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30.03.2009 - LITERATURGESCHICHTE
"Freut euch, ihr Guten, denn die Bösen sterben ..."
Das Feindbild der mittelalterlichen Kreuzzugslyrik
von Josef Tutsch
 | | Eroberung Jerusalems durch die
Kreuzfahrer (Ausschnitt), Pariser
Buchmalerei, 1499
Bild: Wikipedia
| | | Im elften Jahrhundert, so schrieb der englische Kulturhistoriker Christopher Dawson 1932 in seinem vielgelesenen Buch über die "Entstehung des Abendlandes", im elften Jahrhundert "hatte der lange Winter des finsteren Zeitalters sein Ende erreicht, und überall im Westen regte sich neues Leben, neue soziale und geistige Kräfte erwachten, der Westen trat aus dem Schatten des Ostens hervor und nahm seinen Platz als unabhängige Einheit an der Seite der alten Kulturen der orientalischen Welt". "An der Seite ...": Da hätte sich der Historiker etwas präziser äußern können. Die "unabhängige Einheit" des Abendlandes konstituierte sich mit den Kreuzzügen, die 1096 ihren Anfang nahmen, in direktem Gegensatz, oft in militanter Feindschaft gegen den Nachbarn im Osten, den Islam.
Die Kreuzzüge – ein Geschichtsabschnitt, der im kollektiven Gedächtnis in Ost wie West lebendig geblieben ist; das zeigten die Reaktionen, als Präsident George Bush vor ein paar Jahren seinen Krieg im Irak – ob nun schlecht beraten oder aus ureigenem Fehlurteil – als "Kreuzzug" deklarierte. Mit dem Schlagwort von der "Koalition der Gutwilligen" stellte sich Bush tatsächlich in eine lange Tradition von Feindbildern, wie sie in ähnlichen Worten auch von jenen mittelalterlichen Dichtern beschworen wurden, die damals zur "Befreiung" des Heiligen Landes von den "Ungläubigen" aufriefen und oft selbst kämpfend daran teilnahmen. "Freut euch, ihr Guten, denn die Bösen sterben", zitiert Ingrid Hartl, Nachwuchsgermanistin an der Universität Wien, das Lied "Juble, Jerusalem", das nach der Eroberung der heiligen Stadt durch die Kreuzfahrer 1099 verfasst wurde. Hartl hat die vierzig Kreuzzugslieder, die aus dem 11. bis 13. Jahrhundert in lateinischer, provenzalischer, französischer und deutscher Sprache überliefert sind, einer ausführlichen Analyse unterzogen.
Es muss sehr viel mehr gegeben haben – das Thema "Kreuzzug" nahm in der politischen Lyrik der Zeit eine derart zentrale Rolle ein, dass sich daran beinahe eine eigene Gattung festmachen lässt. Was als Unterschied zu unserer Gegenwart sofort ins Auge springt: Es scheint auf "westlicher" oder christlicher Seite keine Dissidenten gegeben zu haben; keiner der Autoren hat die Legitimität eines Feldzugs christlicher Ritter, um das Heilige Land von muslimischer Herrschaft zu "befreien", grundsätzlich in Frage gestellt. Typisch ist das oben schon zitierte "Juble, Jerusalem". "Du hast lange den Türken gedient, unter denen du standest nach dem Tod Jesu Christi", redet der Dichter die Stadt an. Ethnologische oder historische Unterscheidungen interessierten den Verfasser nicht; die wechselnden Beherrscher Palästinas werden pauschal als "Türken" bezeichnet, als "Ungläubige" und "Eindringlinge": Das Land, wo Jesus Christus gelebt hatte, sei rechtmäßig Eigentum der Christen.
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Eroberung Jersualems durch die Kreuz- fahrer, Paris, 1499 - Bild: Wikipedia
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Gott werde diese Tyrannen "vernichten, die so viele Jahre hindurch die Christen geplagt haben". Solche Vorwürfe waren nicht einmal aus der Luft gegriffen. Immer wieder hatten muslimische Herrscher versucht, den Druck auf eine Konversion zum Islam zu erhöhen; 1009 hatte Kalif al-Hakim die Grabeskirche in Jerusalem zerstören lassen. Dass umgekehrt in den christlichen Ländern Europas Muslime erst recht mit Repressalien hätten rechnen müssen, spielte in dieser Argumentation keine Rolle. In drastischen Worten – und anscheinend ohne Bedauern – werden die Kampfhandlungen geschildert: "Flüsse von Blut flossen in den Mauern Jerusalems, als das irrende Volk unterging ... Und der Boden des Tempels wurde bluttriefend vom Blut der Sterbenden."
