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17.04.2009 - KUNSTGESCHICHTE

Im Anfang war das Bild

Über Bilder und Visualisierungen in der Wissenschaft

von Josef Tutsch

 
 

Falschfarbenaufnahme des Mondes
1992 - Bild: NASA/JPL

"Im Anfang war das Wort", so steht es in der Bibel – eine Formel, die unsere abendländische Kultur über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Goethes Faust freilich, als er sich daran machte, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen, wollte sich damit nicht zufrieden geben. Seinem unruhigen Geist genügten Sprache und Denken nicht, er wollte Aktion und schrieb den Bibeltext kurzerhand um: "Im Anfang war die Tat!" Das war, so setzt Goethes Dichtung es voraus, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Massenmedien unserer Zeit legen den Eindruck – oder ist es nur ein Eindruck? – nahe, dass wir heute wieder einen Paradigmenwechsel erleben. Bilder bestimmen immer mehr unsere Welt und unser Leben. Das gilt nicht nur in Werbung und Unterhaltung; selbst in der Wissenschaft beginnen sie, sich vor die Sprache zu drängen.

Im Anfang war das Bild? Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat die aktuelle Ausgabe ihrer Zeitschrift "Gegenworte" dem Phänomen der Visualisierung im heutigen Wissenschaftsbetrieb gewidmet – Ansätze zu einer Analyse unserer Gegenwart. Wie es der Zufall will, kam vom Hermann-von-Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Berliner Humboldt-Universität kurz zuvor ein Kompendium "Das technische Bild" heraus – ein Einblick in die Arbeit der gleichnamigen Abteilung der Universität, die 2000 gegründet worden war, als interdisziplinäres Projekt von Kunsthistorikern, Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Philosophen, Naturwissenschaftlern und Technikern. Die aktuelle Visualisierungswelle hat den Blick dafür geschärft, dass Bilder eben nicht nur in der Kunstgeschichte ihren Platz haben. In den 1990er Jahren hatten der amerikanische Kunsthistoriker J. W. T. Mitchell und sein deutscher Kollege Gottfried Boehm damit begonnen, den "pictorial" oder "iconic" oder "visual turn" in den Kulturwissenschaften zu analysieren.

Die Forschungshypothese der HU-Wissenschaftler, so umschreibt es der Abteilungsleiter, der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, lautet, "dass die Formen wissenschaftlicher Bilder nicht weniger gewichtig seien,  als die Inhalte und Gegenstände, welche sie zeigen". Ein Satz, der eine gehörige Provokation für alle naive Wissenschaftsgläubigkeit enthält. Dass in die graphischen Aufbereitungen zum Beispiel volkswirtschaftlicher Daten wie Bruttosozialprodukt oder Arbeitslosigkeit ein gehöriges Maß an Künstlichkeit oder Stilisierung eingehen muss, ist ohne weiteres plausibel. Gilt der Satz aber auch dort, wo etwas abgebildet wird, was man wirklich sehen kann? Oder wenigstens sehen könnte, wenn – ja wenn, die allgemeinen Gesetze der Optik und die Begrenztheit unseres Gesichtssinns nicht dagegen stünden. In den wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Magazinen häufen sich die bunten Bilder aus der Welt der Atome und Moleküle; sogar Schwarze Löcher werden inzwischen "visualisiert".

"Partitur" aus Marx Ziegler Weberei-
handbuch, 1677 - Bild: handweaving
 

Einen systematischen Überblick darf man von dem Kompendium aus der Humboldt-Universität nicht erwarten; es handelt sich um Probebohrungen auf einem noch weithin unerkundeten Feld. Zum Beispiel die Mitarbeiterin Birgit Schneider hat sich mit der Webkunst des 17. und 18. Jahrhunderts befasst. Dass Weberei etwas mit "technischen Bildern" zu tun haben soll, wird dem Laien vielleicht erst klar, wenn er auf die Rückseite etwa eines Teppichs schaut. Dort ist die textile Struktur, die auf der Vorderseite ein Bild oder Ornament hervorbringt, deutlicher zu erkennen. Mit Worten allein war die Kunst, eine solche Struktur am Webstuhl zu produzieren, natürlich nicht zu vermitteln, sondern nur durch Nachahmung und gemeinsame Praxis. Als das Bedürfnis aufkam, sich an gedruckten Anleitungen orientieren zu können, musste eine eigene Schrift oder Bilderschrift erfunden werden, ähnlich der Partitur, die es einem Musiker erlaubt, ein Stück zu spielen, das er nie zuvor gehört hat.

