Das Fastnachtsspiel - ein Blick auf die deutsche Volkskultur des 15. und 16. Jahrhunderts
Schalksnarr, Holzschnitt von
Heinrich Vogtherr d. J., 1540
Fastnacht in einer deutschen Stadt, vielleicht in Nürnberg, irgendwann um 1500. In einer Kneipe wird ausgelassen gefeiert. Da öffnet sich plötzlich die Tür, ein paar junge Leute stürmen in die Stube; einer von ihnen begrüßt den Wirt und die Gäste, etwa so: "Nun schweigt eine Weile und redet nicht viel und hört, was ich euch sagen will! Hier werdet ihr hören ein Fastnachtsspiel." Und schon geht es los. Eine Viertel-, vielleicht auch eine halbe Stunde lang wird eine lustige Geschichte aufgeführt – von untreuen Ehefrauen und lüsternen Pfaffen, verschlagenen Studenten und tölpelhaften Bauern. Dann ziehen die Spieler weiter in die nächste Kneipe, nicht ohne zuvor noch einen mehr oder weniger derben Witz zu bringen. Oder statt dessen eine halb und halb sogar ernsthafte Belehrung, zum Beispiel dem Bier nicht allzu kräftig zuzusprechen.
Solche Szenen waren im 15. und 16. Jahrhundert in vielen deutschen Städten ein fester Bestandteil der Karnevalskultur. Aus Nürnberg ist bekannt, dass diese "Fastnachtsspiele" von den Handwerkerzünften organisiert wurden. Die Gesellen hatten einen Spielführer an ihrer Spitze, "Hauptmann" genannt, der beim Stadtrat die Erlaubnis einholte, in den Tagen und Wochen vor Aschermittwoch mit der Truppe umherziehen zu dürfen. Wie die Ratsakten, die großenteils noch erhalten sind, belegen, war die Erlaubnis regelmäßig mit einer Auflage verbunden: Um zu verhindern, dass jemand unerkannt über die Stränge schlug, durften die Spieler keine Masken tragen. Oft wurde die Truppe auch ermahnt, nur "zuchtige reimen" zu gebrauchen, das heißt von allzu unflätigen Texten abzusehen.
Eine Mahnung, die vielleicht mit einem Augenzwinkern erteilt wurde; jedenfalls kann der Rat die Einhaltung nicht gar so streng überwacht haben. Allein aus Nürnberg sind mehr als einhundert Spieltexte überliefert, die zeigen: Eine wohlanständige Sprache, wie sie die deutsche Komödie seit dem 18. Jahrhundert geprägt hat, war beim Publikum des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit nicht gefragt. Vor allem die frühen Stücke strotzen nur so von sexueller und fäkaler Metaphorik. Alltagssprache eben – die Anfänge des Fastnachtsspiels waren noch von den Gepflogenheiten der Stegreifdichtung geprägt. Es gab kein Bühnenbild und so gut wie keine Requisiten. Gelegentlich wurde vielleicht ein Thron benötigt, um einen der Spieler als König zu markieren – man nahm einen der Wirtshausstühle.
Pieter Brueghel d. Ä.: Der Streit zwischen Fasten und Fastnacht, um 1559 Bild: Kunsthistorisches Museum Wien
Auch dramatische Ver- wicklungen gab es zunächst nicht. Die Spieler brachten der Reihe nach ihre Sprüche; weder mit den geistlichen Mysterienspielen, wie sie damals zu Weihnachten und Ostern aufgeführt wurden, noch gar mit der antiken Komödie ist ein Zusammenhang zu erkennen. Eines der ältesten erhaltenen Spiele, geschrieben um 1445 vielleicht von dem Nürnberger Büchsenmeister Hans Rosenplüt, lässt die Voraussetzungen erahnen, aus denen die Form entstanden sein mag. Es geht in den knapp einhundert Versen um einen Rechtsstreit. "Fastnacht" und "Fastenzeit" pochen jeweils auf ihren Vorrang, der Richter und die fünf Schöffen geben nacheinander ihr Urteil ab. Die Schlussverse machen deutlich: Beides, Fastnacht und Fastenzeit, zielen auf Ostern hin, auf das Fest der Erlösung.
