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kultur

25.05.2009 - MUSIKGESCHICHTE

"Eure fürstliche Hoheit, hierüber habe ich zu entscheiden!"

Vor 200 Jahren starb Joseph Haydn

von Josef Tutsch

 
 

Joseph Haydn
* 31. März 1732, † 31. Mai 1809
Gemälde von Thomas Hardy, 1791

"Lange lebe Franz der Kaiser in des Glückes hellstem Glanz! Ihm erblühen Lorbeer-Reiser, wo er geht, zum Ehren-Kranz!" Kaiser Franz ist heute nur noch den Historikern ein Begriff; aber die Musik, die Joseph Haydn 1797 auf diese Verse komponiert hat, kennt jedes Kind. Fast ein halbes Jahrhundert später übernahm Hoffmann von Fallersleben die Melodie für sein "Lied der Deutschen"; seit 1922 erklingt sie über alle Systemwechsel hinweg als deutsche Nationalhymne. Von Haydns ruhig dahinfließender Melodie, wie der Komponist sie dann auch in einem seiner Streichquartette, dem berühmten "Kaiserquartett", verwendet hat, bleibt in der gängigen Interpretation durch Blaskapellen allerdings nicht viel übrig. Schlimmer noch erging es Haydns Hymne auf seinen "guten Kaiser Franz" im Nationalsozialismus: Die braunen Marschierer verfremdeten sie zum Vorspann des Horst-Wessel-Liedes.

Nein, das Soldatische oder Heldische war nicht die Sache dieses Komponisten, der am 31. Mai 1809, vor 200 Jahren in Wien verstarb. Freilich findet sich unter seinen mehr als einhundert Sinfonien tatsächlich eine "Militärsinfonie", vom Publikum so benannt, weil im zweiten Satz eine Trompetenfanfare erklingt. Haydns Welt war jedoch die der Bauern und kleinen Handwerker. Was er empfand, wenn es um Krieg ging, lässt eine Passage in einer seiner späten Messen erahnen. Während Haydn am Schlusssatz schrieb, waren die Truppen des Generals Bonaparte gerade dabei, die Steiermark zu besetzen. In diesem Fall scheute der Komponist sich nicht, die Tagesereignisse einzuarbeiten: Zum Gebet um den Frieden ertönt ein angsterregender Paukenrhythmus.

Welch ein Abstand zu Georg Friedrich Händel eine Generation zuvor! Händel hatte das britische Weltreich immer und immer wieder durch Triumphmusiken gefeiert; selbst in einem biblischen Oratorium wie "Judas Maccabaeus" ist Großbritannien immer mitgedacht. Es hat seinen guten Grund, wenn die Engländer bis heute Händels "See, the conqu’ring hero comes!" als eine ihrer vielen Nationalhymnen singen. Schwer vorstellbar, dass Haydn so etwas hätte schreiben können. Als er sich 1796 in Konkurrenz zum großen Händel daran machte, die "Schöpfung" zu komponieren, gab er sich menschlich-bescheiden. "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", hatte der Textdichter Baron Gottfried van Swieten formuliert – daneben kamen keine anderen Ehren in Betracht.

Haydns Dienstherr, Fürst Niko-
laus I. Esterházy, "der Prächtige"
Gemälde von Martin Knoller

Dabei tritt der Mensch in Haydns Oratorium keineswegs demütig oder unterwürfig auf. "Mit Würd’ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk’ und Mut begabt, gen Himmel aufgerichtet, steht der Mensch, ein Mann und König der Natur." Der alte Haydn war ein Repräsentant der Aufklärung. Dass in Swietens Text nur von "Mann" die Rede ist, mag zwei Jahrhunderte später freilich als ein Defizit dieses Zeitalters gelten. "Der Mensch, ein König der Natur": Das Selbstbewusstsein, das aus diesen Worten spricht, wird erst deutlich, wenn man den Vertrag daneben hält, mit dem Haydn 1761 in den Dienst der ungarischen Fürsten Esterházy eingetreten war. Haydn, hieß es darin, werde "alltäglich Vor- und Nachmittag in der Antichambre erscheinen und sich melden lassen, allda die Hochfürstl. Odre, ob eine Musique sein solle, abwarten". Schlimmer noch: Es war Haydn ausdrücklich verboten, ohne besondere Erlaubnis für andere Auftraggeber zu komponieren oder seine Arbeiten für das Haus Esterházy anderen bekannt zu machen.

