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kultur

05.06.2014 - RELIGIONSGESCHICHTE

Wenn die Taube aus dem Heiliggeistloch nieder gelassen wird

Das Pfingstfest in Glaube, Kunst und Brauchtum

von Josef Tutsch

 
 

Jeder zehnte Bewohner Mitteleuropas, zeigen Umfragen, kennt den Ursprung des Weihnachtsfestes nicht, jeder fünfte weiß nicht, warum Ostern gefeiert wird. Zu Pfingsten hat anscheinend noch kein Meinungsforschungsinstitut gefragt; die Zahl der Unwissenden dürfte um einiges höher liegen. Die Erfüllung der Apostel durch den heiligen Geist – das ist, verglichen mit Geburt, Tod und Auferstehung des Erlösers, ein sehr unanschaulicher Vorgang, mehr etwas für Theologen als für breite Bevölkerungsschichten, zumal in einer Zeit, wo viele sich nicht mehr als "Kirchenvolk" verstehen.

Das Gründungsfest der christlichen Kirche, so hat die christliche Tradition das Pfingstfest auf den Begriff gebracht, zum Beispiel der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel: "Der Heilige Geist ist über die Jünger ausgegossen; von da an sind sie als Gemeinde und freudig in die Welt ausgegangen, um sie zur allgemeinen Gemeinde zu erheben und das Reich Gottes auszubreiten." Aber der Gedanke, dass die Kirche an diesem Tag sozusagen sich selbst feiert, scheint heutzutage auch nicht geeignet, einer kirchenkritischen Öffentlichkeit die Intention des Festes verständlich zu machen. Da hatte es der Verfasser der Apostelgeschichte, um 95 nach Christus, noch leichter. Seine Leser wollten wissen, wie die christliche Gemeinde nach der Kreuzigung Jesu ihren Anfang genommen hatte.

Lukas, wie wir den Verfasser der Einfachheit halber nennen dürfen (er ist mit dem Autor des Lukasevangeliums identisch), fasste diesen Anfang in ein dramatisches Bild: "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie (die Apostel) saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer ..." Anregen ließ sich Lukas durch eine Stelle im Alten Testament, beim Propheten Joel: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch ..."

Pfingsten im Rabula-Evangeliar, 6. Jh.
Bild: Bibl. Mediceo Laurenziana., Florenz

Auch der Termin sieben Wochen nach der Auferstehung ist hochsymbolisch. Im Judentum wird fünfzig Tage nach dem Passachfest "Schawuot" gefeiert, zum Gedenken an die Offenbarung der Zehn Gebote auf dem Sinai. Vielleicht war es ja auch damals schon üblich, an diesem Fest Milch zu trinken und Honig zu essen – der Bund mit Gott verhieß dem Volk Israel "das Land, wo Milch und Honig fließen". In der Predigt, die Lukas den Apostel Petrus halten lässt, wird diesem Alten Bund der Neue Bund entgegen gesetzt: "Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört … So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat."

"Den ihr gekreuzigt habt ..." Zwei Generationen nach Jesu Tod muss es in der christlichen Gemeinde bereits selbstverständlich gewesen sein, dem auserwählten Volk, das den ihm verheißenen Messias nicht erkannt hatte, die Schuld zuzuweisen. Die Mission bei den anderen, den "heidnischen" Völker wird in der Pfingsterzählung vorbereitet: Die Apostel "fingen an, in anderen Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab". Die babylonische Sprachverwirrung wird sozusagen aufgehoben, ein sinnlich wahrnehmbares Zeichen für das Wirken des "Geistes".

Was in jenen Wochen nach Jesu Kreuzigung wirklich geschehen ist, wird sich wohl niemals mehr klären lassen. Ebenso ist schwer zu sagen, inwieweit Lukas auf ältere Quellen zurückgreifen konnte. Im Unterschied zu den vier Evangelien, die auf unterschiedliche Weise von Leben und Tod Jesu berichten, gibt es eben nur eine Apostelgeschichte. Genauer gesagt: Nur eine Apostelgeschichte, von der sich historischer Aufschluss erwarten lässt; die sechs Apostelakten, die daneben unter dem Sammelbegriff "Apokryphen" überliefert sind, wurden viel später geschrieben und sind erst recht von Legenden durchwoben. Das älteste Zeugnis aus der Geschichte des Urchristentums sind die Briefe des Paulus; aber Paulus wurde erst mehrere Jahre nach Jesu Tod bekehrt, auch seine Briefe geben keine Information über die Gründung der Gemeinde.

Giotto di Bondone, Pfingsten, um 1305
Bild: Cappella Scrovegni, Padua

Die Exegeten haben also keine Möglichkeit, kritisch zu vergleichen. Nur ein paar Stellen im Johannesevangelium kommen in Betracht. "Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich", sagt Jesus vor seiner Gefangennahme zu den Jüngern. Der Verfasser des Johannesevangeliums, der wenige Jahre nach "Lukas" geschrieben haben dürfte, stand vor demselben Problem wie sein Kollege: Die dringlich erwartete Wiederkunft Christi mit der wunderbaren Verwandlung der Welt in einen neuen Himmel und eine neue Erde war bislang ausgeblieben. Das Christentum musste sich auf unabsehbare Dauer in dieser Welt einrichten, mit all den Skrupeln, wie sie 1.900 Jahre später der französische Theologe Alfred Loisy in seinem berühmten Wort ausgedrückt hat: "Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche."

