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10.02.2009 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren

von Josef Tutsch

 
 

Sigmund Freud hat die Geschichte der neuzeitlichen Wissenschaft einmal als eine Abfolge dreier großer Kränkungen des menschlichen Selbstwertgefühls beschrieben. Nicolaus Copernicus hatte entdeckt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, Charles Darwin, dass der Mensch dem Tierreich entstammt, Freud selbst erkannte, dass das bewusste Denken vom Unbewussten bestimmt wird.

Wirklich bewältigt hat die Menschheit von diesen drei "Kränkungen" nur eine einzige, die kopernikanische. Wir haben uns damit abgefunden, dass unsere Erde im Universum keine besonders auffällige Stellung einnimmt. Dagegen ist Freuds Psychoanalyse, wie die Aufregung über manche Arbeitsergebnisse der neueren Hirnphysiologie zeigt, in ihrer Tragweite noch gar nicht recht bewusst geworden. Und Charles Darwin bleibt, 200 Jahre nach seinem Geburtstag am 12. Februar 1809 und 150 Jahre nach dem Erscheinen seines Werkes über den "Ursprung der Arten" im November 1859, umstritten wie eh und je. Nicht gerade in biologischen Fachkreisen, jedoch beim breiten Publikum, und das nicht nur in den USA, dem Mutterland des "Kreationismus", sondern auch hierzulande. Nur jeder vierte Amerikaner, ergab vor drei Jahren eine Umfrage, hält die Lehre von der Evolution der Lebewesen durch natürliche Auslese für richtig. Für die deutschsprachigen Länder Mitteleuropas werden Zahlen zwischen 40 und 60 Prozent genannt.

Titelblatt der "Entstehung
der Arten", 1859

Dabei ist die Evolution inzwischen besser belegt als so vieles, was von niemandem ernsthaft in Zweifel gezogen wird, sagen wir beispielsweise, um bei den Interessen der Kreationisten zu bleiben, die historische Existenz des Jesus von Nazareth. Darwin selbst war bereit gewesen, durch Empirie dazuzulernen und umzudenken. Als er 1831 mit dem britischen Vermessungsschiff "Beagle" auf Weltreise ging, war er Anhänger der Schöpfungslehre, die der Theologe William Paley 1802 vorgelegt hatte: Aus der Zweckmäßigkeit, mit der die Teile eines lebenden Organismus zusammenwirken, sei auf einen vorausschauenden Schöpfer zu schließen, einen "Designer". Als Darwin nach seiner Rückkehr die mitgebrachten Materialien und Notizen systematisch durchging, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er bekehrte sich zur Evolutionstheorie: Die heute lebenden Organismen seien das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte.

Den Anstoß werden seine Studien zur Geologie gegeben haben. In den 6.000 Jahren, die der Bibel zufolge seit der Schöpfung verstrichen sein sollten, war eine solche Evolution nicht unterzubringen. Aber wie, wenn die Erdgeschichte viele Jahrtausende umfasste? Der eine oder andere Zweifel mag ihm bereits während der Reise gekommen sein, als er die Tierwelt Südamerikas und der Galápagos-Inseln studierte. Kein Wunder, schon sein Großvater Erasmus hatte mit dem Gedanken gespielt, alle Lebewesen könnten von gemeinsamen Vorfahrenpaar abstammen – sozusagen die Übertragung der biblischen Erzählung von Adam und Eva auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich. Ausgerechnet den berühmten "Darwinfinken", die heute als Musterbeispiel der Evolution gelten, scheint Charles zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Erst durch die Arbeit des Zoologen John Gould, dem er viele seiner Tierpräparate von der Weltreise übergeben hatte, wurde er auf die Vögel aufmerksam.

Darwin ließ sich mehr als zwei Jahrzehnte Zeit, seine Theorie zu formulieren; das Buch über die "Entstehung der Arten durch natürliche Auslese oder das Erhaltenbleiben der begünstigten Rassen im Ringen um die Existenz" erschien erst im November 1859. Vielleicht hätte er noch länger gezögert, wäre ihm nicht im März 1858 ein Manuskript seines Kollegen Alfred Russel Wallace zugegangen, der aus seinen Studien in Indonesien ganz ähnliche Schlüsse gezogen hatte. Es gab ein gentlemenly agreement: Beide Forscher stellten ihre Arbeiten gemeinsam in der "Linnean society" vor. Wallace selbst soll später für die neue Lehre den Ausdruck "Darwinismus" geprägt haben. Die Evolutionsfrage stand damals ganz vorn auf der Tagesordnung des wissenschaftlichen Fortschritts. Der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck hatte 1809 die These vom ständigen Wandel der Tier- und Pflanzenarten in Harmonie mit ihrer Umgebung vorgelegt: Nicht mehr benötigte Organe würden verloren gehen, erforderliche neu entwickelt, Lebewesen könnten ihre durch Gebrauch erworbenen Eigenschaften an die Nachkommen weitergeben.