Das erste bekannte Handbuch der Weberei stammt von dem Ulmer Meisterweber Marx Ziegler aus dem Jahr 1677. Die Linie, umschreibt Schneider das "Notationssystem", "verläuft im Zickzack wie die Temperaturkurve eines Fieberkranken ... Aus der stufenweise springenden Anordnung der Strichfolgen ergeben sich Figuren, die an die Abwandlung eines Grundthemas in der musikalischen Partitur einer Fuge erinnern ..." Die Notation lieferte so etwas wie einen Bauplan für die Arbeit an der eigenen Maschine. Es leuchtet ein, dass sich von solchen Bildern eine "Stilgeschichte" schreiben lässt. Wie steht es, um einen ganz anderen Fall zu nehmen, mit Zeichnungen, Fotografien oder Filmen aus der Tierwelt? Wahrscheinlich hat sich unser Bild von der exotischen Fauna gründlich verändert, seitdem wir nicht mehr die Illustrationen irgendeiner "Brehm"-Ausgabe ansehen, sondern Fernsehdokumentationen konsumieren, und da liegt die Versuchung nahe, diese neueste mediale Technik nun für endgültig "objektiv" zu halten.

Der Bologneser Naturphilosoph Ulisse Aldovrandi scheint da weniger naiv gewesen zu sein. Um 1600 sammelte er eine große Menge von Zeichnungen aus Flora und Fauna. Die Blätter sollten, so die Kunsthistorikerin Angela Fischel von der Humboldt-Universität, gerade im Sinne des wissenschaftlichen Anspruchs hinter dem optisch Wahrnehmbaren ein "Wesen" dokumentieren. "Man muss vor allem Bilder verlangen", schrieb Aldovrandi, "welche die Lebendigkeit und den Geist wiedergeben." "Geist" oder "Wesen" – aus der Perspektive vieler Naturwissenschaftler von heute ein hemmungsloser Subjektivismus. Welche "objektiv" nicht nachvollziehbaren Elemente spätere Forschergenerationen in der Wissenschaft von heute ausmachen werden? "Bilder der Naturwissenschaften geben die Ergebnisse, die sie darzustellen haben, nicht passiv wieder, sondern sie prägen und erzeugen diese aus ihrer eigenen Sphäre", stellt Bredekamp fest. Der Ehrgeiz der HU-Forscher geht auf so etwas wie eine Kunst- und Stilgeschichte der Wissenschaften.

Aus der Sammlung des Ulisse Aldro-
vandi - Bild: summagallicana

Freilich ohne den "Bezug zwischen Daten und Bildern infrage zu stellen oder zu mindern", wie Bredekamp in seinem Beitrag zu den "Gegenworten" betont. "Wenn naturwissenschaftlichen Bildern diese Bindung fehlt, verlieren sie ihren Sinn." Worin diese Bindung besteht, lässt sich oft aber gar nicht so einfach sagen. Heinz Duddeck, Professor für Statik an der TU Braunschweig, führt Niels Bohrs Atommodell von 1913 an: "Seitdem sehen wir (die Nichtphysiker) ein Planetensystem von Elektronen um den Atomkern kreisen." Wirklich nur die Nichtphysiker, wie Duddecks Einschub glauben macht? Sind die Physiker tatsächlich in der Lage, sich eine solche Anschaulichkeit prinzipiell zu versagen und das "Planetensystem" bloß als Rechenmodell zu nutzen? Sollte das richtig sein, wäre die Visualisierung im heutigen Wissenschaftsbetrieb vielleicht doch gar nicht so etwas Neues, sondern bloß die Wiederkehr der mittelalterlichen Unterscheidung von Literaten und Illiteraten, wenngleich auf höherer Ebene, in diesem Fall: von Physikern und Nichtphysikern.

