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03.04.2009 - KUNSTGESCHICHTE
Guter Mond, du gehst so stille ...
400 Jahre nach Galilei, 40 Jahre nach Neil Armstrong - eine Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
von Josef Tutsch
 | | Karl Schmidt-Rottluff: Blauer
Mond (Ausschnitt), 1920
Bild: Brücke-Museum, Berlin
| | | "Die Sterne, die begehrt man nicht", dichtete einst Johann Wolfgang von Goethe, "man freut sich ihrer Pracht." Ja, wenn Goethe anderthalb Jahrhunderte später gelebt hätte ... Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ein hektisches Wettrennen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion zum erdnächsten der "Sterne", dem Mond. Zunächst hatten die Russen die Nase vorn. 1959 umrundete eine sowjetische Sonde den Trabanten und erlaubte einen Blick auf die Rückseite des Mannes im Mond. Am Ende entschieden jedoch die Amerikaner die Konkurrenz für sich. Am 20. Juli 1969 betraten erstmals zwei menschliche Wesen den Boden eines Himmelskörpers.
Das war vor vierzig Jahren. Gerade zehnmal so lang, nämlich vierhundert Jahre, ist es her, dass Galileo Galilei das von ihm konstruierte Fernrohr gen Himmel richtete und damit die Möglichkeit wahrnahm, Einzelheiten zu erkennen. Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum hat die beiden Jubiläen zum Anlass genommen, eine kunsthistorische Ausstellung über den Mond zu präsentieren, Bilder europäischer Künstler und Wissenschaftler vom späten Mittelalter bis in unsere Gegenwart, dazu astronomische Instrumente und, nicht zu vergessen, frühe Drucke jenes klassischen Buches, in dem Galilei seine Entdeckung publizierte, des "Sternenboten" vom Frühjahr 1610.
Bei dieser Ausstellung handelt es sich, soweit die Kölner Forscher feststellen konnten, um den ersten Versuch, so etwas wie eine Ikonographie des Mondes zu erarbeiten – eine verblüffende Feststellung; schließlich ist der nächtliche Begleiter der Erde doch auch in der Kunstgeschichte allgegenwärtig, wie jeder Gang durch eine Gemäldegalerie demonstriert. Als ältestes Beispiel zeigt das Museum das vielleicht kostbarste Stück seiner eigenen Sammlung, die "Muttergottes in der Rosenlaube" von dem Kölner Maler Stefan Lochner, um 1442. Dass es um den Mond geht, sieht der Betrachter allerdings nur, wenn er ganz nah herantritt – auf die Gefahr hin, dass das Alarmsignal losgeht. Im Heiligenschein der Madonna sind kleine Sicheln dargestellt, für jeden Tag des Mondzyklus eine. Die wechselnde Gestalt des Mondes wird ja bis heute, ob wissenschaftlich nun zutreffend oder nicht, mit dem Monatszyklus der Frau in Verbindung gebracht; die mittelalterliche Symbollehre assoziierte die – vermeintliche – Reinheit und Unbeflecktheit seiner Oberfläche mit der Jungfräulichkeit der Gottesmutter.
 | Albrecht Dürer: Jungfrau auf der Mondsichel, Holzschnitt, 1511 Bild: Wallraf-Richartz-Museum, Köln
| Modernen Menschen kommt diese Assoziation nicht sehr einleuchtend vor; schließlich sind die Unregelmäßigkeiten doch mit bloßem Auge zu erkennen. Aber sie wurden damals als Spiegelungen der Erde interpretiert. Erst vor dem Hintergrund dieser theologischen Symbolik wird die Aufregung nachvollziehbar, nachdem Galilei seine Beobachtung der Öffentlichkeit mitgeteilt hatte. Seit der Antike, referiert der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, "war die Möglichkeit, dass der Mond Täler und Gebirge aufweist, zwar immer wieder erörtert worden; aber mit einem Schlag hatte sich diese Vermutung in Gewissheit verwandelt." Der Mond, so schrieb Galilei, habe "keineswegs eine sanfte und glatte, sondern eine raue und unebene Oberfläche", ebenso wie die Erde sei er "mit ungeheuren Schwellungen, tiefen Mulden und Krümmungen überall dicht bedeckt". Die alte Voraussetzung, dass die Himmelskörper aus vollendet glatten, ätherischen Sphären gebildet seien, war dahin.