Karikatur von 1861
Bild: UK1861
Lamarcks Paradebeispiel war der Giraffenhals: Bei Dürre, wenn es Futter nur noch auf hohen Bäumen geben, müssten die Giraffen ihren Hals strecken, in der Generationenfolge werde er damit immer länger – eine Rekonstruktion, die vielen Kollegen jedoch als teleologisch verdächtig war. Dennoch hat der Lamarckismus immer wieder seine Anhänger gefunden. Berühmt-berüchtigt sind die Versuche des sowjetischen Biologen Trofim Denissowitsch Lyssenko, der Getreidekörner durch Kälteschock für das sibirische Klima rüsten wollte. Darwins Ehrgeiz zielte darauf ab, die Evolution ohne Zweckursachen, also rein kausal, zu erklären. Sein Modell war von genialer Simplizität: In jeder biologischen Population gebe es erbliche Varietäten; die der jeweiligen Umwelt entsprechenden Varianten hätten die größeren Chancen, zu überleben und sich zu vererben.

Damit verallgemeinerte Darwin das Bevölkerungsgesetz, das der Ökonom Thomas Malthus bereits 1798 aufgestellt hatte: Nicht nur der Mensch, auch alle anderen Arten brächten mehr Nachkommen hervor als überleben können. "Natural selection" bezeichnete Darwin den Mechanismus schon im Titel seines Buches, genauer: "Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life". "Mir ist, als gestünde ich einen Mord ein", schrieb Darwin im Brief an einen Freund. In der Tat, in den Augen vieler Zeitgenossen war es schlimmer als ein Mord. Der Mensch sollte – ohne den besonderen Schöpfungsakt, von dem die Bibel erzählt – aus dem Tierreich hervorgegangen sein, populär ausgedrückt: vom Affen abstammen. Eine Schändung der Menschenwürde und ein Attentat gegen den Schöpfergott. Nicht dass der Darwinismus mit dem christlichen Gottesglauben grundsätzlich unvereinbar gewesen wäre; aber er bot die Möglichkeit, sich die Entwicklung des Lebens auch ohne eine solche planende Intelligenz vorzustellen. Waren damit nicht auch die Grundlagen jeder Moral und gesellschaftlichen Ordnung in Frage gestellt?

Die Zeitgenossen erkannten sehr rasch, welche Diskussionen da anstanden, obwohl Darwin es  zunächst bei einer vagen Andeutung beließ: "Es wird Licht fallen auf den Ursprung des Menschen und seiner Geschichte." Erst 1871 kam das zweite von Darwins Skandalbüchern heraus: "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Auslese". Die Gesellschaft des viktorianischen Zeitalters war erneut schockiert. Sollte die Entwicklung des Menschen tatsächlich derart vom Unterleib abhängen? Darwin selbst wurde von ganz anderen Zweifeln geplagt. Er war sich bewusst, dass er den Vererbungsvorgang nicht erklären konnte. Diese Lücke wurde erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts geschlossen, als Watson und Crick die Desoxyribonukleinsäure entschlüsselten.

Karikatur aus dem Jahr 1861 
Bild: Hornet

Trotz seines Gedankens, er habe gerade einen Mord gestanden – Darwin sah sich mit seiner Theorie streng in den Bahnen abendländischer Tradition. "Platon sagt im Dialog ‚Phaidon’", ist in einer Notiz aus dem Jahr 1838 zu lesen, "dass unsere eingeborenen Ideen von der Präexistenz der Seele herrühren, nicht aus der Erfahrung abgeleitet werden können." Und dann folgt der Halbsatz, der jene, mit Sigmund Freud zu sprechen, zweite große "Kränkung" menschlichen Selbstwertgefühls begründete: "Lies Affen für Präexistenz." Eine Aneignung der Tradition, die man naiv nennen kann; Platon hatte an eine Vergangenheit der Seele nicht in dieser Welt, sondern in einer Über- (oder auch Hinter-)welt gedacht. Das Problem, das hinter dieser Notiz steht, ist bis heute ungelöst: Konzepte wie "Ich", "Bewusstsein", "Wille" einerseits, die Erkenntnisse der Hirnphysiologie, Gen- und Evolutionsbiologie andererseits – das sind verschiedene Perspektiven, die sich nicht miteinander verrechnen lassen.

