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kultur

11.04.2009 - LITERATURGESCHICHTE

"Das Grün aus allen Gräbern bricht ..."

Eine Tour d'horizon durch die Karfreitags- und Osterpoesie

von Josef Tutsch

 
 

Gelbe Narzissen, auch "Osterglück-
chen" genannt - Bild: BerndH

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; im Tale grünet Hoffnungsglück; der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in raue Berge zurück ..." Der Osterspaziergang in Goethes "Faust I", von allen Versen, die in deutscher Sprache auf das Osterfest gedichtet wurden, sicherlich de bekanntesten. Dabei ist von Ostern, dem Fest der Auferstehung Christi, zunächst einmal gar nicht die Rede, vielmehr vom Frühling: "Die Sonne duldet kein Weißes ... Alles will sie mit Farben beleben ..." Erst ein paar Verse später wird ein Zusammenhang hergestellt: "Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden, aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern ... sind sie alle ans Licht gebracht."

Ostern und Frühling, das gehört zusammen. Da ist zum Beispiel Emanuel Geibels Gedicht "Ostermorgen": "Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen, ihr grünen Halm’ und Läuber all!" Und drei Strophen später: "Der Odem Gottes sprengt die Grüfte – wacht auf! Der Ostertag ist da." Oder Joseph von Eichendorffs "Ostern": "Das Grün aus allen Gräbern bricht ... Es ist ein tiefes Frühlingsschauern als wie ein Auferstehungstag." In den gängigen Anthologien mit Osterlyrik finden sich denn auch Gedichte, die das Fest der Auferstehung und den vorangegangenen Karfreitag mit keiner Silbe erwähnen, bloß das Kommen der – hoffentlich – schönen Jahreszeit. "Das ist die Drossel, die da schlägt, der Frühling, der mein Herz bewegt ..." Theodor Storm, "April". "Die Welt wird schöner mit jedem Tag ... Das Blühen will nicht enden ...  Nun, armes Herz, vergiss der Qual! Nun muss sich alles, alles wenden." Ludwig Uhland, "Frühlingsglaube". 

Osterspaziergang in Goethes "Faust I"
Illustration von Peter Cornelius, 1811
Bild: Städelsches Kunstinst., Frankfurt
Natürlich kann ein solcher Zusammenhang zwischen Ostern und Frühling nur auf der Nordhalbkugel der Erde gelten. Das jüdische Passachfest wird Ende März, Anfang April des gregorianischen Kalenders gefeiert; Jesus ist den Evangelien zufolge kurz vor diesem Fest gestorben. Als sich die Botschaft von seiner Auferstehung über die Grenzen des Judentums hinaus verbreitete, da traf sie auf uralte Vorstellungen, dass die Götter das Werden und Vergehen in der Natur mit vollziehen. Christus trat in Konkurrenz zu Osiris, Adonis, Dionysos; sein Kreuzestod und seine Auferstehung wurden mit dem Wechsel der Vegetation im Jahreskreislauf zusammengedacht. "Ich bin der wahre Weinstock" – unwahrscheinlich, dass die Leser des Johannesevangeliums damals bei diesem Jesuswort nicht an den Gott des Weins gedacht haben sollen, Dionysos.

Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch hat sogar die Vermutung gewagt, der Verfasser dieses Evangeliums sei in die wichtigste der antiken Mysterienreligionen, jene von Eleusis, eingeweiht gewesen. Das muss Spekulation bleiben, ebenso wie die Annahme, das Sakrament der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi sei vor dem Hintergrund solcher Mysterienkulte entstanden, in deren Mittelpunkt tatsächlich ebenfalls die Gaben der Götter Demeter und Dionysos, Brot und Wein, standen.  Friedrich Hölderlin  hat die theologisch riskante Verbrüderung von Christus und Dionysos um 1802 in seiner Hymne "Der Einzige" wiederaufgegriffen: "Denn zu sehr, o Christus! häng’ ich an dir, wiewohl Herakles’ Bruder und, kühn bekenn ich, du bist Bruder auch des Eviers, der die Todeslust der Völker aufhält und zerreißet den Fallstrick."

