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06.02.2009 - ARCHITEKTURGESCHICHTE
Tempelfassaden - auch ohne Säulen und Giebel
Ein Schweizer Architekturhistoriker über die Geschichte des Palladianismus
von Josef Tutsch
 | | Claude Nicolas Ledoux, Entwurf zur Roton-
de de la Villette, 1788
Bild: Wikipedia
| | | Touristen aus Potsdam, die auf ihrer Italienreise in Vicenza Station machen, um die Werke des Renaissancebaumeisters Andrea Palladio zu sehen, können dort ein Déjà vu erleben. Dieser Palazzo Valmarana, nur ein paar Minuten von der weltberühmten "Basilica" entfernt – steht der nicht eigentlich in Potsdam, an der Schlossstraße? Nein, es ist keine Augentäuschung, die Fassade dieses Palazzo findet sich tatsächlich auch in der Havelstadt. In den 1750er Jahren hat der Architekt Carl Ludwig Hildebrandt sie kopiert, allerdings nicht aufgrund von Erinnerungen an eine Italienreise, sondern aus einem Lehrbuch in seiner Bibliothek. Es war, wie Werner Oechslin, Architekturhistoriker an der ETH Zürich, erläutert, die englische Übersetzung von Palladios "Quattro libri dell’architettura".
Als dieses Buch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in mehreren Auflagen erschien, leitete es zunächst in England, dann auch in Deutschland, eine neue Welle des "Palladianismus" ein, des Bauens im Geiste – und oft auch bloß nach den äußeren Formen – jenes Architekten, der selbst niemals eine Villa oder eine Kirche außerhalb der Region Venetien hatte errichten können. Die jüngste dieser Wellen ist kaum ein Vierteljahrhundert alt. Oechslin hebt in seiner Geschichte des Palladianismus, die pünktlich zu Palladios 500. Geburtstag Ende letzten Jahres erschienen ist, eine Stadtvilla an der Rauchstraße in Berlin-Tiergarten hervor. Der Luxemburger Architekt Rob Krier hat sie zur Internationalen Bauausstellung 1984 entworfen. Beim Blick auf den Grundriss sieht auch der ungeübte Betrachter sofort: Da hat Palladios Villa Rotonda vor den Toren Vicenzas Pate gestanden.
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Palladianisches Capriccio, von Canaletto mit Palazzo Chiericati, Projekt der Rialto- brücke und Basilica, 1759 Bild: Galleria Nazionale Parma
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Aber was ist eigentlich "Palladianismus", was kennzeichnet einen Bau als "palladianisch", so wie ein Spitzbogen Gotik signalisiert? Oechslin vermeidet eine eingängige, leicht anwendbare Definition; aber im Verlauf der Abhandlung baut sich nach und nach ein Bild auf: die strenge Regelmäßigkeit des Grundrisses bis hin zur vollkommenen Symmetrie, die Ausgewogenheit der Proportionen, das Festhalten an der Körperlichkeit der Baumasse, ohne die Tendenz, sich sozusagen malerisch zu verflüchtigen, die Übertragung von Formen der Tempelarchitektur wie Säulen und Giebel auf den privaten Hausbau. Unter streng logischem Gesichtspunkt kann man diese Unschärfe des Begriffs bedauern; aber, so Oechslin, "es ist die Nachahmung, das Nacheifern", was das Verhältnis palladianischer Bauten zu Palladio charakterisiert.
Auch Palladios eigene Auffassung von Architektur könne "kaum auf Regeln reduziert werden, ohne dass Wesentliches verloren ginge". Gegenstand seiner Gebäudelehre bleibe "in erster Linie das konkrete Bauwerk selbst". Dass diese Argumentation nicht ins Lehre läuft, lässt sich durch einen Vergleich mit der Musik verdeutlichen. Ein geschultes Ohr hört sofort: Das ist von Mozart oder von Wagner oder von Offenbach oder eben in deren Stil und Nachfolge geschrieben. Das Wiederkennen funktioniert nicht nur, wenn ein einzelnes Motiv allzu verräterisch hervorlugt, wie in der Architektur jene Form des "venezianischen Fensters", die im deutschen Sprachgebrauch fest mit dem Namen Palladios verbunden wird: Ein breiter Bogen in der Mitte, der von zwei schmäleren, niedrigeren Rechtecköffnungen flankiert wird.
