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04.05.2009 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
Ein Aristoteles der Moderne
Vor 150 Jahren verstarb der letzte Universalgelehrte, Alexander von Humboldt
von Josef Tutsch
 | | Alexander von Humboldt (1769-
1859), Gemälde von Joseph
Stieler, 1843 - Bild: Wikipedia
| | | Einen "Brunnen mit vielen Röhren" nannte ihn Goethe, "wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt". Mit den "vielen Röhren" hat der Dichter noch untertrieben. Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt, der am 6. Mai 1859, vor 150 Jahren, in Berlin verstarb, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz, vermutlich das letzte in der Wissenschaftsgeschichte. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie.
Und all das füllte ihn nicht einmal aus. Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur – dilettierend, wie man wohl sagen muss; aber bei keinem Abschnitt kommt der Leser auf den Gedanken, hier hätte kein Literaturwissenschaftler vom Fach geschrieben. Die altgriechischen und altindischen Dichter sind ebenso sachkundig und einfühlsam besprochen wie aus den neueren Jahrhunderten der Portugiese Camoes oder der Franzose Chateaubriand. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als "Aristoteles unseres Zeitalters" würdigen. Humboldt protestierte; nach seinem Tod brachte die Akademie dann doch eine solche Gedenkmünze heraus: "L’Aristote Modern".
Wenn die Nachrichten aus Alexanders Jugend nicht spätere Legende sind, muss sich diese enorme Breite seiner Interessen schon früh abgezeichnet haben. Die Erziehung konzentrierte sich, ähnlich wie bei seinem Bruder Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand, kurz "Wilhelm" genannt, auf die humanistischen Fächer und die Befähigung für den höheren Staatsdienst. Alexander fiel jedoch bald dadurch auf, dass er Steine, Pflanzen und Insekten sammelte; im Freundeskreis soll er "der kleine Apotheker" genannt worden sein. Das Studium, vor allem an der Universität Göttingen, gab ihm die solide Grundlage für jenes Projekt, das er selbst später als "physique du monde" bezeichnete. "Ich habe den tollen Einfall", schrieb er 1834 an seinen Freund Karl August Varnhagen von Ense, "die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüt ergötzt."
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Mit Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo , Gemälde von Friedrich Georg Weitsch, 1810 - Bild: Wikipedia |
Dass Humboldt heute noch gelesen wird, verdankt er seiner Fähigkeit, mit diesem Nachsatz Ernst zu machen, in leicht geschriebenen Reiseberichten, in denen lebendige Naturschilderungen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, kulturhistorischen Reminiszenzen und politischen Reflexionen verbunden sind. Vorbild war der Naturforscher Georg Forster, der in den 1770er Jahren James Cook auf einer Weltumseglung begleitet hatte. 1790 unternahmen Forster und Humboldt eine Reise den Rhein hinunter, durch Holland bis nach England und zurück über Paris. Zwei Jahre später trat Humboldt in den Staatsdienst ein, als Oberbergmeister für die damals preußischen Herzogtümer Ansbach und Bayreuth. Frucht dieser Jahre war ein Aufsatz über neuartige Atmungsapparate, die vor bösen Gasen und Schlagwettern in den Bergwerken schützen sollten.
Als 1796 die Mutter starb, waren die beiden Brüder finanziell unabhängig geworden. Anders als Wilhelm quittierte Alexander den öffentlichen Dienst. Er ging nach Paris. Gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland machte er sich drei Jahre später auf den Weg nach Spanisch-Amerika – einem Kontinent, der seit fast drei Jahrhunderten unter europäischer Herrschaft stand und den Gelehrten dennoch kaum bekannt war. Bruder Wilhelm verhehlte nicht seine Skepsis gegenüber dem Projekt: "Man kommt der Natur darum nicht näher, wenn man aus der zivilisierten Welt herausgeht." Irgendwie brachte Humboldt das Kunststück zustande, vom spanischen Hof in Madrid einen Reisepass zu erhalten, der ihm volle Bewegungsfreiheit in den Kolonien und die Unterstützung aller Gouverneure und Beamten sicherte. Viele Stationen der Amerikareise gehören dank Humboldts Schilderungskunst bis heute zu den großen Texten der Weltliteratur: so sein Bericht über die Besteigung des Pico del Teide auf Teneriffa; die Beobachtung des Meteorschwarms der Leoniden in Venezuela; die Entdeckung, dass es zwischen den Stromgebieten des Amazonas und des Orinoco eine natürliche Verbindung gibt, den Rio Casiquiare.
