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01.05.2009 - SOZIALGESCHICHTE
Im Schweiße deines Angesichtes
Missachtung und Wertschätzung körperlicher Arbeit von der Antike bis heute
von Josef Tutsch
 | | Maiplakat des DGB von 1956
Bild: DHM
| | | „O Eva! Eva! Schlimmes Weib!“ Die Urmutter des Menschengeschlechts hat an allem Schuld; da reiht sich der Schuhmacher und Poet Hans Sachs in Richard Wagners „Meistersingern“ in eine lange Tradition ein. Was genau wirft er der biblischen Figur eigentlich vor? „Um deiner jungen Missetat hantier ich jetzt mit Ahl und Draht“ – der Dichter aus Leidenschaft muss einem anscheinend recht ungeliebten Brotberuf nachgehen; weil Eva sich nicht enthalten konnte, von den verbotenen Früchten zu essen, muss er nun „arbeiten“. Und zwar an Schuhwerk; hätten die Menschen im Paradies bleiben dürfen, wäre Fußbekleidung nicht nötig gewesen. Nun ja, den Urvater Adam trifft eine Mitschuld, wie Hans Sachs hinterher schiebt: „Und ob Herrn Adams übler Schwäch’ versohl ich Schuh und streiche Pech!“
Die Arbeit, jedenfalls die körperliche Arbeit, ist ein Fluch, so haben es viele Jahrhunderte Menschheitsgeschichte gesehen. Das deutsche Wort „Arbeit“ meint im Mittelhochdeutschen soviel wie „Mühe“ oder „Plage“, zu erkennen noch im Eingangsvers des Nibelungenliedes: „Uns ist in alten maeren wunders vil geseit von heleden lobebaeren und grozer arebeit.“ Auch lateinisch „labor“ und griechisch „ponos“ bezeichnen anstrengende, mühsame Tätigkeiten. Noch deutlicher ist französisch „travail“. Es kommt von spätlateinisch „tripalium“; das war ein Folterinstrument aus drei Pfählen, die zum Beispiel über glühendem Feuer gedreht werden konnten. Ganz in diesem Sinne beschließt die Bibel die Erzählung vom Sündenfall: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“
Kaum vorstellbar, dass ein Denker der Antike oder des Mittelalters Sätze hätte niederschreiben können, wie sie zum Beispiel Georg Wilhelm Friedrich Hegel immer und immer wieder variiert hat: „Durch die Arbeit kommt das Bewusstsein zu sich selbst“ oder „was wir geschichtlich sind, ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit“. Natürlich war auch früher nicht verborgen geblieben, dass erst durch Arbeit Natur zu einer verlässlichen Grundlage für menschliches Leben umgeschaffen wird. Aber Arbeit als Sinnerfüllung, als Mittel menschlicher Selbstverwirklichung – diese Idee ist gerade mal ein paar Jahrhunderte alt. Dass es einen eigenen Festtag der Arbeit geben soll, hätten die alten Römer unverständlich gefunden. Man feierte doch in jedem Dezember die Saturnalien: Eine Woche lang durften die Sklaven sich von ihren Herren bedienen lassen. Gar zu drastisch wird man die Umkehrung der Verhältnisse wohl nicht betrieben haben; schließlich wussten alle Beteiligten, dass der Tag danach unvermeidlich heranrückte.
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Sklave, Michelangelo, um 1515 Bild: Louvre Paris
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Und dann war Arbeit wieder Sklavensache. Zumindest die abhängige Arbeit. Denn auch damals waren arme Leute darauf angewiesen, von ihrer Hände Arbeit zu leben. „Vor das Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter“, schrieb der griechische Dichter Hesiod – eine Parallele zur biblischen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. Schon Homer hatte geschildert, wie König Odysseus sich nicht zu schade war, selbst den Pflug über seinen Acker zu ziehen. Solche schweißtreibende Tätigkeit konnte sogar gesellschaftlich anerkannt sein. Jedoch unter zwei Voraussetzungen: Sie musste erstens wenigstens prinzipiell selbstbestimmt sein und zweitens möglichst naturnah.. Den Handwerkern brachten die antiken Intellektuellen anscheinend viel weniger Verständnis entgegen als den Bauern. Man hatte Schwierigkeiten, sich eine menschenwürdige Existenz in Handwerkerberufen vorzustellen. Unser Fremdwort „Banause“ – griechisch für Handwerker – zeugt noch heute von dieser Diskussion.