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Grundriss von Chiswick House bei London, von Lord Burlington und William Kent, 1729 Bild: Wikipedia
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Solch eine "wörtliche" Übernahme wie in Potsdam wird kein Einzelfall sein. Im Städtebau des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa wurden ganze Straßenzüge mit palladianischen Motiven ausgestattet; vieles davon ist freilich dem Weltkrieg und den Modernisierungsmaßnahmen der Nachkriegszeit zum Opfer gefallen. Oechslin zitiert den Architekturkritiker Werner Hegemann, der sich 1929 erregte, besonders schädlich sei "der Säulenunfug, wo er sich an Privatbauten in dreistem Wettbewerb gegen den maßvollen Fassadenschmuck benachbarter öffentlicher Bauten breit macht". Aber begreiflicherweise konzentriert sich Oechslin lieber auf die Gipfelpunkte der palladianischen Tradition als auf die Hügel, Ebenen und Niederungen, die auch dazu gehören.
Unvermeidlich bietet der prachtvoll ausgestattete Band mit großformatigen Fotografien, Darstellungen von Grundrissen und Schnitten sowie einer Menge von Kopien aus Lehrbüchern palladianischer Architekten viel Vertrautes, angefangen bei Palladios eigenen Werken in Venedig und auf der Terra Ferma. Aber auch da bietet Oechslin etwas weniger Bekanntes: Im 18. Jahrhundert müssen Palladios Bauten in fiktiver Zusammenstellung ein beliebtes Bildmotiv gewesen sein. Der Engländer John Baptiste Jackson versetzte die venezianische Inselkirche von San Giorgio Maggiore in eine bukolische Landschaft, der Venezianer Canaletto stellte die Basilica und den Palazzo Chiericati aus Vicenza mit dem niemals realisierten Projekt für eine Rialtobrücke zusammen.
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Versuchshaus des Bauhauses in Weimar von Georg Muche, 1923 Bild: Bauhaus-Universität Weimar
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, von Da sind die Bauten in London und Umgebung, die im 17. und 18. Jahrhundert den Welterfolg des Palladianismus begründeten, wie Banqueting House von Inigo Jones und Chiswick House von Lord Burlington. Und dann, um zwei oder drei Beispiele vom europäischen Kontinent zu nennen, Mauritshuis in Den Haag, Schloss Wörlitz bei Dessau und das königliche Opernhaus zu Berlin. Überraschender ist das Kapitel über Palladio in Frankreich. Fälle einer direkten Anlehnung an konkrete Bauten oder spezifische Formen hat Oechslin kaum gefunden – mit Ausnahme etwa des Architekten Claude-Nicolas Ledoux. Seine Rotonde de la Villette, das ehemalige Zollwachhaus am nordöstlichen Ausgang der französischen Hauptstadt aus den 1780er Jahren. Ledoux hat die vier Tempelfronten der Villa Rotonda nachgeahmt mit dem Rundbau in der Mitte; dessen Obergeschoss zitiert in kreisrunder Wiederholung das Palladiomotiv der Basilica von Vicenza. Bezeichnend für den herben Charakter dieser vorrevolutionären Architektur: Es sind durchgehend dorische Säulen verwendet.
