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14.04.2009 - POLITISCHE THEORIE
Demokrat aus Vernunft, Liberaler aus Leidenschaft
Vor 150 Jahren starb der Historiker und politische Theoretiker Alexis de Tocqueville
von Josef Tutsch
 | | Alexis de Tocqueville
* 29. Juli 1805, † 16. April 1859
(zeitgenössischer Stahlstich)
| | | "Dem einen ist Hauptmittel des Wirkens die Freiheit, dem anderen die Knechtschaft. Jeder von ihnen scheint nach einem geheimen Plan der Vorsehung bestimmt, eines Tages die Geschicke der halben Welt in seiner Hand zu haben." Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten diese beiden Sätze, die der politische Theoretiker Charles Alexis Henri Maurice Clérel de Tocqueville 1835 über "den Amerikaner" und "den Russen" geschrieben hatte, geradezu prophetisch anmuten. Aber es war nicht nur diese eher beiläufige Voraussage zur Weltpolitik, die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine wahre Tocqueville-Renaissance hervorrief. Liberale entdeckten den französischen Aristokraten als Warner vor totalitären Versuchungen von rechts und links, Linke beriefen sich auf seine Prognose vom unaufhaltsamen Aufstieg der Gleichheit und der Demokratie, Konservative zitierten seine düstere Voraussage, durch die Verwirklichung der Gleichheit werde die persönliche Freiheit ausgehöhlt.
In der Tat, wenn der Politiker, Publizist und Historiker Tocqueville, der am 16. April 1859, vor 150 Jahren, gestorben ist, von "Demokratie" sprach, dann immer mit ein wenig Distanz. "Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, die Legalität, die Achtung vor den Gesetzen, aber nicht die Demokratie", schrieb er in seinen "Erinnerungen". Und dennoch – im historischen Rückblick erscheint Tocqueville heute als der vielleicht bedeutendste Theoretiker des demokratischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Der Aristokrat aus französisch-normannischem Adel, der seine Ahnen bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen konnte – ein Clérel de Tocqueville hatte 1066 an der Seite von Wilhelm dem Eroberer in der Schlacht von Hastings gekämpft –,fürchtete von der Herrschaft der Mehrheit eine Tendenz zur Uniformität. "Ich lasse meine Blicke über die zahllose Masse schweifen, wo nichts sich erhebt, nichts mehr steht. Das Schauspiel dieser allumgreifenden Einförmigkeit stimmt mich traurig und kalt, und ich fühle mich versucht, der Gesellschaft nachzutrauern, die nicht mehr ist."
Er fühlte sich versucht – aber Melancholie und Resignation waren nicht seine Sache; er wollte dem Neuen etwas Positives abgewinnen. "Die Gleichheit ist vielleicht weniger erhaben, sie ist aber gerechter, und ihre Gerechtigkeit macht ihre Größe und ihre Schönheit aus. Ich bemühe mich, diese Anschauungsweise Gottes zu begreifen." Ein Liberaler, der sich nicht scheute, seine persönliche Frömmigkeit in die politische Theorie hineinzutragen ... Und so war es nicht blinde Schicksalsergebenheit, wenn er schrieb: "Die allmähliche Entwicklung zur Gleichheit der Bedingungen ist ein Werk der Vorsehung; sie ist allgemein, sie ist von Dauer, sie entzieht sich täglich der Macht der Menschen; die Geschehnisse wie die Menschen dienen alle ihrer Entwicklung."
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Erste englische Ausgabe der "Demokratie in Amerika", 1841
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Von anderer weltanschaulicher Warte her darf man an dieser "Vorsehung" seine Zweifel hegen, nicht nur wegen unserer aktuellen Erfahrungen mit neu aufbrechender sozialer Ungleichheit im Zeichen des Turbokapitalismus. Auch Tocqueville selbst werden gelegentlich Zweifel an der Geradlinigkeit dieses göttlichen Plans gekommen sein. Als Abgeordneter der französischen Deputiertenkammer polemisierte er vor der Märzrevolution von 1848 heftig gegen die Regierung des Bürgerkönigs Louis Philippe: Sie habe das Land in ein gigantisches Kommerzunternehmen verwandelt. Der Aristokratensprössling verabscheute eben nichts so sehr wie die Auflösung von Politik in Ökonomie.