Leser von heute sollten sich freilich hüten, mit zivilisatorischem Hochmut auf das "barbarische" Mittelalter zu blicken; der Wiener Satiriker Karl Kraus hat in seinem Drama aus dem Ersten Weltkrieg "Die letzten Tage der Menschheit" Kostproben gebracht, dass auch renommierte Autoren der Moderne zu ähnlichen Tönen in der Lage waren. Natürlich hat auf der anderen Seite ein vergleichbares Vorgehen der Gegner auch im Mittelalter Empörung hervorgerufen: "Sie fallen in das ruhmreiche Land ein, verwüsten alles, nehmen die Christen gefangen, Greise und Kinder, und wie wilde, blutgierige Tiere erwürgen sie die Kinder, schlitzen die Schwangeren auf", klagt ein Lied aus dem Jahr 1188. Die Vorgänge mögen sogar realistisch wiedergegeben sein; Hartl macht jedoch darauf aufmerksam, dass es sich zugleich um eine literarische Collage von Bibelstellen handelt, zum Beispiel aus dem 4. Buch der Könige: "Du wirst ihre Jungen mit dem Schwert ermorden, ihre Kinder töten und ihre Schwangeren aufschlitzen."
Es ist also Vorsicht angebracht, wenn man aus solchen poetischen Versen realhistorische Vorgänge erschließen will. Ebenso schwierig scheint es, aus den Gedichten eine Intention der Verfasser herauszulesen. Immerhin – der Aufruf des Dichters Raimbaut de Vaqueiras 1201, "das Hundsvolk zu vernichten", gemeint sind die "ungläubigen" Muslime, dürfte eindeutig sein. Tatsächlich wird in der erzählenden Literatur des Mittelalters "Hund" gern als grobe Beschimpfung gebraucht, die Gleichsetzung von Heiden mit Hunden war eine geläufige Floskel. Aber der Tiervergleich muss nicht in jedem Fall derart unversöhnlich gemeint sein. Ein mittellateinisches Lied, etwas aus dem Jahr 1148, drückt mit einem Bild aus der Bibel, freilich sehr herablassend, die Hoffnung auf eine Bekehrung der Muslime aus, die eben auch als Teil der göttlichen Schöpfung aufgefasst werden: "Das Brot der Kinder wird zur Speise für die Hündlein unter dem Tisch des gütigsten Herrn."
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Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer, 13. Jh. Bild: Bibl. Nationale, Paris
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Überraschend im historischen Rückblick: Von den Juden, die in diesem Land ja auch lebten, ist in diesen Kreuzzugsliedern nur beiläufig die Rede: "Gewichen ist der ketzerische Eindringling, der geschlagene Jude empfindet Schmerz, hier regiert Christus, unser Gott", so das älteste Lied, jenes von 1099. Dahinter steht ein geschichtstheologisches Modell: Das Judentum wird als eine Größe der Vergangenheit gesehen, mit der Erlösungstat Christi müsste es "eigentlich" von der historischen Bühne abgetreten sein und sein Erbe dem Christentum hinterlassen haben; in der Gegenwart versucht der Islam, sich ohne jede Legitimation in dieses Erbe hineinzudrängen. "Jeder gläubige Christ war verpflichtet, das Heilige Land gegen den unrechtmäßigen Besitz der Heiden zu verteidigen", bringt Hartl die Intention auf den Punkt. Der größte Lyriker deutscher Sprache im Mittelalter, Walther von der Vogelweide, bezeichnet in einem seiner Lieder die muslimische Besetzung des Heiligen Landes als "Wunden Christi".
Realhistorisch war das schlichte Gegeneinander von Christen und Heiden, also Muslimen, nicht lange durchzuhalten. Es gab Fälle von "Kollaboration" – "der böse Graf von Tyrus, der eine schurkische Gesinnung hat", brandmarkt ein Lied aus dem Jahr 1188 einen dieser christlichen "Verräter", der sich mit Hilfe muslimischer Verbündeter einen Landstrich von einem christlichen Konkurrenten angeeignet hatte. Etwa um diese Zeit, also drei Generationen nach dem Beginn der Kreuzzugsbewegung, konstatiert Hartl, wurde auch die Lyrik zu diesem Thema individueller, persönlicher; gelegentlich verzichteten die Autoren auf eine allzu plakative Brandmarkung der muslimischen Gegner – eigene Erfahrung führt eben manchmal dazu, dass sich Feindbilder relativieren, ganz davon zu schweigen, dass der ökonomische und kulturelle Austausch zwischen Ost und West durch die militärischen Aktionen im Großen und Ganzen offenbar kaum behindert wurde.