Verborgener zeigt sich palladianischer Geist im Versailler Petit Trianon, das Jacques-Ange Gabriel ein Vierteljahrhundert früher für Mme. de Pompadour gebaut hat. Das "Ideal der klaren Herausbildung des Baukörpers in Kombination mit einer ebenso klaren Säulengliederung", resümiert Oechslin, sei in einer Weise erreicht worden, "wie das Palladio zweihundert Jahre zuvor eingeführt hatte". Solche Klarheit ließe sich, um den Sprung in die Moderne zu wagen, auch Mies van der Rohes Chapel des Illinois Institute of Technology in Chicago, 1952, nachsagen – auch ein Fall von Palladianismus, der sich erst auf den zweiten oder dritten Blick kundtut. Noch ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert, Peter Behrens’ Turbinenhalle in Berlin-Moabit von 1909. Behrens hat seinem Fabrikgebäude für die AEG sogar einen Giebel aufgesetzt, ein Zeichen sakraler Würde, das Palladio in die Sphäre des privaten Wohnungsbaus übertragen hatte.
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Palladios Lehrbuch "Quattro libri dell'architettura", Aus- gabe von 1642 Bild: Wikipedia
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Oder ein, wenn man so will, konservativeres Beispiel, konservativ, weil es nicht auf das klassische Motiv der Säulen verzichtet: das Berliner Stadthaus, das Ludwig Hoffmann um 1910 gebaut hat. Oechslin weist darauf hin, dass in der Mauergliederung Palladios Vicentiner Palazzo Thiene recht wörtlich zitiert wurde. Die der Profanarchitektur, einschließlich dem privaten Wohnungsbau, zugewiesene Tempelfassade – in dieser Neuerung Palladios liegt wohl auch sein wichtigstes Vermächtnis an die ihm folgenden Architektengenerationen. Die Tempelfront signalisierte, dass auch beim Wohnungsbau nicht bloß "die Erfüllung eines Zwecks", "der Reflex auf eine unentrinnbare Notwendigkeit zur Debatte stand". Das bleibt noch sichtbar, wenn die Front allen Schmucks entkleidet ist, wie zum Beispiel am Versuchshaus des Bauhauses in Weimar, von Georg Muche, 1923: "eine moderne Analogie zur Villa Rotonda ohne Kuppel und Säulen", schreibt Oechslin.
Die Verbannung der Säulen mit dem Ziel radikaler, quasi moralischer oder asketischer Reinheit und Einfachheit, das war das Ideal der klassischen Moderne in der Architektur. "Merci! Victoire!" jubelte Le Corbusier; Vignola – jener Zeitgenosse Palladios, der die Lehre von den Säulenordnungen in ihre für Jahrhunderte verbindliche Form gebracht hatte – sei "foutu", kaputt, endlich! Der Wirkung Palladios, stellt Oechslin fest, habe das keinen Abbruch getan, auch nicht in Le Corbusiers eigenem Werk. Aber natürlich war die Verdammung der Säulen nicht das letzte Wort der Geschichte, wie die Postmoderne inzwischen gezeigt hat. Dennoch, das demonstriert Oechslins Streifzug durch die Architekturgeschichte der vergangenen viereinhalb Jahrhunderte: Palladianismus kommt auch ohne Säulen und Giebel aus.
Und erst recht ohne plastischen Schmuck an den Fronten. Darin liegt vielleicht auch eine Antwort auf jene Frage, die Oechslin bloß am Rande aufwirft, aber nicht näher diskutiert: wie es möglich war, dass ausgerechnet über das antikatholische England das Werk dieses italienisch-katholischen Architekten zur Weltgeltung gelangte. Anders als der römische Hochbarock eines Bernini oder Borromini war Palladio sogar mit den asketischen Idealen des Puritanismus verträglich.
Neu auf dem Büchermarkt: Werner Oechslin: Palladianismus. Andrea Palladio – Werk und Wirkung, gta Verlag/ ETH Zürich, ISBN 978-3-85676-239-1, 98,- €
Mehr im Internet: Palladianismus - Wikipedia scienzz artikel Kunst der Renaissance scienzz artikel Architektur
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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