Die Pfingsterzählung des Lukas wie die Ankündigung des Trösters im Johannesevangelium sind theologische Konzepte, um die Enttäuschung, dass der Weltenlauf weiterging, zu verarbeiten. Offenbar sehr erfolgreiche Konzepte; von einer tiefen Krise des Glaubens, wie man sie doch erwarten könnte, findet sich in den Texten keine Spur. An die dreitausend Seelen, erzählt Lukas, wurden am Pfingsttag getauft, "und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel". Heutige Theologen drücken sich abstrakter aus, etwa derart, die Geschichte Christi setze "sich fort in der Glaubensgeschichte des Gottesvolkes" oder die Zeit der Kirche sei "die Zeit des Wirkens des heiligen Geistes". Auch die bildende Kunst hat oft Mühe, das Pfingstgeschehen, das sich in der Apostelgeschichte doch so dramatisch liest, anschaulich zu machen. Symbol sind seit jeher die Flammenzungen, die sich auf den Häuptern der Apostel niedergelassen haben, so zeigt es schon das älteste bekannte Bild, im syrischen Rabula-Evangeliar aus dem späten 6. Jahrhundert.

Aber bereits der Maler des Rabula-Evangeliars hat in seine Darstellung noch ein anderes Motiv hineingetragen, die Taube als Symbol des heiligen Geistes. Biblische Grundlage war der Bericht des Markusevangeliums von der Taufe Jesu im Jordan mit der Proklamation zum Messias: "Und alsbald stieg er aus dem Wasser und sah, dass sich der Himmel auftat, und den Geist, gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."

Emil Nolde, Pfingsten, 1909
Bild: Nationalgalerie Berlin

Das Pfingstfest und die Taube, das gehört zusammen. Es finden sich aber auch Bilder, auf denen Christus selbst als Spender des Geistes im Zentrum steht. Die Kunsthistoriker meinen heute, dass das Portal der Wallfahrtskirche Sainte-Madeleine in Vézelay, Burgund, aus dem 12. Jahrhundert nicht das Weltgericht darstellt, sondern vielmehr das Pfingstwunder. Tatsächlich führen Lichtstrahlen von den ausgebreiteten Armen des Erlösers zu den Häuptern der Apostel; deren Gewänder sind "wie von einem gewaltigen Wind" gebauscht. Darunter marschieren Menschen mit Hundsköpfen oder riesengroßen Ohren auf – die fremden Völker, zu denen die Apostel jeweils in ihrer Sprache predigten, ein eindrucksvolles Bild für den Universalitätsanspruch der mittelalterlichen Kirche.

In der Regel hielten sich Künstler und Gläubige aber doch an die Taube. In manchen Kirchen wurde früher zu Pfingsten aus einer Öffnung in der Decke – dem sogenannten "Heiliggeistloch" – eine holzgeschnitzte Taube herabgelassen. In der Pfarrkirche von Grafing bei München ist ein solches Schnitzwerk, das mitsamt Gloriole fast zwei Meter Durchmesser misst, noch erhalten; inzwischen hat man den alten Brauch, der in der Aufklärung als grob sinnlich verpönt wurde, wiederbelebt. Das Bild von der Taube hat auch am Rande des Christentums seine Symbolkraft bewahrt. "Alljährlich naht vom Himmel eine Taube, um neu zu stärken seine Wunderkraft", berichtet in Richard Wagners "Lohengrin" der Titelheld vom Gral, und im "Parsifal" hat Wagner die biblischen Aussagen über den heiligen Geist deutlich paraphrasiert: "Der Glaube lebt, die Taube schwebt, des Heilands holder Bote."

Aber der populären Kultur hat das christliche Pfingstfest, im Vergleich mit Weihnachten und Ostern, kaum seinen Stempel aufgedrückt. Dabei ist das Repertoire volkstümlicher Bräuche zu diesem Termin gar nicht so rar. Aber ein Zusammenhang mit Pfingsten ist kaum zu erkennen oder wurde erst im Nachhinein hergestellt, zum Beispiel wenn im Oldenburger Land die Haustüren offen gelassen wurden, damit der Heilige Geist hereinkomme. Ursprünglich war wohl eher an den beginnenden Sommer gedacht. "Die große Mehrzahl der Bräuche zu Pfingsten tragen weltlichen Charakter", vermerkt ein Wörterbuch zur deutschen Volkskunde lapidar. Das reicht vom Pflanzen der Pfingstbäume über das Schmücken von Häusern und Kirchen mit frischem Grün bis zu allerlei Bettelumzügen: "Da kommen die Maienknecht, sie fordern ihr Pfingsterecht, drei Eier und ein Stück Speck", lautet ein Vers aus dem Elsass.

Aber da wäre ja noch der Pfingstochse; man darf vermuten, dass viele Menschen heutzutage, würde man sie nach einer Tierassoziation zum Pfingstfest fragen, eher an den sprichwörtlichen Ochsen denken als an die Taube des Heiligen Geistes. Ja, was ist ein "Pfingstochse"? Wahrscheinlich geht das Wort darauf zurück, dass das Vieh zu Pfingsten, also etwa zu Sommerbeginn, auf die Weiden getrieben wurde, am besten in einer Art Prozession vom ganzen Dorf gemeinsam. Ein besonders prächtiges Tier, mit Blumen und Bändern geschmückt, durfte vorangehen – eine zweifelhafte Ehre; nach dem Umzug wurde der Ochse oft für ein gemeinsames Festmahl geschlachtet. Es dürfte müßig sein, für diesen Schmaus einen religiösen Ursprung, womöglich in alten, vorchristlichen Tieropfern, zu suchen.


Mehr im Internet:
Pfingsten - Wikipedia
scienz artikel Rund um das Pfingstfest


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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