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04.03.2009 - LINGUISTIK

"Ächz" und "Würg"

Oder die Klage über den Sprachverfall bei der Jugend

von Josef Tutsch

 
 

Verfall der Sprachkultur? Sprechblase
aus den Comics von Carl Barks

Die Jugend von heute ist dumm, faul, geil, verfressen und versoffen. So oder so ähnlich wird seit Jahrtausenden geklagt. In klassischer Form legten die alten Griechen diese Klage dem Weisesten ihrer Weisen, Sokrates, in den Mund: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Ob die Griechen auch schon über den Verfall ihrer schönen Sprache bei den Jugendlichen geklagt haben? Im deutschsprachigen Raum ist diese Klage seit fast einem halben Jahrhundert ein Dauerbrenner in den Medien. „Eine Industrienation verlernt ihre Sprache“, titelte 1984 der „Spiegel“, und ein Kommentar 1986 in der „Welt“ machte auch gleich die Verantwortlichen dafür namhaft, dass „Sprachwissen und Sprachbeherrschung für eine ganze Generation vergeudet und zerstört wurden“: Linguisten und Didaktiker, die die Kultursprache verhöhnten und den Kindern im Deutschunterricht „statt Grammatik und Goethe Bierdeckel und Plakate“ als Themen vorsetzten.

Die wissenschaftliche Erforschung der „Jugendsprache“ konnte mit dieser Kulturkritik nur schwer mithalten. Eine „linguistische Jugendsprachforschung“, stellt Eva Neuland, Germanistin an der Bergischen Universität Wuppertal, fest, gibt es in Deutschland erst seit knapp dreißig Jahren. Und Neulands jetzt erschienene Einführung in die junge Spezialdisziplin vermittelt nicht gerade den Eindruck, dass die tieferen Schichten dieser „Jugendsprache“ von der Forschung bereits gründlich erkundet wären.  Etwa die Klage über die „Schrumpfgrammatik“, das Desinteresse der Jugendlichen am grammatischen Regelwerk. Neuland zufolge gibt es keine empirischen Belege, dass dieses Phänomen bei der Jugend verbreiteter wäre als in der Gesamtbevölkerung: „Auch die Jugendlichen greifen für ihre Stilbildungen auf den Bestand und die Regeln der deutschen Sprache zurück. Ihre sprachlichen Innovationen entstehen überwiegend durch Veränderungen der Form und des Inhalts standardsprachlicher Ausdrücke, und das in durchaus regelgerechter Weise.“

"Spiegel"-Titel von 1984

Selbst Anglizismen oder Übernahmen aus anderen Sprachen, schreibt Neuland, würden im allgemeinen „grammatikalisch korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln verwendet“. Das meiste Interesse hat jene Oberflächenebene der Sprache gefunden, die ja auch dem Laien gleich ins Auge sticht: das Vokabular. Ob ein hoher Anteil an Sexual- und Fäkalausdrücken und an Entlehnungen aus dem Angloamerikanischen überhaupt irgendwie „jugendspezifisch“ sind, lässt sich aber bezweifeln. Je nach Absicht des Kommentators, berichtet Neuland, hat der Blick auf die Sprache der Jugend Anlass entweder zur Empörung oder zur pädagogischen Besorgnis oder schlicht zur Belustigung gegeben. Im Mai 2000 brachte die „Bild“-Zeitung eine Spalte „Szene-Deutsch für Anfänger“ mit Übersetzung daneben. Beispiel: „Nach der Schule cruised er mit dem Board zum nächsten Hangout, wo die Locals in der Halfpipe ihre Jumps durchziehen.“

Übersetzt: „Nach der Schule fährt er mit seinem Skateboard an den nächsten Treffpunkt, wo seine Freunde aus der Nachbarschaft an einer Schanze ihre Tricks üben.“ Ob Jugendliche wirklich so geredet haben, wie „Bild“ das seinen Lesern weismachen wollte? Das Textbeispiel wirkt unfreiwillig komisch, wie aus einem Lexikon montiert. Ein solches Lexikon hat der Psychotherapeut Claus Peter Müller-Thurau tatsächlich 1985 herausgebracht, laut Klappentext das „endgültige, umfassendste, witzigste und aktuellste Buch zur Sprache der Jugend“; im Jahr 2000 folgte aus dem Dudenverlag ein „Wörterbuch der Szenensprache“. Zumindest für diesen zweiten Fall hat Neuland jedoch festgestellt, dass die Autoren der Witzigkeit kräftig nachgeholfen haben, ein „Fake“, wie man sagt: „Ein Großteil der verzeichneten Ausdrücke scheinen Augenblicksbildungen, Einzelfallbeispiele oder schlicht Erfindungen der Autoren, was durch befragte Jugendliche bestätigt wird, denen viele der aufgeführten Ausdrücke unbekannt sind.“

