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20.01 2009 - GESCHICHTE

... und alle Fragen offen

2.000 Jahre nach der Varusschlacht im Teutoburger Wald

von Josef Tutsch

 
 

Armin der Cheruskerfürst wurde
als Herrmann zum Ahnherrn deut-
scher Geschichte und Stärke sti-
lisiert - Bild: scienzz
In der türkischen Hauptstadt Ankara finden Reisende, die gern an den Schulunterricht in den alten Sprachen zurückdenken, ein einzigartiges Experimentierfeld vor. In einem römischen Tempel aus dem Anfang des 1. Jahrhunderts nach Christus ist der Tatenbericht des Kaisers Augustus griechisch und lateinisch in Stein gemeißelt. Wer die Mühe nicht scheut, die eine oder andere Passage zu entziffern und zu übersetzen, wird sich an einer Stelle aber doch verwundert die Augen reiben. "Die Provinzen Galliens und Spaniens, ebenso Germanien habe ich befriedet, ein Gebiet, das der Ozean bis zur Mündung der Elbe umschließt." Bis zur Mündung der Elbe? Augustus starb 14 nach Christus, bereits fünf Jahre zuvor fand die berühmte Schlacht im Teutoburger Wald statt. Und wie wir im Geschichtsunterricht gelernt haben, wurden die Germanen östlich des Rheins durch diese Schlacht von der römischen Herrschaft befreit.

Hat Augustus in seinem Tatenbericht die Wahrheit propagandistisch korrigiert? Oder wurde der Text bereits vor dieser Niederlage abgefasst und später nicht mehr verändert? Reinhard Wolters, Althistoriker an der Universität Tübingen, schlägt eine andere Deutung vor. Als Augustus kurz vor seinem Tod den Tatenbericht nochmals redigierte, sei für ihn die Kontrolle Germaniens nicht Anspruch gewesen, sondern Tatsache. Die Vernichtung von drei römischen Legionen im Jahr 9 nach Christus sei zwar eine militärische Katastrophe gewesen; aber, so Wolters, "in seinem für die Nachwelt gedachten Leistungsbericht billigte Augustus ihr keine politischen Konsequenzen von Dauer zu". Die Schlacht im Teutoburger Wald hätte im Nachhinein als "Betriebsunfall" gegolten, der bald wieder behoben werden konnte.

Und nach Augustus’ Meinung wohl auch behoben werden sollte. Tatsächlich fanden noch 16 nach Christus im Weser- und Emsgebiet umfangreiche Militäraktionen der Römer statt. Erst dann kam das, was man eine "Wende" nennen könnte. Augustus’ Nachfolger Tiberius befahl, die Truppen auf die Sicherung der Rheingrenze zu konzentrieren. Offenbar waren ihm die Verluste des Krieges im Norden zu hoch geworden. Seinem ehrgeizigen Feldherrn Germanicus soll Tiberius bedeutet haben, er selbst habe seine militärischen Erfolge in Germanien "mehr durch kluges Vorgehen als durch Gewalt" erreicht.

Münze mit Porträt des Publius Quinc-
tilius Varus
Im Herbst steht das zweitausendste Jubiläum der Schlacht im Teutoburger Wald an, und wie Wolters’ Studie zeigt, sind so gut wie alle wichtigen Fragen nach wie vor offen – vermutlich viel offener, als es vor hundert Jahren den Anschein hatte. Lion Feuchtwangers Roman "Die Geschwister Oppermann" von 1933 gibt eine Ahnung, wie das Thema im wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik angegangen wurde. Der Lehrer Dr. Vogelsang hatte eine Hausaufgabe gestellt: "Was bedeutet uns Heutigen Hermann der Deutsche?" Der Schüler Berthold kommt am Ende seines Aufsatzes zwar zu dem Schluss, die Tat des Arminius, wie ihn die Römer nannten, sei aller Bewunderung wert, meint aber auch, die Vernichtung der Legionen sei praktisch folgenlos geblieben; zwei Jahre später hätten die Römer schon wieder über dem Rhein gestanden. Der national gesinnte Lehrer fängt an zu brüllen: "Hier, vor deutschen Menschen, wagen Sie es, die ungeheure Tat, die am Beginn der deutschen Geschichte steht, als sinnlos zu bezeichnen? ... Wenn Ihnen schon selber jeder Funke deutschen Gefühls abgeht, dann verschonen Sie doch wenigstens uns vaterländisch Fühlende mit Ihren Kotwürfen."

