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14.01.2009 - KULTURGESCHICHTE

"An den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub ..."

Der deutsche Wald von Tacitus bis zu Heinz Erhardt

von Josef Tutsch

 
 

Wald und gotisches Kirchenfen-
ster, aus dem UFA-Film "Ewiger
Wald", 1936

"Ich geh im Urwald für mich hin, wie schön, dass ich im Urwald bin", blödelte Heinz Erhardt, und zum Entsetzen vieler Deutschlehrer pflegten Schüler diesen Vers zu rezitieren, wenn eigentlich Johann Wolfgang von Goethe auf dem Stundenplan stand, "ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn". Ja, der Wald. Oder, mit einem Beiwort, das sich hierzulande früher so verdächtig selbstverständlich eingestellt hat: der "deutsche" Wald. "Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang" – wenn August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinem "Lied der Deutschen" den Wald nicht besungen hat, dann wohl nur deshalb, weil für ein fünftes Glied im Reimschema kein Platz war.

Als vor einem Vierteljahrhundert die Nachrichten vom Waldsterben die Öffentlichkeit aufschreckten, wurde der Wald denn auch in den Kulturwissenschaften zum großen Thema. "Der Wald als romantischer Topos" hat die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main ihr interdisziplinäres Symposion vor anderthalb Jahren überschrieben, dessen Beiträge jetzt auf dem Büchermarkt erschienen sind. Das Spektrum reicht von der Geschichte der Forstwirtschaftslehre über die Märchenforschung bis zur akustischen Klangkunst unserer Tage – keine systematisch angelegte Kulturgeschichte, sondern eine Sammlung von Streifzügen. Schon der Titel lässt ein Bemühen um sachliche Distanz zur romantischen Tradition erkennen. Topoi sind rhetorisch vorgeprägte Bilder, sozusagen Erinnerungen, die sich mit einem einzigen Wort kollektiv wachrufen lassen, "Gemeinplätze", wie man abwertend sagt.

Am Anfang steht kein deutscher Autor, sondern ein alter Römer, der Geschichtsschreiber Tacitus, mehr als acht Jahrhunderte, bevor Deutschland und die Deutschen überhaupt auf der Bühne Europas auftraten. Der Halbsatz von den "furchterregenden Wäldern Germaniens" hat, seit Tacitus’ "Germania" im 15. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, wie kaum eine andere Floskel die Selbstdeutung der Deutschen geprägt. Furchterregend und lebensbedrohlich jedenfalls für die Feinde. "Die Römer scheiterten im Gebiet jenseits von Rhein und Donau am Mangel an Infrastruktur", schreibt Hansjörg Küster, Pflanzenökologe an der Universität Hannover, in dem Frankfurter Sammelband. "Jenseits ..." Da war der Schreiber in Gedanken offenbar auf der südlichen oder westlichen Seite des "Limes" oder gar von Rhein und Donau, in jenen Gebieten, die von den Römern länger mit Infrastruktur durchdrungen werden konnten.

Radierung von Constantin Müller
nach einer Zeichnung Moritz
von Schwinds zu "Des Knaben
Wunderhorn", 1843
Bild: Münchner Stadtmuseum

Zu Zeiten der deutschen Nationalbewegung hat man es aus der umgekehrten Perspektive gesehen. In den Wäldern Germaniens sei die deutsche "Freiheit" gerettet worden, hieß es damals. Vor allem natürlich bei der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christus; diesen Herbst steht das zweitausendste Jubiläum an. Friedrich Ludwig Jahn, der "Turnvater", machte nach dem Sieg über Napoleon den Vorschlag, diese alte Konstellation durch einen undurchdringlichen Wald an der Grenze zu Frankreich zu erneuern. Küster selbst erzählt, dass sein Großvater, ein Hamburger Buchhändler, nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem englischen Verbindungsoffizier über jene Stücke deutscher Literatur diskutierte, die für die demokratische Umerziehung in Frage kämen. Kommentar des Engländers zum Vorschlag Grimms Märchen: "Oh no, that’s too much wood!"

Vielleicht müsste man diese "Kinder- und Hausmärchen" wieder in der Urfassung lesen, die von den Brüdern Grimm unter dem Eindruck der mündlichen Erzählung niedergeschrieben wurde. Der Hamburger Kulturanthropologe Albrecht Lehmann berichtet, dass der Wald darin gar keine so prominente Rolle spielt, wie uns das im nachhinein vorkommt. Der Hexenmeister entführt die Töchter "in einen finsteren Wald zu seinem Haus, das mitten darin stand", heißt es im Märchen "Fitchers Vogel". Lehmann: "Dieser Wald wurde erst in der 2. Auflage ergänzend eingefügt und in der 3. Auflage zusätzlich mit dem Adjektiv ‚finster’ belegt." Und wo der Wald im ursprünglichen, also nicht künstlerisch bearbeiteten Volksmärchen dann doch vorkommt, da ist er ganz und gar nicht romantisch. "Niemand möchte dort wohnen", stellt Lehmann fest, "selbstverständlich auch nicht die Ausgestoßenen aus der Gesellschaft", denen allerdings oft keine andere Wahl bleibt.

