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30.01.2009 - PHILOSOPHIE

Zwei undankbare Töchter

Christen, Juden und Heiden in der Philosophie der Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Plünderung des Tempels in Jerusalem,
70 n. Chr., vom Titusbogen in Rom
Bild: Wikiipedia

"Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" fragt Lessings Nathan der Weise. Er fragt eigentlich nicht, für ihn ist klar, dass die Antwort Nein lauten muss; aber er weiß, dass andere das anders sehen, voran der Patriarch in Lessings Stück mit seinem "Tut nichts! Der Jude wird verbrannt." Menschen neigen dazu, die Menschheit in große Gruppen einzuteilen und aus dieser Einteilung drastische Konsequenzen zu ziehen. Die naturwissenschaftlich geprägte Epoche seit der Aufklärung hat biologisch (oder pseudobiologisch) mit einer weißen, einer schwarzen und einer gelben Rasse argumentiert; Spätantike und Mittelalter haben uns eine andere Einteilung nach Religionen vorgegeben: "Christen", "Juden" und "Heiden" – wobei die dritte Kategorie natürlich keine eigene Religion ist, sondern ein Sammelbegriff für alle anderen.

Dieser Dreiklang prägt das Geschichtsdenken des Abendlandes seit der Entstehung des Christentums. Die Völker der Alten Welt dachten in Zweierschemata: Das von Gott auserwählte Volk Israel einerseits, die übrigen Völker, die "Heiden", andererseits; oder, ohne religiösen Unterton, Griechen und Römer einerseits, die Barbaren andererseits. Erst durch die christliche Verkündigung wurde daraus eine Dreiheit: Erstens "wir", die Christen, das Neue Testament; zweitens die "Juden", die Christus nicht angenommen haben und beim Alten Testament verblieben sind; drittens alle anderen, die Völker da draußen, die erst noch missioniert werden müssen, die "Heiden".

Der Philosoph Horst Althaus, der bereits durch mehrere Bücher zur Ideengeschichte, von den Vorsokratikern über Hegel bis zu Nietzsche, hervorgetreten ist, hat jetzt eine umfassende Studie über die Rezeption dieses Dreierschemas in der Philosophie des 17. bis 20. Jahrhunderts vorgelegt, also über die Bearbeitung einer durch die beherrschende Religion Europas, das Christentum,  vorgegebenen Thematik in einer Zeit, die mehr und mehr bemüht war, sich von der Religion zu emanzipieren. Am Anfang von Althaus Streifzug durch die Philosophiegeschichte steht eine traumatische Erfahrung, der konfessionelle Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts in England – ein Einstieg, der zunächst einmal verwirren könnte. Der Bürgerkrieg vollzog sich nicht zwischen Christen, Juden und Heiden, sondern zwischen Fraktionen in einer einzigen dieser drei Kategorien. "Heiden" kommen in dem großen Staatsentwurf, den der Philosoph Thomas Hobbes 1651 in seinem Buch "Leviathan" vorlegte, nicht vor und das Judentum ist bloß als Vorgeschichte präsent: Der Bund Gottes mit dem Volk Israel im Alten Testament dient als Modell, wie es den Menschen gelang, vom Naturzustand, in dem der Krieg aller gegen alle herrscht, zu einem Staat mit bürgerlichen Gesetzen zu gelangen.

Papstaltar in der Peterskirche,
Rom - Bild: NicvK
Hobbes empfahl, den innerchristlichen Streitigkeiten auf der Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners ein Ende zu machen: "dass Jesus der Christus ist". Wie das zu verstehen sein mag, ist bis heute umstritten. War Hobbes ein gläubiger Anhänger der anglikanischen Staatskirche oder ein religiös desinteressierter Freidenker, womöglich ein Atheist, sozusagen ein "Heide", dem der Inhalt dieser Formel im Grunde höchst gleichgültig war? Althaus kommt zu folgendem Schluss: Mit seiner Zurückhaltung in fast allen inhaltlichen Fragen, auch mit seinen – wirklichen oder scheinbaren – Positionswechseln wollte Hobbes anzeigen, "für wie unsicher er die auf ‚Offenbarung’ gegründeten ‚Wahrheiten’ der ‚Religion’ hielt". In Fragen des Glaubens konnte das, was heute erlaubt war, morgen wieder verboten sein; im Zweifelsfall wollte Hobbes lieber das Ende des Bürgerkriegs abwarten, wo der gerade herrschende Regent dann bestimmen mochte, welche Glaubenssätze in England gelten sollten.