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass uns der angebliche "Urknall" der deutschen Nation ausschließlich aus römischen Quellen bekannt ist. Inzwischen vielleicht auch aus archäologischen Zeugnissen; aber das ist keineswegs sicher. Seit 1987 wurden in Kalkriese am Wiehengebirge nördlich von Osnabrück römische Münzen und Militaria in großer Zahl geborgen. Das gab der Theorie neuen Auftrieb, die bereits Theodor Mommsen vertreten hatte: An dieser Stelle sei das Heer des Varus zugrunde gegangen. Mommsen stellte sich damit gegen die herrschende Lehre, dass die Schlacht im "saltus Teutoburgiensis" in jenem Gebirgszug bei Detmold stattgefunden habe, der heute "Teutoburger Wald" heißt. Das Gebirge erhielt diesen Namen erst in der frühen Neuzeit, nachdem 1507 die "Annalen" des Tacitus wiederentdeckt worden war und Scharen von Humanisten sich daran machten, den Schlachtort zu identifizieren.

Zwischen den Flussläufen von Ems und Lippe, ist bei Tacitus zu lesen. Vor 1507 waren auch andere Regionen erwogen worden, zum Beispiel die Umgebung von Augsburg. Mehr als 700 Theorien sollen vertreten worden sein. Wolters zuckt mit den Achseln: Es wurden niemals "wirklich signifikante archäologische Spuren gefunden". Das ist in Kalkriese nun anders, etwa 4.000 einzelne Objekte weisen die Anwesenheit römischer Legionen mit Hilfstruppen und Tross nach, und dass die Ausgrabungen von der lokalen Wirtschaft längst vermarktet werden – nun ja. Eindeutige Hinweise, dass es sich um den Vorgang des Jahres 9 handelt, fehlen aber auch hier. Vor allem, erläutert Wolters, stimmen die topographischen Verhältnisse nur schwer mit den Darstellungen der antiken Historiker zusammen. Übereinstimmend wird das unerhörte Ausmaß der Verluste hervorgehoben. Es sollen drei Legionen plus Hilfstruppen gewesen sein, insgesamt mehr als 18.000 Mann, also ein Zug von mindestens vier bis sechs Kilometer Länge. Ein Heer dieser Größe, so Wolters, wäre im Engpass der Kalkrieser-Niederwedder Senke kaum unterzubringen.

Grabstein des Centurio Marcus Caelius,
"gefallen im Varianischen Krieg"
Bild: Rheinisches Landesmuseum Bonn
Der Grabstein eines gewissen Marcus Caelius, der in Xanten gefunden wurde und heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn zu sehen ist, könnte ein authentisches Zeugnis bieten: Der Zenturio der 18. Legion sei "im Varianischen Krieg" gefallen, heißt es in der Aufschrift. Ein Vermerk bei dem Geographen Strabon wenige Jahre nach der Schlacht lässt ahnen, wie es abgelaufen sein mag: "Die Barbaren kämpfen in Sümpfen, unzugänglichen Wäldern und Einöden unter Ausnutzung des Geländes, indem sie bewirken, dass diejenigen, die es nicht kennen, selbst kurze Entfernungen als eine weite Strecke ansehen, und indem sie ihre Gegner in Unkenntnis über die Wege und Nachschubmöglichkeiten für Proviant und andere Dinge halten." Offenbar erlaubte es das Gelände den Römern nicht, eine geordnete Kampflinie zu formieren.

Aber historisch wichtiger als die Örtlichkeit ist zweifellos die Frage, ob diese Katastrophe eine Wende in der römischen Germanienpolitik bedeutete. Theodor Mommsen sprach 1871 – emotional sicherlich auch durch Bismarcks Gründung des Kaiserreichs bewegt – sogar von einer "Wende der Weltgeschichte". Wolters’ Antwort, sozusagen in Übereinstimmung mit Berthold Oppermann: "Die Varuskatastrophe stellte weder militärisch noch politisch einen Einschnitt dar." Natürlich sind die Diskussionen, die es am römischen Kaiserhof gegeben haben wird, mangels Akten nicht zu rekonstruieren. War der Tatenbericht des Augustus mit den Worten "bis zur Elbe" womöglich als Aufforderung an den Nachfolger gedacht, die Befriedung Germaniens sozusagen in Feinarbeit zu vollenden?

