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23.03.2009 - GESCHICHTE

Die zwei Leben des Beherrschers der Gläubigen

Vor 1.200 Jahren starb der Kalif aus Tausendundeiner Nacht, Harun al-Rashid

von Josef Tutsch

 
 

Harun al-Rashid in Bronze, 9. Jh.
Bild: Barakat Gallery

Nein, er ist keine Märchenfigur, obwohl viele Leser der Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" das vermutlich glauben. Er hat wirklich gelebt, sogar sein Todesdatum ist überliefert. Harun al-Rashid, der "Beherrscher der Gläubigen", der fünfte Kalif aus der Abbasidendynastie, starb am 24. März des Jahres 809 während eines Feldzuges in Persien. Seine Regierung gilt bei vielen Muslimen – und vielleicht noch mehr Nichtmuslimen – bis heute als ein Goldenes Zeitalter.

Und die Märchenerzähler verklärten ihn zum Urbild eines volksnahen und gerechten Herrschers. Dabei bezweifeln moderne Historiker, ob jener Harun al-Rashid, der 763 geboren wurde und 786 die Regierung antrat, als Regent und Mäzen aus der Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger irgendwie heraus ragte. "Es fehlte ihm ebenso die brutale Energie wie die intellektuelle Finesse", hat der Islamhistoriker Gustav Edmund von Grunebaum kühl und knapp geurteilt. Aber al-Rashid kam zur rechten Zeit auf den Thron, um – anderthalb Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten Mohammed – einem Gipfelpunkt der islamischen Geschichte seinen Namen aufzuprägen. 750 hatten die Abbasiden – Nachkömmlinge von Al-Abbas Ibn Abd al-Mutallib, einem Onkel Mohammeds – in einem Aufstand gegen die Umayyadendynastie das Kalifat übernommen. Es war eine "konservative Revolution". Die umayyidischen Kalifen waren bei den Frommen im Islam als "weltlich" verschrien.

Die neue Dynastie wurde nahezu in der gesamten islamischen Welt anerkannt. Ein Riesenreich von Marokko bis Persien fand in der neuerbauten Hauptstadt Bagdad seinen glanzvollen Mittelpunkt. Die Religion des Islams wurde mit Hilfe der griechischen Philosophie theologisch ausformuliert, ähnlich wie es Jahrhunderte zuvor mit dem Christentum geschehen war. Die Kalifen – Beherrscher der Gläubigen, Nachfolger des Propheten, Stellvertreter Gottes auf Erden – gerierten sich zugleich als Nachfolger der altpersischen Großkönige und Alexanders des Großen. Im Umkreis des Hofes blühten nicht nur die religiösen Wissenschaften wie die Koranexegese, die Sammlung und Interpretation der Prophetenworte und ihre juristische Ausdeutung, sondern auch Geschichtsschreibung und Geographie, Philosophie und Medizin. Bagdad leuchtete; mit den Steuereinnahmen – etwa der Sondersteuer für nicht bekehrungswillige Juden und Christen – wurden die Kriege finanziert, aber eben auch Kunst, Musik und Poesie. Und die Kriege wiederum, wenn sie gut verliefen, brachten reiche Beute, mit der sich der Luxus am Kalifenhof finanzieren ließ.

Karl der Große empfängt die Gesand-
ten Harun al-Rashids, von Jacob
Jordaens, um 1665
Bild: René van de Broek, Bruxelles
Der religiöse Anspruch wurde immer aufrecht erhalten. Harun al-Rashid soll einem Rechtsgelehrten einmal die Fangfrage gestellt haben, welche Dynastie die bessere sei, die Abbasiden oder ihre Vorgänger, die Umayyaden. Man kann sich vorstellen, dass beinahe jede Antwort lebensgefährlich gewesen wäre; aber der Gelehrte zog seinen Kopf elegant aus der Schlinge: "Die Umayyaden taten mehr für die Leute, ihr haltet das Gebet gewissenhafter." Al-Rashid soll damit sehr zufrieden gewesen sein. Mit dem, was wir heute Sozialpolitik nennen, hatte diese Frömmigkeit offenbar wenig zu tun, auch nicht mit Moral oder Humanität. Harun selbst kam 786 auf den Thron, indem er seinen Bruder al-Hadi ermorden ließ. Das stabilisierende Moment werden weniger die Abbasiden selbst gewesen sein als ihre Wesire, die etwa von der persischen Familie der Barmakiden gestellt wurden. 803 war es mit dieser Zusammenarbeit plötzlich zu Ende. Harun ließ seinen Wesir Yahya hinrichten.

