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03.02.2009 - FRANZÖSISCHE LITERATUR
Ein Totentanz komischer Marionetten
Gründungsurkunde der Moderne - vor 250 Jahren erschien Voltaires philosophischer Roman "Candide"
von Josef Tutsch
 | | Francois Marie Arouet de Voltaire
Bild: NNDB
| | | "Thunder-ten-tronckh" und "Valdberghoff-trarbk-dikdorff": König Friedrich II. von Preußen, der die deutsche Sprache nicht mochte, wird mit Vergnügen gelesen haben, welche unaussprechlichen Namen sein Freund Voltaire den Figuren im Roman "Candide oder der Optimismus" verpasste. Ob er von dem fiktiven Quellenhinweis des Buches ebenso angetan war? "Aus dem Deutschen übersetzt von Herrn Doktor Ralph samt den Bemerkungen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er zu Minden im Jahre des Heils 1759 starb". "Minden", damit war eine Schlacht im Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen, Hannoveranern und Briten einerseits, Sachsen und Franzosen andererseits gemeint. Im Romantext ist – eine Ranküne Voltaires gegen den königlichen Freund, den er selbst doch als "den Großen" betitelt hatte – davon die Rede, dass "Bulgaren" und "Avaren" einander bekriegten.
Und ausgerechnet in Westfalen, wo diese ersten Kapitel spielen, wurde das Buch, nachdem es im Februar 1759 in Genf erschienen war, zunächst mit Missbilligung aufgenommen. Kein Wunder, Voltaire hatte durchblicken lassen, Sprache, Sitten und Lebensverhältnisse in Westfalen seien eines kultivierten Menschen unwürdig. Im Grunde war mit "Westfalen" das gesamte Land östlich des Rheins gemeint, mit Ausnahme allenfalls von Sanssouci, wo Voltaire zeitweise gern als Gast geweilt und sich mit dem König unterhalten hatte, in französischer Sprache, wie sich versteht.
So machte sich ein heimatstolzer Westfale, der Osnabrücker Rechtsanwalt Justus Möser, daran, einen "Anti-Candide" zu schreiben. Es war jedoch nicht nur verletzter Provinzpatriotismus, der Möser antrieb; er hatte hellsichtig erkannt, dass in Voltaires Roman eine ganze Weltanschauung für tot erklärt worden war, eben der "Optimismus", genauer: der Glaube, dass Gott die Welt zum Besten unseres menschlichen Schicksals eingerichtet habe. Möser war nicht bereit, diesen Totenschein hinzunehmen, und so revidierte er in seiner Fortsetzung von Voltaires Roman das skeptische Fazit: Der Optimist Pangloss mit seiner Predigt von der besten aller möglichen Welten, den Voltaire lächerlich gemacht hatte, erhielt eine ehrenvolle Anstellung als Schreiber in Westfalen, in jenem "schönsten und angenehmsten aller Schlösser", wo die Handlung ihren Anfang genommen hatte; Candide dagegen, den die Erfahrung immer und immer wieder eines Anderen, Schlechteren belehrt hatte, wurde erneut davongejagt.
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Titelblatt der Origigi- nalausgabe, 1759
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Möser argumentierte gar nicht philosophisch, sondern vielmehr lebenspraktisch: Der Glaube an eine gütige Vorsehung gebe dem Menschen mehr Trost als der Gedanke, dass der Zufall die Welt regiere. Diese Haltung wird typisch gewesen sein für die Aufnahme von Voltaires Roman beim europäischen Publikum. Bereits drei Jahre zuvor hatte Rousseau in einem offenen Brief an Voltaire geschrieben, der Optimismus lehre Geduld, gebe Hoffnung und spende Trost, während der Optimismus die Unglücklichen jeder Hoffnung beraube.
Es ging um das Erdbeben, das im November 1755 Lissabon erschüttert hatte. "Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen", erinnerte sich später Goethe. Voltaire zog eine andere Konsequenz als diese Gottesfürchtigen. Die herrschende Lehre, dass alles gut sei, wie Gottfried Wilhelm Leibniz sie in seiner Philosophie von der "besten aller möglichen Welten" ausgearbeitet, wie der Dichter Alexander Pope sie in Verse gefasst hatte – "whatever is, is right" – musste falsch sein.
Nicht dass Voltaire sich in seinem Roman, den er 1758 bei einem Aufenthalt am kurpfälzischen Hof in Schwetzingen schrieb, viel Mühe gemacht hätte, Leibniz und Pope argumentativ zu widerlegen; er gab sie, viel wirkungsvoller, in einer turbulenten Handlung, die alle Klischees der Liebes-, Reise- und Abenteuerromane aufnahm, der Lächerlichkeit preis. "Alles das ist nur zum Besten", wiederholt Pangloss, der Hausphilosoph des Barons Thunder-ten-tronck, nach dem Erdbeben zum x-ten Mal; er wird es noch einige Male sagen. Sein Schüler Candide kommt dagegen zu dem Schluss: "Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen erst die anderen sein!"
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Prager Flugblatt zum Erdbeben von Lissabon, 1756
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"Ein Totentanz komischer Marionetten", so der Historiker Paul Hazard über diesen Roman. Paul Klee hat ihn illustriert, Leonard Bernstein zu einem Musical verarbeitet. Aber es ist zugleich ein "philosophischer Roman", gedankenreich wie wenige andere in der Literaturgeschichte. "Ein gesundes Urteil verband sich bei ihm mit Arglosigkeit", heißt es gleich zu Beginn über den Titelhelden. "Aus diesem Grunde, glaube ich, wurde er Candide genannt" – der lateinische Name bedeutet übersetzt "treuherzig", in der ganzen Bandbreite dieses Wortes. Wie der Romanist Hugo Friedrich einmal festgestellt hat, ist Candide nicht nur ein tumber Tor, sondern zugleich ein Nachfolger des weisen, vom Unglück geplagten Hiob aus der Bibel.
