkmair und D. Negker, 1510: schematische Darstel- lung der Reichsstände in Vierergruppen Bild: Wikipedia
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Des Kaisers alte Kleider - die Münsteraner Historikerin hat sie als Metapher genommen für die gesamte Formen- oder Symbolsprache dieses alten Reiches, für die Art, wie die geistlichen und weltlichen Fürsten einschließlich des Kaisers mit ihresgleichen, aber auch mit den Vertretern der freien Reichsstädte, kommunzierten. Ein spannender Blick in eine fremde Welt. Dabei geht es um ein Phänomen, das in den Staaten Mitteleuropas auch heute geläufig ist, den Föderalismus. Das Heilige Römische Reich des Mittelalters war jedoch kein Verbund von Staaten oder staatsähnlichen Gebilden, sondern ein Bündnis von politischen Entscheidungsträgern. Es bestand aus persönlichen Beziehungen, die immer wieder neu aufgebaut werden mussten.
Das macht verständlich, warum bedeutungsvolle Gesten, öffentliche Rituale, feierliche Symbole damals einen so viel größeren Stellenwert hatten als heute – und warum dieses "Reich" im 18. Jahrhundert, als sich in den westeuropäischen Ländern schon die moderne Logik politischer Entscheidungen durchsetzte, mehr und mehr als anachronistisch empfunden wurde. Stollberg-Rilinger zitiert eine Schrift des jungen Hegel von 1802. Der Philosoph betrachtete es als einen "spezifisch deutschen, anderen Nationen so lächerlichen Aberglauben", dass man die Unveränderlichkeit der äußeren Formen, des Zeremoniells, "für die Unveränderlichkeit der Sache" ausgebe. "Ein Kaiser neuerer Zeiten ist hiermit so sehr als derselbe Kaiser, der Karl der Große war, dargestellt, dass er ja sogar dessen eigne Kleider trägt."
Eine Verfallsgeschichte also. Stollberg-Rilinger bezeichnet das, was da verfiel, als "Präsenzkultur", als eine Kultur des "Zeigens": Im Mittelalter wurde ein politisches Gebilde wie das Heilige Römische Reich "dadurch zu einem Ganzen integriert, dass sich die Akteure von Zeit zu Zeit persönlich an demselben Ort versammelten. Seine Ordnung wurde immer wieder von neuem erzeugt, indem sie öffentlich aufgeführt wurde, in symbolisch-rituellen, feierlichen und förmlichen Akten." Beim Wormser Reichstag 1495, mit dem die Neuzeit-Historikerin ihre Darstellung beginnt, war diese politische Kultur bereits in einer späten Phase. Schon die Zeitgenossen sahen einen dringenden Reformbedarf, etwa wenn Reichsstände, die nicht anwesend waren, sich an die Beschlüsse nicht gebunden fühlten. "Anwesend", das bedeutete wenigstens prinzipiell, dass man persönlich dabei gewesen sein musste. Gesandte wurden nicht als vollwertige Repräsentanten ihres Fürsten akzeptiert.
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Der Immerwährende Reichstag in Regens- burg, 1663 - Bild: Wikipedia
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Verwirrend für Beobachter von heute: Im Sinne dieser mittelalterlichen Präsenzkultur war nicht einmal präzise geklärt, wer Sitz und Stimme haben sollte und wer nicht. "Formale Verfahren der Beschlussfassung versuchte man in Worms erst gegen Widerstände zu etablieren", stellt die Historikerin fest. "Versuchte" – ganz gelungen ist das bis zum Ende dieses Heiligen Römischen Reiches nicht. Selbst als die habsburgischen Kaiser im 17. Jahrhundert einige neue Fürsten ernannten, ging der Streit mit den "alten" im Reichstag, so Stollberg-Rilinger, "nicht so sehr darum, ob, sondern wo die Neuen in der Fürstenkurie ihren Sitz haben sollten". Eine Verfassung im modernen Sinn hat es niemals gegeben, nur einzelne Urkunden, am wichtigsten die Goldene Bulle von 1356 über die herausgehobene Stellung der Kurfürsten und der Westfälische Friedensvertrag von 1648.
