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14.03.2009 - HERALDIK
Der Adler - aus der Familiengeschichte eines Wappenvogels
Ausstellung im Berliner Geheimen Staatsarchiv
von Josef Tutsch
 | | Der schwarze Adler des Herzog-
tums Preußen, 1525
Bilder: Geheimes Staatsarchiv
Preußischer Kulturbesitz
| | | Adler schlägt Bären, wird sich Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg gedacht haben, der stolze König der Lüfte den starken, aber doch ein wenig plumpen Gesellen aus dem Wald. 1448, nachdem er einen Aufstand der Bürger von Berlin und Cölln niedergeschlagen hatte, verordnete er seiner Residenzstadt ein neues Siegel: Der brandenburgische Adler als landesherrliches Hoheitszeichen krallt sich, gleichsam auf dem Rücken reitend, in das Fell des auf allen Vieren schreitenden Berliner Bären.
Der Adler – das renommierteste aller Wappentiere mit einer weitverzweigten Familiengeschichte, die von den Feldzeichen der alten Römer über den zoologisch so unwahrscheinlichen doppelköpfigen Adler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bis zum Weißkopfseeadler der USA reicht – von Adlern mit Wolfs- oder Ziegenköpfen zu schweigen. Einen für die Geschichte Mitteleuropas besonders wichtigen Ausschnitt hat jetzt das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem in einer kleinen Dauerausstellung aufgearbeitet, den brandenburgisch-preußischen Zweig der Familie. Das hat natürlich nicht nur mit Wissenschaft zu tun, sondern auch mit Selbstdarstellung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz führt den Adler in einer Form, die sich auf das Wappen des Freistaats Preußen in den 1920er Jahren bezieht, traditionsbewusst im Siegel. Er findet sich auch im Giebel des Geheimen Staatsarchivs.
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Markgraf Otto IV. vor dem branden- burgischen roten Adler, aus dem Codex Manesse, um 1300
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Aber wie kam der römische Adler eigentlich nach Berlin? Die Berliner Forscher vermuten, dass die Dynastie der Askanier, die 1231 mit der Mark Brandenburg belehnt wurde und sich gegen allerlei rivalisierende Adelsgeschlechter durchsetzen musste, mit der Übernahme des kaiserlichen Wappentiers die Legitimität ihres Herrschaftsanspruchs unterstreichen wollte. Seit Karl dem Großen hatte sich der römische Adler als Zeichen auch des neuen, "heiligen" Römischen Reiches durchgesetzt. Es war zunächst ein Adler mit bloß einem Kopf; den Doppeladler führte erst Kaiser Sigismund 1433 ein. Dieser Adler hatte schwarze Farbe auf goldenem Grund. Die Askanier dagegen wählten, so zeigt es schon die älteste bekannte Darstellung, ein Blatt im berühmten "Codex Manesse" um 1300, einen roten Vogel auf schwarzem Grund.
Als die Askanier 1320 ausstarben, war ihr Wappentier bereits von der Familie losgelöst zum Symbol des Landes geworden; die folgenden Dynastien der Wittelsbacher, der Luxemburger und der Hohenzollern übernahmen das Zeichen. Dass dieser Horst eines roten Adlers in Brandenburg zwei Jahrhunderte später mit dem Horst eines schwarzen Artgenossen sozusagen fusionieren würde, konnte damals noch niemand ahnen. Auch der Deutsche Orden, der seit dem frühen 13. Jahrhundert in Ostpreußen einen dem Papst unterstellten Staat aufzubauen begann, hatte sich einen Adler in sein Banner gesetzt – schwarz auf goldenem Grund; die Hochmeister hielten es wohl für tunlich, sich nicht nur beim fernen Papst, sondern auch beim viel näheren Kaiser politischen Rückhalt zu sichern. Als Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach 1525 den Ordensstaat säkularisierte, hielten die Hohenzollern gleich zwei "Adler" in Familienbesitz.