Der Remscheider Generalanzeiger zitierte einen Jugendlichen, der diese Vermarktungsstrategie klar durchschaute: Die Leute, „die dieses Nachschlagewerk vor allem benutzen werden, wollen ja nur bei passender Gelegenheit die eine oder andere auswendig gelernte Vokabel in den Raum schmeißen“. Es ist aber nicht auszuschließen, dass im einen oder anderen Fall Sprachwandel tatsächlich auf solche Weise zustande kommt. Neuland hat beobachtet, dass die Moderatoren von Fernsehsendern wie MTV oder VIVA Floskeln benutzen, die vom jugendlichen Publikum zunächst einmal gar nicht verstanden, später aber übernommen werden. In der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden sind Floskeln wie „Ächz“ und „Würg“, die offenkundig zunächst von einem jugendlichen Lesepublikum aus den Sprechblasen der Comics übernommen wurden, inzwischen aber in den allgemeinen Sprachgebrauch, inzwischen aber auch schon in die Schriftsprache eingegangen sind.

Publikation von Claus
Peter Müller-Thurau, 1983

In vielen Fällen wird das, was Älteren pauschal als Jugendsprache vorkommt, der Jargon einer ganz bestimmten, in sich geschlossenen Szene sein. „Lieber einen coolen Freeze beim Breaken als einen komischen, verkrampften Powermove ohne stylischen Abgang“ – da mag auch manchem Jugendlichen erst beim zweiten oder dritten Hören klar werden, dass es sich um eine Plattenkritik handelt. Die ältere Sondersprachforschung, referiert Neuland, kannte den Begriff „Jugendsprache“ gar nicht. Dagegen erschienen im 18. und 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Wörterbüchern der Studentensprache, am frühesten das „Handlexikon der unter den Herren Purschen auf Universitäten gebräuchlichen Kunstwörter“ von 1749. Die sozialen Schranken zwischen dem akademischen Milieu und dem Rest der Gesellschaft waren wohl wichtiger als der Unterschied der Generationen.

Aber es gab Parallelen mit dem, was wir heute „Jugendsprache“ nennen: Der studentische Sonderwortschatz wurde weitgehend aus den damaligen Bildungssprachen Griechisch, Lateinisch und Französisch gespeist, ähnlich wie der heutige Szenejargon aus dem Englischen sowie den Muttersprachen von Migranten wie Türkisch, Arabisch und Russisch. Und es gab ähnlich wie heute auch Proteste: Was der Deutsche Burschentag 1817 auf der Wartburg gegen die französischen Einflüsse beschloss, wird sich nicht viel von aktuellen Polemiken gegen Anglizismen unterschieden haben. Milieuspezifische Unterscheidungen sind natürlich auch in der heutigen Jugend präsent. Wenn die Studentenbewegung eine Bewegung bloß der Studenten geblieben ist, wird das nicht zuletzt an der esoterischen Sprache gelegen haben.

Sprache dient eben nicht nur der Verständigung zwischen A und B, sondern auch der gemeinsamen Abgrenzung gegenüber C. Zum Beispiel auch der Abgrenzung der Jugend insgesamt gegenüber der durch die älteren Generationen dominierte Gesellschaft. Dieser Mechanismus funktioniert oft aber nur vorübergehend, vieles von dem, was zunächst einmal als Jugendsprache erscheint, wird nach und nach zum Standard, konstatiert Neuland. Etwa der Ausdruck „geil“. Das Grimmsche Wörterbuch von 1854 notierte als Hauptbedeutung „fröhlich, lustig“. 1977 schrieb dasselbe Wörterbuch „gierig nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht, sexuell erregt“. Die Auflage von 1999 bringt als salopp-jugendsprachliche Bedeutungsvariante: „in begeisternder Weise schön, gut, großartig, toll“.