Der Märchenheld tritt im Wald als Wanderer auf – er strebt hinaus. Das gilt noch für Richard Wagners jungen Siegfried, der nur eins will: "Fort in die Welt!" Erst der moderne Großstädter sucht im Wald eine verlorene Heimat – auch das ist Thema in Wagners "Siegfried"-Oper: "Du holdes Vöglein, dich hört ich noch nie. Bist du im Wald hier daheim? Verstünd ich sein süßes Stammeln?" Lehmann zitiert aus Thomas Bernhard Roman "Holzfällen" einen Wiener Groß-Schauspieler, der unter dem Einfluss von Alkohol gerade sentimental wird: "In den Wald gehen, tief in den Wald gehen .. sich gänzlich dem Wald überlassen, das ist es immer gewesen, der Gedanke, nichts anderes als selbst Natur zu sein ..." Die Romantiker haben dieses Sehnsuchtsmotiv vorgegeben, zum Beispiel Joseph von Eichendorff: "Waldeinsamkeit! Du grünes Revier, wie liegt so weit die Welt von hier!"

Ludwig Richter: Waldein-
samkeit, aus Richters
Sammlung "Fürs Haus",
1860

"Erst in der deutschen Romantik wird der Wald zum zentralen Thema in Dichtung, Musik und bildender Kunst", konstatiert Ute Jung-Kaiser, Musikwissenschaftlerin in Frankfurt am Main. In Ökonomie und Politik scheint das Thema "Wald" nicht viel älter zu sein, wenngleich die Wurzeln dieser "Romantik" weit ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Bereits 1713 formulierte der sächsische Oberberghauptmann Hannß Carl von Carlowitz das Prinzip der Erhaltung des Status quo in der Holzwirtschaft: Keinem Wald solle künftig mehr Holz entnommen werden als zugleich nachwuchs. Carlowitz muss wirklich ein Romantiker avant la lettre gewesen sein; er träumte sogar davon, den legendären Waldreichtum Mitteleuropas zur Römerzeit wiederherzustellen.

Furchterregend und zugleich anheimelnd, mit der zunehmenden Verstädterung Mitteleuropas in immer stärkerem Maße anheimelnd: Maler wie Moritz von Schwind und Ludwig Richter haben viele tausend deutscher Wohnstube mit ihren Waldidyllen dekoriert, Caspar David Friedrichs Bilder lassen ahnen, dass es da noch um etwas Tieferes geht, um eine – freilich nicht dogmatisch formulierbare – Religiosität. Claudia Grummt, Kunsthistorikerin an der Universität Greifswald: "In der Natur zu sein, heißt für Friedrich, Gott nahe zu sein." In Wagners "Parsifal", so die Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle, von der Universität Frankfurt, ist der "heilige Wald" zwar nicht die Stätte der Vollendung, aber doch der Vorbereitung. "Wald und Tempel sind aufeinander bezogen wie Altes und Neues Testament."

Goethe verherrlichte den Straßburger Münsterturm als "hocherhabenen, weit verbreiteten Baum Gottes", umgekehrt beschrieb der Journalist Horst Stern vor ein paar Jahren eine Waldesstimmung mit den Worten: "Es herrscht das Dämmerlicht gotischer Dome." Eine Metaphorik, die auch ihr Unheimliches hat. "Wir bekennen uns zum Wald als Gottesdom", schrieb Hermann Göring, im Dritten Reich Reichsforstmeister, Reichsjägermeister und Oberster Beauftragter für den Naturschutz. Im Film "Ewiger Wald" von 1936 ist der Blick in die Baumkronen mit einem gotischen Fenster überblendet. "Erzählt wird, dass sich die deutsche Geschichte von der frühgermanischen Zeit bis zur nationalsozialistischen Herrschaft als Wechselbeziehung zwischen Volk und Wald gestaltet habe", berichtet Kerstin Stutterheim von der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam-Babelsheim. "Der Wald verkörpert die Volksgemeinschaft. Es wird die Opferbereitschaft des Einzelnen eingefordert, der nicht weichen darf."

Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald,
1810 - Bild: Nationalgalerie Berlin

Eine Seite des Waldmythos, die auch dem Schriftsteller Elias Canetti aufgefallen ist: "Heer und Wald waren für den Deutschen, ohne das er sich darüber im klaren war, auf jede Weise zusammengeflossen ... Das Heer war der ‚marschierende Wald’." Canettis Buch "Masse und Macht" erschien 1960, mehr als ein Jahrzehnt, bevor die Nachricht vom "Waldsterben" durch die Medien ging. In keinem anderen modernen Land sei das "Waldgefühl" so lebendig geblieben wie in Deutschland, schrieb Canetti. Ohne dieses Gefühl mit viel Licht und noch viel mehr Schatten hätte vermutlich auch Heinz Erhardt mit seinem "Urlaub im Urwald" nicht solchen Erfolg gehabt: "Man kann hier noch so lange wandern, ein Urbaum steht neben dem andern, und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!"


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Wald als romantischer Topos, herausgegeben von Ute Jung-Kaiser,
Peter Lang Verlag, Bern 2008, ISBN 978-3-03911-636-2, 64,20 €




Mehr im Internet:
Wald - Wikipedia
Eine Kulturgeschichte der Deutschen, scienzz 14.03.2008



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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