"Submiss und devot", hat Richard Wagner seinen Kollegen geschmäht. "Haydn war und blieb ein fürstlicher Bedienter, der für die Unterhaltung seines glanzliebenden Herrn als Musiker zu sorgen hatte." Das ist nicht falsch und dennoch schief. Haydn hatte wie Wagner seinen Stolz; aber es war nicht der Stolz des übermenschlichen Künstlergenies, sondern eine Art Handwerkerstolz. "Ich bin mit Kaisern, Königen und vielen großen Herren umgegangen und habe manches Schmeichelhafte von ihnen gehört; aber auf einem vertraulichen Fuße will ich mit solchen Leuten nicht leben, und ich halte mich lieber zu Leuten von meinem Stande", meinte Haydn später zu einem Freund. Das alleinige Verfügungsrecht der Esterházys über seine Arbeitskraft war übrigens in der Praxis gar kein Problem gewesen. Die Herrschaften waren hochzufrieden, dass die Kompositionen ihres Kapellmeisters den Ruf des fürstlichen Hauses über Europa verbreiteten.

Über vier Generationen hinweg stand Haydn im Dienste der Esterházys. Die Familie war nicht nur unendlich reich, Haydns zweiter Dienstherr, Fürst Nikolaus ("den Prächtigen" nannten ihn die Zeitgenossen) erwies sich mit seinem Kunstverstand für den Komponisten als ein echter Glücksfall. 1773 kam Kaiserin Maria Theresia zu Besuch, ein Stück mit Musik von Haydn wurde aufgeführt, "Die vereitelte Untreue" – nur eine von den zwei Dutzend Haydn-Opern, die erst neuerdings vom Schallplattenmarkt wieder entdeckt werden. Majestät jedenfalls waren entzückt: "Wenn ich eine gute Oper hören will, gehe ich nach Esterháza." Haydn wurde der Kaiserin persönlich vorgestellt; im Gespräch wagte er, daran zu erinnern, dass man sich drei Jahrzehnte zuvor schon einmal begegnet war: Der Chorknabe war in seinem Übermut ein Gerüst an Schloss Schönbrunn hinaufgeklettert; Maria Theresia hatte ihm eine Tracht Prügel verabreichen lassen. Nun in Esterháza überreichte sie ihm, sozusagen zur Schmerzlinderung, eine goldene, diamantenbesetzte Tabatière.

Haydn-Saal in Schloss Esterházy
Bil: Schl. Esterházy, W. Voglhuber

Aber zu einem Wechsel an den habsburgischen Kaiserhof kam es doch nicht. In den Diensten des Esterházyschen Hauses wünsche er zu leben und zu sterben, sagte Haydn einmal in ganz unmoderner Anhänglichkeit. Es hätte auch anders kommen können. 1791, der fürstliche Kapellmeister war von seinem dritten, an Musik wenig interessierten Herrn in Pension geschickt worden, ging er nach London. Es wurde ein Triumphzug; Haydn scheint sich ernsthaft überlegt zu haben, ob er nicht in der Weltstadt bleiben solle, kehrte dann aber doch in das beschaulichere Wien zurück. Und immer wieder auch an den Hof der Esterházys.

Anhänglich, aber dennoch voller Selbstbewusstsein, eben mit seinem Handwerkerstolz. Haydn fasste auch seine Musik als eine Art von Handwerk auf. Und er lebte als Handwerker im Dienste seiner gnädigen Herren recht auskömmlich, besser jedenfalls als der jüngere Wolfgang Amadeus Mozart, der die Sicherheit des Hofdienstes beim Erzbischof von Salzburg quittierte, um in Wien den Erfolg auf dem freien Markt zu suchen. Haydn muss, wenn die eine oder andere der vielen Anekdoten, die aus seinem Leben überliefert werden, richtig ist, zu den materiellen Notwendigkeiten des Lebens ein sehr unkompliziertes Verhältnis gehabt haben. Das "Ochsenmenuett", eine kleine Hochzeitsmusik für die Tochter eines befreundeten Fleischermeisters, soll seinen Namen daher tragen, dass eines Tages ein leibhaftiger Ochse vor der Haustür des Komponisten stand: als Entgelt für das Menuett. Noch eine Anekdote: Ein Verleger trat bei Haydn ins Zimmer ein, als der sich gerade rasierte. Oder rasieren wollte, das Messer war stumpf. Haydn fluchte: "Ich würde mein bestes Quartett für ein anständiges Rasiermesser geben." Der Verleger kramte in seiner Reisetasche und gab ihm sein eigenes. Am nächsten Tag brachte ihm ein Bote das "Rasiermesserquartett".

Haydns Musik, schrieb der Schriftsteller Heinrich Eduard Jacob 1952 in seiner immer noch lesenswerten Biographie, "ängstigt niemanden durch einen übermenschlichen Wuchs wie die Titanenkunst Beethovens. Sie hat nicht die Götterklarheit und die Wolkenleichtigkeit Mozarts. Sie drückt die Gefühle der meisten Menschen aus." Dieser Komponist ist denn auch der große Meister des musikalischen Humors, am bekanntesten wohl im Finale der sogenannten "Abschiedssinfonie". 1772, so berichtet die Anekdote – oder hat es sich wirklich so zugetragen? – hatte Fürst Nikolaus von Esterhazy den Aufenthalt in der Sommerresidenz länger als üblich ausgedehnt, die Musiker wollten gern zurück zu ihren Familien nach Eisenstadt. "Papa Haydn" (diese oft als herablassend missverstandene Titulierung bedeutete soviel wie Prinzipal), Papa Haydn war die Aufgabe zugefallen, das Anliegen in aller Vorsicht zu übermitteln. Am Schluss der Sinfonie löschte einer der Instrumentalisten nach dem anderen seine Kerze auf dem Pult und verließ leise den Raum ... Der Fürst soll gelächelt haben: "Mein lieber Haydn! Ich habe verstanden. Morgen packen wir ein."