Eigene Sprachkultur: Studentischer
Protest mit Wortführer Rudi Dutschke
Bild: DHM Berlin

Man darf vermuten, dass in ein paar Jahren oder Jahrzehnten der Vermerk „jugendsprachlich“ gestrichen wird. „Im Zeichen des fortschreitenden sozialen Wandels lässt sich eine globale Juvenalisierung der Gesellschaft nach den Prinzipien ‚forever young’ und ‚anything goes’ erkennen. Das führt zu einer Entgrenzung der Jugend von Alters- und Generationsbeschränkungen zu einer Frage des Lebensstils“ – Stichwort „Erlebnisgesellschaft“. 1980 hat die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Höhler den Abgrenzungsmechanismus beschrieben, freilich mit einem Unterton von Empörung: Die Jugend „schirmt sich durch Sprachsignale ab, die ihre Gruppensolidarität stabilisieren“. In den Medien machte damals das Wort von der „Dialogunfähigkeit“ der Jugendlichen die Runde.

Aber natürlich ist das eine ganz und gar perspektivische Sicht der Dinge. Man könnte ebenso gut von einer Dialogunfähigkeit der Gesellschaft gegenüber der Jugend reden. 1983 machten sich Schüler eines Bonner Gymnasiums daran, eine Rede von Bundeskanzler Helmut Kohl ins Jugendsprachliche zu übersetzen, nicht ohne dabei aus einer bloßen Übersetzung ins Ideologiekritische hinüberzuwechseln. Aus dem Satz „Wir müssen der jungen Generation Hoffnung geben“ wurde „Wir müssen es als Laberköpfe endlich raffen, eh, den langhaarigen Körnerfressern, Poppern, Punks, Schleimern, Schnallis, Tunten, Prolis und Alkis den Null-Bock auf Future zu nehmen“. Über die (sicherlich auch ironische) Gesellschaftskonzeption, die dahinter steht, kann man natürlich streiten; die Sprachkompetenz dieses Satzes oder seiner Urheber lässt sich kaum bezweifeln.

Fazit von Neulands Blick auf den aktuellen Stand der jungen Spezialdisziplin Jugendsprachforschung: Die Klage über einen Sprachverfall bei der deutschen Jugend von heute findet in der empirischen Wissenschaft keine Bestätigung. Ein überraschender Befund, wenn man die Aufregung im Blätterwald daneben hält. Neuland verzichtet darauf, diese Diskrepanz zu erklären. Vorderhand bieten sich zwei Hypothesen an, eine soziologische und eine wissenschaftstheoretische, die einander nicht ausschließen. Soziologisch steht zu vermuten, dass die Kulturkritiker, die – gut konservativ – das eine oder andere an der Jugend ärgerlich finden, auch dazu neigen, deren sprachliche Äußerungen ins Visier zu nehmen, und das natürlich mit geschärftem Blick. Das zweite ist ein Unterschied der Perspektiven. Sprachformen, die in der Öffentlichkeit, deutet Neuland immerhin an, als Regelverstöße, als „Fehler, Mängel oder Defizienz“, gebrandmarkt werden, erscheinen in der Sicht der empirischen Wissenschaft zunächst als „subkultureller Sprachstil“ und, auf die Zeitschiene  projiziert, als ein „üblicher Prozess von Sprachwandel“.

Vereinfacht gesagt: Was der Deutschlehrer heutzutage mit dem Rotstift moniert, gilt in ein paar Jahrzehnten vielleicht als völlig regelgerecht, was heute als Standard angesehen wird, erhält dann womöglich den Randvermerk „veraltet“. Normen, auch Sprachnormen, entziehen sich nun einmal einer empirisch-wissenschaftlichen Beweisführung auf ihre „Richtigkeit“ hin.


Neu auf dem Büchermarkt:
Eva Neuland: Jugendsprache. Eine Einführung,
A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2008, ISBN 978-3-7720-2992-8, UTB-ISBN 978—3-8252-2397-7, 16,90 €


Mehr im Internet:
Jugend - Wikipedia 
scienzz artikel Sprache
scienzz artikel Jugend
  



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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