Aber auch in der Landwirtschaft wurde schweißtreibende Arbeit leicht mit Sklaverei assoziiert. Ein verarmter Gutsbesitzer, der nunmehr von seiner Hände Arbeit leben musste, setzte diese Tätigkeit – ungeachtet dessen, dass er weiterhin ein freier Mann, kein Sklave war – mit „Knechtschaft“ gleich, wie eine Stelle bei dem Historiker Xenophon belegt. Für die Politik, schrieb der Philosoph Aristoteles, sei Muße nötig; sie erst ermögliche die wahre „Tüchtigkeit“ des Bürgers. In der Praxis wird es damals wie heute eher darum gegangen sein, individuell ganz verschiedene Kompromisse zwischen den Notwendigkeiten der Daseinsvorsorge einerseits, den selbstgewählten „freien“ Tätigkeiten andererseits zu schließen. Aus den athenischen Komödien geht hervor, dass die Handwerker sich nach der Volksversammlung gemeinsam mit ihren Haussklaven wieder an die Arbeit machten. Standen besonders aufregende Entscheidungen an, kamen wohl auch Bauern aus dem Umland in die Stadt.
Vorbehaltlos geschätzt wurden, in merkwürdigem Gegensatz zu der Verehrung, die Griechen und Römer ihren Athleten entgegenbrachten, nur jene Berufe, die keine körperliche Anstrengung erforderten, zum Beispiel die Advokatur. Und die juristisch wie sozial „frei“ waren, frei von jeder Weisungsbefugnis. Nur das Vorurteil einer dünnen, schriftstellerisch tätigen Oberschicht? Jedenfalls hat sich dieses Vorurteil lange gehalten. „Ich bin keiner, der mit seinen Händen arbeitet“, verkündete in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stolz der Pariser Dichter Ruteboeuf. Ein stolzer Hungerleider: Ruteboef lebte recht mühsam von Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und auf Volksfesten.
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Franz von Assisi geht freiwillig in die Armut, Giotto di Bondone, um 1295 - Bild: S. Francesco, Assisi
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Gerade in dieser Zeit fand mit dem Aufschwung der Bettelorden der Müßiggang neue Anerkennung. „Müßiggang“ freilich nur von der Warte körperlich anstrengender Arbeit aus betrachtet: Franziskaner und Dominikaner waren Träger nicht nur der Seelsorge in den aufblühenden Städten, sondern auch der scholastischen Theologie an den neu entstehenden Universitäten. Die Bettelorden konnten sich auf das Neue Testament berufen. Kein einziges Mal wird berichtet, dass Jesus einer nützlichen Arbeit nachgegangen wäre. In der Bergpredigt werden die Vögel des Himmels und die Blumen auf dem Felde gelobt, die weder das Feld bestellen noch spinnen und doch besser gekleidet sind als Salomo in seiner Herrlichkeit. Als Jesus in Bethanien bei zwei Schwestern zu Gast ist, beklagt sich die geschäftige Martha, dass ihre Schwester Maria sie bei der Arbeit allein lässt. Jesus daraufhin: „Martha, du hast viel Sorge und Mühe, eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“
Aus dieser Mahnung konnte man allerdings auch eine relative Anerkennung herauslesen. Anfang des 11. Jahrhunderts fand Bischof Adalbero von Laon die klassische Formel von der Funktionsteilung zwischen den drei Ständen, mit der bis heute die Gesellschaft des Mittelalters beschrieben wird: die „betenden“ Priester und Mönche, die „Krieg führenden“ Ritter, an dritter und letzter Stelle in dieser hierarchischen Ordnung die „arbeitenden“ Bauern und Handwerker. Im hohen Mittelalter fanden in den Portalskulpturen der Kathedralen neben dem beschaulichen Klosterleben auch Szenen aus Landwirtschaft und Handwerk ihren Platz. Dass die Menschen arbeiten mussten, war die göttliche Strafe für den Sündenfall – eine Lehre, die sich aber auch umkehren ließ: Arbeit war Unterordnung unter ein göttliches Gebot, eine, zunächst freilich nicht gerade privilegierte, Form von Gottesdienst.
Das Motiv war bereits in der Ordensregel des Benedikt von Nursia aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts angeschlagen. „Ora et labora“, wurde diese Regel später zusammengefasst, „bete und arbeite“. Zunächst wird das Wort „arbeiten“ umfassender gemeint gewesen sein: Der Weg zur Erlösung führe durch Mühen und Leiden, nach dem Vorbild Jesu Christi. Aber oft engagierten sich die Klöster tatsächlich in dem, was wir heute „Arbeit“ nennen, vor allem bei der Urbarmachung der Wildnis in Mittel-, Nord- und Osteuropa. Die Folge hat der Mediävist Jacques Le Goff beschrieben: „Da sie der Mönch, das Vorbild der Gesellschaft, erbringt, bekommt die niedrige und erniedrigende Arbeit einen neuen Wert, eine neue Würde.“ Bereits im späten Mittelalter wurde aber auch die Kehrseite dieses neuen Bewusstseins spürbar: Bettlern, die einen arbeitsfähigen Eindruck machten, begegnete man nicht mehr mit christlicher Barmherzigkeit, sondern verdächtigte sie als Ketzer.