Tocquevilles Vorläufer Charles de Montesquieu hatte sich in seinem Buch vom "Geist der Gesetze" 1748 Freiheit und Gewaltenteilung am ehesten in einer gemäßigten, vom Adelsstand mitbestimmten Monarchie vorstellen können. Was konnte nach Abschaffung der Standesunterschiede in diese Funktion eintreten? Mit dieser Frage im Kopf machte sich Tocqueville 1831 auf eine Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika. Als Untersuchungsrichter hatte er sich von der ungeliebten Regierung Urlaub geben lassen, um den Strafvollzug in den USA zu studieren; insgeheim galt sein Interesse eher der einzigen stabilen repräsentativen Demokratie, die es bis dahin gab. Für den Bericht, den sie nach ihrer Rückkehr vorlegten, erhielten er und sein Freund Gustave der Beaumont einen Preis der Académie francaise. Aber heraus kam vor allem Tocquevilles Hauptwerk, das 1835 und 1840 in zwei dickleibigen Bänden erschien: "De la démocratie en Amérique".
Das erste, ganz der neuzeitlichen Demokratie gewidmete Werk der politischen Philosophie, schrieb einer der frühen Rezensenten, der Engländer John Stuart Mill; er bezeichnete den Verfasser als einen "Montesquieu des 19. Jahrhunderts". Es war ein zwiespältiges Bild, das Amerika dem Beobachter aus dem alten Europa bot. Einerseits vermisste Tocqueville die disputierfreudige Öffentlichkeit, wie er sie aus Paris gewöhnt war: "Ich kenne kein Land, in dem weniger geistige Unabhängigkeit und wirkliche Diskussionsfreiheit herrscht als in Amerika." Andererseits konnte er mit ansehen, wie bürgerliches Engagement in den Gemeinden und Selbstverwaltungseinrichtungen tagtäglich eingeübt wurde. Der Analytiker stellte beides nebeneinander; kein Wunder, dass sein Buch bis heute von glühenden Demokraten wie von Demokratieskeptikern als Fundgrube genutzt wird.
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Alexis de Tocqueville Bild: Univ. of Maine
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In der Analyse des politischen Systems der Vereinigten Staaten formulierte Tocqueville zugleich eine politische Theorie, die in der Problemstellung aktuell geblieben ist. Vor allem die sozialpsychologischen Mechanismen demokratischer Mehrheitsherrschaft machten Tocqueville Sorgen. Jeder habe die Freiheit zu denken, was er will; aber wer nicht mit der Mehrheit denke, werde zum Sonderling, zum Außenseiter. Die Demokratie, so das pessimistische Fazit, begünstige den Konformismus. Inzwischen hat sich freilich gezeigt, dass es weniger die "Demokratie" als die kapitalistisch geprägte Kulturindustrie ist, die den Konformismus begünstigt, und natürlich den Konformismus auf niedrigem Niveau – Stichwort "Unterschichtenfernsehen". Schon Mill kritisierte, sein Kollege verwechsle die Wirkungen der Demokratie mit jenen der modernen Zivilisation insgesamt.
Aber die bedrohlichen Konsequenzen, die Tocqueville für das politische System an die Wand malte, sind auch heute nicht ausgeräumt. Bei jüngeren Soziologen wie David Riesman ("Die einsame Masse", 1956) und Richard Sennett ("Verfall und Ende des öffentlichen Lebens", 1977) scheinen ähnliche Befürchtungen auf. Am Ende, glaubte Tocqueville, müsse der Konformismus auch das demokratische System unterhöhlen. Das öffentliche Engagement gehe zurück; über den jeweils nur ihrem Erwerbsstreben verpflichteten Individuen könne sich eine fürsorgliche und bevormundende, im Ergebnis despotische Staatsgewalt etablieren. Tocqueville machte sich gar nicht erst die Illusion, eine solche "Mehrheitstyrannei" in der demokratischen Gesellschaft abwenden oder beseitigen zu können; aber Amerika zeigte ihm die Mittel, sie wenigstens zu mildern: dezentrale Verteilung der Macht in Gliedstaaten und Gemeinden, Verbänden und Vereinen, ein unabhängiges Gerichtswesen, eine freie Presse.
Und dann noch etwas: die "Sitten" – der ganze Komplex von Ideen und Werten, Denk- und Verhaltensweisen, der sich in Amerika über Generationen ohne monarchische Bevormundung hatte herausbilden können. Das war der Grund, weshalb Tocqueville die USA bei aller Skepsis mit größerem Optimismus betrachtete, als Europa: "Während meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten hatte ich bemerkt, dass eine demokratische Gesellschaftsordnung wie die der Amerikaner für die Errichtung des Despotismus einzigartige Möglichkeiten bieten könnte; und bei meiner Rückkehr nach Europa hatte ich gesehen, wie sehr die meisten unserer Fürsten sich der Vorstellungen, Gefühle und Bedürfnisse, die diese Gesellschaftsordnung entstehen ließen, bedient hatten, um ihren Machtbereich zu erweitern."