Ein Lied aus Walther von der Vogelweides letzten Lebensjahren, vielleicht von 1228, wirkt mit seinem Bild eines Rechtsstreits um das Heilige Land beinahe modern: "Christen, Juden und Heiden behaupten, dass dies ihr Erbe sei. Gott soll um seiner Dreifaltigkeit willen darüber richten." Allerdings nicht ohne dass der Dichter ein Plädoyer hinterher schiebt: "Wir sind mit unserer Bitte im Recht, und daher ist es Recht, dass er es uns gewährt." Oft ist nur schwer zu sagen, inwieweit der christliche Besitzanspruch auf das Heilige Land von den Verfassern dieser Lieder überhaupt reflektiert wurde. In manchen Liedern wird die Frontenstellung "outre mer", also jenseits des Mittelmeers, wie selbstverständlich mit jener im großenteils muslimisch beherrschten Spanien oder mit der in den noch "heidnischen" Gebieten Osteuropas in ins gesetzt; die epische Dichtung transponierte das Thema gern in die Zeit Karls des Großen, mit den Sagen um die Kämpfe des Helden Roland an der Pyrenäenfront.
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Eroberung Jerusalems durch die Kreuz- fahrer, englisch/spanisch, 12.-14. Jh. Bild: Captain Blood/Wikipedia
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Hatten selbst die Gebildeten im Abendland damals eine halbwegs zutreffende Vorstellung vom Islam? Es war eine weit verbreitete Vorstellung, berichtet Hartl, "dass die Muslime einem Polytheismus anhingen, der die Verehrung von künstlichen Göttern lehre". So übertrugen denn auch die Dichter die Verdammungsurteile aus dem Alten Testament über den kanaanäischen "Götzendienst" ohne Umschweif auf ihre islamischen Gegner. Nur konsequent, dass diese Gegner nicht unbedingt historisch zutreffend als Türken oder Araber oder Sarazenen bezeichnet werden; Phryger, Agarener, Syrer, Ägypter, Epirer, Hirkomilen, Mauren, Getuler, Barbaren, Skythen, Moabiter, Amoniter, Ismaeliter und Amalekiter nennt das zitierte Lied von 1188 – eine bunte Mischung von Namen aus Antike und Bibel, vor allem jener Völker, die im Alten Testament als Feinde des Volkes Israel vorkommen. Andere Gedichte nennen Kanaaniter, Madianiter, Philister, beschwören den Antichristen und den Brudermörder Kain. Ein französischer Text von 1148 bringt das Bild eines jenseitigen Endkampfes, der auf Erden ausgetragen wird: "Gott hat ein Turnier angesetzt zwischen der Hölle und dem Paradies; er lässt alle seine Freunde kommen, die ihm beweisen wollen, dass sie ihm nicht untreu geworden sind."
Kein Wunder, dass die Gegenseite in dieser mythischen Auseinandersetzung mit allem Negativen belegt wurde, zum Beispiel in einem lateinischen Lied von 1188: "Ketzerisch, voller Trug, verunreinigt durch gottlose Bräuche, eingetaucht in einem See von Verbrechen, in schmutzigem Abschaum, Dreck". Es müsste eine reizvolle Aufgabe sein, literarische Feindbilder etwa aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts vergleichend daneben zu setzen – ob man über die Jahrhunderte einen Fortschritt in Humanität verzeichnen könnte? Und noch eine Frage musste die Wiener Germanistin in ihrer Studie unbeantwortet lassen: Wie eigentlich haben Dichter der islamischen Seite damals die feindlichen Kreuzfahrer aus dem Westen wahrgenommen?
Neu auf dem Büchermarkt: Ingrid Hartl: Das Feindbild der Kreuzzugslyrik. Das Aufeinandertreffen von Christen und Muslimen, Peter Lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03910-956-2, 43,40 €
Mehr im Internet: Kreuzzüge - Wikipedia scienzz Dossier Europa und die islamische Welt
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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