In fast dreißig Einzelstudien macht Althaus deutlich, wie sich die Hobbessche Position, die dem heutigen Leser oft so verwirrend uneindeutig vorkommt, in  die verschiedensten Richtungen weiterdenken ließ. Gotthold Ephraim Lessing wird den "Leviathan" nicht gelesen haben, als er im "Nathan" dafür plädierte, die Frage der religiösen Wahrheit auszuklammern, um zwischen Christentum, Judentum und Islam den Frieden herzustellen. Aber es gibt ein verbindendes Glied zwischen dem englischen Philosophen und dem deutschen Dichter, den holländischen Philosophen Spinoza. Der hatte jeden Anspruch seines, des jüdischen, Volkes auf "Auserwähltheit" radikal zurückgewiesen, den Einzigkeitsanspruch der jüdischen Religion radikal annulliert (und war dafür übrigens von der Amsterdamer Synagogengemeinde mit dem Bannfluch belegt worden). "Spinozisten", resümierte eine Generation später der Franzose Pierre Bayle, würden "alle diejenigen genannt, die keine Religion haben". Jedenfalls keine historisch vorgeprägte Religion.

Am Ende seines Bandes bespricht Althaus eine völlig entgegengesetzte Hobbes-Rezeption, jene des Staatsrechtlers Carl Schmitt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Wer Menschheit sagt, will betrügen", schrieb Schmitt und griff den Hobbes’schen Satz wieder auf, dass "Jesus der Christus ist". Die christliche Grundformel diente ihm jedoch nicht dazu, den inneren Frieden zu beschwören, sondern im Gegenteil den konfessionellen Bürgerkrieg zu erneuern, diesmal nicht innerchristlich, sondern gegen die Juden. Spinoza und Lessing verabscheute er als die großen "Neutralisierer", die das Christentum auf eine unverbindliche, allgemeine Gottgläubigkeit hin geführt hätten. In einem Aufsatz von 1936 berief Schmitt sich ausdrücklich auf einen Satz aus "Mein Kampf", mit dem Hitler seinen Antisemitismus in die Kontinuität des christlich-kirchlichen Antijudaismus stellte: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn."

Klagemauer vom Tempel in Jeru-
salem - Bild J.-L. Gérome
"Dass nichts, was die Nazis den Juden angetan haben, ihnen nicht auch von der katholischen Kirche angetan wurde", hat Max Horkheimer einmal behauptet. Das wäre, wörtlich verstanden, zweifellos eine Verharmlosung des Holocaust; aber ganz falsch ist es nicht. Carl Schmitts Vortrag auf dem Deutschen Juristentag 1936 über "Das Judentum in der Rechtswissenschaft" war nur ein spätes Glied in einer langen literarischen Tradition, die schon in den Evangelien des Neuen Testaments ihren Ausgang nahm und über die Kirchenväter und Thomas von Aquin und Martin Luther ("Von den Juden und ihren Lügen") bis beispielsweise zu Richard Wagner führte, "Das Judentum in der Musik". Aber bei Zuschreibungen wie Antijudaismus und Antisemitismus ist Vorsicht angebracht, das zeigt folgende Passage: "Welches ist die weltliche Kultur der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld."

Die beiden Sätze stammen weder aus einer kirchlichen noch aus einer nazistischen Feder, sie stehen in einer Schrift des jungen Karl Marx, der von seiner Herkunft her selbst Jude war, "Zur Judenfrage". Noch ein Satz aus dieser Schrift: "Die gesellschaftliche Emanzipation ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum." Gemeint war: vom Judentum ebenso wie vom Christentum. Ein weiteres Beispiel, wie nahe hier Missverständnisse liegen, Arthur Schopenhauer, vermutlich der erste Fall, dass ein großer Philosoph die "heidnischen" Religionen Asiens argumentativ ernst genommen hat: Die "Judenreligion" sei "die roheste aller Religionen", weil sie "nichts als Kriegsgeschrei bei Bekämpfung anderer Völker" liefere.