Tiberius verfolgte eine andere Linie. Am 26. Mai des Jahres 17 nach Christus ließ er seinen Feldherrn Germanicus in Rom einen großen Triumph feiern "über die Cherusker und Chatten sowie die Angrivarier und andere Volksstämme, die bis zur Elbe wohnen". Die glänzende Feier, meint Wolters, sollte darüber hinwegtäuschen, wie wenig tatsächlich erreicht worden war. Und wohl auch darüber, dass Tiberius bereits den Wechsel zu einer defensiven Politik in Germanien beschlossen hatte. Nicht ohne Erfolg: Ausgerechnet der Stamm der Cherusker, der die Weltmacht Rom für einen Augenblick im Guerillakampf besiegt hatte, begab sich bald in einen halb und halb abhängigen Status. Um 21 nach Christus wurde Arminius im Verlauf schwer durchschaubarer Familienkonflikte ermordet; 47 erbaten sich die Cherusker seinen in Rom aufgewachsenen Neffen Italicus zum König. Das heroische Zeitalter dieses Stammes war eine kurze Episode.

Vom politischen Mythos zum
Ausflugsziel: das Hermanns-
denkmal im südlichen Teuto-
burger Wald heute
Bild: scienzz
Vielleicht ist es selbst mit der Heldenfigur eines Arminius nicht weit her. Der Würzburger Historiker Dieter Timpe hat – zur Entrüstung mancher Kollegen – die These aufgestellt, Arminius hätte zum Zeitpunkt der Varusschlacht als Befehlshaber seiner cheruskischen Hilfstruppen unter römischem Eid und Befehl gestanden. Der Freiheitsheld als Meuterer und Verräter? Das würde jedenfalls verständlich machen, warum Varus dem Cheruskerfürsten, wie man im nachhinein sagen muss, offenbar blind vertraut hat. Einen noch dunkleren Punkt benennt Tacitus: Als Germanicus im Jahr 16 nach Christus das Schlachtfeld aufsuchte, um die Gefallenen zu bestatten, habe er "in den nah gelegenen Hainen Altäre gefunden, an denen die Barbaren die Tribunen und die Zenturionen erster Klasse abgeschlachtet hatten". Ein überlegtes Kalkül, vermutet Wolters: "Arminius band damit alle Beteiligten zu einer Schicksalsgemeinschaft; denn jeder wusste, dass Rom darauf mit massiver Vergeltung am ganzen Stamm reagieren würde."

Zur Begründung des Aufstandes soll Arminius den Römern Habgier, Grausamkeit und Hochmut vorgeworfen haben; die "angestammte Freiheit" müsse verteidigt werden. Dahinter dürfte, wie Wolters ausführt, der Ärger über bislang ungewohnte Formen von Rechtsprechung und Steuererhebung stehen – Kulturkonflikte, wie sie uns ja auch aus der Gegenwart vertraut sind. Als Tacitus um 115 nach Christus seine "Annalen" schrieb, begründete er den Mythos,  den deutschen Blick auf die germanische Vergangenheit bestimmt hat: Arminius "war ohne Zweifel der Befreier Germaniens, der nicht wie andere Könige und Heerführer das römische Volk in seinen Anfängen, sondern ein Reich in seiner ganzen Blüte herausgefordert und in den Schlachten mit wechselndem Erfolg kämpfte, im Krieg aber unbesiegt blieb".

Zwei Jahrzehnte zuvor, in seiner Schrift "Germania", meint Wolters, hatte Tacitus noch an eine Unterwerfung der Germanen gedacht. Der Satz "So lange schon sind wir im Begriff, Germanien zu besiegen" war eine offene Kritik an Kaiser Domitian, der mit großem propagandistischen Getöse erneut verkündet hatte, Germanien sei nun "hinzugewonnen". Aber auch Kaiser Trajan wandte seine expansive Außenpolitik mehr an die untere Donau als an die Rheinfront. Das Vorfeld am Rhein muss damals recht ruhig gewesen sein: aktuell, stellt Wolters fest, ging von den Germanen Anfang des 2. Jahrhunderts keine Bedrohung mehr aus. Dass später die Wanderung germanischer Stämme den Untergang des Imperium Romanum und der ganzen antiken Kultur nach sich ziehen würde, war nicht abzusehen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien,
Verlag C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57674-4,
19,90 €
  


Mehr im Internet:
Varusschlacht - Wikipedia
scienzz Dossier Die Germanen in Mythos und Geschichte




 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

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