Und "eigentlich", könnte man von der Warte unserer wissenschaftsgläubigen Gegenwart meinen, war damit auch die Grundlage für die symbolische Verknüpfung Mariens mit dem Mond entfallen. Aber Kunst hat ihre eigenen Gesetze; in katholischen Kirchen wurde die Muttergottes weiterhin auf einer Mondsichel dargestellt, und wenn in protestantischen Kirchen solche Bilder fehlen, dann nicht aus astronomischen, sondern aus theologischen Gründen. Der Ausstellungsleiter Andreas Blühm kann jedoch einen verblüffenden Fall anführen, dass ein Maler die neuen Erkenntnisse integrieren wollte. Nur zwei Jahre nach der Publikation von Galileis "Sternenboten" schuf sein Freund Lodovico Cardi, genannt "Il Cigoli", in Santa Maggiore in Rom ein Fresko der Unbefleckten Empfängnis. Die Madonna steht – kaum zu glauben, dass das nicht als Provokation aufgefallen ist – auf einer pockennarbigen Mondsichel.
Hat sich wenigstens in weltlichen Bildern der Mond durch Galileis umstürzende Erkenntnisse geändert? Der Flame Abraham Janssens hat um 1617 eine Allegorie der "Incostanza" gemalt, des Wankelmuts. Das scheint mit der theologischen Symbolik schwer zu vereinbaren; aber auch hierfür konnte der Mond stehen. Janssens zeigt keine stilisierte Sichel, sondern eine gesichtsartig zerklüftete Innenseite – ein Reflex auf Galilei, der in den Niederlanden damals sicherlich längst bekannt war? Dass der Mond, der sich heutigen Erkenntnissen zufolge viel langsamer verändert als unsere Erde, wegen seines wechselnden Erscheinungsbildes am Nachthimmel als Symbol der Unbeständigkeit gilt, hat sich jedenfalls bis heute gehalten, "wider besseres Wissen", stellt Blühm fest.
 | Abraham Janssens: Allegorie der Unbeständigkeit, ca.161 - Bild: Sta- tens Museum for Kunst, Kopenhaen
| Vielleicht darf man auch den Mondschein auf dem Bild "Eisenbahn bei Nacht" von einem sonst unbekannten J. Baumhauer, 1838, als Zeichen eines bedrohlichen Wandels durch Technik und Industrialisierung deuten. Dargestellt ist der "Adler", die erste deutsche Lokomotive, die damals zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte. Dass eine nächtliche Szene dargestellt wird, lässt sich jedenfalls nur symbolisch verstehen: Der "Adler" fuhr bloß tagsüber. Wandel – ob nun befürchtet oder erhofft – könnte der Mond auch auf Edvard Munchs berühmtem Bild "Vier Mädchen auf der Brücke", 1905, signalisieren, den bevorstehenden Wandel zum Erwachsenenleben. Unbefangene Betrachter werden freilich eher annehmen, dass im Hintergrund die Sonne dargestellt sei; das Licht ist taghell, wenngleich ein wenig fahl. Ein Mitarbeiter der Ausstellung, Hermann-Michael Hahn, hat mit am Computer die Topographie dieser Brücke am Oslofjord rekonstruiert und ist zu dem Schluss gekommen: Die Szene zeigt die Vollmondnacht vom 1. auf den 2. Juli des Jahres 1901, etwa 2.20 Uhr.
Man müsste wohl Munchs Arbeitsweise studieren, um aussagen zu können, ob es sich da nicht doch um einen Zufall handelt. Ebenso wenig kann als sicher gelten, ob Hahns Theorie zu Caspar David Friedrichs Bild "Einsames Haus am Kiefernwald" tatsächlich etwas über die Genese dieses Bildes aussagt: "Die vermutlich größte Ähnlichkeit zwischen der Darstellung der schmalen Mondsichel und dem realen Mond ergibt sich für den Morgen des 25. Juli 1832 gegen 2.45 Uhr." Munchs und Friedrichs Malerkollegen ein paar Jahrhunderte zuvor scheinen sich jedenfalls für die astronomische Stimmigkeit ihrer Darstellungen nicht sonderlich interessiert zu haben. Zum Beispiel der sogenannte Meister der Karlsruher Passion. In seinem Bild von der "Gefangennahme Christi" ist die schmale Sichel eines abnehmenden Mondes zu sehen. In der Bibel kann man jedoch lesen, dass dieser Vorgang kurz vor einem Vollmond stattfand.
Kurzum: Dieser Mond ist symbolisch zu verstehen, als Zeichen auf Christi bevorstehenden Tod und seine Auferstehung. Darf man auch die Monde in den Bildern von Caspar David Friedrich so interpretieren? Friedrich Publikumserfolg beruht wohl nicht zuletzt darauf, dass solche Fragen offen gehalten werden. "Denen, so es sehen können, ein Trost, denen, so es nicht sehen, bloß ein Mond", um eine Stelle aus einem seiner Briefe sinngemäß abzuwandeln. Natürlich kann die Betrachtung des Mondes von anderer Warte aus zum Gegenstand eines mehr oder weniger sanften Spotts werden. Die Kölner Ausstellung zeigt das Bild eines jungen Mädchens, das durchs Fenster zum Vollmond aufschaut, gemalt von Johann Peter Hasenclever, 1846. Auf dem Fensterbrett liegt die Lektüre, der sich das Mädchen gerade noch hingegeben hat, "Mimili" von Heinrich Clauren, eine der beliebtesten Rührgeschichten des frühen 19. Jahrhunderts.