Ostereier aus der Ukraine
Bild: Carl Fleischhauer
Eine Generation danach hat Heinrich Heine den Kreuzestod Christi im Sterben einer anderen antiken Gottheit gespiegelt, in seiner Romanze "Frühlingsfeier": "Das wunderschöne Jünglingsbild, es liegt am Boden blass und tot, das Blut färbt alle Blumen rot, und Klagelaut die Luft erfüllt – Adonis! Adonis!" Auch ein Karfreitagslied, wenn man so will. Und wenn man an den dem Winter folgende Frühling, die dem Kreuz folgende Auferstehung denkt, auch ein Osterlied. Heines Metaphorik lehnt sich an jene der alten Kirchenlieder an. "Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht, ist hin und ganz vergangen, des blassen Todes Macht hat alles hingenommen ..." – Paul Gerhardt, in der dritten Strophe des Chorals "O Haupt voll Blut und Wunden".

Ganz ähnlich hat Gustav Mahlers "Auferstehungssinfonie" von 1895 die religiöse Hoffnung in ein Bild aus dem Naturleben gefasst: "Auferstehn, ja auferstehn, wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh! Unsterblich Leben wird, der dich rief, dir geben. Wieder aufzublühn, wirst du gesät!" Mahlers Auferstehungshymnus steht zwischen Prunk und Parodie, Zeugnis einer Weltepoche, die den religiösen Ernst von Johann Sebastian Bachs Passionen gern wiederholen möchte, es aber nicht vermag. Der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter hat diesen Prozess der Aufklärung in einer Kindheitserinnerung wiedergegeben. Alter Volksglaube wolle wissen, die Sonne gehe am Ostersonntage nicht wie gewöhnlich auf, sondern hüpfe dreimal freudig empor. "Jeden Ostersonntag wollte ich das Wunder ansehen, aber jedes Mal verschlief ich es – und als ich so groß geworden war, dass ich es nicht mehr verschlief, da glaubte ich es nicht mehr."

Osterhasen aus dem Erzgebirge
Bild: Erzgebirge-Sachsen
Aber manchmal verwandelt sich der alte Glaube auch in einen neuen, zum Beispiel in den an eine revolutionäre Veränderung. Und drückt sich dann verblüffend traditionell wiederum in den alten Metaphern von Auferstehung und Frühling aus. "Seine Dornenkrone nahmen sie ab, legten ihn ohne Würde ins Grab. Als sie gehetzt und müde andern Abends wieder zum Grabe kamen, siehe, da blühte aus dem  Hügel jenes Dornes Samen." Von Bertolt Brecht, aus seiner "Karsamstagslegende".

Ein wahres Virtuosenstück moderner, psychologischer Anverwandlung des alten Mythos hat Thomas Mann im Roman "Joseph und seine Brüder" vorgelegt. Der biblische Joseph ist nicht nur der Sohn des Patriarchen Jakob, den seine Brüder, wie es die Bibel erzählt, in die Sklaverei verkauft hatten und der aus diesem Beinahe-Tod zu Pharaos höchstem Minister aufstieg; er ist auch der gekreuzigte und auferstandene Christus und jener altorientalische Fruchtbarkeitsgott, den wilde Tiere, womöglich die Unterweltsdämonen, zerrissen haben und der im nächsten Frühling zu neuem Leben erwacht. Wörtlich ist Josephs "Auferstehung" allerdings nicht zu nehmen, ebenso wenig wie sein vermeintlicher Tod. Auf die Befürchtung des Vaters, dass Joseph "von den Jahren und von den Fleischtöpfen Ägyptens unvermeidlich schon stark bei Leibe" sein müsse, antworten die Brüder: "Nur in den Grenzen der Stattlichkeit, du musst bedenken, dass nicht der Tod ihn dir wiedergibt, sondern das Leben."