Es gab auch Stimmen, die der "Kränkung" ihren Beifall zollten. Darwins Theorie passe ihm "als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes", schrieb Karl Marx in einem Brief. In Darwins Lehre sei "unter den Bestien und Pflanzen die englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte und Erfindungen und Kampf ums Dasein" wiederzuerkennen. Darwin hatte der Natur ihre historische Dimension gegeben; da lag es nahe, umgekehrt auch die Konkurrenz sozialer Gruppen nach Art des biologischen "struggle for life" zu deuten, Natur und Geschichte im Zeichen des Glaubens an einen Fortschritt zu immer höherer Perfektion zusammenfließen zu lassen. Einer von Darwins Anhängern, der Gesellschaftstheoretiker Herbert Spencer, prägte hierfür den Ausdruck "survival of the fittest". "Fit" sollte bedeuten: an die jeweils gegebenen Umweltbedingungen gut angepasst. Populär wurde daraus das Überleben des "Stärkeren", womöglich nicht nur im Sinn einer Analyse, sondern als ethisches Postulat.

Ein typisches Beispiel für die "sozialdarwinistischen" Geschichtsdeutungen, die sich an Darwins naturwissenschaftliche Erkenntnisse anschlossen: "Der Pfad des menschlichen Fortschritts ist übersät mit verfaulenden Gebeinen alter Nationen, überall können wir die hinterlassenen Spuren minderwertiger Rassen sehen ... Doch diese toten Nationen und Rassen sind in Wahrheit die Stufen, auf denen die Menschheit zu der höheren intellektuellen Stufe des heutigen Lebens emporgestiegen ist." So der britische Mathematiker Charles Pearson 1901. Darwins Vetter Francis Galton gab dem Sozialdarwinismus eine etwas andere Wendung, er malte die Gefahr an die Wand, in der modernen Zivilisation könne die natürliche Auslese nicht mehr funktionieren, die an sich überlegenen Menschenrassen würden womöglich durch die minderwertigen überflutet – also müsse der Evolution durch Eugenik nachgeholfen werden.

Charles Darwin, Fotografie, um 1859/
1860 - Bild: Wikipedia

Generationen von Sozialtheoretikern in Großbritannien und Nordamerika wie auf dem europäischen Kontinent diente der "Darwinismus" mit dem "Kampf ums Dasein" zur Legitimation von Krieg und Rassismus. Das nationalsozialistische Deutschland steigerte diesen "Sozialdarwinismus"  bis zum Völkermord. Dabei ist die ideologische Ummünzung von Darwins Evolutionstheorie keineswegs das Eigentum der politischen Rechten. Wenn die englische "Fabian society", die Urzelle der späteren "Labour party", Sozialreformen forderte, dann – so ihr führender Theoretiker Sidney Webb – auch, um "einer weiteren Verschlechterung in der Rassensubstanz, ja dem Selbstmord der Rasse" vorzubeugen. Ein anderer Vertreter, der Romancier H. G. Wells, erklärte, die "Schwärme schwarzer, brauner, schmutzigweißer und gelber Völker" hätten auszusterben. Ihre Schwächen stellten einen Infektionsherd dar, der die höher gearteten Völker anstecken könne.

Es gab den Sozialdarwinismus, darüber darf der aktuelle Protest christlich-fundamentalistischer Gruppen gegen die darwinistische Evolutionslehre nicht hinwegtäuschen, auch in dezidiert christlicher Version. "Es scheint, als ob die minderwertigen Rassen nur die Verkünder des Kommens der höherstehenden Rasse seien, Stimmen, die in die Wildnis rufen: ‚Bereitet dem Herrn den Weg!’", predigte 1885 ein gewisser Reverend Josiah Strong von der Evangelical Society of the United States. Der Forscher selbst muss in seinen letzten Lebensjahren den vielen Verwertungen, die an seine revolutionäre Theorie herangetragen wurden, etwas rat- und hilflos gegenübergestanden haben. Man suche vergeblich, stellt der Münchner Historiker Hannsjoachim Koch fest, nach Äußerungen Darwins, mit denen er "sozialdarwinistischen" Tendenzen entgegengetreten wäre. Wollte er seine Anhänger nicht verunsichern? War ihm selbst nicht recht klar, welche Folgerungen aus der Evolutionslehre wissenschaftlich vertretbar sein mochten und welche pure Ideologie waren? Darwin schwieg – und ließ damit auf sein Lebenswerk einen langen Schatten fallen.


Mehr im Internet:
Charles Darwin - Wikipedia
scienzz artikel Der Streit um die Evolution







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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