 | Johann Peter Hasenclever: Die Semtimentale, 1846 - Bild: museum kunst palaast, Düss.
| Ausgesprochen pikant wurde das Mondmotiv ein halbes Jahrhundert später im Paris der Belle Epoque genutzt. Die Radierungen von Joseph Apoux zeigen unbekleidete Damen auf der Mondsichel – ob den Kunden geläufig war, dass frühere Künstler an dieser Stelle die Muttergottes dargestellt hatten? Dieselbe Frage lässt sich bei den Bühnenbildern stellen, die Karl Friedrich Schinkel 1816 zu Mozarts "Zauberflöte" geschaffen hat: die Königin der Nacht als Verkörperung des Bösen auf der Mondsichel stehend ... Aber auch solche Umwertungen betätigen: In der Kunst haben sich die alten Symbole hartnäckig gehalten, den neuen Erkenntnissen zum Trotz. Daneben entwickelte sich eine wissenschaftliche Ikonographie des Mondes, also das Bemühen um eine "objektive" Darstellung in Mondkarten und Mondgloben. Auch darin freilich spielt Kunst oft eine Rolle. Gerade in den letzten Jahren haben die sogenannten "Falschfarbenaufnahmen" Konjunktur: Etwa Bilder der Sonde Galileo werden in willkürlich gewählten Tönen koloriert, um dem Betrachter die Interpretation der mondgeschichtlichen Formationen zu erleichtern.
Als attraktives Ziel wissenschaftlicher Expeditionen scheint der Mond vier Jahrzehnte nach Neil Armstrong schon wieder ausgedient zu haben; die aktuellen Planungen in den USA, vermutlich auch in Russland und China, kalkulieren den Erdtrabanten eher als Zwischenstation auf dem Weg zum Mars ein. Literaten und Filmemacher übrigens waren den Astronauten da um viele Jahrzehnte voraus. In deutscher Sprache am bekanntesten sind "Die Abenteuer und Reisen des Freiherrn von Münchhausen"; auch daran wird in Köln erinnert, mit einer Illustration von Gustave Doré aus dem Jahr 1876. 1902 produzierte Georges Méliès nach Vorlagen von Jules Verne und H. G. Wells den ersten Film von einer Reise zum Mond mit allerlei technischen Tricks. 1928 brachten Liesl Karlstadt und Karl Valentin einen "Flug zum Mond mit dem Raketenflugzeug" auf die Bühne ihres Münchner Varietés.
Die beiden Komiker werden sich für die Frage, ob eine solche Reise in der Realität möglich wäre, gar nicht interessiert haben. Aber bereits im Jahr darauf hob tatsächlich vom Flughafen Frankfurt-Rebstock eine bemannte Rakete ab. Der erste Schritt auf dem Weg, der später zum Mond führte, war getan. Etwa gleichzeitig drehte Fritz Lang seinen Film "Frau im Mond". Als technischer Berater wurde Hermann Oberth engagiert, der sechs Jahre zuvor seine – von der Münchner Universität abgelehnte – Dissertation "Die Reise zu den Planetenräumen" veröffentlicht hatte. Lang muss ein Fanatiker der Präzision gewesen sein. Wenn sich der Boden des Mondes, so die Mitarbeiterin der Ausstellung, Heike Lorenz, unter der Kamera hinweg bewegt, dann wird sogar die im Vergleich zur Erde größere Krümmung sichtbar.
 | Falschfarbenaufnahme des Mondes, 1992 - Bild: NASA/JPL
| Ein Beispiel, dass wissenschaftliche Detailkenntnisse in die Kunst Eingang gefunden haben, ähnlich wie bei jener pockennarbigen Mondsichel von Galileis Freund Lodovico Cardi in Santa Maria Maggiore. Im scheinbar realistischen Medium des Films war das wohl öfter der Fall als in der Malerei. Der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff hat gern Monde als Stimmungsträger gemalt. Sie sind, nicht nur gegen den wissenschaftlichen Befund, sondern auch gegen den Augenschein, auch schon mal blau oder orange.
Ausstellung Der Mond, im Wallraf-Richartz-Museum Köln, Obenmarspforten (am Kölner Rathaus) bis 16. August 2009
Katalog Der Mond, herausgegeben von Andreas Blühm, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7757-2403-6, 39,80 €
Mehr im Internet: Mond - Wikipedia Als die Astronomie Wissenschaft wurde, scienzz 30.07.2004 Im ewigen Schweigen der unendlichen Räume, scienzz 20.04.2007 Zum 100. Todestag von Jules Verne, scienzz 21.03.2005
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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