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26.01.2009 - GESCHICHTE

Deutsche Treue - wel(s)che Tücke!

Über poltische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne

von Josef Tutsch

 
 

"Treu der Verfassung": Reichsmarkmünze
von 1929

Der Wiener Satiriker Karl Kraus hatte wohl Recht, erst der Druckfehler bietet manchmal den authentischen Text. "Ich habe eine Filmanzeige gesehen", berichtet in Kraus’ Drama "Die letzten Tage der Menschheit", das im Ersten Weltkrieg spielt, der Nörgler, "mit dem packenden Titel: Deutsche Treue – welsche Tücke!" "Nun, das ist doch in Ordnung?" fragt sein kriegsbegeisterter Gesprächspartner, der Optimist. "Das würden Sie nicht finden, wenn Sie es gelesen hätten. Ein Dämon hatte im dritten Wort einen Buchstaben weggelassen."

Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben uns Vorsicht gelehrt beim Umgang mit dem Wort "Treue". Das Motto auf den Koppelschlössern der SS "Meine Ehre heißt Treue" gehört in Deutschland und Österreich zu den durch das Strafgesetzbuch verbotenen Parolen. Andererseits: "Ohne die Erscheinung,  die wir Treue nennen, würde die Gesellschaft überhaupt nicht in der tatsächlich gegebenen Weise irgend eine Zeit hindurch existieren können", stellte vor hundert Jahren der Soziologe Georg Simmel fest. Eine Aussage, der sich schwer widersprechen lässt: Andere Momente wie "Eigeninteresse und Suggestion, Zwang und Idealismus, mechanische Gewohnheit und Pflichtgefühl, Liebe  und Trägheit", so Simmel, "würden sie vor dem Auseinanderbrechen nicht bewahren können, wenn nicht alle durch das Moment der Treue ergänzt würden". Oder auf Dauer gestellt würden.

Ein Forscherkreis um die Historiker der Universität Tübingen hat sich der Frage gewidmet, welche Rolle die Berufung auf Treue in der neueren deutschen und europäischen Geschichte gespielt hat. "Treue bis in den Tod": Diese Floskel, mit der militärischer Gehorsam hochgelobt worden ist, findet sich freilich ebenso gut auf Hundegrabsteinen. Die Tiefendimension wird erst bei einem Blick in die Bibel deutlich, in die Offenbarung des Johannes: "Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Wortkombinationen wie "deutsche" oder auch "germanische" Treue, stellt der Frankfurter Historiker Raphael Gross fest, waren "eng mit dem Anfang des deutschen Nationalgefühls verbunden".

Johann Heinrich Füssli;
Schwur auf dem Rütli, 1780
Bild: Rathaus Zürich

Den Ursprung dieses Stereotyps lieferte pikanterweise der römische Geschichtsschreiber Tacitus, als er den Germanen – wohl in kritischer Wendung gegen die römische Gesellschaft seiner Zeit – die Tugend der "Treue" attestierte. Der Tübinger Historiker Nikolaus Buschmann hat die Erfindungsgeschichte der germanischen oder deutschen Treue seit dem späten Mittelalter nachgezeichnet. Sie begann im 15. Jahrhundert, nachdem die "Germania" des Tacitus wiederentdeckt worden war. Der Dichter Conrad Celtis entwickelte den Gedanken, die Deutschen könnten zu alter Größe zurückfinden, wollten sie sich nur vom Lebensstil der romanischen Völker abkehren und sich auf ihre germanischen Wurzeln besinnen – vor allem auf die von Tacitus beschriebene Treue.

Der Höhepunkt war in Romantik und Nachromantik erreicht. Treue sei die "beseelende und erhaltende Kraft des germanischen Lebens" gewesen, schrieb 1830 Ludwig Uhland. "Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang", dichtete Hoffmann von Fallersleben 1841 in seinem "Lied der Deutschen". Und 1924 legte der Psychologe Max Wundt eine Abhandlung vor mit dem Titel: "Die Treue als Kern deutscher Weltanschauung". "Wenn alle untreu werden, bleiben wir doch treu", sang bereits 1814 in den "Befreiungskriegen" gegen Napoleon der Dichter Max von Schenkendorf. Womit wir wieder bei der SS wären: Schenkendorfs "Treuelied" wurde bei der Vereidigung ihrer neuen Rekruten gesungen. 

Geschuldet war die Treue, so ist in einem Buch des Rechtshistorikers Heinrich Brunner von 1928 zu lesen, dem "Gemeinwesen". Gleich im nächsten Satz wird aber deutlich, was das konkret bedeuten musste: "Im fränkischen Reich erscheint die Treue zum Gemeinwesen als Treue zum Träger der Reichsgewalt, als Königstreue." Ein paar Jahre später brauchten die Juristen des Nationalsozialismus den König bloß durch den Führer auszutauschen.

Heinrich Mitteis schrieb 1940 – in Bezug auf das Mittelalter –, dass der "Führer des ihm durch Treuebande verbundenen Volkes die Staatsgewalt im wahrsten Sinne des Wortes wahrte".

Jacques-Louis David: Schwur der
Horatier (Ausschnitt), 1784
Bild: Louvre, Paris

Hans-Georg Hermann, Rechtshistoriker an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zeigt auf, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht 1975 versucht hat, sich davon abzusetzen: Die Treuepflicht des Beamten sei "nicht eine Verpflichtung, sich mit den Zielen oder einer bestimmten Politik der jeweiligen Regierung zu identifizieren. Gemeint ist vielmehr die Pflicht zur Bereitschaft, sich mit der Idee des Staates, dem der Beamte dienen soll, mit der freiheitlichen demokratischen, rechts- und sozialstaatlichen Ordnung dieses Staates zu identifizieren."