Der Disput um die korrekte Sitzordnung war ein Dauerbrenner. Im „Sitz“ manifestierte sich die Anerkennung durch die anderen Reichsstände – eine Anerkennung, die in vielen Fällen durch einen ganzen Rattenschwanz von Protesten begleitet war, etwa in dem Sinn: Man nehme es für diesmal hin, wolle deshalb für die Zukunft aber keinesfalls in seinen Rechten beeinträchtigt werden, es dürfe also kein Präzedenzfall geschaffen werden. Müßige Querelen, würden wir heutzutage sagen, bloße Etikettenfragen. Aber, so Stollberg-Rilinger: „Die Logik der Präsenzkultur war eine Logik der Ehre und des Ansehens. Rang und Status der hohen Personen mussten beständig vor aller Augen geltend gemacht und durch fein abgestufte Formen der Ehrerbietung von anderen anerkannt werden.“
Ihren Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen paradoxerweise erst im 18. Jahrhundert, als diese alte politische Kultur im Grunde längst tot war, weil kaum noch einer der Fürsten persönlich den ständigen Reichstag in Regensburg mit seiner Anwesenheit beehrte - der "Reichstag" hatte sich von einer Fürstenversammlung zu einem Gesandtenkongress gewandelt. Die Kurfürsten setzten durch, dass die Sessel ihrer Gesandten während der Audienz beim kaiserlichen Prinzipalkommissar mit den Vorderbeinen auf dem roten Teppich stehen durften – aber nur mit diesen! Bereits 1652 war es nur mit Mühe gelungen, den Regensburger Rathaussaal für die Reichstagssitzungen herzurichten: Sollte der Abstand zwischen den Fürsten und Kurfürsten einerseits, den Städtevertretern andererseits bloß mit Stufen oder zusätzlich mit einer Schranke sichtbar gemacht werden? Kompromiss: Ein Gatter wurde installiert, das allerdings unverschlossen blieb.
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Der Kaiser im Kreis der Kurfürsten, 1664 Bild: Wikipedia
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Da liegt natürlich der Einwand nahe, dass solche Protokollfragen in der Politik auch heutzutage ihre Rolle spielen. Berühmt ist zum Beispiel die Szene, wie der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer zur Vorsprache bei den alliierten Kommissaren erschien und sich protokollwidrig auf den Teppich stellte – ein zeremonieller Vorgang, der keineswegs "bloß" zeremoniell war. Umgekehrt hat es auch in der frühen Neuzeit schon Stimmen gegeben, die gegen die Prestigelogik aus ökonomischer Sicht ihren Protest einlegten. 1495, berichtet Stollberg-Rilinger, wurde Murren bei den württembergischen Ständen laut, als sich Graf Eberhard mit hohen Kosten seine Erhebung zum Herzog einhandelte. Die Historikerin hat keinen Vergleich zwischen damals und heute vorgenommen – ein blinder Fleck in dieser Studie.
In den westlichen Nachbarländern scheint sich die moderne Logik der Effizienz viel früher durchgesetzt zu haben. Die Engländerin Lady Wortly Montague, die Regensburg Anfang des 18. Jahrhunderts bereiste, zeigte sich amüsiert: Alles drehe sich nur um den Exzellenztitel. Sie habe vorgeschlagen, doch einfach jeden mit Exzellenz anzureden, dann werde man auch selbst von jedem so genannt. Genau dieses Verfahren setzte ein halbes Jahrhundert später der französische Gesandte Chavigny in die Praxis um: Er drängte allen Fürstenvertretern und sogar den Deputierten der Stadt Regensburg die so heiß umkämpften Ehren förmlich auf. Dieser verschwenderische Umgang, resümiert Stollberg-Rilinger, "entzog dem gesamten Zeichensystem die Grundlage. Was jedem ohne Unterschied gewährt wurde, hörte auf, ein Distinktionsmerkmal zu sein."