Das ist in den Auferstehungsberichten der Evangelien zweifellos anders gedacht. Mit großer Radikalität drückte es 1641 der holsteinische Pfarrer Johann Rist in einem Kirchenlied aus: "O große Not! Gott selbst liegt tot! Am Kreuz ist er gestorben." Dieser Ernst hat im Mittelalter nicht daran gehindert, dass gelacht und manchmal recht derb gelacht wurde. Das "Ostergelächter" gehörte zum liturgisch vorgeschriebenen Ablauf, erst die Reformatoren machten ihm den Garaus. Der reformierte Theologe Wolfgang Capito berichtete 1518, dabei würden Tierstimmen nachgeahmt, aber auch "Dinge vorgeführt, die die Eheleute passenderweise in ihrer Kammer und ohne Zeugen zu tun pflegen" – auch das ein Frühlingserwachen; man hat zu bedenken, dass während der dem Osterfest vorangehenden Fastenzeit Geschlechtsverkehr verboten war, zumindest der Theorie nach. Auch theaterpraktisch hatten solche Spektakel ihren guten Zweck; die Zuschauer mussten bei den Passionsspielen, die oft viele Stunden oder gar mehrere Tage dauerten, zum Ausharren bewegt werden.

  
Die "germanische" Frühlings-
göttin Ostara, Darstellung
aus dem Jugendstil
Bild: Wikipdia
Ostern und der Frühling – dieses Miteinander hat auch die Aufklärung überdauert. Es sind sogar ganz neue Naturmythologien erwachsen, nicht nur für die Kinderwelt. Bereits eine Heidelberger Dissertation aus dem Jahr 1682 stellte zu den bunten Ostereiern fest, es gebe da eine "Fabel, die man den Naiveren und den Kindern einprägt, dass nämlich der Osterhase solche Eier lege und in den Gärten im Gras und in den Obststräuchern verstecke, damit sie von den Kindern umso eifriger gesucht würden". 1835 machte der Germanist Jacob Grimm in seiner "Deutschen Mythologie" die Vorstellung von einer germanischen Göttin des im Frühling aufsteigenden Lichts mit Namen Ostara populär, von der er glaubte, das Osterfest ableiten zu dürfen.

Bei Grimms Nachfolgern erhielt die Göttin dann auch gleich das passende heilige Tier, den Hasen. Dabei kannten  die alten Germanen weder "Ostara" noch das eierlegende Säugetier. Wenn zu Ostern mit Eiern gespielt wird, dann schlicht deshalb, weil sich in den sieben Wochen Fastenzeit viele Eier angehäuft hatten, die irgendwie verbraucht werden mussten. Aber natürlich eignete sich das Ei auch hervorragend als Fruchtbarkeitssymbol; der Hase erhielt die Ehre, solche Eier produzieren zu dürfen, die nicht nur profanes Nahrungsmittel sein sollten, sondern zugleich Symbol.

Die Ostereier und der Osterhase – für Unsinnspoeten eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Heinz Erhardt hat eine Rede auf das Ei zu Ostern gehalten: "Wie wichtig das Ei ist, kann man aus der Tatsache ersehen, dass es im Englischen als einzige Vokabel groß geschrieben wird – wie zum Beispiel in dem Satz: I love you, zu deutsch: das Ei liebst du. Lässt der Engländer das Ei fallen, so sagt er: I love you very much, zu deutsch: das Ei liebst du sehr matschig, oder frei übersetzt: du liebst Rührei." Und auch für ernsthafte Poeten, wenn sie sich einmal in Unsinn ergehen wollten, zum Beispiel Eduard Mörike: "Die Sophisten und die Pfaffen stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen, wohl die Henne, wohl das Ei? Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward ein Ei erdacht: Doch, weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hats der Has gebracht." Wer wollte dieser Logik widersprechen? 


scienzz Dossier Rund um Ostern





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

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