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kultur

01.05.2014 - SOZIALGESCHICHTE

Im Schweiße deines Angesichtes

Missachtung und Wertschätzung körperlicher Arbeit von der Antike bis heute

von Josef Tutsch

 
 

Maiplakat des DGB von 1956
Bild: DHM

„O Eva! Eva! Schlimmes Weib!“ Die Urmutter des Menschengeschlechts hat an allem Schuld; da reiht sich der Schuhmacher und Poet Hans Sachs in Richard Wagners „Meistersingern“ in eine lange Tradition ein. Was genau wirft er der biblischen Figur eigentlich vor? „Um deiner jungen Missetat hantier ich jetzt mit Ahl und Draht“ – der Dichter aus Leidenschaft, ist gemeint, muss einem anscheinend recht ungeliebten Brotberuf nachgehen; weil Eva sich nicht enthalten konnte, von den verbotenen Früchten zu essen, muss er nun „arbeiten“. Und zwar an Schuhwerk; hätten die Menschen im Paradies bleiben dürfen, wäre Fußbekleidung nicht nötig gewesen. Nun ja, den Urvater Adam trifft eine Mitschuld, wie Hans Sachs hinterher schiebt, schließlich wiill er nicht als Frauenfeind gelten: „Und ob Herrn Adams übler Schwäch’ versohl ich Schuh und streiche Pech!“

Die Arbeit, jedenfalls die körperliche Arbeit, ist ein Fluch, so haben es viele Jahrhunderte Menschheitsgeschichte gesehen. Das deutsche Wort „Arbeit“ meinte im Mittelhochdeutschen soviel wie „Mühe“ oder „Plage“; das ist noch im Eingangsvers des Nibelungenliedes zu erkennen: „Uns ist in alten maeren wunders vil geseit von heleden lobebaeren und grozer arebeit.“ Auch lateinisch „labor“ und griechisch „ponos“ bezeichnen anstrengende, mühsame Tätigkeiten. Noch deutlicher ist französisch „travail“. Es kommt von spätlateinisch „tripalium“; das war ein Folterinstrument aus drei Pfählen, die zum Beispiel über glühendem Feuer gedreht werden konnten. Ganz in diesem Sinne beschließt die Bibel die Erzählung vom Sündenfall unserer Ureltern Adam und Eva: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“
 
Kaum vorstellbar, dass ein Denker der Antike oder des Mittelalters Sätze hätte niederschreiben können, wie sie zum Beispiel der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel immer und immer wieder variiert hat: „Durch die Arbeit kommt das Bewusstsein zu sich selbst“ oder „Was wir geschichtlich sind, ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit“. Natürlich war auch früheren Generationen nicht verborgen geblieben, dass erst durch Arbeit Natur zu einer verlässlichen Grundlage für menschliches Leben umgeschaffen wird. Aber Arbeit als Sinnerfüllung, als Mittel menschlicher Selbstverwirklichung – diese Idee ist gerade mal ein paar Jahrhunderte alt. Dass es einen eigenen "Tag der Arbeit" geben soll, hätten die alten Römer unverständlich gefunden. Man feierte doch in jedem Dezember die Saturnalien: Einen Tag lang durften die Sklaven sich von ihren Herren bedienen lassen. Gar zu drastisch werden die "Herren für einen Tag" diese Umkehrung der Verhältnisse wohl nicht betrieben haben; schließlich wussten alle Beteiligten, dass der Tag danach unvermeidlich heranrückte.

Sklave, Michelangelo, um 1515
Bild: Louvre Paris

Und dann war Arbeit wieder Sklavensache. Zumindest in den wohlhabenden Kreisen. Denn auch damals waren arme Leute darauf angewiesen, von ihrer Hände Arbeit zu leben. „Vor das Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter“, schrieb der griechische Dichter Hesiod – eine Parallele zur biblischen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. Schon Homer hatte geschildert, wie selbst Odysseus, dessen Königreich leider nur bescheidenen Umfang hatte, sich nicht zu schade war, höchstselbst den Pflug über seinen Acker zu ziehen.

Solche schweißtreibende Tätigkeit konnte sogar gesellschaftlich anerkannt sein. Jedoch unter zwei Voraussetzungen: Sie musste erstens wenigstens prinzipiell selbstbestimmt sein und zweitens möglichst naturnah. Der römische Politiker Cincinnatus, den der Senat vom Pflug weg zum Diktator berufen hatte, wurde als Muster altrömischer Bürgertugend gepriesen, weil er nach erledigter Arbeit bescheiden zur Feldarbeit zurückkehrte. Den Handwerkern brachten die antiken Intellektuellen viel weniger Verständnis entgegen als den Bauern. Man hatte Schwierigkeiten, sich eine menschenwürdige Existenz in Handwerkerberufen vorzustellen. Unser Fremdwort „Banause“ – griechisch für Handwerker – zeugt noch heute von dieser Diskussion.
 