Dass die Diskussion über die Zulassungsvoraussetzungen für den öffentlichen Dienst – Stichwort "Radikalenbeschluss" – damit nicht abgeschlossen war, sondern erst richtig losging, ist sattsam bekannt. "Diese so genannte politische Treuepflicht des Beamten stellt ein Erbe der Kaiserzeit dar", resümiert Hermann, das die folgenden Systemwechsel wenigstens dem Grundsatz nach überstanden habe. Ein Streiflicht auf die Weimarer Republik: 1922 wurden die Reichsbeamten verpflichtet, sich in ihrer "amtlichen Tätigkeit für die verfassungsmäßige republikanische Staatsgewalt einzusetzen"; ihnen wurde verboten, sich selbst außerhalb des Dienstes monarchistisch oder antirepublikanisch zu äußern. Andererseits galt Art. 130 der Weimarer Verfassung: "Allen Beamten wird die Freiheit ihrer politischen Gesinnung und die Vereinigungsfreiheit gewährleistet."

Die Verfassung wollte die neue Republik formal, das Reichsbeamtengesetz wollte sie auch inhaltlich vom vorangegangen Kaiserreich abgrenzen – ein schwieriger Balanceakt. An dieser Stelle zeigt sich das empfindlichste Manko dieses Bandes. Der Leser vermisst eine rechtsvergleichende Darstellung: Wie eigentlich gehen andere demokratische Staaten in dieser Hinsicht – ob nun mit oder ohne ausdrückliche "Treue"-Formeln – mit ihrem öffentlichen Dienst um? Oder mit ihrem Militär, soweit es sich ebenfalls um Wehrpflichtarmeeen handelt? "Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen ...", heißt es in der Eidesformel der deutschen Bundeswehr.

Göttliche Strafe für Treuebruch: König
Haralds Tod, Teppich von Bayeux, um
1080.- Bild: Städt. Museum Bayeux

Ausgerechnet die militärische Eidesformel des Dritten Reiches, die bekanntlich auch die Verschwörer vom 20. Juli 1944 in schwere Gewissenskonflikte stürzte, verzichtete übrigens auf den Treuebegriff und formulierte: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten will ... In einem Beitrag der Augsburger Nachwuchshistorikerin Alexa Gattinger über England im Ersten Weltkrieg wird ein mögliches Gegenmodell zur deutschen Treueideologie immerhin in Umrissen deutlich. Im Gegensatz zu Deutschland, berichtet Gattinger, "kam auf der Insel dem Begriff der ‚Duty’, Pflichterfüllung, eine zentrale Bedeutung zu. Vor allem Nelsons berühmte Forderung ‚England expects every man to do his duty’, die der Admiral am Tag der Schlacht von Trafalgar 1805 aufgestellt hatte, entwickelte sich zu einer wirksamen Losung nationaler Mobilisierung."

Wo die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Formeln liegen, wäre wohl noch genauer zu untersuchen. Aber zurück zur deutschen Geschichte. Das Dritte Reich, so Hermann, wollte eine Treuepflicht nicht bloß für die Beamten, sondern für alle "Reichsbürger" einführen. Eines der Nürnberger Gesetze von 1935 forderte auf der Grundlage der "Staatsangehörigkeit deutschen oder artverwandten Blutes", die als objektive Voraussetzung verstanden wurde, zusätzlich eine subjektive Voraussetzung: dass Wille und Eignung, "in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen", durch entsprechendes Verhalten bewiesen werden müssten.

Eine Broschüre, die 1943 für die Schulungen der Hitlerjugend geschrieben wurde, stellte den Zusammenhang beider Momente klar: "Deine Ehre ist die Treue zum Blute deines Volkes." Das Vorhaben, etwa 40 Millionen Reichsangehörige systematisch auf "Treue" hin zu durchleuchten, blieb unausgeführt. Die Idee, alle Bürger auf Treue verpflichten zu wollen, lebte nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch fort. Der Herrenchiemseer Entwurf für das Grundgesetz enthielt die Bestimmung "Jeder hat die Pflicht der Treue gegen die Verfassung"; der Parlamentarische Rat sah aber davon ab. "Hinreichend treuekonformes Verhalten ist heute schon dann zu attestieren, wenn passiv Nichtstörung gelebt wird", stellt Hermann nüchtern fest.

Nibelungentreue bis in den Tod:
Kriemhild zeigt Hagen das Haupt
König Gunthers, von J. H. Füssli,
um 1804 - Bild: Kunsthaus Zürich

Und sicherlich wird heute kaum ein ernst zu nehmender Historiker die These von einer im deutschen oder germanischen Volkscharakter irgendwie begründeten besonderen Tugend der Treue unterschreiben wollen. Wie das in der rechten Traktatenliteratur aussehen mag, ist natürlich eine ganz andere Frage.
Ob in solchen Kreisen eigentlich noch
das Nibelungenlied gelesen wird, das Hohelied der deutschen Treue, der "Nibelungentreue", wie man früher sagte? Bei näherer Betrachtung, meint Nikolaus Buschmann, handelt es sich doch um "ein Lehrstück über das unvermeidliche Scheitern der ‚deutschen Treue’", mit einem niederschmetternden Resümee in
der letzten Strophe: "Ich sag euch nun nichts weiter von der großen
Not, die da erschlagen waren, die lasset liegen tot."



Neu auf dem Büchermarkt:

Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne,herausgegeben von Nikolaus Buschmann und Karl Borromäus Murr,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-36749-7, 54,90 €



Mehr im Internet:

Treue - Wikipedia 



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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