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Prunkwappen der preußisch-branden- bugischen Monarchie, 1708
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Bekanntlich gewann der Preuße die Oberhand. 1701 ergriff Kurfürst Friedrich III. die Gelegenheit, sich für das ehemalige Ordensland die Königskrone aufzusetzen. Das brachte, wie die Präsentation im Berliner Staatsarchiv zeigt, auch für die Heraldiker neue Aufgaben mit sich: Im großen Wappenschild der vereinigten Länder des Hauses Hohenzollern mussten die Wappen der verschiedenen Territorien neu gruppiert werden. In der Mitte prangte nunmehr, mit der Krone auf dem Haupt, der schwarze Adler als Zeichen der preußischen Königswürde; der rote Adler des Kurfürstentums Brandenburg musste sich mit dem vornehmsten unter den anderen Plätzen begnügen: in der obersten Reihe, gleich rechts von der Mitte – rechts und links immer im Sinne der heraldischen Definition zu verstehen, also nicht vom Betrachter, sondern vom gedachten Halter des Schildes her zu verstehen.
Die verschiedenen Fassungen dieses königlich-preußischen Wappens, die in Berlin zu sehen sind, lassen ahnen, welche Diskussionen es am königlich-kurfürstlichen Hof gegeben haben wird. In einem Entwurf von 1701 ist das Mittelschild mit dem Preußenadler viel größer als die übrigen Schilde, in einer Version von 1708 ist es auf Normalmaß geschrumpft. Noch auffälliger ist ein anderes Detail 1708, das Gleichberechtigung der beiden wichtigsten Landesteile signalisiert: Rechts hält ein "wilder Mann" die preußische Standarte, links sein Pendant die brandenburgische. Das silberne Panier freilich, das über der Königskrone emporragt – das zeigt dann doch wieder den schwarzen Adler, mit der Krone auf dem Haupt, Zepter und Reichsapfel in den Fängen.
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Doppelköpfiger Adler auf Münze zur Wahl König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zum Deutschen Kaiser, 1849
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Insgesamt tritt der Adler – zumeist in schwarzer Farbe – in diesem Prunkwappen mehr als zwanzigmal auf, neben ein paar anderen Wappenzeichen wie Löwen und Kreuzen. Politik wird damals mehr, als wir das heute sehen wollen, auch eine Frage der Symbole gewesen sein. Ganz und gar vergangen ist diese Symbolkultur jedoch nicht; jede kommunale Gebietsreform zieht auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Heraldiker nach sich. Als 1996 der Zusammenschluss der Bundesländer Berlin und Brandenburg in einer Volksabstimmung scheiterte, hatten sich die Heraldiker längst Gedanken gemacht, wie das Wappen des neuen, vereinigten Landes mit Adler und Bär aussehen könnte. Von einem Rückgriff auf das Berliner Siegel aus dem 15. Jahrhundert wurde begreiflicherweise abgesehen. Zurück in die Zeit des ersten Preußenkönigs, Friedrich I. Konkurrierend zu dem streng symmetrisch dargestellten, seinen Kopf nach (heraldisch) rechts wendenden Adler kam ein dynamischeres Bild auf: der Vogel aufwärts fliegend, den Kopf nach oben oder nach hinten gerichtet. Dahinter standen antike und christliche Symbolvorstellungen vom König der Lüfte, der der Sonne entgegen fliegen könne, ohne geblendet zu werden. Aber es enthielt auch eine Spitze gegen die Großmacht Frankreich. "Non soli cedit", ließ der –Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", als Devise hinzusetzen, "er weicht der Sonne nicht", will sagen: dem Sonnenkönig, Ludwig XIV. Kein Wunder, dass sein franzosenfreundlicher Sohn Friedrich II. davon Abstand nahm und das "Non soli cedit" ersetzte durch "Pro gloria et patria", "für Ruhm und Vaterland".
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Wappen des Deutschen Reiches 1871
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Etwa mit der Wende zum 19. Jahrhundert trat das statuarische, symmetrische Adlerbild wieder in den Vordergrund – vielleicht in Absetzung gegen den auffliegenden Adler Napoleons mit dem Blitzbündel in den Fängen? Der Doppeladler war mit dem Erlöschen des Heiligen Römischen Reiches 1806 als gesamtdeutsches Symbol gegenstandslos geworden, das Kaisertum Österreich übernahm ihn, ersetzte den Heiligenschein, der die Heiligkeit dieses Reiches hatte signalisieren sollen, freilich durch eine Krone. Dagegen verzichtete der vom Wiener Kongress 1815 begründete Deutsche Bund zunächst auf ein Wappen. Erst unter dem Druck der Märzrevolution wurde 1848 der Doppeladler wieder eingeführt. Die Berliner Ausstellung zeigt eine schwarz-rot-goldene Kriegsflagge der Reichsflotte von 1849, mit einem schwarzen, doppelköpfigen Adler links oben.