Und dann, wohl am berühmtesten, der Versuch, den 6.300 Meter hohen Chimborazo zu besteigen. Humboldt und Bonpland kamen nicht bis zum Gipfel; aber die 5.500 Meter Höhe, die sie schafften, blieben über Jahrzehnte hinweg ein Rekord. Natürlich haben auch die abenteuerlichen Umstände immer das Interesse der Leser geweckt, die Höhenkrankheit beim Bergaufstieg oder die Belästigung durch die Mosquitos in den Urwäldern: "Alle unsere Arbeit musste daher beim Feuer, in einer indianischen Hütte, vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt. Hier aber erstickt man wieder von Rauch." Monatelang, erzählt Humboldt, hätten sie nichts anderes zu essen und zu trinken bekommen "als Reis, Ameisen, Manioc, Pisang, Orinocowasser und bisweilen Affen". Auf einer Flussreise durch die Anden gab es eine Tragödie: "Von den zwanzig dunklen Ruderknechten ließen wir acht auf dem Wege zurück, ebenso viele langten gleich uns mit stinkenden Geschwüren an."
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Gemälde von Friedrich Georg Weitsch, 1806 - Bild: Alte Na- tionalgalerie Berlin
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Die präzise Vermessung des Längengrades, auf dem sich Lima befindet, gehörte ebenso zu Humboldts Arbeiten wie die Düngequalität von Guano, die vulkanische Herkunft des Gesteins in manchen Gegenden Equadors, wie die Bevölkerungsstatistik von Mexico. Kein Wunder, dass die Auswertung des Materials nach der Rückkehr 1804 ganze Jahrzehnte in Anspruch nahm. Recht ungern folgte Alexander dem Drängen sowohl seines Bruders als auch des preußischen Hofes, seinen Wohnsitz wieder in Berlin zu nehmen. Im Vergleich zur Weltstadt Paris war die preußische Hauptstadt nach wie vor Provinz, mit kleinlicher Lebensauffassung und beschränktem Gesichtskreis. Eine diplomatische Gesandtschaft 1807 nahm Humboldt zur Gelegenheit, wieder nach Paris zu gehen. König Friedrich Wilhelm III. erteilte ihm dann die Erlaubnis zu bleiben, mit einer zu nichts verpflichtenden königlichen Pension von 2.500 Talern.
Dafür wird Humboldt sehr dankbar gewesen sein. Das ererbte Vermögen war durch die Reise angegriffen; die reich illustrierten Bände, die nun veröffentlicht wurden, gingen noch mehr ins Geld. Humboldt beschäftigte eine ganze Kohorte von Wissenschaftlern und Künstlern; gelegentlich soll vorgekommen sein, dass er eine Kupferplatte, wenn sie seinen Qualitätsansprüchen nicht genügte, neu fertigen ließ. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Schriftenfolge über die Amerikareise um die größte und aufwändigste wissenschaftliche Publikation, die es jemals gegeben hat. 1827, als ein Abschluss in Sicht war, wurde das Drängen aus Berlin nachdrücklicher. Friedrich Wilhelm III. bat um die Rückkehr seines, wie soll man sagen, wohldotierten Frühpensionärs. Humboldt, inzwischen fast achtundfünfzig, folgte dem königlichen Wunsch. Das Berliner gelehrte Publikum, das sich in der jungen Universitätsstadt inzwischen ausgebildet hatte, begrüßte ihn wie ein Weltwunder. Bei seinen Vorlesungen in der Singakademie saßen 1.200 Zuhörer im Saal, voran der König in höchsteigener Person. Ob er bereits bei seiner Rückkehr insgeheim daran gedacht hatte, der Amerikareise eine Expedition in den Osten folgen zu lassen? 1829 beauftragte die russische Regierung den weltberühmten Wissenschaftler, in den Gebieten am Ural nach ausbeutbaren Minenvorkommen zu suchen; die Zarin wusste Humboldt beim Zwischenaufenthalt in Sankt Petersburg mit der Aussicht auf Diamantfunde zu begeistern. Mit wissenschaftlicher Freiheit war es auf dieser Reise also nichts; "kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird", seufzte Humboldt. Aber er verstand es, das Unternehmen im Sinne seiner Interessen umzufunktionieren. Entgegen den Absichten seiner Geldgeber drang er bis an die chinesische Grenze und an das Kaspische Meer vor.