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Französische Tocque- ville-Briefmarke
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In Amerika war die moderne Zivilisation mitsamt der bürgerlichen Gleichheit dezentral gewachsen; in den europäischen Staaten wurde sie von oben verordnet; auch eine Revolution wie jene 1789 in Frankreich eroberte zunächst die Zentrale, um von dort aus das Land zu verändern. Tocquevilles Befürchtung: "Man ist versucht zu sagen, jeder Schritt zur Gleichheit bringt die Europäer dem Despotismus näher." Einem milden und gewaltlosen Verwaltungsdespotismus vielleicht, der "die Menschen erniedrigt, ohne sie zu quälen" – ein paar Jahrzehnte später sprach der Soziologe Max Weber von einem sinnentleerten "Gehäuse der Hörigkeit" als Zukunftsperspektive des modernen Menschen.
Ein Liberaler aus Leidenschaft, aber ein Demokrat mehr aus Vernunft. Tocqueville wusste, dass persönliche Freiheit in der Zukunft nur noch möglich sein würde, wenn sie sich dem Gleichheitsprinzip verbinden könnte. Statt wie ältere liberale Theoretiker sich für die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums in einer selbstverantworteten politischen Ordnung zu begeistern, dachte er über die Kosten dieser Entwicklung nach, immer mit der Absicht, diese Kosten gering zu halten. Ein Kapitel im Amerikabuch stellte die Frage, weshalb die demokratisch regierten Völker die Gleichheit leidenschaftlicher und beharrlicher liebten, als die Freiheit. Die Antwort: Die Gleichheit sei eine verständliche, dem Menschen leicht greifbare Tatsache; politische Freiheit bedürfe der Anstrengung.
Und gegebenenfalls auch des Opfers. Tocquevilles Großvater mütterlicherseits war auf dem Schafott gestorben, weil er Ludwig XIV. vor dem Revolutionstribunal verteidigt hatte. Sein Enkel musste bloß seine Stellung als Außenminister drangeben, nachdem Louis Napoleon 1851 die Republik in eine plebiszitäre Diktatur verwandelt hatte. Diesem Umstand verdankt die Nachwelt Tocquevilles zweites großes Werk, "L’ancien régime et la révolution". Das Buch räumte auf mit der Vorstellung, durch die Revolution von 1789 sei in Frankreich alles anders geworden. Die Zentralisierung, deckte Tocqueville auf, hatte bereits im Mittelalter eingesetzt und sich durch die gesamte frühe Neuzeit hindurchgezogen; in dieser Hinsicht war der Sonnenkönig Ludwig XIV., der den Adel seiner politischen Rechte beraubt hatte, ein würdiger Vorläufer der Revolutionäre.
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Familienwappen der Tocqueville
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Und wiederum nahm der Nachfahr eines uralten Adelsgeschlechts die Gelegenheit wahr, auf die historischen Verdienste seines Standes hinzuweisen: "Hat ein Volk die Aristokratie in seiner Mitte zerstört, so eilt es ganz von selbst der Zentralisation entgegen" – weil nämlich unter den Bedingungen des ancien régime die Aristokratie die entscheidende Barriere gegen eine absolute Macht des Monarchen darstellte. Freilich, wenn man auf Gerechtigkeit und Gleichheit hinauswollte, mussten die alten Adelsvorrechte fallen. In der Zukunft, hoffte Tocqueville, könne "der freie Zusammenschluss der Bürger" die persönliche Macht der Adligen ersetzen.
Eine etwas vage Hoffnung – im alten Europa gab es mit der repräsentativen Demokratie noch kaum Erfahrungen; alle Anläufe, die in Frankreich bis zu Tocquevilles Tod 1859 unternommen wurden, endeten in einem Staatsstreich oder in einer neuen Revolution. Aber in der Mitte des 19. Jahrhunderts sah Tocqueville keine Alternative zu dieser Aufgabe, anders als noch hundert Jahre zuvor Montesquieu, der sehnsüchtig von der "Tugend" als Triebkraft einer republikanischen Staatsverfassung nach Art der alten Griechen geschrieben hatte, für seine Gegenwart aber doch lieber auf eine durch den Adel mitbestimmte Monarchie setzte.
Eine "Gesellschaft, in der alle das Gesetz lieben, weil sie es als ihr Werk betrachten und sich ihm gern unterwürfen", formulierte Tocqueville sein Staatsideal – in krassem Gegensatz zur Realität seiner Zeit: "Das Volk verachtet heute die Autorität, aber es fürchtet sie." Für sich selbst und für sein Denken war Tocqueville selbstbewusst genug, auf alle institutionellen Stützen zu verzichten: "Ich stehe für keine Tradition, ich gehöre keiner Partei an, ich stehe für keine Sache, außer für die der Freiheit und der menschlichen Würde."
Mehr im Internet: Alexis de Tocqueville, De la démocracy en Amérique Alexis de Tocqueville, CV
scienzz Dossier Klassische Denker der Politik und Soziologie
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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