Die Quellen berichten, dessen Sohn habe mit Haruns Schwester Abbasa eine amouröse Beziehung angefangen. In Wirklichkeit war dem Kalifen die Familie wohl zu mächtig geworden. Sollte al-Rashid von der Entwicklung im Frankenreich wenige Jahrzehnte zuvor gehört haben, wird es ihm eine Lehre gewesen sein. Dort hatten die karolingischen "Hausmeier" die Merowingerkönige am Ende formell abgesetzt und ins Kloster geschickt. Die Zeitgenossen fanden die romantische Geschichte aber plausibel. Ein Untertan, wenngleich aus vornehmster Familie, und die Prinzessin – das musste als Majestätsverbrechen gelten; gegenüber der Kalifenfamilie waren alle Gläubigen gleichermaßen ein Nichts, jedenfalls solange es dem Herrscher nicht gefiel, sie emporzuheben. Am ehesten hatten diese Chance Sklavinnen, wenn sie im Harem das Auge des Beherrschers der Gläubigen auf sich zogen. Im 8. Jahrhundert war es unüblich geworden, dass die Kalifen sich mit der mekkanischen Aristokratie ehelich verbanden; nach 800, stellt Grunebaum fest, wurde kein einziger Kalif mehr als Sohn einer freien Mutter geboren.

Dass die Gunst des Herrschers die Sklavin, ganz wörtlich, auch ihren Kopf kosten konnte, ist eine andere Sache; wenn in "Tausendundeine Nacht" der Sultan nach jeder Liebesnacht seine Schöne hinrichten lässt, hat das bei aller Übersteigerung ins Groteske einen Zug von Realismus. Und natürlich machte das Haremswesen jede Thronfolge zu einem Spiel auf Leben und Tod. 802 wollte al-Rashid vorsorgen und legte fest, wie das Reich friedlich zwischen zweien seiner Söhne zu teilen sei. Nach dem Tod des Vaters führten die beiden Halbbrüder jedoch prompt Krieg gegeneinander. Der Blüte von Wissenschaften und Künsten tat das freilich keinen Abbruch; der Sieger al-Mamun gilt in der islamischen Geschichtsschreibung als ebenso großer Mäzen wie sein Vater. Auch der internationale Handel wurde durch den permanenten Kriegszustand offenbar wenig behindert. Aus al-Rashids Regierungszeit sind Gesandtschaften nach Indien und China wie nach Europa belegt. Als Geschenk des Kalifen an Kaiser Karl den Großen trat ein Elefant die Reise nach Aachen an, der jedoch bald dem unwirtlichen Klima Mitteleuropas erlag.

Harun al-Rashid empfängt die Ge-
sandten Karls des Großen,
von Julius Köchert, 1864
Bild: Stift. Maximilianeum München
Am Aachener Hof hatte man von der Kultur des Nahen Ostens freilich keine rechte Vorstellung; angeblich schickte Karl als Gegengeschenk eine Meute seinerJagdhunde ... Unwahrscheinlich, dass die edlen Tiere jemals bis Bagdad vorgedrungen sind. Aber es bleibt Spekulation, wie genau die frommen Abbasiden und speziell Harun al-Rashid es lebenspraktisch mit den Vorschriften des Korans genommen haben. Eine Hauptfigur in "Tausendundeiner Nacht" ist Abu Nuwas, ein Dichter von al-Rashids Hof, der in seinen Versen mit besonderer Vorliebe das besungen haben soll, was der Prophet Mohammed in den Abgrund der Hölle verdammte: den Weingenuss und die Liebe zu schönen Jünglingen. In den gängigen Volksausgaben dieser Märchen ist es kaum noch kenntlich; aber tatsächlich befasst sich ein Großteil der Geschichten mit Formen von Erotik, die dem Koran zufolge  als unerlaubt zu gelten hätten.