Das Fortleben der mittelalterlichen Präsenzkultur beim Regensburger Reichstag und bei den Frankfurter Kaiserkrönungen war ein wichtiger Bestandteil dessen, was man später als "deutschen Sonderweg" in die Moderne bezeichnet hat, dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre auf. Auf einem damals vielgedruckten Stich vom Krönungsmahl 1764 ist zu sehen, dass viele Sessel an den gedeckten Tischen leer geblieben sind – die meisten Fürsten nahmen an dem Mahl nicht teil, weil die Rangfragen nicht in ihrem Sinn gelöst waren. "Dadurch der größte Teil des Saales ein gespensterhaftes Aussehen bekam, dass so viele unsichtbare Gäste auf das Prächtigste bedient wurden", erinnerte sich später Goethe.
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Krönungsmahl für Joseph II: in Frankfurt am Main, Schule M.v. Meytens, 1764 - Bild: Wikipedia
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Besonders kurios muss es gewesen sein, wenn die Zeremonialfragen zusätzlich religiös aufgeladen waren. Seit der Reformation pflegten die protestantischen Fürsten die gemeinsamen Messen auf den Reichstagen nach der Evangelienverlesung zu verlassen und erst nach der Kommunion wieder einzutreten; wenn die Katholiken niederknieten, blieben sie demonstrativ stehen. Manchmal erwies sich der Wunsch, dabei zu sein, aber doch als übermächtig. Als 1653 in Regensburg die Frau von Ferdinand II. zur Kaiserin gekrönt wurde, nahmen die protestantischen Fürstinnen in Kauf, dass sie bei dem ganzen Messopfer präsent bleiben mussten. Sie hatten das Tragen der Schleppe um keinen Preis ihren katholischen Konkurrentinnen überlassen wollen.
"Gespensterhaft", schrieb Goethe. Oder wie Hegel es 1802 ausdrückte: "Die alten Formen sprechen den wirklichen Zustand nicht aus; beide sind getrennt und einander widersprechend und haben keine gegenseitige Wahrheit". Man könnte auch von organisierter, institutionalisierter Heuchelei sprechen – vorausgesetzt, die Betonung liegt auf organisiert und institutionalisiert und nicht auf einem moralischen Vorwurf. So gut wie alle weltlichen Fürsten und Kurfürsten, resümiert Stollberg-Rilinger, "hielten bis zum Schluss die institutionelle Fiktion der alten Reichsordnung im Ritual aufrecht, kämpften noch um die Plätze darin, während sie zugleich an deren Unterminierung arbeiteten".
1766 gab Kaiser Joseph II. bei seinen Ministern ein Gutachten in Auftrag, wie die kaiserliche Autorität im Heiligen Römischen Reich wiederherzustellen sei. Staatskanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz zeigte in seiner Denkschrift, dass er noch in den Kategorien der alten Präsenzkultur zu denken imstande war: Das Recht des Kaisers, Rangerhöhungen zu verfügen, setze ihn in die Lage, "der Eifersucht, der Distinktion, der Furcht und aller anderen Leidenschaften der Stände sich nützlich zu bedienen". Aber Joseph, so Stollberg-Rilinger, verstand den Charakter der Kaiserwürde nicht, er "distanzierte sich von dem Symbolsystem, auf dem sein Amt beruhte". Eine Hauptsäule der kaiserlichen Macht, konnte er in den Denkschriften lesen, bestehe in der Lehnsbindung der Reichsfürsten. Also wollte er versuchen, diese Belehnungen, die seit einem Vierteljahrhundert so gut wie völlig ins Stocken gekommen waren, wieder zu beleben. Wie gesehen, scheiterte Joseph damit auf ganzer Linie. Keine zwei Jahrzehnte später erklärte sein Nachfolger Franz II. unter dem Druck Napoleons das Reich in aller Form für aufgelöst.
Neu auf dem Büchermarkt: Barbara Stollberg-Rilinger: Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, Verlag C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57074-2, 38,- €
Mehr im Internet: Universität Münster, Geschichte der frühen Neuzeit Heiliges Römisches Reich - Wikipedia Scienzz Dossier Napoleon und das Ende des alten Reiches
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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