Dasselbe Motiv findet sich auf einer Münze, die auf die Wahl König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zum "König der Deutschen" geprägt wurde – Zeichen für den hilflosen Versuch der Nationalbewegung, die alte deutsche Tradition und die aktuelle preußische Großmachtstellung unter einen Hut zu bringen. Als 1871 das neue Deutsche Reich gegründet wurde, so der Katalog zur Berliner Ausstellung, kam im Zeichen der Bismarckschen "Realpolitik" als Wappentier nur der Preußenadler in Frage. Um die genaue Gestaltung allerdings gab es wiederum monatelange Diskussionen. Das Ergebnis symbolisierte die beherrschende Stellung Preußens in diesem Bund von Fürsten und Städten: Der preußische Adler, schwarz auf weißem Grund, wurde dem ganz ähnlich gezeichneten Reichsadler aufgesetzt; der erhielt als Reminiszenz an das deutsche Mittelalter – und als Zugeständnis an die deutsche Nationalbewegung – jene Farben, die auf einem Bild Kaiser Heinrichs VI. in der Manessischen Handschrift zu finden waren: schwarz auf goldenem Grund, mit roter Zunge und roten Fängen.
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Adler der Berlin-Brandenburgischen Aka- demie der Wissenschaften
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Die Weimarer Republik begnügte sich damit, dieses Adlerzeichen von Brustschild und Krone zu befreien. Das setzte den Freistaat Preußen unter Zugzwang: Ohne monarchisches Attribut war sein Wappenvogel von jenem des Reiches bloß noch durch die Farben unterscheidbar. Die Lösung: Preußen kehrte zu dem aufwärtsfliegenden, rückwärtsschauenden Adler aus dem 18. Jahrhundert zurück. Es ist jener Adler, den heute die Stiftung Preußischer Kulturbesitz führt. Und übrigens auch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Deren Wappen geht bereits auf den Akademiegründer Gottfried Wilhelm Leibniz zurück, der bereits 1701 den Adler gewählt hat – als Huldigung an das Herrscherhaus, aber auch als Symbol scharfblickender wissenschaftlicher Erkenntnis. "Cognata ad sidera tendit" steht auf dem Schmucksiegel, "er strebt zu den verwandten Gestirnen": Der König der gefiederten Tiere steigt empor zu dem ihm gleichsam "verwandten" Sternbild des Adlers.
Ein Streifzug durch acht Jahrhunderte brandenburgischer, preußischer und deutscher Symbolgeschichte, der natürlich nicht nur museal präsentiert wird, sondern zugleich die Stiftung und das Archiv repräsentieren soll; nicht nur Geschichtswissenschaft, sondern auch eine – unvermeidlich lokalpatriotisch geprägte – Erinnerungskultur. Dass solche Symbole aus der Perspektive anderer Traditionen – sagen wir beispielhaft: vom Rhein oder von der Isar her – eine andere Wertigkeit erhalten, ist unvermeidlich. Es gehört wohl zum Charme historischer Ausstellungen, dass solche Differenzen sich unter dem Glas der Museumsvitrinen sozusagen neutralisieren. Ein Mechanismus, der jedoch nicht in jedem Fall funktionieren kann. Wie soll eine solche Familiengeschichte der Wappenadler mit den Jahren von 1933 bis 1945 umgehen? Begreiflich, dass das Geheime Staatsarchiv seinen Besuchern keine Adler mit Hakenkreuz in den Fängen präsentieren wollte. Aber auch diese Adler gehören zum Thema. Dass nicht nur die Ausstellung selbst, sondern ebenso der Katalog diesen Abschnitt mit Schweigen übergeht, zeugt doch von einer Menge Unsicherheit im Umgang mit der Geschichte.
Neu auf dem Büchermarkt: Adlers Fittiche. Wandlungen eines Wappenvogels, Dokumentation einer Präsentation des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12959-1, 19,80 €
Mehr im Internet: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Adler (Wappentier) - Wikipedia scienzz artikel Symbole
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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