Vorbehaltlos geschätzt wurden dagegen, in merkwürdigem Gegensatz zu der Verehrung, die Griechen und Römer ihren Athleten entgegenbrachten, vor allem jene Berufe, die keine körperliche Anstrengung erforderten, zum Beispiel die Advokatur. Und die juristisch wie sozial „frei“ waren, frei von jeder Weisungsbefugnis. Nur das Vorurteil einer dünnen, schriftstellerisch tätigen Oberschicht? Jedenfalls hat sich dieses Vorurteil lange gehalten. „Ich bin keiner, der mit seinen Händen arbeitet“, verkündete in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stolz der Pariser Dichter Ruteboeuf. Ein stolzer Hungerleider: Ruteboef lebte recht mühsam von Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und auf Volksfesten.

Franz von Assisi geht freiwillig in
die Armut, Giotto di Bondone, um
1295 - Bild: S. Francesco, Assisi

Das Christentum hatte die antiken Vorbehalte gegenüber körperlicher Arbeit zunächst sogar noch verstärkt. Im Neuen Testament wird kein einziges Mal berichtet, dass Jesus einer nützlichen Arbeit nachgegangen wäre, und seine Jünger gaben ihren Beruf auf, um für die Verkündigung des Evangeliums zu leben. In der Bergpredigt werden die Vögel des Himmels und die Blumen auf dem Felde gelobt, die weder das Feld bestellen noch spinnen und doch besser gekleidet sind als Salomo in seiner Herrlichkeit. Als Jesus in Bethanien bei zwei Schwestern zu Gast ist, beklagt sich die geschäftige Martha, dass ihre Schwester Maria sie bei der Arbeit allein lässt. Jesus daraufhin: „Martha, du hast viel Sorge und Mühe, eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“
 
Das Neben- und Miteinander der beiden Schwestern deutete freilich bereits an, dass solches Lob des frommen Müßiggangs nicht für alle gelten konnte. Anfang des 11. Jahrhunderts fand Bischof Adalbero von Laon die klassische Formel von der Funktionsteilung zwischen den drei Ständen, mit der in unseren Schulbüchern bis heute die Gesellschaft des Mittelalters beschrieben wird: die „betenden“ Priester und Mönche, die „Krieg führenden“ Ritter, an dritter und letzter Stelle in dieser hierarchischen Ordnung die „arbeitenden“ Bauern und Handwerker. Im hohen Mittelalter fanden in den Portalskulpturen der Kathedralen neben dem beschaulichen Klosterleben auch Szenen aus Landwirtschaft und Handwerk ihren Platz.
 
Dass die Menschen, jedenfalls die meisten Menschen, arbeiten mussten, war die göttliche Strafe für den Sündenfall. Dieser bedrückende Gedanke ließ sich aber auch positiv umdeuten: Arbeit war Unterordnung unter ein göttliches Gebot, sie war ebenfalls eine - wenngleich nicht gerade privilegierte - Form von Gottesdienst. Das Motiv war bereits in der Ordensregel des Benedikt von Nursia aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts angeschlagen. „Ora et labora“, wurde diese Regel später zusammengefasst, „bete und arbeite“.

Die geschäftige Martha und
die müßige Maria, Tinto-
retto, um 1574
Bild: Alte Pinakothek Mch.
 

Das Wort "arbeiten" wird zunächst umfassender gemeint gewesen sein: Der Weg zur Erlösung führe durch Mühen und Leiden, nach dem Vorbild Jesu Christi. Aber oft engagierten sich die Klöster tatsächlich in dem, was wir heute „Arbeit“ nennen, vor allem bei der Urbarmachung der Wildnis in Mittel-, Nord- und Osteuropa. Die Folge hat der Mediävist Jacques Le Goff beschrieben: „Da sie der Mönch, das Vorbild der Gesellschaft, erbringt, bekommt die niedrige und erniedrigende Arbeit einen neuen Wert, eine neue Würde.“
 
Bereits im späten Mittelalter wurde aber auch die Kehrseite dieses neuen Bewusstseins spürbar: Bettlern, die einen arbeitsfähigen Eindruck machten, begegnete man nicht mehr mit christlicher Barmherzigkeit, sondern verdächtigte sie als Ketzer. In einer Gesellschaft, in der die Bedeutung der bäuerlichen Leibeigenschaft allmählich zurückging, die rechtlich freie Stadtbevölkerung dagegen immer mehr zunahm, wurde die Arbeitskraft zu einer frei verkäuflichen Ware – „frei“ allerdings mit der Maßgabe, dass für die große Masse der Bevölkerung die einzige Alternative zum Verkaufen im Hungern und Verhungern bestand.
 