Der Gedanke an das kommende Fasten wird damals in allem Trubel immer präsent gewesen sein. So scheint ein Stück wie die "Gouchmat" des Basler Buchdruckers Pamphilus Gengenbach aus dem Jahr 1516 denn auch von Aschermittwochsstimmung durchzogen. Gengenbach hat eine ganze Festversammlung liebestoller Narren auf seine Fastnachtsbühne gebracht. Fazit des Spiels: Alle suchen die Erfüllung, niemandem wird sie gewährt. Aber das Themenspektrum hatte sich enorm ausgeweitet. Besonders gern amüsierten sich die Bürger einer solchen Stadt im späten Mittelalter offenbar über Mönche und Priester, die allemal im Verdacht standen, die Ehefrauen und Töchter ihrer Schäflein verführen zu wollen; an die Kirche selbst konnten sich die Stückeschreiber in diesen Jahrzehnten vor der Reformation wohl noch nicht herantrauen.
Und dann über die Bewohner des Umlandes – der dumme Bauer war die beliebteste Figur in diesen Stücken. Aber manchmal wurde dieses Feindbild auch ins Positive gewendet. Aus der Feder des Nürnberger Barbiers Hans Folz stammt ein Gespräch zwischen dem biblischen König Salomon und dem Bauern Markolf, die Dialogisierung eines alten Schwankstoffes, worin der weise König gegenüber dem schlagfertigen Bauerntölpel den kürzeren zieht. Der spritzige Dialog könnte leicht verdecken, dass Folz nicht nur witzig und lustig sein wollte. Fast ein Zehntel der Nürnberger Stücke, berichtet der Literaturwissenschaftler Dieter Wuttke, wollen eigener Erklärung zufolge gar keinen Beitrag zur Fastnachtsunterhaltung leisten, sondern vielmehr den Trubel durch ernste Besinnung unterbrechen. Und in diesen Stücken geht es, wie in den Spielen zu Geburt, Passion und Auferstehung Jesu Christi, vor allem um den Vorrang des Neuen Bundes vor dem Alten, des Christentums vor dem Judentum.
Moderne Illustration zu Hans Sachs Fastnachtsspiel "Das Kälberbrütem", 1919 Bild: Weber-Museum
Zwei von Folz’ Fastnachtsspielen – ja, es handelt sich tatsächlich um Fastnachtsspiele – gipfeln in der öffentlichen Demütigung und Misshandlung von Juden. Aber selbst hiervon abgesehen – wenn sowohl ernste als auch ausgelassene Szenen unter dem gemeinsamen Titel "Fastnachtsspiele" aufgeführt werden konnten, ist das nur unter der Voraussetzung verständlich, dass der Karneval eben nicht bloß Ausschweifung war, sondern im Rahmen des Kirchenjahres seinen theologischen Sinn hatte. Das Ende dieser Tradition kündigte sich an, als Martin Luther 1519 in seinem "Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi" jede theatralische Darstellung der biblischen Geschichte rigoros abwertete und statt dessen Nachfolge Christi in der alltäglichen Lebenspraxis forderte. Eine Wendung zur Ernsthaftigkeit, die freilich überkonfessionell ablief, in der Reformation wie in der Gegenreformation.
In Lübeck, wo – parallel zu den Nürnberger Fastnachtsspielen – das "Vastelavendes Speel" gepflegt wurde (allerdings nicht von Handwerkszünften, sondern vom Patriziat der Stadt), zeichnete sich diese Wende bereits im 15. Jahrhundert ab. "Kein Lübecker Spiel", so Wuttke, "zielt so ausgelassen grobianisch auf reine Unterhaltung ab wie das Gros der Nürnberger. Sämtliche Spiele haben eine belehrende Norm." Wahrscheinlich jedoch wurde weder die Lübecker Spieltradition durch die Nürnberger hervorgerufen noch umgekehrt. Wuttke vermutet eher, dass beide Städte aus den Niederlanden ihre Anregung erhielten, ebenso wie ja auch die holländische und flämische Malerei damals nach ganz Europa ausstrahlte. Belegen lässt sich diese These bisher jedoch nicht, da sind noch viele Forschungsfragen offen.