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Die geschäftige Martha und die müßige Maria, Tinto- retto, um 1574 Bild: Alte Pinakothek Mch. |
Der Weg in die Neuzeit ist oft beschrieben worden. In einer Gesellschaft, in der die Bedeutung der bäuerlichen Leibeigenschaft zurückging, die rechtlich freie Stadtbevölkerung dagegen immer mehr zunahm, wurde die Arbeitskraft zu einer frei verkäuflichen Ware – „frei“ allerdings mit der Maßgabe, dass für die große Masse der Bevölkerung die einzige Alternative zum Verkaufen im Hungern und Verhungern bestand. Das hat einerseits ein zuvor unbekanntes Maß an individueller Unabhängigkeit ermöglicht; der englische Schriftsteller Daniel Defoe, der Verfasser des „Robinson Crusoe“, beklagte sich 1724, freilich satirisch zugespitzt, über die „unsufferable liberty“ der „labouring poor“ in seinem Land, im Unterschied zu Frankreich, wo ein „servant“ tatsächlich noch ein „servant“ sei. Andererseits führte diese Verkäuflichkeit auch zur Proletarisierung. „Auf der Arbeitskraft beruhende individuelle Autonomie und die Verschärfung der sozialen Ungleichheiten waren in der entstehenden bürgerlichen Markt- und Erwerbsgesellschaft zwei Seiten derselben Medaille“, hat der Historiker Andreas Wirsching festgestellt.
Den Philosophen ermöglichte diese Entwicklung hymnische Aussagen, wie sie einem Aristoteles oder Cicero, bei allem Bewusstsein, dass Arbeit nun einmal notwendig ist, niemals aus der Feder geflossen wären. Der Engländer John Locke im späten 17. Jahrhundert: „Wenn wir fragen, was der Natur zu verdanken sei und was der Arbeit, so werden wir sehen, dass man in den meisten Fällen neunundneunzig Hundertstel der Arbeit zurechnen darf.“ Lockes Folgerungen zeigen dann aber eine soziale Kälte, die uns kaum weniger erschreckt als die Befürwortung der Sklaverei durch seine antiken Kollegen: Wenn die Armen arm seien, dann bloß deshalb, weil sie – oder ihre Vorfahren – weniger gearbeitet hätten.
Gut drei Jahrhunderte später scheinen solche Elogen auf die Arbeit zumindest für das westliche Europa schon wieder Vergangenheit. Die Neuzeit, schrieb die politische Theoretikerin Hannah Arendt 1958, „die Neuzeit hat im 17. Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln“ – nämlich infolge des technischen Fortschritts, als würde “verwirklicht, wovon alle Generationen des Menschengeschlechts träumten”: “ein leichtes, von Mühe und Arbeit befreites, göttergleiches Leben“. Eine Leben ohne „Ahl und Draht“, mit Wagners Hans Sachs zu reden.
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Szene aus Fritz Langs Film "Metropolis", 1927 Bild: glitteringeye
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Von diesem Traum sind wir trotz aller Roboter, die auf den Industriemessen Jahr für Jahr vorgestellt werden, nach wie vor entfernt; aber es ist längst deutlich, dass der Arbeitsgesellschaft vorläufig die Mechanismen fehlen, mit einem reduzierten Bedarf an menschlicher Arbeitskraft umzugehen. Das Problem liegt nicht nur darin, dass den Arbeitslosen durch ihre Arbeitslosigkeit auch die Mittel für Konsum abhanden gekommen sind. Arendt machte auf ein tiefer liegendes Problem aufmerksam: Unsere Arbeitsgesellschaft „kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde“. Arendt dachte an künstlerische oder kulturelle Tätigkeiten, vor allem aber an die politische Kommunikation. Aristoteles, der von den technischen Möglichkeiten der Moderne nichts wissen konnte, war davon ausgegangen, ein demokratisches Staatswesen lasse sich ohne Sklavenarbeit nicht aufrecht erhalten.
Aber vielleicht hat Arendt ja zu pessimistisch gedacht. Oder zu bildungsbürgerlich. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Horst W. Opaschowski führt eine Umfrage an, der zufolge die Freizeit von den Berufstätigen als ebenso „sinnvoll“ angesehen wird wie die Arbeit; ein „Glückserleben“ scheint sich in der Freizeit sogar fast doppelt so häufig einzustellen. Was mit „Freizeit“ konkret wohl gemeint sein mag? Da ist mit einem breiten Spektrum zu rechnen, vom sozialen Engagement bis zum Fernsehkonsum, wahrscheinlich ziemlich viel Fernsehkonsum. Aber man sollte sich hüten, die populäre Kultur breiter Bevölkerungsschichten heute neben das zu stellen, was uns aus den philosophischen und theologischen Traktaten der Vergangenheit geläufig ist: Bis weit in die Neuzeit hinein ist nur in Ausnahmefällen überliefert, was die körperlich arbeitenden Menschen über Arbeit und Freizeit und über ein lebenswertes Leben gedacht haben.
Mehr im Internet: Walpurgisnacht und Vatertag, scienzz 30.04.2008 Blick auf altes Brauchtum am Tag der Arbeit, scienzz 27.04.2007 Die Sozialfürsorge in vormodernen Zeiten, scienzz 30.04.2006
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz.communcation
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