Das hat einerseits ein zuvor unbekanntes Maß an individueller Unabhängigkeit ermöglicht; der englische Schriftsteller Daniel Defoe, der Verfasser des „Robinson Crusoe“, beklagte sich 1724, freilich satirisch zugespitzt, über die „unsufferable liberty“ der „labouring poor“ in seinem Land, im Unterschied zu Frankreich, wo ein „servant“ tatsächlich noch ein „servant“ sei. Andererseits: „Auf der Arbeitskraft beruhende individuelle Autonomie und die Verschärfung der sozialen Ungleichheiten waren in der entstehenden bürgerlichen Markt- und Erwerbsgesellschaft zwei Seiten derselben Medaille“, hat der Historiker Andreas Wirsching festgestellt.

Szene aus Fritz Langs Film
"Metropolis", 1927
Bild: glitteringeye

 
Den Philosophen ermöglichte diese Entwicklung hymnische Aussagen, wie sie einem Aristoteles oder Cicero, bei allem Bewusstsein, dass Arbeit nun einmal notwendig ist, niemals aus der Feder geflossen wären. Der Engländer John Locke im späten 17. Jahrhundert: „Wenn wir fragen, was der Natur zu verdanken sei und was der Arbeit, so werden wir sehen, dass man in den meisten Fällen neunundneunzig Hundertstel der Arbeit zurechnen darf.“ Und eben Hegels Worte von der "selbstbestimmten Vernünftigkeit" als Resultat der Arbeit. Zum Beispiel Locke zog daraus aber auch Folgerungen, die uns durch ihre soziale Kälte kaum weniger erschreckt als die Befürwortung der Sklaverei durch seine antiken Kollegen: Wenn die Armen arm seien, dann bloß deshalb, weil sie – oder ihre Vorfahren – weniger gearbeitet hätten.
 
Blickt man auf die Roboter, wie sie uns Jahr für Jahr auf den Industriemessen präsentiert werden, könnte man auf die Idee kommen, dass es auch mit der "Arbeitsgesellschaft" schon bald wieder zu Ende gehen wird. Viele Generationen des Menschengeschlechts haben davon geträumt, ein Leben ohne Mühe und Arbeit führen zu können, ein Leben ohne „Ahl und Draht“, um mit Wagners Hans Sachs zu reden. Einmal angenommen, die technischen Innovationen könnten uns dieser Utopie irgendwann wirklich nahe bringen: Was würden mit der neu gewonnenen Freizeit eigentlich anfangen?
 
Politik treiben, hätte der griechische Philosoph Aristoteles vermutlich geantwortet; er ging davon aus, ein demokratisches Staatswesen lasse sich ohne Sklavenarbeit nicht aufrecht erhalten: Nur wenn Sklaven die Arbeit erledigen würden, könnten die Bürger Zeit für politische Beratungen erübrigen. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat sich da vor gut einem halben Jahrhundert eher pessimistisch geäußert: Unsere Arbeitsgesellschaft kenne "kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde“.
 
Arendt dachte dabei sowohl an künstlerische oder kulturelle Tätigkeiten als auch an die politische Kommunikation. Was sie heute wohl zu den Unterhaltungsprogrammen sagen würde, mit denen uns das Fernsehen die Zeit vertreibt? Aber vielleicht wurde man mit einer solchen Argumentation ja einem sozusagen "bildungsbürgerlichen" Vorurteil aufsitzen. Es wäre reichlich schief, die populäre Kultur breiter Bevölkerungsschichten heute unreflektiert neben das zu stellen, was die Dichter und Denker früherer Zeiten als Ideal eines guten und edlen Lebens gepriesen haben. Bis weit in die Neuzeit hinein ist nur in Ausnahmefällen überliefert, was die körperlich arbeitenden Menschen über Arbeit und Freizeit und über ein lebenswertes Leben gedacht haben. Die Quellen stammen aus der Feder von Menschen, die körperliche Arbeit eher "von außen" betrachteten.´
 

Mehr im Internet:
scienzz artikel Arbeit und Geld
scienzz artikel Rund um den Mai



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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