Ein Spiegel des Lebens am Abbasidenhof, wo die frühesten Erzählungen entstanden sein mögen? In eigentlich religiösen Fragen muss sich gerade Harun sehr rigide verhalten haben. 807 ordnete er an, dass Juden und Christen Kennzeichen an ihrer Kleidung zu tragen hätten, die Juden gelbe, die Christen blaue Gürtel; ebenso wird berichtet, dass er nicht nur in Anatolien, wo gegen Byzanz Krieg geführt wurde, sondern auch in Jerusalem Kirchen zerstören ließ. Ein Versuch des "rechtgeleiteten" Kalifen – so die Bedeutung seines Beinamens "al-Rashid" –, den Druck auf eine Konversion zum Islam zu erhöhen. Dass er damit seinem Regime die ökonomische Grundlage entzog, wird ihm ebenso wenig klar gewesen sein wie später den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella, als sie Mauren und Juden aus Spanien, und Ludwig XIV., als er die Hugenotten aus Frankreich vertrieb.

Der Gipfelpunkt der islamischen Geschichte, der sich mit Haruns Namen verbindet, ist denn auch der Beginn des Niedergangs. An den Rändern begann das Reich zu bröckeln, vor allem unter den Bauern führten die sozialen Probleme zu Unruhen. Mehr und mehr entfremdeten sich die Kalifen der arabischen Aristokratie; schon al-Rashids Sohn al-Mamun stützte sich in der Hauptsache auf Sklaventruppen – mit dem Ergebnis, dass die Sklaven bald die reale Macht übernahmen. Die Kalifen selbst verlegten sich auf ihre Rolle als oberste Rechtsgelehrte und beanspruchten eine Art von Unfehlbarkeit; Abweichler von der regierungsamtlich verkündeten Dogmatik wurden verfolgt und hingerichtet. Probleme, die in den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" nicht vorkommen. Der Abbasidenpalast, die Politik überhaupt erscheint darin als eine geheimnisvoll verschlossene Welt, über die sich allenfalls phantasieren lässt, die man ansonsten hinnehmen muss.

Miniatur mit Harun al-
Rashid, aus einer Aus-
gabe von "Tausendund-
einer Nacht", 16. Jh.
Bild: wikimedia
Gelegentlich tritt der Kalif – er heißt, ein für allemal, Harun al-Rashid – daraus hervor und begibt sich inkognito in das Leben der Stadt. Und manchmal wirkt seine quasi göttliche Gnade jene Wunder, auf die der kleine Mann damals in Bagdad gehofft haben mag. Eines dieser "Wunder" hat Carl Maria von Weber auf der deutschen Opernbühne lebendig gemacht. Der arme Abu Hassan ist tief verschuldet und erfindet einen genialen Plan: Da es üblich ist, dass der Kalif bei einem Todesfall den Hinterbliebenen eine größere Summe für die Bestattungskosten zukommen lässt, meldet er dem Kalifen den Tod seiner Frau Fatime. Und um gleich doppelt zu kassieren, meldet Fatime der Kalifengattin Zobeide, ihr Mann Abu Hassan sei gestorben. Leider kommt das Herrscherpaar über diesen Vorfall ins Gespräch und weiß nun nicht, wer eigentlich gestorben ist und wer das Geld erhalten soll.

Natürlich geht die Geschichte gut aus. Harun al-Rashid und Zobeide verzeihen den Betrug und geben sich spendabel. Wie ein Staatswesen mit solcher Großzügigkeit funktionieren soll und ob das überhaupt gerecht ist, muss in der Märchenwelt ja nicht gefragt werden. Aber davon abgesehen: Ausgerechnet diese Märchen, in denen der Kalif Harun al-Rashid ein zweites Leben gefunden hat, hätten an seinem Hof keine Heimat gehabt. Anders als die anspruchsvolle Lyrik, erklärt der Orientalist Robert Irwin, wurde eine unterhaltende Erzählliteratur dort nicht gepflegt. Jedenfalls nicht als Kunstform. Dass al-Rashid sich in schlaflosen Nächten in seinem Harem Geschichten erzählen ließ, ähnlich wie Scheherezade ihren Sultan tausend und eine Nacht lang mit Geschichten in Spannung hält, kann man sich ja dennoch gern vorstellen.


Mehr im Internet:
Harun al-Rashid - Wikipedia

scienzz Dossier Europa und die islamische Welt






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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