Wie war das gemeint? Die aufsteigende heilsgeschichtliche Linie, auf der Hegel die Entwicklung von den Chinesen, Indern und Persern über die Juden und die Griechen im Christentum gipfeln ließ, galt nicht mehr. Das Christentum, insoweit blieb Schopenhauer in alten Bahnen, sei dem Judentum überlegen; aber es mache mit der Einsicht in die Heillosigkeit des Lebens nicht Ernst, reiche nicht an den Pessimismus der buddhistischen und brahmanischen Lehren heran. Die Landnahme Kanaans im biblischen Bericht, schrieb Schopenhauer, sei ein "Mord- und Raubzug" gewesen, "auf Jehovas ausdrücklichen, stets wiederholten Befehl, nur ja kein Mitleid zu kennen". Aber der Philosoph wusste auch: Die Anhänger der beiden anderen großen monotheistischen Religionen sind diesem Vorbild gefolgt, indem "die Gläubigen einer jeden gegen die aller anderen sich alles erlaubt halten und daher von der äußersten Ruchlosigkeit und Grausamkeit gegen sie verfahren".

Die Kaaba in Mekka, Fotografie von 1937
Bild: Wikipedia
Ein Jahrhundert später hat der Historiker Arnold Toynbee diesen Gedanken fortgeführt, mit einem nochmals erweiterten Blick auf die Menschheitsgeschichte. Die jüdisch-christliche Tradition ist in universalhistorischer Betrachtung nur noch eine unter mehreren; Althaus zitiert einen autobiographischen Text, in dem Toynbee bekennt, dass für ihn persönlich auch innerhalb des abendländischen Denkens das "heidnische" Moment im Vordergrund gestanden habe: "Ich bin zufällig mehr griechisch als judäisch gesinnt – als christlich gesinnt mit anderen Worten. Ich glaube an keine judäische Konzeption der Natur von Gott und habe auch keine hohe Einschätzung von ihr." Aber vom Persönlichen einmal abgesehen: Seine welthistorische Bedeutung, stellt Toynbee fest, gewann das Judentum erst dadurch, dass es – unfreiwillig – zwei Weltreligionen begründen half, Christentum und Islam.

Undankbare Töchter, sozusagen, die ihre Mutter (diese Metapher findet sich bereits bei Voltaire) aus dem Haus jagten. Dahinter steht wohl ein psychologischer Mechanismus, den der Theologe Adolf von Harnack in einem Wort über die Ursprünge der christlichen Kirche zusammengefasst hat: "Verlassen kann man sie (die Synagoge) nur, indem man sie für unwert erklärt." Der Grund für dieses Unwerturteil ist noch in Karl Barths "Kirchlicher Dogmatik" bündig ausgesprochen: Der "heimliche Ursprung der Kirche" war "das der göttlichen Erwählung sich widersetzende Judenvolk".

Ein trennender Abgrund, der sich innertheologisch kaum überbrücken lässt, trotz aller Dialogbemühungen. Karl Jaspers hat es mit seinem Projekt eines "philosophischen Glaubens" ebenfalls versucht, freilich auf einer historisch nicht tragfähigen Grundlage. "Jesus war Jude, auch die Apostel waren ohne Ausnahme Juden", schrieb Jaspers. Soweit so richtig. Aber die Verfasser des Neuen Testaments (laut Jaspers "nicht weniger dem Judentum entwachsen als das Alte Testament") waren es zum größeren Teil nicht mehr, wollten sich auch nicht als Juden verstehen. Und darin hat Toynbee zweifellos Recht: Erst durch diese Ablösung, bei der das einfache Gegeneinander von Juden und Heiden durch eine dritte Kategorie ergänzt wurde, gewann die biblische Religion ihre menschheitsgeschichtliche Rolle. Althaus’ Studie zeigt, dass diese Thematik – ein Verwandtschaftsstreit, wenn man so sagen will – auch nach der Aufklärung noch die Ideenwelt bestimmt hat. Und manchmal, in Vermischung von religiösen mit rassischen Konzepten, auch die Politik.


Neu auf dem Büchermarkt:
Horst Althaus: "Heiden" – "Juden" – "Christen". Positionen und Kontroversen von Hobbes bis Carls Schmitt,
Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, IBN 978-3-8260-2158-8, 68,- €


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Dialog der Religionen und Kulturen




 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

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