Haydn auf österreichischer Banknote

Oder der überraschende Paukenschlag im Andante einer anderen Sinfonie, die von daher ihren Beinamen erhalten hat. In der "Schöpfung" häufen sich die expressiven Tierschilderungen, vom brüllenden Löwen bis zu den gurrenden Tauben.  Haydns Humor – aber vielleicht war es ja bloß kompositorische Unbedenklichkeit – machte auch vor geistlichen Stücken nicht Halt. In einer seiner Messen setzte er die Worte über die Menschwerdung des Gottessohnes zur Weise eines Kanons, den er früher einmal geschrieben hatte: "Gott im Herzen, ein gut Weibchen im Arm"; in einer anderen Messe erklingt zum Gebet an das "Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt" eine Melodie aus der "Schöpfung": "Der tauende Morgen, o wie ermuntert er ..." Eine musikalische Umwidmung ("Parodie" lautet der Terminus technicus), wie sie in früheren Jahrhunderten gang und gäbe gewesen war, zur Zeit der Aufklärung jedoch bei ernsthafteren Gemütern Anstoß erregte.

Haydns Religiosität war ein, wie soll man sagen, höchst fröhlicher Katholizismus. "Ich muss immer lachen, wenn ich an den lieben Gott denke! Da hüpft mir vor Freude das Herz im Leibe!", habe Haydn einmal zu ihm gesagt, erzählte der Liedkomponist Carl Friedrich Zelter seinem Freund Goethe. Dieser Katholizismus vertrug sich, ebenso wie bei Mozart, auch mit der Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge. Was suchte Haydn eigentlich in der Freimaurerei? Jacob hat vermutet, dass es die Vorstellung gewesen sein muss, Gott sei so etwas wie ein vernünftiger Baumeister – in der Tat, darin könnte Haydn eine Verwandtschaft zu seiner eigenen Profession gespürt haben. Zeitlebens ging er dieser Profession mit viel Fleiß nach: 104 Sinfonien, 32 Instrumentalkonzerte, 83 Streichquartette, 44 Klaviersonaten, 67 Klavier- oder Streichtrios, 14 Messen, 6 Oratorien, 24 Opern. Und, nicht zu vergessen, viele, viele Stücke für Baryton - der "Baryton", einem Violoncello ähnlich, war das Lieblingsinstrument von Fürst Nikolaus dem Prächtigen.
 
Zahlen, die jedoch nicht im Sinn einer Massenproduktion misszuverstehen sind. Haydn hat in seiner Musik immerzu experimentiert. Die Gattung des Streichquartetts, die das musikalische Leben bis ins 20. Jahrhundert geprägt hat, wurde von ihm ganz allein entwickelt, und zwar – das lässt der Ausdruck "Wiener Klassik" leicht vergessen – nicht in der Musikmetropole Wien, sondern in der Provinz, in der Abgeschiedenheit des Landes um den Neusiedler See. "Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden", hat Haydn selbst später seine Arbeitsbedingungen beschrieben. Dem dreiundzwanzigjährigen Mozart, dem alles scheinbar doch so leicht fiel, gaben Haydns Quartette Anlass zu "langer und mühevoller Arbeit": "Von Haydn habe ich gelernt, wie man Quartette schreiben soll."

Haydn auf deutscher Briefmarke

"Man hört vier verständige Leute sich miteinander unterhalten", hat Goethe später das Streichquartettspiel auf den Begriff gebracht. Haydn wäre damit vermutlich sehr einverstanden gewesen. Diese "vernünftige" Form der Musik gab eine Basis, über alle Standesschranken hinweg von gleich zu gleich miteinander zu verkehren. Wenn es sachlich begründet war, konnte sich die feudale Privilegienordnung sogar in ihr Gegenteil verkehren. Als sein vierter und letzter Dienstherr aus dem Hause Esterházy, Nikolaus II., weniger kunstverständig als sein Großvater, sich bei einer Konzertprobe in die musikalische Arbeit einmischen wollte, wies Haydn ihn höflich, aber bestimmt zurecht:  "Eure fürstliche Hoheit, hierüber habe ich zu entscheiden!"


Immer noch lesenswert:
Heinrich Eduard Jacob: Haydn. Seine Kunst – seine Zeit – sein Ruhm, Hamburg 1952


Mehr im Internet:
Josef Haydn - Wikipedia
Haydn-Jahr 2009
scienzz artikel Musikgeschichte



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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