Insgesamt finden sich im 15. und 16. Jahrhundert Fastnachtsspiele an fast sechzig Orten bezeugt, von Köln bis Salzburg, von Zürich bis Riga. In der Schweiz wurde die Form zu monumentaler Größe ausgebildet. Ein Stück, aufgeführt 1593 in Luzern, bestand aus einundzwanzig Akten und benötigte rund einhundert Darsteller. Das war zwei Generationen nach Luther und Zwingli ein sehr katholisches Spiel. In Bern dagegen wurde das Fastnachtsspiel in den Dienst der protestantischen Reformation gestellt. Die Stücke eines Niklaus Manuel aus den 1520er Jahren sind wahre Kampfdramen gegen den katholischen Klerus und den Papst. Die Freie Reichsstadt Nürnberg wiederum verhielt sich vorsichtig. Es ist nur ein einziges Fastnachtsspiel mit offen antikatholischer Polemik bekannt; nach wenigen Aufführungen wurde es vom Stadtrat verboten.
Hans Sachs, Holzschnitt von Hans Brosamer, 1545
Hans Sachs, der Meistersinger, den Richard Wagner später auf die Opernbühne brachte, war der große Dichter des Nürnberger Fastnachtsspiels in diesen Jahrzehnten. Fünfundachtzig solcher Stücke soll er von 1517 bis zu seinem Tod 1576 geschrieben haben. Mit ihren gerade mal drei- oder vierhundert Versen handelt es sich um kleine Komödien. Ein fahrender Schüler luchst einer Bäuerin Geld und Kleider ab, indem er ihr weismacht, er habe ihren mittellosen Mann im Paradies gesehen und wolle sie ihm auf seiner nächsten Reise aushändigen; als der Ehemann davon erfährt und sich die Beute zurückholen will, bringt der Schüler auch noch das Pferd des Bauern in seinen Besitz. Ein Ehemann, den seine Frau der Untreue verdächtigt, besteht durch einen Trick die Probe mit dem heißen Eisen und kann seine Frau überführen, dass sie selbst es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hat. Usw. usf.
Schwänke, die mit dem Fastnachtstrubel allenfalls noch in losem Zusammenhang standen; nur konsequent, dass Sachs in seinen Stücken auf die Eingangs- und Schlussformeln, die wie sie die alten Fastnachtsspiele des 15. Jahrhunderts bestimmt hatten, verzichten konnte. Zweihundert Jahre nach seinem Tod wurde Hans Sachs für die Literaturwelt wiederentdeckt; 1777 führte Goethe eines seiner Spiele vor der Weimarer Hofgesellschaft auf – es war die Zeit, wo die gebildeten Schichten ihr Interesse für die bislang verachtete "Volkskultur" entdeckten. Auch als Dichter hatte Goethe in den Jahren zuvor gelegentlich mit dieser Form experimentiert. Sein "Fastnachtsspiel vom Pater Brey" handelt davon, wie ein lüsterner Geistlicher genasführt wird, mit dem belehrenden Schluss: "Ihr Jungfrauen, lasst euch nimmer küssen von Pfaffen, die sonst nichts wollen noch wissen."
Eine neue Gattungstradition entstand daraus jedoch nicht. Die alte, volkstümliche Karnevalskultur – heute würden wir von "Straßenkarneval" sprechen – war weitgehend abgestorben; seit Reformation und Gegenreformation wetterten protestantische wie katholische Geistliche gegen die sündhaften Ausschweifungen. Adel und Bildungsbürgertum dagegen amüsierten sich auch in der Fastnachtszeit an anderen Theaterformen, zum Beispiel an der Oper. Und was heutzutage auf den "Sitzungen" praktiziert wird – mit Honoratiorenansprachen, Büttenreden, Tanzauftritten und Schunkelliedern – ähnelt mehr einer modernen Revue als den Fastnachtsspielen eines Rosenplüt, Hans Folz und Hans Sachs.
Abgebrochen ist die volkstümliche Tradition des Theaterspiels jedoch nicht, sie hat sich bloß von der Bindung an den jahreszeitlichen Anlass gelöst. Auch heute noch ist das eine oder andere von Sachs’ Stücken gelegentlich auf einer Liebhaberbühne zu sehen. Mit dem, was uns Tag für Tag über Fernsehen und Internet präsentiert wird, können freilich selbst die deftigsten Fastnachtsspiele aus dem 15. und 16. Jahrhundert nicht mithalten.
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