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Denkmal vor der Berliner Humboldt-Universität Bild: Manfred Brueckels
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Ihm blieben noch fast drei Jahrzehnte in Berlin, immer wieder unterbrochen durch Reisen in die Wahlheimat Paris. Gelegentlich verwandte ihn die preußische Regierung dort als Sonderbotschafter. Der König wusste um die liberalen und demokratischen Ansichten seines "Wirklichen Geheimen Rates"; sonst nahm er sie als Marotte hin, zwecks Pflege der Beziehungen zu "Bürgerkönig" Louis Philippe, der 1830 an die Macht gekommen war, mochten sie gerade richtig sein. Aber er wurde einsam um ihn, vor allem nach dem Tod des Bruders Wilhelm 1835. Nachdem 1848 in Frankreich Prinz Napoleon die Macht übernommen hatte, wollte Alexander auch das geliebte Paris nicht wiedersehen. Für ein Jahrzehnt noch fungierte er – neben seiner wissenschaftlichen Arbeit – an der königlichen Tafel in Berlin und Potsdam als geistreicher Unterhalter in Sachen Weltkunde, gestützt allein auf das Vertrauensverhältnis zu König Friedrich Wilhelm IV., der 1840 seinem Vater auf dem Thron gefolgt war.
Ein Fremdling inmitten der Hofkamarilla. "Er trägt den goldenen Schlüssel des Kammerherrn an der Seite, aber die Ideen von 1789 im Herzen", sollen die Zeitgenossen gesagt haben. Für die Anfeindungen rächte er sich durch sarkastische Bemerkungen im privaten Briefwechsel. Als im Jahr nach Humboldts Tod aus dem Nachlass des Schriftstellers Karl August von Varnhagen von Ense einige dieser Briefe auf den Büchermarkt kamen, erregten Humboldts leicht dahin geworfene Invektiven Skandal. Sehr begreiflich; selbst in Paris, wo andere Maßstäbe galten, hatte ein Freund, der Physiker Dominique-Francois-Jean Arago, von Humboldt gesagt, er sei "das beste Herz der Welt, aber auch das größte Schandmaul, das ich kenne".
Dabei hatte es an Ehrungen niemals gemangelt, gipfelnd in der Ernennung zum Kanzler der Friedensklasse des preußischen Ordens Pour le mérite 1842. Auch nicht an öffentlichem Zuspruch; mit seinem "Kosmos"-Werk, das aus den Vorträgen in der Singakademie hervorgegangen war, landete Humboldt einen Publikumsbestseller. Die Leser ahnten wohl, dass Alexander von Humboldt – der übrigens niemals ein formelles Lehramt an der von seinem Bruder gegründeten Berliner Universität ausübte – der klassisch-romantischen Kulturepoche etwas Fehlendes hinzufügte, die empirische Betrachtung der Natur. Schiller freilich, der den jungen Bergrat bei gelegentlichen Besuchen in Weimar und Jena kennen gelernt hatte, war von Humboldts mathematisch-empirischer Methode nicht sonderlich angetan: "Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfasslich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will."
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Schiller, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Goethe in Jena, um 1797, Bild von Adolph Müller
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Da war Goethe weitsichtiger; er spürte, trotz seiner Abneigung gegen zuviel Mathematik, in Humboldts empirischer Vorgehensweise, der "Beobachtung und Erforschung des Wirklichen mit allen Sinnesmitteln", etwas Geistesverwandtes: "Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen aber von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen." Man könne in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was Humboldt einem in einer Stunde vorträgt, vermerkte Goethe bewundernd. Jahrzehnte später hätte er Grund gehabt, sein Kompliment zu erweitern: Humboldt beherrschte auch die Kunst, wenigstens eine Ahnung von dieser Faszination in seinen Büchern der Nachwelt zu überliefern. Er ist einer der ganz wenigen Naturwissenschaftler der Vergangenheit, dessen Schriften heute noch von einem breiten Publikum gelesen werden.
Mehr im Internet: Alexander von Humboldt - Wikipedia scienzz artikel Entdeckungsreisen
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz.communcation
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