Die "Illiteraten" von heute können lesen, nur eben keine Abhandlungen zur Atomphysik oder Molekularbiologie usw. usf. Ihnen müssen die Ergebnisse "visualisiert" werden, wie weiland die Geschehnisse des Alten und des Neuen Testaments in den Kirchenfenstern. Aber sind wir überhaupt in der Lage, solche Bilder zu "lesen"? Der Analphabetismus sei hierzulande weitgehend überwunden, der "Anikonismus", die Unfähigkeit, Bilder angemessen zu interpretieren, noch nicht einmal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen, schreibt die Redaktion der "Gegenworte" im Vorwort. Für manche Spezialgebiete ist auch gar nicht zu sehen, wie sich das beheben ließe. Hermann Rotermund, Medienwissenschaftler in Köln, bezieht sich auf Bebilderungen aus der Astrophysik: "Eine Einschätzung der Aussagekraft solcher Visualisierungen ist für Laien vollständig unmöglich." Immerhin: "Diese visualisierten Modellrechnungen die als Abbildungen der ‚Realität’ durch die populären Medien laufen, fördern als Nebeneffekt die Reflexion über die individuellen Interpretationen und die Subjektivität der Urteile, die hinter anderen wissenschaftlichen Aussagen stehen, auch wenn diese nur textuell vorliegen."

Oder, darf man hinzufügen, als mathematisches Formelwerk, das sich allenfalls in typographischer Hinsicht noch als "Text" bezeichnen lässt. Neben der Visualisierung setzt offenkundig ja auch die Mathematisierung der Wissenschaften ihren Siegeszug fort. Ohnehin scheinen Zweifel angebracht, ob die kulturpessimistisch eingefärbten Diagnosen von einem Umsturz des Wortes zugunsten der Bilder so ganz realistisch sind. "Der iconic turn bleibt auf Sprache angewiesen", stellt die Gießener Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick fest; zu erwarten stünde also eher ein "eklektisches Nebeneinander". Allerdings: mit "Vorherrschaft und Macht der Bilderflut in einer mediengeprägten Gesellschaft". Und je mehr die Wissenschaft auf die Medien (und auf Werbung) angewiesen ist, desto weniger kann sie sich dem Trend zur Visualisierung entziehen.

Bilderflut gestern: Samuel F. B. Morse,
Die große Galerie im Musée du Louvre,
Bild: Terra Museum, Chicago
 

Dass dabei sonderliche Kapriolen geschlagen werden, selbst wenn es nicht um wissenschaftliche Ergebnisse, sondern bloß um ein plakatives Zeichen für den Betrieb geht, dafür hat der Darmstädter Wissenschaftsphilosoph Joachim Schummer ein hübsches Beispiel gefunden. Chemiker lassen sich gern mit einem durchsichtigen Fläschchen porträtieren, das sie auf Augenhöhe angehoben haben und aufmerksam inspizieren. Das Motiv tauchte erstmals im hohen Mittelalter auf, damals bezeichnete es den Medizinerstand.  In einer Handschrift des 13. Jahrhunderts steht ein Arzt genau in dieser Pose am Krankenbett; er will aus der Urinprobe im Glaskolben Aufschluss über die Krankheitsursache gewinnen ... Seit dem 16. Jahrhundert, als durch den Buchdruck eine Unmenge volksmedizinischer Ratgeber auf den Markt kam, mutierte der Glaskolben zum Symbol der Scharlatanerie; die Ärzte ersetzten ihn durch den Äskulapstab. Inzwischen also haben die Chemiker das alte Symbol wieder entdeckt. Was für ein Glück, dass kaum jemand bei dem scheinbar doch so eindeutigen Piktogramm für empirische Forschung noch an das frühere, scheinbar ebenso eindeutige Zeichen für Scharlatanerie denken wird.


Neu auf dem Büchermarkt:
Das technische Bild. Kompendium zu einer Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder,
herausgegeben von Horst Bredekamp, Birgit Schneider, Vera Dünkel,
Akademie Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004496-05, 29,80 €
Visualisierung oder Vision?
Gegenworte. Hefte für den Disput über Wissen, 20. Heft, Herbst 2008
Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften,
Akademie Verlag, ISSN 1435-517 X


Mehr im Internet:
Ikonische Wende - Wikipedia
scienzz Artikel Bildtheorie


 
Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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