"Wir haben in unserem Garten zu arbeiten", formuliert Candide die Weisheit, die ihm durch all die Unglücksschläge der Natur und der Geschichte zugefallen ist. Was die Naturkatastrophen betrifft, hat sich Voltaires Sicht à la longue durée durchgesetzt, nicht übrigens, ohne das der Roman drei Jahre nach seinem Erscheinen zunächst einmal auf dem Index der katholischen Kirche landete. Wenn nach dem Tsunami von 2004 eine Boulevardzeitung fragte "Wie kann die Natur so grausam sein?", kommt uns das hoffnungslos atavistisch vor, als Stimme aus einer Welt, die mit dem "Candide" doch bereits erledigt schien.
Dabei war Voltaire im Rahmen der französischen Aufklärung keineswegs ein Radikaler; er verstand sich nicht als Atheist, sondern als "Deist", hielt die Welt für das Werk eines weisen Schöpfergottes, von dem man freilich nicht erwarten durfte, dass er sich viel um Glück oder Unglück seiner Menschen kümmerte. Aber gerade in diesem Auseinandertreten von theologischer und humaner Betrachtung lag die entscheidende Wende, die aus dem "Candide" von 1759 eine Geburtsurkunde der Moderne gemacht hat, vergleichbar mitder Erfindung der Dampfmaschine 1765, Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" 1781 und dem Sturm auf die Bastille 1789. Der Philosoph Arthur Schopenhauer wollte der "Theodizee" seines Kollegen Leibniz kein anderes Verdienst zugestehen "als dieses, dass sie Anlass gegeben hat zum unsterblichen ‚Candide’ des großen Voltaire".
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Romanillustration von J.-M. Moreau l.J., 1787
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Das zielte auf Voltaires Naturphilosophie – die konsequente Reinigung des Begriffs "Natur" von allen humanitären Illusionen. Dass der "Candide" noch in einer zweiten Hinsicht die Moderne mitbegründete, konnte Schopenhauer noch nicht sehen. Voltaire selbst hat es erst recht nicht geahnt, es hätte ihn auch sehr verwundert. Der Gießener Philosoph Odo Marquard hat diese zweite Wirkungsgeschichte Voltaires nachgezeichnet: Da die natürliche Welt nicht mehr als gute – für den Menschen gute – Schöpfung eines guten Gottes aufgefasst werden konnte, blieb die Aufgabe, die geschichtliche Welt, die ebenfalls nicht gut war, in Zukunft besser zu machen, notfalls durch die gewaltsame Ausschaltung jener Menschen, die der Verbesserung im Wege stehen.
Im "Candide" ist von Revolution keine Rede; Voltaires Helden wären froh, würden auf die Katastrophen der Natur nicht die Schrecken der Geschichte obenauf gesetzt. Das Unglück von Lissabon steht in einer Reihe mit all den Gräueln, die Menschen einander antun können, vom Krieg zwischen "Bulgaren" und "Avaren" gleich zu Beginn bis zur gewohnheitsmäßigen Hinrichtung hoher Würdenträger am türkischen Hof, mit der das Werk schließt. "Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört hatte, wussten die Weisen des Landes kein wirksameres Mittel gegen den völligen Untergang des Landes zu finden, als dem Volk den Anblick eine schönen Ketzerverbrennung, eines Autodafés, zu gewähren. Die Universität Coimbra hatte das entscheidende Wort gesprochen, dass das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannten Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu hindern."
Oder, wie Voltaire unmittelbar nach den ersten Nachrichten aus Lissabon in einem Brief schrieb: "Unsere Kriege morden mehr Menschen als die Erdbeben vernichten." Die ganze Geschichte sei "ein Haufen von Verbrechen, Unglück und Narrheiten", so Voltaire ein Jahr später in seinem "Essai sur les moeurs", verstreut gebe es "einige glückliche Zeiten, wie man hier und da in den Wüsten einige verstreute Niederlassungen entdeckt".
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Romanillustration von Paul Klee, 1911
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Nein, Voltaire glaubte wohl nicht an eine grundlegende Umwälzung der menschlichen Verhältnisse wie jene Revolutionäre, die sich eine Generation später auf ihn beriefen. Er begnügte sich – Karl Popper hätte von "piecemeal social engineering" gesprochen – mit Aktionen im konkreten Fall; seine Proteste gegen zwei Justizmorde, die von religiöser Intoleranz diktiert worden waren, rüttelten ganz Europa wach. Kurz vor Erscheinen des "Candide" hatte er an der Grenze zum Kanton Genf das Landgut Ferney gekauft. Natürlich verfolgte er damit den Zweck, bei Gefahr rasch in die neutrale Schweiz entweichen zu können. Aber zugleich wollte Voltaire auch mit Candides Aufruf, "in unserem Garten zu arbeiten", Ernst machen. Dies nämlich, so das Fazit des Romans, sei "das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen".
Mehr im Internet: Candide oder der Optimismus - Wikipedia Der lange Abschied von der guten Schöpfung, scienzz 12.08.2008 Das Erdbeben von Lissabon erschüttert Europa, scienzz 28.10.2005
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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